lENAVERLAG GUSTAV FISCHER Naturavissenschaftliche Wochenschrift. REDIGIERT VON Prof. Dr. H. POTONIE, und Dr F. KOERBER, KCL. LANDESGEOLOGEN KGL. OBERLEHRER IN GROSSLICHTERFELDE bei BERLIN. NEUE FOLGE IV. BAND (DER GANZEN REIHE XX. BAND). GANUAR — DEZEMBER 1905.) ■^4 JENA. VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1905. Alle Rechte vorbehalten. Register.') Allgemeines und Verschiedenes. Ammon, Z. Vererbungslehre von Ziegler (Orig.) 606. Angersbach, Verhältnis zw. Psychi- schem u. Physischem nach Avenarius u. Petzoldt (Orig.) 33. Ascherson, Schwefelsticken (Zwafel- stokjes) (Orig.) 296. A.Kmann, Gelehrte Illusionen u. Täu- schungen in Vergangenheit u. Gegen- wart (Orig.) 177. B e c h o 1 d , Strukturbildg. in Gallerten. 588. Bccquerel, Antrag auf Schutz vor wuche- rischem Aufkauf radioaktiver Sub- stanzen. 7S'' Bremer, W., Zur Frage der Erhaltung erworbener Eigenschaften (Orig. mit Orig.- Abb.) 193. Busck, Licht-Biologie. 21. D a h 1 , Üb. biologische Süßwasserstationen (Orig.) 608. Detto, Carl, Üb. den Begriff des Ge- dächtnisses in seiner Bedeutung für die Biologie (Orig.) 657. Dingler, H., Weltsprache (Orig.) 400. Dünschmann, Üb. die Vererbung patho- logischer Charaktere (S.-R.) 486. Flournoy, Eine echte Ahnung in die Zukunft? 229. Gehrcke u. Rosenbach, Die Sug- gestion beim wissenschaftl. Beobachten. 507- Goldschmidt, Doppelkernigkeit der Zellen. 264. H ab erlin. Kosmische Lebensprobleme (Orig.) 241. Häberlin, Zweckmäßigkeit der Reli- gionen (Orig.) 533. Kolbe, Wasmann's moderne Biologie (Orig.) 423. Leduc, Experimentelle Zellbildung (mit Abb.) 624. Molisch, Leuchten von Hühnereiern u. Kartoffeln. 261. Monti, Rina, Physiobiolog. Beob. an Alpenseen. 447- P o t o n i e , Dogma und Kritik (Orig.) 408. Prowazek, Doppelkernigkeit der Zellen (S.-R.) 264. Reuter, Die Einseitigkeit der mechani- schen Weltanschauung (Orig.) 609. R h u m b 1 e r, Künstl. ,, Organismen". 63, 175. Rosenbach, s. Gehrcke. Rössle, Biogenetisches Grundgesetz u. biochemische Reaktionen. 555. Ruttner, Verhalten des Oberflächen- planktons zu verschied.Tageszeiten. 447. Schreibweise von Flötz. 75'- Verworn, Prinzipienfragen in der Natur- wissenschaft (Orig.) 449. Voigt, M., Vertikale Verteilung des Planktons. 447. Volk, Die Hamburg. Elbuntersuchg. 180. Wieler, Organismenartige Gebilde in ehem. Niederschlägen. 213. Zacharias, O., Üb. d. System. Durch- forschung d. Binnengewässer u. ihre Beziehung zu den Aufgaben d. allgem. Wiss. V. Leben. 446. Angelegenheit der Nat. Woch. 480. Briefkasten, allgem. Bemerkungen zum. 239. Erhaltung der Naturdenkmäler. 456. Grenze zw. Tier- u. Pflanzenreich. 528. Hochmoor im Grunewald b. Berlin als Naturdenkmal. 456. Moderne Schreibweise d. Buchdrucker. 475. Moränenfeld im Kreise Carthaus als Natur- denkmal. 456. Seewasser, künstliches. 544. Üb. die Weltsprache. 320, 400. Anthropologie und Verwandtes. A s c h h e i m , Über das Sehen von Natur- u. Kulturvölkern (Orig.) 497. B e s t , F., Auge und Zweckmäßigkeit (Orig.) 465. Fehlinger, Zur Anthropologie der An- damanen u. Nikobaren (S.-R.) 261. Farabee, Vererbung von Abnormitäten der Hände u. Füße. 810. 1 w a n o w s k i , Anthropometrisches aus Rußland. 24. K o 1 1 m a n n , Üb. den Pithecanthropus. 427. V. Meinzingen, Die erbliche Belastung als Erkrankungsursache der Irrsinnigen. 698. Matte gka, Gehirngewicht u. Beruf. 280. Müller, E. K., Abhängigkeit des elek- trischen Leitungswiderstandes des menschl. Körpers von psychischen u. physiol. Vorgängen. 236. Näcke, Abnahme der Geburten. 793. N i c h o 1 s , Geschlechtszusammensetzung menschlicher Familien. S28. Pearson, Erblichkeit geistiger u. moral. Eigenschaften u. ihr Verhält, zur Erbl. physischer Eigenscb. 440. Rivers, Sehschärfe u. Farbensinn der Naturvölker. loi. Rutot, Verworn, Boule, Das Alter des Menschen; Eolithen. 667. S a p p e r , Die Zukunft der mittelamerikan. Indianerstämme. 524. Schapiro, Biologie u. Frauenbewegung. 441. Schwalbe, G. , Die Hautfarbe des Menschen. 7 16. Shrubsall, Selektorischer Einfluß der Krankheit. 630. S e e g e r t , Statistik von Zwillingsgeburten. 474- Small, Stellung der Soziologie. 120. Ujfalvy, Anthropologische Vergangen- heit Irans. 136. Ward, I, ester F., Zur naturwissen- schaftlichen Gesellschaftslehre. 522. W e i s b a c h , Zur Anthropologie der Serbo- Kroaten. 537- Wilser, Urheimat des Menschenge- schlechtes. 197. Bedeutung der ,, Mandeln" des Menschen. 687. Entartungsproblem in Gr. -Britannien. 12. Identifizierung des Leichnams von Paul Jones. 76 1 . Wachsen bei Leichen noch Haare und Nägel? 816. Zoologie und Verwandtes wie Viehzucht. Abel, Walgebiß in phylog. Entw. 475. Ackermann, Regenerationsversuche an Planaria (Orig. mit Orig. -Abb.) 173. Amandale, Segelqualle im Indischen Ozean. 13. Ascherson, Bedeutung des Wortes Pancreas (Orig.) 192. d'Aubusson, Lebensweise der Säge- ; taucher od. Mergiden. 297. iBabäk, Einfluß der Nahrung auf die ' Länge des Darmkanals. 411. Benda, Mitochondria (mit Abb.) 571. Brüning, Noch einmal Ampullaria gigas (Orig. mit Orig.-Abb.) 443. V. Büttel, Geschlechtsbestimm. Ursachen d. Honigbiene. 120. D a h 1 , Anpassungsfarben bei Krabben- spinnen (Orig. m. färb. Orig.-Abb.) 597. Dahl, Farbensinn der Tiere, speziell der Vögel (Orig.) 767- DepdoUa, Musikalische Plagiate der Haubenlerche (Orig.) 27. Dietrich, Flugvermögen des Mauer- seglers (Orig.) 200. Do f 1 e i n , Die Augen der Tiefseekrabben (mit .Abb.) 231. Eckstein, Studium der heim. Vogel- u. Insektenwelt. 479. Forel, A., s. Göldi. Goeldi, Der Massenmord unter den weißen Reihern und roten Ibissen auf dem Amazonenstrom. 620. Die Abkürzung S.-R. bedeutet Sammel-Referat. 388:^0 Regisler. Göldi u. Forel, A., Über das Leben brasilianischer Ameisen. 631. Grützner, Mechanismus der Magenver- dauung. 585. (Junther, Wanderflug d. Vögel. 475. Ilandmann, Sclbstamputation bei der Haselmaus (ürig.) 699. 1 1 e r t w i g , Geschlechtliche Differenzie- rung. 475. Hoff mann, J. F., Fischsterben nach Gewittern. 283. Killermann, Ein Doppelnest (Orig. mit Orig.-Abb.) 346. Killermann, Leuchtende Vogelnester und Vögel (Orig.) 392. Kill er mann, Schlafnester (Orig.) 681. Köpcrt, Die Ankunft unserer Zugvögel (Orig.) 113. Kreidl u. Alexander, .\nat. u. Phys. des inneren Ohres der japanischen Tanzmaus. 486. Kükenthal, Geschichte d. Zoologie in Breslau. 474. List, Neues Drontcbild aus alter Zeit (Orig. mit Orig.-Abb ) 154. V. Lucanus, Die Höhe des Vogelfluges. 168. Meisenheimer, Die neueren Unter- suchungen üb. die Entstehung der l'erlen (S.-R. mit Abb.) 273. Moll, Das dressierte Pferd des Herrn V. Osten. 167. Nusbaura, Regenerationsstudien. 729. Passarge, Aus dem Tierleben der mitt- leren Kalahari (Orig.) 337. P a w 1 o w , Zur Physiologie der Verdau- ung. 281. I'lchn, Die Drehkrankheit der Regen- bogenforelle (mit Abb.) 289. V. PIcycl, Die Zoologie der Alten (Orig.) 65. P o u 1 1 o n , Farbenmimikry von Schmetter- lingslarven. 56. Pritchett, Insekten-Schutzfarben u. Eid- echsen. 73- I'ritchett, Können die Spinnen hören und riechen ? 309. Reukauf, Über Difflugiengehäuse (Orig. mit Orig.-Abb.) 518. Kiithe, K. C. , Aus dem Leben der Schlangen (Orig.) 743. R u s k a , Julius, Perlen und Korallen in der naturw. Literatur der Araber (Orig.) 612. Schenk, O., Die antennalen Hautsinnes- organe von Insekten (mit Abb.) 360. Schaudinn, Resultate der Protozoen- forschung. 474. Schönichen, Aus dem Reiche der In- fusorien. 202. Schulze, Fr. E., Xcnophyophora. 475. Schuster, Eier von Totanus solitarius (Orig.) 89. Schuster, \V., Doppelnester vom Garten- rotschwanz (Orig.) 587. Scourfield, Riechstäbchen der Clado- cercn. 447. S h i m e r , Anpassung d. Säuger an unterird. Lebensweise. loi. Simroth, Üb. einige Kolgen d. letzten Sommers für die Färbung von Tieren. 632. Sitowski, Hiülog. lieobachtungcn übet Motten. 762. Spul er, Aderbau der Schnietterlings- flügel (mit Abb.) 624. StandfuU, Das ,, Saften" der .Schmetter- linge. 624. T h e s i n g , .Autotomic u. Selbstverstümme- lung bei Tieren (Orig. mit Abb.) 321. Thesing, C. , Über die Ernährung der Ei- und Samenzellen während ihrer Entwicklung (Orig.) 673. T o 1 d t , Asymmetr. Schläfenmuskel (beim Fuchs) infolge einseit. Kautätigkeit. 586. Trolldenier, Mißbildung an einem HUhnerkopf (mit Abb.). 395. Ulrich, Lufträume im Körper der Vögel (mit Abb.) 244. Wasmann, Die Paussiden (mit Orig.- Abb.) 326. Wasmann, Ursprung u. Entw. d. Skla- verei bei den .\meisen. 556. Wein hold etc., Entst. d. Glaskörpers im Auge. 100. Werner, Fr., Biologie der Reptilien u Batrachier. 43. W h e e 1 e r , Phylogenetische Ableitung des Termitenstaates. 621. Wheeler, Über eine neue Gastameise (mit Abb.) 776. W i n k 1 e r, H u b e r t , Mimikry einer Raupe (Orig.) 364. Wolff, Max, Das Ephippium von Daphnia pulex. 447. Wolff, Über den Ursprung des Neurons und seine primitive .Anordnung im Metazoen-Organismus (Orig.) 641. Ziegler, H. E. , Begriff des Instinktes 653. Zuelzer, Marg. , Einwirkung der Ra diumstrahlen auf Protozoen. 654. Zuntz, Winterschlaf der Tiere (Orig.) 145 Anal- u. Bürzeldrüsen. 143. Aus der Lebensweise des Kolbenwasser käfers (Hydrophilus). 592. Ausscheidung am offenen Ende der Seiden Kokons. 686. .Aristoteles über das Leuchten der l'iere 636. Autotoraisches .Abbrechen des Schwanzes b. den Echsen. 302. Bandwürmer des Igels. III. Bekämpfung des amerikan. Baumwollen- käfers durch die rote Ameise. 428. Benda's Methode für Präparate. 672. Biene (stirbt sie durch ihren Stich ?). 144. Bienenflug üb. Wasser. 671. Bienenwachs. 48. Coelenteraten u. Protozoen, Studium der 768. Deutsche Zoologische Gesellschaft. 474. Die Eingeweide ausstoßenden Holothurien. 496. Empusa egena (Fangheuschrecke) (mit Orig.-Abb.) 207. Entwicklung des Maikäfers. 208. Erdmilbe, rote. 639. Ernährungsfragen der Haustiere. 127. Essigfliegen. 637. Facettenauge der Insekten. 415. Galle von Gymnetron. 63. Gangminen von Lyonetia (mit Orig.-Abb.) 287. Gespinst und Lebensweise von Apanteles congestus (mit Orig.-Abb.) 287. Giftschlangen Deutschlands. 703, 704. Häutung der Schlangen. 800. Herauspräparation von Gehirn u. Rücken- mark. 544. Herstellung zoolog. mikrosk. Präparate. 47. Kaninchen- u. Hasenhaare, ihre Unter- scheidung. 832. Krebspest. 496. Lebensweise der Spinnmilben. 703. Leichenwürnier. 719. Leuchtorgane und leuchtende Ausschei- dungen bei Meerestieren. 303. Mimicry von Raupen und Schmetterlingen nach Vogclkot. 640. Mola mola (mit Abb.) 637. Mondfisch (mit Abb.) 637. Neunaugennahrung. 144, 255. Organe des Temperatursinnes. 335. Paarung bei Kamelen. 686. Pädogenesis. 831. Pieris rapae und napi ^. 272. Pupille der Kreuzotter. 703. Rattenkönig. 33. Schwarze Körner der Polythalamicn. 416. Tötungsmittel für Insekten. 271. Trombidium holosericeum. 639. Üb. den Ameisenlöwen. 736. Üb. den Blasenfuß. 736. Über Drosophila funebris. 637. Über Süßwasserpolypen. 686. Über d. Studium der Zoologie. 16. Über das sympathische Nervensystem (mit Abb.) 335. Über das Wiederkäuen. 143. Über Rösel's Insektenbelustigungen. 112. Überwinternde Puppen in warmen Zimmern. 272. Überwintern von Schmetterlingen. 271. Vermeintl.Winterschlafder Schwalben. 207. Verschiedenheit in der Hodengröße bei Wirbeltieren. 672. Warum steckt der Hund, wenn er erhitzt ist, die Zunge heraus .• 704. Was versteht man unter Cremaster der Puppe i" 271. Wirbelsäulen, ihre systematische Bestim- mung. 736. Zahl der Tierarten in Deutschland. 255. Zootom. Präparatelieferanten. 800. Zur Präparationsmethodik tierischer Ob- jekte. 416. Zur Präparation von Arthropoden. 48. Zur Präparation von Schädeln. 48. Botanik und Agrikultur. Arct, Atmung der Pflanzen in verschie- denen Lagen. 214. Arthur, s. Tranzschel. Baur, Zur Ätiologie der infektiösen Panachierung. 200. Bokorny, Zur Erklärung der hohen Giftigkeit des Sublimats und Höllen- steins (Orig.) 537. Detto, Über die Insektenähnlichkeit der Ophrysblüte. 310. Detto, Die Mohrenblüten von Daucus carota. 311. Dorofejew, Transplantationsversuche an etiolierten Pflanzen. 169. E c k a r d t , Befruchtung von Ophrys (Orig.) 139- Ewald, Starker Laubfall nach plötzlichem Nachtfrost (Orig.) 744. Fielde, .Adele M., Lebenstätigkeit der Ameisen. 572. Frank, Adolph, u. Caro, Kalkstick- stoff. 400. Goebel, Karl, Kleistogame Blüten. 327. G o t h a n , Über Taxodien (Orig. mit Orig.- Abb.) 282. Gothan s. Sonntag. Harms, Die Nomenklaturbewegung und der Intern, botan. Kongreß in Wien 1905 (Orig.) 785. I h n e , Phänologische Karte des Frühlings- einzuges in Mitteleuropa. 717. Register. Kochne, Emil, Über Taxodien (Orig.) 122. K n V , Über Empfindung im Pflanzenreiche ('Orig. mit r. T. Orig.-Abb.) 369. K n y, Üb. künstliclie Spaltung der Blüten- köpfe von Meliantlius annuus. (Orig. mit Orig.-Abb.) 737. Lehmann, G., Anlage von botanischen Schulgärten (Orig.) 48. Lehmann, K.B., u. E. Fried, Über die Eigenbewegungen der Bakterien. 488. Lemmermann, Zur Kenntnis der Planktonalgen. 447. Lindau, Aleuria (Periza) aurantia (Orig.) 496. Linsbauer, Neuere Untersuchungen über den Geotropismus der Pflanzen (S.-R.) 161. Loew, E., Extraflorale Drüsen am Blatt- stiel von Ricinus (Orig.) 400. Loew, O., Zur Frage von den ,, blüten- bildenden Stoffen". 573. L ü d t k e , Zimmerpflanzen während der Reisezeit mit Wasser zu versorgen (Orig.) 382. Möbius, M., Der kernlose Apfel (( )rig.) 730. Neger, Gipfeldürrc bei Fichten (Orig.) 27. Oltmanns, Die Karposporenbildung der Floiideen (Orig. -Ref. von Tobler mit Abb.) 513. P o t o n i e , Äpfel mit schuppenf. Blättern auf dem Fruchtfleisch (Orig. mit Orig.- Abb.) 280. Potonie, Nachteil der Moorentwässe- rungen (Orig.) 656. R e i n k e , Deformation von Pflanzen durch äußere Einflüsse. 298. Rörig, Alte urwüchsige Waldbestände und Bäume in Hessen-Nassau (Orig. mit Abb.) 489. S c h m i d , Ed., Üb. stickstoffassimilicrende Bakterien im Meerwasser (S.-R.) 257. Sonntag und G o t h a n , Mechan. Zweck- mäüigkeit im Bau der Aste unserer Nadelhölzer (z. T. Orig. mit Abb.) 347. Strasburger, Unserer lieben Frauen Mantel (Orig.) 49. Tischler, Über das Vorkommen von Statolithen bei wenig oder gar nicht geotropischen Wurzeln (Orig. mit Orig.-Abb.) 183. Tobler, s. Oltmanns. Tranzschel u. Arthur, Sporenformen wirtswechsclnder Rostpilze. 363. Treboux, Stickstoffernährung d. grünen Pflanze. 156. Vogler, Variationsstatistische Untersu- chungen an Planktondiatomeen. 448. Wiesner, Hitzelaubfall. 246. Wittmack, Züchtung neuer Sorten im Gartenbau und in der Landwirtschaft (Orig.) 459. Zacharias, O. , Leuchtvermögen von Ccratium tripos. 446. Anzahl der deutschen Pflanzenarten. 336. Blitzschutz gewisser Baumarten. 112. Botan. Tauschverein. 112. Brutknollen von Ficaria. 80. Färbung von Teichwasser durch Sphaerella. 688. Fichte, Tanne und Kiefer (^Unterschiede) (mit Abb.) 463. Gallionella. ' 784. Künstliche Ernährung der Pflan/.e. 668. Lindenblattgallen. 704. Piper methysticum. 239. Pflanzenpressen (mit Abb.) 319. Präparation von Algen. 112. Retinospora. 638. Taxodium distichum als Zierpfl. um Merlin. 704. Unterscheidung giftiger und niclit giftiger Pilze. 688. Wirkung bakterientötender Substanzen u. toter Bakterien. 457. Zur Pericaulomtheorie. 752. Paläontologie. Ballerstedt, Über Saurierfährten der Wealdenformation Bückeburgs (Orig. mit Orig.-Abb.) 481. Jaekel, .\sterechinus. 475. Lager heim. Bleichen von Torf. 16. Potonie, Entstehung der Steinkohle (Orig. mit meist Orig.-Abb.) 1. Potonie, Zum Studium tertiärer Pflanzen- reste (Orig.) 256. Potonie, Üb. die Entstehung des Petro- leums (mit z. T. Orig.-Abb.) 599. Reinach-Preis für Paläontologie. 749. Stoller, Schlämmen von Torf (Orig.) 192. Stromer, Zähne der niedersten und der geolog. ältesten Wirbeltiere (Orig. mit Abb.) 214. Vahl, Entstehungsbedingungen d. Braun- kohlen. 381. Waagen, Noetling u. a., Einige merk- würdige fossile Brachiopoden (m. Abb.) 311- Bestimmung fossiler Knochen. 415. Der Name Mammut. 464. Über das Wort Mammut. 175, 240. Zur Untersuchung fossiler Hölzer. 480. Geologie und Mineralogie. Bernhardi, Gebirgsdruck in verschie- denen Teufen. 654. Blashejewski, Unterseeischer Naphtha- ausbruch. 328. Brückner, Ed., Höhengrenzen in der Schweiz (i'rig. mit Karten) 817. Credner u. Danzig, Die Gesteine des sächsischen Granulitgebirges ein paläo- zoischer Lakkolith. 509. Danzig s. Credner. Günther, S. , Erdpyramiden u. Büßer- schnee. 444. Hauthal, Lakkolithe in Süd-Patagonien (mit Abb.) 57. Jaekel, Zeitalter der Erdgeschichte. 477. Klinkardt. Der Schneckenstein und seine Topase (Orig. mit z. T. Orig.- Abb.) 216. K ö r b e r , F., Luminescenz von Mineralien (Orig.) 80. Krusch, Das Vorkommen und die Ge- winnung des Goldes (Orig.) 529. Lacroi.\ u. a., Jungvulkan, alkalisierte Gesteine in Afrika. 104. Laur, Steinkohle in Französisch-Loth- ringen. 124. Martel, Verhalten des Wassers in Kalk- steinen. 777. Penck, Das Klima während der Eiszeit (Orig.) 593- Ph ilippi, E., Aufbau der Alpenkette. 479. P i r o u t e t, Geologie v.Neu-Caledonien. 396. Pöch, Zwerge auf Neu-Guinea. 50S. Potonie s. Palaeontologie. V. Richthofen, Geomorphologische Stu- dien aus Ostasien. 186. Stahlberg, Walter, Der Karabugas als Bildungsstätte eines marinen Salz- lagers (Orig. mit Orig.-Kärtchen I 689. Schiller, Geolog. Bau der Lischanna- gruppe bei Tarasp (mit Profil). 429. Ule, Entstehung des Würmsees. 189. Wahnschaffe, Endmoränengebiet der Gegend von Joachimstal. 47S. Weithofe r, Klimat. Verhältnisse der oberen Steinkohlenf. Böhmens. 234. .«Aufschlüsse durch den Bau der Hahn Donauwörth-Treuchtlingen. 7 1 7. Die drei Katastrophenerdbeben des Jahres 1905 (Orig. mit Abb. u. Karten) 801. Eisenkristalle an einer Schiene. 763. Entstehung von Dolomit. 832. Erdbeben i. Ostseegeb. a. 23. Okt. 1904.169. Geolog. Verbreitung und Entstehung des Chilisalpeters. 432. Natürliche Salze. 176. OsteocoUen. 143. Über Grubengas. 272. Geographie und Geophysik. B 1 ü m c k e und F i n s t e r w a 1 d e r , Ge- schwindigkeit der Gletscherbewegung. 777- Hilbert, Eine naturw. Wanderung üb. die kurische Nehrung (Orig. mit Orig.- Abb.) 561. H up feld , Unser Schutzgebiet Togo. 172. Lampe, Erforschung der Nord- u Ostsee (S.-R.) 90. Nansen, Entstehung der Meeresströ- mungen. 538. Pettersson, Einfluß der Eisschmelze auf die Meeresströmungen. 365. Range, Sturmfluten a. d. deutschen Küste 1904 (Orig.) 93. Reclus, Liste sämtlicher Vulkane. 365. Reindel, Die schwarzen Flüsse Süd- amerikas (Orig.) 353. Schott, G., Nansen üb. d. Tiefenver- hältnisse der nordpoIarenGewässer. 1 49. Stentzel, A., Die Ausdorrung der Kon- tinente (C)rig.) 712. Eine neue Insel für Japan. 430. Tabellarische Reiseberichte d. Seewarte. 1 3. Über die Osterinsel. 512. Physik. A n g s t r ö m , Wärmeabgabe des Radiums. 794- Becker, Die Messung tiefer u. hoher Temperaluren (S.-R. m. Orig.-Abb.) 417. Becker, Farbenerscheinungen in Seifen- lösungen (Orig.) 44S. Becker, Über Radium (Orig.) 512,592. Dufour, N-Strahlenwirkung u. Tempe- ratur. 104. Heusler, Eisenfreie magnetische Legie- rungen. 792. I V e s , Neue Art von Stereoskopbildern. 29. Joly, Üb. das latente Bild. 764. V. Kalecsinsky, Akkumulation der Sonnenwärme in Flüssigkeiten. 14. Klaus, Die Entropie als Wahrscheinlich- Leitsbegriff (Orig.) 97. Klaus, Über das molekulare Wirkungs- gesetz (Orig. mit Orig.-Abb.) 293. Krigar- Menzel s. Rubens. 6S3. L a i n e. Abgestimmte Lichttelegraphie. 509. Lenard, Entstehung der Spektren. 731. Lodge, Eigensinnige Ströme. 328. Olszewski, Versuche, das Helium zu verflüssigen. 811. Register. Kubensu. Krigar- Menzel, Flammen- röhrc für akustische l'.eobachtungen. 683. Salomonsonu. Dreyer, Messung der Radioaktivität durchFarbwirkungen. 45. Sehenden, Farbstofflösungen im magnet. Felde (Orig.) 58. S c h m i d t , M a X C. P., Die Saitenharmonie des Pythagoras (Orig.) 753. Schreber,K., Kraft, Gewicht, Masse. 73. Scripture, Laboratorium für experimen- telle Phonetik. 744. Six' Extrem-Thermometer. 126. Stark, J., Entst. d. elekt. Gasspektra. 44. Stern, William, Tonvariator. 57. Stöckert, Was ist Elektrizität? (Orig.; 769. W e i n h o 1 d , Physikalisches u. Psycholo- gisches beim Betrachten von Bildern I^Orig. mit Orig.-Abb.) 740. Wood, Von Schallwellen ausgeübter Druck. 2S3. Aufbewahrung verdichteter Gase. 303. Hegriff des elektrolytischen Lösungsdruckes. 784. Radioaktivität des Erdinnern. 779. Sprengwirkung bei schnellem Auftauen. 239 Über Thermoelemente. 288. Wirkung des Lichts auf Selen. 400. Mathematik. Schmidt, Max, C. P., Die Herkunft des Wortes Hypotenuse (Orig. mit Orig.-Abb.) 209. Astronomie. Albrecht, Th., Bewegungen des Pols (mit Schema). 458. Fleming, Neuer veränderlicher Stern vom Algoltypus. 794. Guthnick, Schatten des Saturn. 236. Guthnick, Rotation der hellen Jupiter- trabanten. 283. Guthnick, Rotation der 4 älteren Jupiter- trabanten. 476. Guthnick, Helligkeitsschwankungen der Saturntrabanten. 779. Haie, Ellcrmann und Parkhurst, Fixsternspektra vom IV. Secchi'schen Typus. 764. Ilarlmann, Über den Orionnebel. 494. Johansson, Zusammenhang zwischen den Sonnenflecken u. meteorolog. Erschei- nungen. 699. K e e 1 e r , Gesamtzahl der Nebelflecke. 20 1 . K ü s t n e r , Spektrographische Bestimmung der Sonnenparallaxe. 731. Loewy u. Puiseux, Erstarrungsvorgang der Planeten. 314. Maunder, Zusammenhang zwischen den Sonnenflecken und magnetischen Stö- rungen. 265. Newcomb, Breite des Zodiakallichts. 794- V. N i e ß 1 , Die Frage gemeinsamer Ab- kunft der Meteoriten von Stannern, Jonzak u. Juvenas. 621. Perrine, 6. Jupitermond. 124. Perrine, Verteilung der Sterngrößen in Sternhaufen. 202. Perrine, 7. Jupitermond. 251. Perri ne. Üb. die Bahnen des VI. u. VII. Jupiter mondes. 606. Pickering, 9. Saturnmond. 124. Pickering, Veränderungen auf der Mondoberfläche. 250. Picke ring, 900 neue veränderliche Sterne. 605. Poor, Schwingende Veränderungen der Gestalt der Sonne (mit Schema) 778. Pringsheim, E., Neue Fortschritte der Sonnenforschung (S.-R.) 219. Rosenthal, Elmar, Veränderung der Sonnenintensität. 189. Salet, Magnet. Feld in der Umgebung des Sonnenballes. 81 I. Schlesinger, Frank, Photograph. Fix- sternparallaxen-Bestimmung. 28. Schulz, J. F. H., Sonnencorona und Kometen. 283, Tompson, Sonnenphotographie. 349. Weiss, Edm. , Höhenberechmmg der Sternschnuppen. 670. Barnard's photographisches Teleskop. 266. Gesamtzahl der kleinen Planeten. 251. Helle Meteore. 574. Himmelserscheinungen 77, 142, 202, 283, 350. 477. 559, 635, 700, 765, 830. Meteorologie. Bil willer, Der Bergeller Nordföbn. 778. Brückner, Meer und Regen (Orig. mit orig. schemat. Darstellungen). 401. D efant s. Lenard. Gallenkamp, Verlauf des Regens. 398. Johannsson, O. V., Rauhreif u. Glatt- eis. 458. Lenard u. Defant, Über den Regen. 603. L e ß , Wetter-Monatsübersicht (Orig. mit schem. Darst.) 58, 141, 190, 247, 329, 412, 476, 540, 622, 684, 748, 829. Penck s. Geologie. Royds, Meteorol. Ergebnisse der engl, Südpolarexpedition. 366. Sykora, Photographie des Nordlichts. 349- T u r p a i n , Apparat zum Beobachten und automatischen Registrieren von Ge- wittern. 559. Weber, Leonhard, Wettervorhersage. 247. Entstehung des Hagels. 576. Kugelblitze. 576. Sturmwarnungswosen. 140. Chemie. V. B o 1 1 o n , Das Tantal, seine Darstellung, Eigenschaften und Verwendung. 525. Böttger, Theorie der Ionen (Orig.) 350. Clement u. a., Entstehung des Ozons. 156. Grüß, Über Preßhefe, Ursache ihrer gärenden Wirkung, ihre Enzyme usw. 304- Mecklenburg, Die organischenKolloide (S.-R.) 81, 192. M o i s s a n , Volumenvermehrung von Guß- eisen bei der Erstarrung. 299. Müller, P., Gegenseitige Löslichkeit von Flüssigkeiten. 589. Müller, E. , und R. Loebe, Elektro- lytische Darstellung von Bromoform (Orig. mit .\bb.) 795. Ramsay, Gewinnung von Gold aus Meerwasser. 41 1. Tacke, Kren- u. Apokrensäure (Orig.) 336. Tschirch, Spektral-analyt. Unters, d. natürl. u. künstl. gelben Farbstoffe mit Hilfe des Quarzspektrographen. 233. Weiler, Veranschaulichung des chemi- schen Wertes (Orig.) 812. Wölbung, H., Die Lösungen (Orig.) 705. Darstellung von Alkohol aus Acetylen. 304- Elektromagnetische Masse. 720. Ferricyankalium. 239. Nikotinforrael. 160. Kren- u. Apokrensäure. 272. Über ätherische Öle. 320. Technik (auch naturwissen- schaftliche), Instrumentenkunde und Industrie. (S. auch unter Zoologie, Botanik und Palaeontologie.) Billing, 2 einfache Methoden zur Fest- stellung der Geschwindigkeit photogr. Momentverschlüsse (Orig. mit Orig.- Abb.) 795. Bokorny, Verdrängung der Pflanzen- farben durch künstliche Farbstoffe (Orig.) 632. Garjeanne, Ein einfacher mikrophoto- graph. Apparat (Orig. mit Orig.-.Abb.) 744- Imkeller, Die zementliefernden Forma- tionen in den bayerischen Alpen und das Portlandzementwerk Marienstein bei Tölz (Orig.) 502. Köhler, Mikrophotographie mit ultra- violettem Licht. 14. Lohöfer, Technik der Schieß- u. Spreng- mittel (Orig.) 330. Beurteilung von Feldstechern. 088. Blitzschutz 576. Das Tantal u. seine Verwendung in der Tantallampe. 266. Forman. 23g. Kitt zum Verschluß von Präparatengläsern. 544- Photographisches 272, 288. Strahlenarlige Einwirkungen auf photo- graphische Platten (S.-R.) 445. Tiefster Schacht und tiefstesBohrloch. 256, 320. Wickersheiraer'sche Flüssigkeit. 544. Unterricht. Commenda, Üb. den mineralog -geolog. Unterr. an mittleren u. höh. Schulen (Orig.) 813. König, Anton, Die Museen im Dienste der Volksbildung (Orig.) 825. Stahlberg, Eine Seefahrt als akademi- sches Unterrichtsmittel (Orig. mit Orig.- Abb.) 721. Stiasny, Kursus der Meeresforschung in Bergen (Orig. mit Orig.-.^bb.) 789. Deutsche Ges. f. volkstüml. Naturkunde. 170, 202, 219, 330, 350, 477. Kommission zur Neugestaltung d. mathem.- naturw. Unterr. 746. Vers, der Philologen und Schulmänner. 606. Medizin und Hygiene. Bageux, Die Höhenkrankheit. 761. Dorn, Bau mann und Valentinen, Einwirkung des Radium auf pathogene Bakterien. 683. Dunbar, Ursache des Heufiebers. 456. Frei, To.xine und .Antitoxine (S.-R.) 305. Register Grunmach, Über die diagnostische Be- deutung der Rönlgenstrahlen für die innere Medizin (mit Abb.) 615. Leduc, Narkose und Anästhesie durch intermittierende Gleichströme. 398. Lewin, L., Der Einfluß der Chemie auf die Medizin (Orig.) 225. V. O V e n , Die Botanil< im Dienst der Heil- kunde (Orig.) 332. Rüge, Örtliche Schmerzverhinderung (Orig.) 625. Thesing, Protozoen als Krankheits- erreger und Tierimpfungen (Krit. S.-R. mit Abb.) 545. Wassermann, Genickstarre (mit Abb.) 325- Weichard, Serum gegen Ermüdung. 72. W o 1 p e r t, Menschliche Atmung in kleinen Räumen. 410. Ziegler, H. E., Neuere Beobachtungen üb. die Wurmkrankheit (Orig.) 17. Schädlichkeit v. unreifem Obst u. frischen Gurken. 127. Verbreitimg der Cholera. 783. Verbreitung der Pest. 783. Biographisches u. Historisches. Auerbach, Felix, Ernst Abbe (Orig. mit Porträt). 78, 129. Rühl, .Alf., Ferdinand von Richthofen (Orig.) 727.^ Eine Naturgeschichte von anno 1500. 473- Elisee Reclus f. 510. Ferdinand von Richthofen f. 727. Hermann von Wissmann f. 494. Historisches zum ,, biegen. Grundgesetz" 224. Ingcn-housz. 757. Nehring f. 59. Prinzip der Korrelation bei Aristoteles. 68 1 . von Struve f. 413. Literatur Abraham u. Föppl, Einf i. d. Max- well'sche Theorie der Elektrizität. 302. Adickes, Charakter U.Weltanschauung. 284. A pst ein, Tierleben der Hochsee. 510. A r c t o w s k i , Expedition antarct. beige. 191. Ascherson und Graebner, Synopsis der mitteleurop. Flora. 510. B a e n i t z , Herbarium dendrologicum. 781. Bail, Botanik. 575. Baire, Fonctions discontinues. 223. Bauer, Chemie der C- Verbindungen. 237. B e 1 a r t, Ernst Hacckel's Naturphilosophie. 334- B lochmann, Luft, Wasser, Licht, Wärme. 3 1 7. Born er, Physik. 782. Borchgrewink, Festland am Südpol (mit Abb.) 105. Borel, Fonctions de variables reelles. 223. Braun, M., Zoologische Annalen. 31. Brauns, Mineralogie. 590. Bremer, Physik. Iio. Brinschwitz, Graphischer Kalender für 1905. 286. Brühl, Entwicklung der Spektrochemie. 623. Bourdeau, Histoire de l'habillement. 252. Buchenau, Nachträge zur Flora der nordwestd. Tiefebene. 542. Bucherer, H., Die Teerfarbstofte. 238. Bucherer, Elektronentheorie. 314. Bu ebner, Gesundheitslehre. 317. Bürklen, Formelsammlung u. Repet. d. Mathem. 237. Chelius, Geolog. Führer durch den Odenwald. 495. Classen, Magnetismus und Elektro- magnetismus. 383. Classen, 12 Vorlesungen über die Natur des Lichtes. 816. Claus, Zoologie. 589. Claussen, Pflanzenphys. Versuche. 575. Cowper-Coles, Herstellung parabol. Spiegel. 142. Czapek, Biochemie der Pflanzen. ]5. 719. Dähnhardt, Naturgescbichtliche Volks- märchen. 15. Dannemann, Chemie im Laboratorium. 334- Dantec, Lois naturelles. 252. Darm Städter u. Du Bois-Reymond, Viertausend Jahre Pionierarbeit i. d. exakten Wiss. 126. Deckert, Nordamerika. 79. D e m e n y , Mec. et educ. des mouvements. 252. Dessauer, Röntgenologisches Hilfsbuch. 79- Detraer, Pflanzenphysiolog. Praktikum. 575- Dippel, Diatomeen der Rhein -Main- ebene. 651^. Donath, Radium. 94. Donle, Experimentalphysik. 2^4. Dressel, Physik. 782. Drucker, Anomalie der starken Elektro- lyte. 384. V. Drygalski, Zum Kontinent des eisigen Südens (mit Abb.) 105. V. Drygalski, Deutsche Südpolarexpedi- tion. 798. Eckstein, Fischerei. 237. Eder, Jahrb. f Photographie. 47. Eichhorn, Drahtlose Telegraphie. 94. Eleutheropulos, Soziologie. 29. Engler, Syllabus der Pflanzenfamilien. 575- Fabre, Souvenirs entomologiques. 253. Fenkner, .\rithra. Aufgaben. 591. Fischer, Emil, Taschenbuch für Schmetterlingssammler. 541. Fischer, K. T., Der naturw. Unterricht. 238. Fischer, Irv., Differential- u. Integral- rechnung. 79. Fitz-Gerald, Künstl. Ciraphit. 319. Forel, F. A., Le Leman. 46. Forel, Aug., Die sexuelle Frage. 750. Frank-Worgitzky, Pflanzentabellen. 541- Frech, Vorzeit d. Erde. 317. Früh u. Schröter. Die Moore der Schweiz. 31. Fuhrmann, Aufgaben a. d. analytischen Statik fester Körper. 384. Ganghöfer, Religion und Christentum vom Standpunkte der Naturwiss. und Seelenlehre. 301. Gans, Vektoranalysis. 414. Gockel, Das Gewitter. 4S0. Götz, Historische Geographie. 734. Graebner, Handb. d. Heidekultur. 125. Graebner, s. Ascherson. 510. Graeser, Der Zug der Vögel. 814, Günther, Darstellung des Zinks auf elektrischem V»'ege. 271. Günther, Kepler und die Theologie. 635- Günther, Geschichte der Erdkunde. 734. Grünbaum u. Lindt, Physikal. Prak- tikum. 495. G u r w i t s c h , Morphol. u. Biologie der Zelle. 511. H a a c k , Herm., Geographenkalender. 70I. Haeckel, Anthropogenie. 60. Haeckel, Lebenswunder. 268. Hackmann, Vom Omi bis Bharao. 285. Hagenbach und Konen, Atlas der Emissionsspektren. 352. Hahn, H. , Physikal. Schülerübungen. 238. Hahn, M. , Physikalische Freihandver- versuche. 635. de Haläcsy, Consp. florae graecae. 253. Haller, Lehrb. d. vergl. Anatomie. 413, 543- V. Hanstein, Gott und Unsterblichkeit. 301. H a r n a c k , Hautelektrizität u. Hautmagne- tismus des Menschen. 830. Haußner, Darstellende Geometrie. 237. Hegi, Alpenflora. 510. Heilborn, Der Mensch. 317. Hertwig, O., Handb. d. Entwicklungs- lehre. 351. Hesse, Abstammungslehre. 317. Heusler, Chemische Technologie. ^27. V. Hey den, Käfer v. Nassau. 125. Heyn, E., Metallographie. 636. Höfler, Zur gegenwärtigen Naturphilo- sophie. 366. Höfler, Physik. 367. Hölscher, Flora artefacta. 46. Jacobi, A., Tiergeographie. 238. Jäger, G., Theoret. Physik. 237, 589. Jelinek, Anl. zu meteorol. Beob. 221. Jentsch, Telegraphie und Telephonie ohne Draht. 222. Jordan, Physik. Iio. Junker, Physikal. Aufgaben. 254. Junker, Differentialrechnung. 589. V. Jüptner, Wärmemessung, Verbren- nung u. Brennmaterialien. 799. Karsten, G., Pharmakognosie. 15. Karsten, G., und H. Schenk, Vege- tationsbilder. 733. Keller, Haustiere. 383. Kershaw, Elektrolyt. Chloratindustrie. 782. Kienitz- Ge rlof f, Methodik d. botan. Unterrichts. 203. Klein, J., Chemie. 237, 590. Kleinschmidt, Im Forsthaus Falken- horst. 574. Kockerscheidt, Preisbewegung ehem. Produkte. 766. Kohl, System. Übers, d. Pflanzen. 575. Kohlrausch, Praktische Physik. 685. Ko 1 b e , Br., Dynamische Elektrizität. 799. Kräpelin, Naturstudien. 559. Kraß u. Landois, Pflanzenreich. 574. Krancher Entomolog. Jahrb. 46, 718. Krone, Radioaktive Energie. 799* Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung. 19;. Krümme 1, Die deutschen Meere. 46. Kuckuck, Strandwanderer. 510. Küken thal, Leitf. f. d. zoolog. Prak- tikum. 765. Kühlin g, Maßanalyse. 62. Külpe, Philosophie d. Gegenwart. 317. Register. Lackowitz, Klora von Hcrlin. 542. Landois, Stud. d. Zoologie. 4 13. Laßwitz, Religion u. .Naturw. 301. Lieb mann, lltinr. , .Nichteuklidisclie Geometrie. 671. Leunis-Ludwig, Synopsis d. Zoologie. 271. Lindau, Hilfsbuch t. das Sammeln nicd. Kryptogamen. 159. Lcgalin, Physiol. C^hemic. 590. Lorenlz, H. A., Klektronentlieorie. 671. Loren tz. Rieh., Kkktrolyse geschmol- zener Salze. 83 1. Lossen, Offener liricf an A. Laden- burg. 301. Lukas, Psychologie d. niedersten Tiere. 334- Lutz, Anleitung zum Sammeln etc. der Pflanzen. 541. Mahl er. Physik. Aufgabensammlung. 589. Malmejac, L'eau dans 1 alimentation. 251- Marcuse, A. , Handbuch der geogra- phischen Ortsbestimmung. 635. Margosches, Tetrachlorkohlenstoft. 830. Mach, Erkenntnis und Irrtum. 655 Mayer, Hans, N-Strahlen. 94. — — , Die neueren Strahlungen. 94. Meisler, Ulrich, Die Stadtwaldungen von Zürich. 542. .Merker, Die Masai. 285. .M e u n i e r , Geologie e.xperimcntale. 252. — — , (ieol. generale. 252. Meyer 's Großes Konversationslexikon. 252, 480. Michael, Führer für Pilzfreunde. 527. Michaelis, Kurt, Entwicklungsgesch. d. Menschen. 29. M i c h a 1 k e. Vagabundierende Ströme clck- trisclier Bahnen. 702. Michaelsen, Oligochäten (des .•\iit- arkticums). 798. Migula, Hotan. Vademecum. 574. Morgan, Entw. d. Froscheies. 15. Mo SSO, Fxercices physii|ues et le deve- loppcment intellectuel. 251. Müller u. Krfinzlin, Abb. v. Orchi- deen. 159. N e w c o m b - E n g e 1 m a n n ' s populäre Astronomie. 623. .\ estler, Hautreizende Primeln. 31. Noordilijn, Farben- u. Gestaltskanarien (mit Abb.) 700. Niemann, Pflanzenanatomie. 575. .N ordc ns kiü Id, Antartic (mit Abb.) 105. Oltmanns, Algen. 252. Ostwald, Schule d. Chemie 11. 79. O s t w a 1 d , Grundlinien d. anorg. Chemie. 286. V. Papius, Das Kadiuni u. ilir radio- aktiven Stoffe. 6 so. Pa.x, Hotanik. 574. Perry, Drchkrcisel. 238. Petzoldt, Sonderschulen für Befähigte. 368. Pfeffer, Pfianzenphysiologie. 78. PlUß, Bäume u. Sträucher. 542. Plüß, Blumenbüchlein. S42. Polis, Wettervorhersagung. 203. Poske, Unterstufe der .Natnrlehre. 431. Potonie, .-Vbb. u. Beschr. foss. Ptlanzen- reste. 303. Ramann, Bodenkunde. 430. K a t h g e n , Die Japaner. 317. Raul er, Anorgan. ehem. Industrie. 237. Rautcr, Industrie d. Silikate, künstl. Bausteine u. des Mörtels. 590. Rein, Japan. 560. Reinke, Philoso[)hie der Botanik. 269. Rinne, Praktische (Jesteinskunde. 750. Röhm, Maßanalyse. 23S. Rousseau' s Briefe über Botanik. 191. Roux, W., Entwicklungsmechanik. 781. Russ, Der Wellensitlig. 700. Rudol]ih, Unzulässigkeit der gegenw. Theorie der Materie. 399. Küdorff, Chem. Analyse. 334. S c h a 1 k , Der Wettkampf der Völker. 46 1 . Schaff, Ornithologischcs Taschenbuch. 814. Schein er, Bau des Weltalls. 317. Schell, Gottesglaube u. naturw. Welt- erkenntnis. 301. Schenk, H., s. Karsten. 733. Shcrard Cowper-Coles, Elektrolyt. Verzinkung. 734. Schillings, Mit Blitzlicht u. Büchse (mit Abb.) 60. Sclimehl, Sphärische Astronomie und mathem. Geographie. 685. Schlömilch, Übungsb. d. höh. .\na- lysis. 79. Schmid, Bastian, Mineralogie. 125. Schmidt, 0., Metalloide, Metalle. 238. Schmidt, W., Sonnenzeiger. 750. Schmitt henner, Pharmakognosie. 590. Schneider, C a m i 1 1 o Karl, I>aub- holzkunde. 62. Schneider, CamiUo Karl, Illustr. Handwörterbuch der Botanik. 766. Schott, Wellkarte zur Übersicht der .Meeresströmungen und Dampferwege. 815. Schroeder, Die Cissoide des Diokles. 655. Schübe, Flora von Schlesien. 542. Schübe, Verbreitung der Gefäßpfl. in Schlesien. 685. Schubert, Naturw. Grundl. unserer Welt- anschauung. 284. Schubert, Beispielsammlung zur Arith- metik u. Algebra. 589. Schulze, Ed., u. F. Pahl, Matliemat. .\ufgaben. 671. .Schumann, Prakt. f. morphol. u. system. Botanik. 105. Schumburg, Tuberkulose. 317. Schurtz, Völkerkunde. 60. Schuster, Vogelhandbuch. 685. Senft, Emanuel, Mikroskop. Unter- suchung des Wassers. 750. Sem per, Existenzbedingungen der Tiere. 128. Siebert, Pilze und Pilzgerichte. 527. Sievers, Asien. 62. Sohr-Berghaus, Handatlas. 160. Spennrath, Chemie in Industrie etc. 95. Sperling, Gesundheit u. Lebensglück. 252. Starke, Eleklrizitätslehre. 142. Stelz u. Grede, Pflanzenkunde. 574. Strasburger, Kl. botan. Praktikum. 159. Strasburger, .Neil, Schenck, Karsten, Botanik. 574. S t r a t z , Naturgeschichte des Menschen. 60. Strauß, .Albuminoide. 367. Thiele, Leptostraken (iles Antarkticumsl 798. Thome, Flora v. Deutschland, ( )sterr. u. d. Schweiz. 510. Tili US, Religiim u, Naturwissenschaft. 301. de Toni, Sylloge algarum omnium iiuc- usi|ue cognitarum. 284. Traben, Meteorologie u. Klimatologie. 719. T u z s o n , Anatom, u. mykologische Unters, über die Zersetzung u. Konservierung des Rotbuchenholzes. 735. Vi e weg, Chemie a. d. Weltausstellung zu St. Louis 1904. 495. Voigt, W., Thermodynamik. 2S6. Volkmann, Der Aufhau physikal. .Ap- parate aus selbständigen Apparaten- teilen (Physik. Baukasten) 766. Vonderlinn, Schattenkonstruktionen. 238. Wallace, Des Menschen Stellung im Weltall. 350. W a 1 1 h e r u. K ö 1 1 i n g e r , Techn. Wärme- lehre. 590. Wasmann, Moderne Biologie. 423. Weber, Leonh., Wind u. Wetter. 317. Weber, Max, Säugetiere. 284. Webster, Dynamics. 367. Wehner, Experiment beim Unterr. i. d. Chemie. 414. Weitz, Chilisalpeter als Düngemittel. 399. Wichelhaus, Chem Technologie. 702. Willig, Der .^onnenstandsmesser. 222. Winkel mann, Ernst .\bbe. 591. Winkelmann, A., Handbuch d. Physik. 751- Wislicenus. Walter F., .Astronom. Jahresbericht. 635. Wolf, Max, Photogr. des Sternliimmels. 222. Wünsche, Pflanzen d. Königreichs Sachsen. 541. Zache, Die Landschaften der Prov. Brandenburg. 269. Zdobnicky, Käferetiquetten. 159. Ziegler, Vererbungslehre in d. Biologie. 606. Ziemssen, Himmelsanschauung u. Welt- anschauung. 301. Zöppritz, Ebbe u. Flut. 94. Zwick, Physik. Iio. Annuaire du bur. des longit. f. 1905. 62. Astronom. Kalender 1905. 142. Aus Natur- und Geisteswelt. 317. Bemerkenswerte Bäume im Großherzogt. Hessen. 173. l'.er. üb. d. Verhandl. d. Tagung f. volks- tüml. Hochschulvorträge im deutschen Sprachgebiete. 286. Bibliotheque scientic|ue internationale. 251. Expedition antarctique beige. 318. Forschungsberichte aus d. biolog. Station zu Plön NU. 446. Forstbotan. Merkbuch von Pommern. 542. Dasselbe von Hessen-Nassau. 542. Führer zur t^eologie des Harzes. 496. Kryptogamenfloren. 356. Natur u. Staat. 29, 461. Repetitorien d. Zoologie. 240. Sammlung Göschen. 237, 589. Lit. über den Aal. 703. Lit. üb. .\nthropologie u. vergl. .Anal. Soo. Lit. über Ameisen. 416. Lit. über ausländische Kulturpfl. 688. Lit. über Aussprache u. Schreibung geogr. Namen. 708. Lit. über Bakterien. 783. Lit. üb. biolog. Süßwasserstationen. 608. Lit. über bot. Systematik. 702. Lit. über Elektrochemie. 784. Lit. über Fischzucht. 688. Lit. üb. Floren von Elsaß-Lothringen. 7S4. Lit. üb. Floren von Rußland. 784. Lit. über den Flug der Vögel. 800. Lit. üb. Ci.'irungschemie. 127. Register. Lit. über geolog. Atlanten d. Erde. 832. Lit. über Hymenomyccten. 752. Lit. üb. Insekten. 176. Lit. über insektenfrcss. Ptl. 752. Lit. über Lebensbedingungen u. Lebens- weise d. Tiere. 768. Lit. über Leuko- und Lynipliocyten der Vertebratcn. 672. Lit. üb. Meeres-Concliylien. 96. Lit. üb. Meteorologie. 415. Lit. über die Methoden zur Bestimmung der Fi.\sternparallaxen, Abberation u. Sonnenparallaxe. 8 16. Lit. üb mikroskop. Technik. 560. Lit. üb. Mücken. 240. Lit. üb. Nerven- und Gehirnphysiologie. 127. Lit. üb. Parasitismus von Phanerogamen. 80. Lit. üb. Präparation naturw. Gegenstände. 544- Lit. üb. Reptilien des Wealden. 64. Lit. über den Rüssel d. Stubcnriiege. 656. Lit. üb. Schleswig-Holstein. 64. Lit. über Süßwasserschwämme. 784. Lit. üb. Tiefseetiere. 239. Lit. über Ticl'seefische. 656. Lit. über Tierleben des Meeres. 720. Lit. üb. vergl. .\nat. d. Wirbeltiere. 240. Lit. (illustr) üb. Vögel. 96. Lit. üb. den Vogelflug. 176. Lit. üb. Zimmerpflanzen. 176. Lit. üb. zoolog. Präparation. 415, 416. Lit. zum Bestimmen von Tieren. 128. Lit. zum Studium der Kleinorganismen des Süßwassers. 400. Lit. zur Atom- u. Moleliularhypothese. 784. Lit. zur l'.estimmung der Insekten. 223. Lit. zur Bestimmung von Zierpflanzen. 80. Lit. zur deutschen Fauna. 416. Lit. zur Zoologie. 47. Lit. zum Bestimmen einheim. Insekten. 639. Lit. zur Bestimmung der Milben. 720. Lit. zur Bestimmung von Reptilien und Amphibien. 703. Lit. zur Entstehung der Mineralien aus Mutterlaugen. 784. Lit. zur Flora von Osterreifli. 702. Lit. zur Geschichte der Biologie. 752. Lit. zur Mineralogie. 752. Lit. zur Schulgeographie. 736. Meyer's Großes Konversations - Lexikon. 718. Physische Karten der einzelnen Länder Europas. 640. Weltall und Menschheit. 749. Wörterbücher zur botan. u. zoolog. Ter- minologie. 752. Abbildungen. Abbe, Ernst. 130. .Abb. zur Demonstration von Impfwirkun- gen mit Syphilisgift. 547 — 548. Abb. zur mech. Konstruktion d. Holzes. 348. .\bb. (Photogr.) zum Kursus für Meeres- forschung in Bergen (Orig.) 791. Abb. zur Bestimmung der Geschwindigk. pliotogr. Momentverschlüssc (Orig.) 796, 797- Ägyptische Harfen (Orig.) 212. Aldrovandia vesiculosa. 386, 387. Ameiscnnester-Grundrisse. 776. Amoeba diffluens. 642. Ampullaria gigas (Orig.) 443. Ampullaria gigas-Gelege (Orig.) 444. Anemonia sulcata , Tentakelquerschnitt (Orig.) 652. Ankylostoma, Eifurchung (Orig.) 21. Anodonta, Schnitt d. Schale u. Mantel. 274. Anthurium Maximiliani - Blatt - Epidermis (Orig.) 375. Anthea cereus, Nervenplexus. 651, Apfel mit Schuppe auf dem Fruchtfleisch (Orig.) 280. Atemwurzeln von Avicennia tomentosa. 371. Bakterien. 550 — 554. Begräbnisstätte, alte, der kurischen Neh- rung, durch Dünenwanderung aufge- deckt (Orig.) 578. Berberis vulgaris, Blüte. 390. Blatt m. Gangminen V. Lyonetia (Orig.) 287. Bornholm , Granit-Steilküste u. Schären- küste (Orig.) 725. Braunkohlengrube b. Gr. -Raschen (Orig.) g. Braunkohlenlandschaft. 11. Bruchberge auf der kurischen Nehrung (Orig.) 570. Centaurea Jacea, Androeceum. 39 1. Centaurea montana, Staubfadenstück. 391. Chara fragilis. 7. Cytophor u. Spermatocyten vonLumbricus. 676. Cytorrhyctes Luis. 54g. Die nach dem Beben l'berlcbenden von Stefanaconi (Orig.) 807. Difflugiengehäuse (Orig.) 521, 522. Dionaea muscipula. 3S6, 387. Diplococcus meningitidis. 326. Doppelnest (Orig.) 346. Drontenbild (neu aufgefundenes) (Orig.) 1 54. Drosera-Arten. 388, 389. Drosophyllum. 389. Ei etc. von Diopatra. 677. Eibildung von Cyclas Cornea. 674. Eiche von Langenbcrg. 491. Eichhorniacrassipes-Statolithen(Orig.) 185. Eiderente im Nest (Orig.) 725. Eierstock-Stück von Syda. 677. Eier von Daphnella. 677. Eier von Microcotyle u. Distomum. 679. Eifollikel von Apus. 677. F21ektrolysierzelle (Orig.) 795. Empusa (F'angheuschrecke) (Orig.) 207. Enoploteuthis diadema(e. Tintenfisch). 303. Ephashöhe auf der kurischen Nehrung (Orig.) 578. Erlenbruch aus dem Grunewald (Orig.) 6. Fagus silvatica-Blatt (Anatomie). 375. Faulschlammgestein in einer Havelbucht. 5. F'ernbebendiagramm. 804. Fichte. 463, Figur zu Claus, das molekul. Wirkungs- gesetz (Orig.) 294. Fliegende Vögel (Momentbild). 62. Fossil. Farn aus der Antarctis. zog. Fuchsschädel, normaler u. asymmetrischer. 586, 587. Fuligo varians-Plasmodium (Orig.) 377, 378. Galvanotaktische Schwimmkurven von Paramaecium. 379. Gasthermometer (Orig.) 419. Gespinst v. Apantelescongestus(Orig.) 287. Glyptostrobus u. Taxodiumholz in Radial- schnitten (Orig.) 282. Granit-Steilküste Bornholms (Orig.) 725. Graph. Darst. üb. Temperatur u. Nieder- schläge. 247, 476, 540, 541. Graph. Darst. zur Abhäng, der Längen- änderung V. der Temperatur (Orig.) 422. Graph. Darst. über das spez. Gew. des Wassers im Karabugas (Orig.) 692, 694, 695. Gräsholm (Schäreninsel) (Orig.) 725. Haffhafen von Nidden (Orig.) 581'. llelianthus annuus , deformierte Blütcn- 379- Felis. 645. 7'3- I köpfe u. Anatomisches (Orig.) 738, 739- I Hochmoor aus Südschweden (Orig.) 6. • Hühnerkopfmißbildung. 396. Hydra fusca 646, 647, 651. Hydropismus von Keimwurzeln. Intercellularbrücken von Helix 646. Intercellularbrücken von Lilium. InsektenHautsinnesorgane. 361, 362. ■ Jussieua-Statolithen (Orig.) 186. Kanarienvogel (der Wiener-, Holländcr-j 700. Kanarienvogel, wilder. 700. \ Kaolinbruch bei Rönne (Orig.) 726. ' Karposporenbildung d. F'loridcen. 514-S18. Karte der kurischen Nehrung. 563. Karte der Bruchlinien in Calabrien und Sizilien. 809. Karte der Gegend des Loop-Sees. Karte des Calabrischen Erdbebens 8. Sept. 1905 (Orig.) 806. J Karte d. Karabugas (Orig.) 691, 693, 695. i Karte des nordindischen Erdbebens vom ! 4. April 1905. 802. Karte d. Stephanie-Sees in Äthiojjien. 714. Karte des Tschad-Sees. 714. Karten mit Lage der Ilöhengrenzcn in der Schweiz. 819. Keimzellen an der Rhachis von Ascaris. 674. Kiefer. 464. Kiefern nach Überschüttung mit Sand I (Orig.) 584. Kiemenbogenstück der Regenbogenforelle mit Lentosporaherd. 292. Kirche von Parghella nach dem Beben (Orig.) 807. Kirche von Stelanaconi nach dem Beben (Orig.) 807. Konrad von Röntgen. 615. Krabbenbein. 322. Krabbenspinne auf Blatt (färb. in Nr. 38. Kreide-Steilküsle von Rügen Kristallformen des Topases. 218. Kupsten auf der kur. Nehrung (Orig.) 582. Künstliches Zellgewebe. 624. Lakkolith Cerro Payne. 57. Laminaria mit vom Meeresgrunde aufge- holtem Stein (Orig.) 12. Landschaftsbilder aus d. Antarctis. 106-109. Längsschnitt durch Insekten-Eiröhren. 678. Längsschnitt durch Ovarium von Lithobius. 676. Lentospora cerebralis (Sporen). 290. Leontice leontopetalum (Orig.) 183, 184. Leucithodendrium somateriae. 278. Leuchtturm von Hämmeren (Orig.) 723. Leuchtturm von llammerodde (Orig.) 723. Linum perenne-Stengelteil (Anatomie). 373. Lophospermum scandens. 379. Luftsäcke im Torax des Albatroß. Magosphaera planula. 645. Makaken mit syphilit. Erscheinungen. 548. Melosira distans in 400/ 1 (Orig.) 746. Mikrophotogr. Apparat (Orig.) 745. Mikroskopie von Steinkohlenproben. 3. Mimosa pudica. 390. Mimulus luteus, Blüte. 392. Mondfisch. 637, 638. Monstcra deliciosa-Blattepidermis. 376. Möwenbruch auf der kurischen Nehrung (Orig.) 568. Muschel, schematischer (Querschnitt. 274. Mückenflügelspitze in 40/1 (Orig.) 746. Nährballen im Hoden eines Cephalopoden. 675. Nervensystem der Taube. 335. Orig. -Abb.) (Orig.) 723- 245- Kegisler. Norwich (Kanarienvogel) 701. Obitolites complanatus. 643. Oldhamina. 313. ümmatidium aus einem p'acctlenaugc lOrig.) 232. Oocyten von Ophrj'otrocha. 675. Oocylcn von Spongilla (Orig.) 674. Optisches Pyrometer. 437. Paramaccium caudatum. 644. Parasiten aus dem Blut Syphilitischer. 554. Paussiden (Orig.) 326. Pelk (ein See) auf der kurischen Nehrung (Orig.) 568. Pelomy.^a pallida. 642. Penium (Desmidiacee) in 300/1 (Orig.) 746. Perle, Durchschnitt durch eine. 275. Perle im Mantel von Mytilus. 276. Perle, schemat. Darstell, der Entstehung einer. 277. Phoenix canariensis-Pneumathode (Or.)l86. Pinnularia viridis. 5. Pinus montana (Riesenexemplar) bei Nidden (Orig.) 581. Pisum sativum-Keimling (Orig.) 370. Pflanzenpresse. 319, 320. Planaria, Regenerationsversuche (Orig.) 138. Positiv. Rheotropismus v. Keimwurzeln. 379. Productus costatus. 31 1. Profil durch die kurische Nehrung. 563. Profil durch verlandetes Wasserbecken (Orig.) 603. Profil z. geol. Bau d. Lischannagruppe. 429. Profil von den Liparen zur Calabrischen llauptlinie. 809. Protogenes primordialis. 642. Pterophloios. 312. Pyrometer, optisches, von Holborn und Kurlbaum. 437. Pyrometer, thermoelektrisches. 434. Quecksilberpyrometer (Orig.) 421. Querschnitt durch die Hodenröhre eines Nematoden. 674. I Quer.schnitt durch das Körpersegment von Ophryotrocha. 674. I Reizleitungsbahnen bei Hydroidpolypcn 1 (Orig.) 649. i Reizleitungsbahnen bei Scyphopolypen (Orig.) 650. Regenbogenforellen-Kopfschnitt mit Lento- spora. 292. Richthofenia. 312. Richthofen, Ferd. v. (Orig.) 727. Roripa amphibia- Wurzelhaube (Anat.). 372. Rotationsapparat f. Unters, an Pflanzen. 370. Rönne, Kaolinbruch (Orig.) 726. Röntgen-Pliotographisches. 616—620. Rügen. Steilküste bei Saßnitz (Orig.) 723. Ruinen des Bhowan-Tempels (Orig.) 802. Salix arbuscula (Orig.) 184. Sapanthrakon mit mikroskop. Algen. 602. Sapropel m. figurierten Bestandteilen. 600. Saurierfährten aus dem Wealden (Orig.) 483. Schärenküste von Bornholm (Orig.) 725. Schemata zu Brückner: Meer und Regen (Orig.) 403, 405, 406, 407. Schemata zu d. Wetter-Monatsübersichten (Orig.) 58, 141, 190, 329, 412, 622, 684, 748, 829. Schemata z. Art. Busck, Lichtbiolog. 22,23. Schemata zuW'einhold: Physik, u. Psychol. beim Betrachten von Bildern (Orig.) 741, 742. Schema zum Artikel : Schwingende Verän- derungen der Gestalt der Sonne. 779. Schmetterlingsflügelader im Querschnitt. 624. Schneckenslein zu verschiedenen Zeiten. 217, 218. Schnitt durch Hodenteil einer Ratte. 679. Schwarzer Berg (Zirkusdüne) auf der kurischen Nehrung (Orig.) 570. Schwarzort (Orig.) 583. Sicyos angulatus. 380. Skelett vom Hunde. 736. Spermalogonie u. Spermalocyt mit Mito- chondria. 571. Spermatocyt von Blaps (erste Reifungs- teilung) 572. Spermie v. Mus muscuIus(Histogenese). 571. Sphagnumblattstück in 250 : I (Orig.) 746. Spirillum Kutstheri. 551. Spirillum rubrum. 551. Spirillum serpens. 55 1 . Spirillum undula. 551. Spirochäten etc. 552. Spirochaete Obermeieri. 551, 552. Spirochaete pallida. 552, 553. Spirochaete plicatilis. 551. Spirochaete Ziemanni. 552. Stammstumpf eines Lepidophyten. 9. Steinkohlen-Landschaft. 11. Strahlungsenergiecurven für versch. Tem- peraturen. 436, 438. Stettiner Freihafen (Orig.) 722. Stromboli, Explosive Tätigkeit. 808. Taxus. 463. Tethyspapillen. 323. Thermoelectrisches Pyrometer. 434. Torfstich bei Widdernhausen (Orig.) 7. Treibholz auf Jan Mayen (Orig.) 4. Trutta iridens, Regenbogenforelle. 290. ürbokalus (Düne) bei Nidden (Orig.) 579. Veronica persica (Orig.) 194, 195. Verschiebungen der Höhengrenzen in der Schweiz während der Quartärzeit (Orig.) 824. Verson'sche Zelle aus dem Hoden von Bombyx. 678. Vibrio comma. 551. Vicia Faba-Keimpflanzc. 371. Volvox globator. 644. Vorderflügel von Apanteles (Orig.) 288. Vordüne der kurischen Nehrung (Orig.) 564- Wehrholz-Eiche von Balhorn. 491. Weibliche Geschlechtsorgane von Strudel- würmern. 679. W'eißer Senf-Keimling. 374. Windwirkung auf Bäume der kurischen Nehrung (Orig.) 579. Windrippelmarken auf dem Sande der kurischen Nehrung (Orig.) 568. Zahnbildung bei Speterpes fuscus. 215. Zammaro nach dem Beben von N gesehen (Orig.) 807. Zebra u. Nashorn an der Tränke (Moment bilder). 61. Zwitterdrüse von Helix. 679. Einschliefslich der Zeitschrift „DlC NatUr" (Halle a. S.) seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potonie und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Grofs-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge IV. Band; der ganzen Reihe XX. Band. Sonntag, den 1. Januar 1905. Nr. 1. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Halbjahrspreis ist M. 4. — . Bringegeld bei der Post 15 Pfg. extra. Inserate: Die zweigespaltene Petitzeile 50 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Übel- einkunft. Inseratenannahme durch Max Gelsdorf, Leipzig- Gohlis, Blumenstraße 46, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Die Entstehung der Steinkohle. Nach einem Vortrag gehalten im Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Berlin am 7. November 1904. Von H. Potoni^. schwerwiegend mitzureden haben: die Chemie, die Geologie und die Botanik. Früher glaubte man , die Steinkohle sei ein Mineral in dem Sinne etwa wie Quarz, Feldspat, Glimmer u. dgl., also auch ebenso entstanden. Die Steinkohle sollte nämlich, durch Verdichtung des Kohlendioxyds (der Kohlensäure) aus der Luft, wie man sich etwa ausdrückte, hervorgegangen sein. Sehr bald sind dann aber Anschauungen aufgetreten , die den heutigen entsprechen , nach denen die Steinkohlenlager Produkte früherer X'egetationen sind. Einen hinreichenden wissen- schaftlichen Nachweis für diese Anschauung hat aber erst der Botaniker Heinricii F^riedrich Link im Jahre 1838 erbracht, indem er durch mikroskopische Untersuchungen nachwies, daß die Steinkohle im Prinzip ebenso wie Torf zusammen- gesetzt ist, insofern, als es sich bei beiden um eine mehr oder minder homogene Grundmasse handelt, in der figurierte Partikelchen eingebettet liegen, die sich als pflanzlicher Herkunft erweisen (Fig. I). Man findet außerdem in der Kohle selbst .Ab- drücke u. del. \on Pflarizenresten, besonders deut- Gedanken über die Entstehung der Steinkohle sind seit langem immer wieder der Öfientlichkeit unterbreitet worden, handelt es sich doch in der Steinkohle und den fossilen Kohlen überhaupt um die wichtigste Mineralgattung, die wir besitzen. Im Jahre 1903 wurden fast 875 Millionen Tonnen (die Tonne zu lOOO kg) Kohlen auf der Erde ge- wonnen, wovon auf Deutschland nicht weniger als über 162 Millionen Tonnen entfallen. Ganz außerordentlich überwiegend stützen sich die ver- öffentlichten Äußerungen über die Genesis der Kohlen auf bloße einzelne Tatsachen, die den^Autoren gerade aufgefallen waren, ohne daß sie weitere kritische Umschau gehalten hätten. Auch auf unserem Gebiet ist aber — wie überall , wo es sich um naturwissenschaftliche Probleme handelt — nicht nebenbei, sondern nur durch konzentri- sches Studium das der Natur entsprechende Re- sultat zu erreichen. Wer das Gebiet nicht nur dilettantenhaft, sondern eingehend und wissen- schaftlich pflegt, sieht bald die Schwierigkeiten desselben insbesondere durch den Umstand ge- geben, daß in erster Linie drei wichtige Disziplinen Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. I Hch aber im Hangenden und im Liegenden der Kohlenlager, und zwar in einer Weise, wie wir heute die Pflanzen etwa in einem Herbarium aus- gebreitet sehen, so daß also die Annahme eines weiten Transports ohne weiteres ausgeschlossen ist und es überhaupt den Eindruck macht, als seien die Objekte an Ort und Stelle dort einge- bettet. Dann kommt aber noch hinzu, daß man sehr häufig Holzkohle in der Steinkohle findet. logie durchsieht, so findet man einen Teil der- selben zur Theorie der Allochthonie, andere zur Theorie der Autochthonie hinneigend, wieder andere schwanken hin und her und wagen keine Entscheidung. Es findet also ein Hin- und Her- pendeln statt : eine große Unsicherheit ist bei den Gelehrten über den Gegenstand vorhanden. Wenn man sich mit unserer Frage beschäftigt, so muß man sich naturgemäß eine Vorstellung Fig. I. Mikroskopische Proben (Holz-Gewelie-Fetzen) aus oberschlesischer Steinkohle. (Nach Link 1838.) Es ist merkwürdig genug, daß das so wenig be- achtet worden ist. Fossile in Steinkohle oder sonst einer Kohlenart vorkommende Holzkohle, unter das Mikroskop getan, gibt sofort, ohne weiteres, ohne Präparation, die pflanzlichen Zellen zu erkennen , genau in derselben Weise und in derselben Form, wie etwa Holzkohle eines Streich- holzes. Das Resultat der mikroskopischen und ander- weitigen Untersuchung wäre also, daß die Stein- kohlen ein fossiles Humusprodukt sind ; wir können spezieller sagen : ein versteinertes fossiles Humus- produkt und zwar ganz überwiegend entstanden aus höheren Pflanzen. Ich betone das nachdrücklich, weil heute noch immer die Tang-Theorie spukt, die besonders Friedrich Mohr 1S66 aufgebracht hat, trotz- dem doch der Nachweis, daß es sich in den noch figuriert erhaltenen Bestandteilen der Steinkohle um die Reste von hoch entwickelten Pflanzen handelt, für den Botaniker jederzeit leicht zu er- bringen ist. Wie sind nun die Anhäufungen, als welche uns jetzt die Steinkohlenlager entgegentreten, entstanden? Eine Ant- wort auf diese Frage soll ja der wesentliche Inhalt der vorliegenden Auseinandersetzung sein. Link sagt, daß zu seiner Zeit zwei Theorien sehr ver- breitet seien, erstens die Theorie, die da annahm, daß es sich um Anschwemmungen von pflanz- lichen Produkten handle, die A n s c h w e m m u n g s- (Transport -)Th eori c, die später, 1883, von Gümbel in München als Allochthonie bezeichnet wurde, und zweitens die Entstehung wie Torf, die Entstehung der Materialien aus den Pflanzen, die an Ort und Stelle gewachsen sind, wo wir jetzt als Steinkohlen ihre Produkte finden , also die Torftheorie, die dann Gümbel als Autochthonie bezeichnet hat. Wenn man die heutigen Lehrbücher der Geo- über gewisse Zersetzungserscheinungen bilden. Zu- nächst ist die Verwesung zu betrachten. Unter Verwesung wollen wir eine Zersetzung organischen Materials verstehen, bei der nichts F"estes zurück- bleibt, also keine festen kohlenstoffhaltigen Ver- bindungen, keine Produkte, die irgendwie ein Kohlenlager zu bilden imstande wären, eine Zer- setzung, bei der also alles in gasförmige und flüssige Produkte übergeht, nämhch in Kohlendioxyd, Wasser usw. ; es „verschwindet" alles. Unter der Erscheinung , die wir als V e r m o d e r u n g be- zeichnen , wollen wir die Zersetzung unter nicht hinreichendem Sauerstoffzutritt verstehen , so daß eine vollständige Zerlegung zu Wasser, Kohlen- dioxyd usw. nicht stattfinden kann, sondern so, daß immerhin ein kohlenstoffhaltiger fester Rest zurückbleibt. Wir bezeichnen die festen Produkte, die unter nicht genügendem Sauerstoffzufluß zurück- bleiben, als Mode r. Es ist das , was wir in feuchten Wäldern auf dem Boden erblicken, in dem Parkboden die schwarze Färbung verursacht; unter Umständen bilden sich Lager von Moder. Dann käme die Vertorfung. Unter Vertorfung hat man zu verstehen die Zersetzung der organischen Bestandteile zunächst in derselben Welse wie bei der Bildung des Moders, also unter Zutritt von Sauerstoff, aber doch nicht unter genügendem Zutritt dieses Elements, so daß also ein zum Moder hin tendierendes Produkt aus dem Material hervorgeht. Da nun aber in den Mooren, die gerade dem Vertorfungsprozeß unterliegen , das Pflanzenwachstum so fortschreitet, daß eine An- häufung von Humus — hier Torf genannt — dadurch stattfindet, daß die neuen Pflanzen-Gene- rationen immer auf den in Zersetzung begriffenen Leichen der Vorfahren emporsprießen, so wird dadurch ein immer weitergehender .Abschluß für die darunter befindlichen, in Zersetzung begriffenen pflanzlichen Bestandteile erreicht und schließlich ein vollständiger Luftabschluß, und das ist die N. F. IV. Nr. 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Haiiptbedingung für den vierten Prozeß, den wir zu unterscheiden haben, den Prozeß der Fäu 1 nis. Es ist für uns gleichgüUig, ob für andere Zwecke der Begriff der Fäulnis zweckdienlicher anders zu definieren sein würde; wir wollen als P'äulnis im Anschluß an Lieb ig die Zersetzung organischen Materials unter vollständigem Luftabschluß ver- stehen. In der Wirklichkeit sind die genannten Prozesse fast niemals vollständig rein vorhanden, sondern gehen ineinander über und durchkreuzen sich. Eine Übersicht über das Gesagte und noch zu Sagende gibt die folgende Tabelle. Kenntnis ein fossiles Lager, ein Steinkohlen- oder Braunkohlenlager oder sonst ein Kohlenlager be- urteilen zu können, um an den Eigentümlichkeiten dieser Lager und ihres Hangenden und Liegenden zu erkennen: wie stimmen sie mit den rezenten Vorkommen überein oder worin weichen sie ab.? Es ist wichtig festzustellen, daß bei einem Transport von pflanzlichen Teilen eine Zerkleine- rung oder mindestens eine Deformirung derselben stattfindet durch die mechanischen Insulte, die durch das Anstoßen an Ufer, Küsten und durch die Wasser-(Wellen-)Bewegung gegeben sind. Als Häcksel bezeichnen wir das zerkleinerte Bezeichnung der Prozesse Verhalten Verhalten des O des H2O Entstehende Gesteine Verwesung findet statt bei Gegenwart von und Vorhandensein von Feuchtigkeit; es bleiben keine C-haltigen Produkte zurück. Vermoderung findet statt bei Gegenwart von weniger O es entsteht Moder. ! zunächst bei Vertorfung Gegenwart, sodann findet statt bei Abschluß von und zunächst bei Gegenwart von Feuchtigkeit, so- dann in stagnie- rendem H2 ; es entsteht Torf. Fäulnis findet statt bei Abschluß von und in stagnie- rendem H2 ; es entsteht Faulschlamm. Bei den beiden Prozessen der Vermoderung und Vertorfung wird also Moder und Torf erzeugt und, da eine Anreicherung an Kohlenstoff bei diesen Prozessen stattfindet, würden wir schließ- sich Produkte erhalten, deren fortschreitende Zer- letzung man wohl zweckdienlich als V e r k o h 1 u n g zu bezeichnen hätte. Bei der bloßen Fäulnis hin- gegen wird der Kohlenstoff nicht in gleicher Weise angereichert wie beim Vermodern und Vertorfen, sondern es bleiben sehr viel mehr Wasserstoff- und and andere Elementarbestandteile zurück , so daß nicht dieser hohe Kohlenstoffprozentsatz in dem schließlich resultierenden Material vorhanden ist, wie bei der Vermoderung und bei der \'er- torfung. Wir erhalten andere Produkte, die wir Bitumina nennen wollen. Es ist ein Prozeß der Bituminierung, wie man sich wohl am zweckmäßigsten ausdrücken wird, der hier statt- findet. Wie sind nun die Materialien, die den ge- nannten Prozessen unterliegen, dort hingekommen, wo wir sie jetzt finden ? Die Erscheinungen, die bei der Anschwemmung und Bildung an (3rt und Stelle unter heutigen Verhältnissen zu beobachten sind, müssen wir kennen, um mit Hilfe dieser Material und zwar besitzen die einzelnen Stücke untereinander etwa gleiche Größe: sie sind kleiner, wenn die mechanischen Insulte ständiger wirken konnten, größer bei geringerer Inanspruchnahme. Die bekannten zahlreichen Baumstämme, die beim Transport der Kronen und Wurzeln beraubt an den Strand geworfen werden, wie Baumstämme aus Mittelamerika, die der Golfstrom an Küsten Nordeuropas absetzt (Fig. 2), gehören in paläo- botanischem Sinne zum Häcksel. Erhaltung als Häcksel ist natürlich ausschlaggebend für die Er- kennung des Transports der Pflanzenteile. Bei einem Transport über Meer ist irgendeine Anreicherung von organischem Material auf dem Boden des Meeres nicht zu beobachten. Die M o h r ' sehe Tang - Theorie , die vorhin erwähnt wurde, geht unter anderem davon aus, daß die großen losgerissenen Tangmassen, die über das Meer geführt werden (man denke an das ,,Sargasso- meer" im Atlantischen Ozean), schließlich unter- sinken und daß diese Massen auf dem Boden des Meeres, in tausenden und abertausenden von Jahren sich anhäufend, Humusmassen bilden sollen, die endlich zu Kohlenlagern würden. Es ist dies aber eine bloße, durch die Erfahrung 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. I nicht bestätigte Annahme, denn es sind bei Dret- schungeii im Meere Hiimiisbildungen oder Faul- schlamme auf dem Grunde desselben nicht beob- achtet worden. Es ist das auch leicht erklärlich, denn in dem Meere findet eine unablässige Bewegung statt. Es ist steter Fluß vorhanden, der ständig Sauerstoff auch in die tiefsten Tiefen des Meeres führt, so daß kein Verkohlungs- oder Bituminierungsprozeß statt- finden kann, sondern wesentlich nur eine Ver- wesung möglich ist, d. h. eine Zersetzung nach der Richtung, daß nur Wasser, Kohlendioxyd und dergleichen entstehen, aber keine festen kohlen- (Bäche und Seen) können sie beobachtet werden; der Kongo gehört zu den Schwarzwässern usw. Sobald diese Wässer aber auf das Meer hinaus- kommen und auch während ihrer Bewegung zum Meere zersetzen sich die organischen Bestandteile, es bleibt schließlich „Nichts" übrig. Beobachtet sind wesentlichere Ablagerungen von Humussäure oder ihren \^erbindungen nicht. Wir betrachten nun die Erscheinungen der Bildung von Humus an Ort und Stelle. Man hat aquatische und terrestrische Auto- chthonie zu unterscheiden. Fip. 2. Vogclberp; auf der Insel Jan Mnyen am Slrande mit S'.iandJril't von Treibholz. (Nach einer von Herrn Charles Rabot aufgenommenen und mir freundlichst zur Verfügung gestellten Photographie.) stofthaltigen Produkte zurückbleiben können. Nur wenn Pflanzenteile rechtzeitig unter Bedeckung und damit unter Luftabschluß geraten, können — aber das ist vergleichsweise untergeordnet der Fall — Humuslager entstehen. Unter den Produkten der Humusbildungen sind gewisse in Wasser löslich (die „Humus- säuren"); diese werden dann gern von Bächen und Strömen fortgeführt. Das ist auch ein Trans- port von organischem Material, und es ist ange- nommen worden, daß solche Wässer, die „Schwarz- wässer", durch Niederschlagen der Humussäuren, die sie in Lösung enthalten, die Steinkohle ge- bildet hätten. Schwarzwässer sind in Brasilien häufig (der Rio negro hat von der braunen h'arbe seinen Namen), im Harze (die Ilse), in Schottland Bei der aquatischen Autochthonie kommt es auf das Vorhandensein von stagnierendem Wasser an. In einem in allen Teilen bewegten Wasser wird eine Humusablagerung, wie angedeutet, nie- mals stattfinden; es sei denn, daß die Wasser Ansammlungen von organischem Material recht- zeitig durch Bedeckung mit mineralischem (insbe- sondere Ton-)Sediment abschließen. In einem stagnierenden Wasser hingegen, das ja in seinen unteren Partien keinen Sauerstoff enthält oder dem nur geringfügige Mengen davon zugeführt werden, sind die Bedingungen vorhanden, um organische Materialien so von der Luft fern zu halten, daß eine Bituminierung stattfinden kann. In der Tat findet man in allen den Gewässern, die man als mehr oder weniger stagnierende an- N. F. IV. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. sehen kann, die organischen Bestandteile der Organismen, die einmal im Wasser gelebt haben, wie Fische und viele andere Tiere, Pflanzen, unter diesen viele Algen, mehr oder minder weitgehend erhalten bzw. so zersetzt, daß kohlenstoffhaltige feste Reste zurückbleiben. Das so durch ,,auto- chthone Sedimentierung" entstehende Gestein ist ein Schlamm, und da sich dieser organischeSchlamm unter ganz oder ziemlich ausschließlichen Fäulnis- bedingungen befindet, nennen wir ihn Faul- schlamm, um uns der Terminologie anzupassen, die wir nun einmal be- sitzen: Vermoderung gibt Moder, Vertorfung gibt Torf und der Fäulnis- prozeß führt zum F'aul- schlamm. Es findet sich der Faulschlamm in allen „. „■ T, -11 ■ stagnierenden Gewässern, Flg. 3. Line BaciUanacee n • j tt 1 • (Pmnularia viridis) in 540- z- D- ^ aer Havel ist er maliger Vergrößerung. A = beinahe Überall — wenn Schalen-, B = Gürtelansicht. auch nicht rein — vor- ^Aus Strasburger's botani- l^a^Jen. Es ist ja die schcm rraktikuni.) ■> Havel weiter nichts als eine Seenkette, die durch eine langsam fließende Verbindung miteinander kommuniziert. Es ist bemerkenswert für den Faulschlamm, daß die einzelnen Bestandteile sich oft darin außer- ordentlich gut konservieren. Man könnte vergleichs- weise von einer Konservenbüchse sprechen. Wenn man alten F'aulschlamm unter dem Mikroskop be- trachtet, so kann man unter den figurierten Be- standteilen solche finden , die man für lebend halten möchte, auch wenn viele Jahrtausende seit der Entstehung eines solchen Faulschlammes ver- strichen sind. Diese Eigentümlichkeit des Faul- schlammes hat seinerzeit Ehrenberg, den be- kannten Berliner Biologen, verführt, zu glauben, daß die Bazillarien (mikroskopische Algen, die einen Kieselpanzer besitzen, Fig. 3), die er in einem Faulschlammgestein fand, noch lebten. Er sagt, es sei der Gedanke zwar weitliegeiid, anzu- nehmen, daß Berlin zum Teil auf lebenden Wesen aufgebaut sei, aber jeder Biologe werde zugeben, daß kein anderer Schluß zu ziehen sei. Es sei erwähnt, daß Chlorophyll in altem Faulschlamm sich noch erhalten zeigen kann. Man kann unter dem Mikroskop oft die Chlorophyllkörper (jene gefärbten Körper, die die grüne Farbe bedingen) erkennen und doch soll Chlorophyll eine sehr leicht zersetzliche Verbindung sein. Ich komme nun zur terrestrischen Auto- chthonie. Um ein Paradigma zu bringen, seien die 3 Bilder Fig. 4, 5 und 6 vorgeführt. Man sieht Fig. 4. ll.nrii.urht 1h die zum Teil im .Scilla ' liil'lli-iii Im'i r.rilii, 1„ I -,. 1,1 i,„,ln-r,,i W., ,,.,,(, m,| W ■,.,, ., i I ,iul„ lil.uiiin Cestein 1 steckenden Wasserpflanzen sind meist die Wasseralue (Stratioles aluides), Fro.^cliliili (Uydrochari? morsus ranae) u. a. — R = Köhricht, dahinter beginnender Erlenbrucli. Xatiirwisscnschaftliche Wochenschrift. N. F. 1\'. Nr. Fig. Erlcnbruch aus dem Grunewald bei Berlin. Fig. 6. Hochmoor aus Südsclnvcden wesintlu li mit Heide bestanden (Calluna vulgaris und Erica Tetralix). Bei großen Hochmooren entstehen Rinnsale (RüUen), die die überschüssigen Regenwässer zum Rande führen. In Vertiefungen wie den „Schlenlten" und Tümpeln sammelt sich Wasser. N. F. IV. Nr. I Naturwissenscliaftliche Wochenschrift. in Fig. 4 ein Stück einer Havelbucht und zwar bei Schildhorn zu einer Zeit abgebildet, als gerade bei ausnahmsweise niedrigem Wasserstand das schlammige Faulschlammgestein an der Oberfläche sichtbar war. Ich bemerke, daß ich ausdrücklich Faulschlammgestein sage, weil es sich in diesem Fall nicht um reinen Faulschlamm handelt, dem vielmehr Kalk, Ton und Sand beigemengt ist. Das Wasser ist halb stagnierend, so daß schließ- lich ein vollständiges Zuwachsen desselben statt- findet. Wir haben in Norddeutschland Seen, die soweit mit Faulschlammgestein erfüllt sind, daß letztgenannten Moore Hochmoore, weil sie uhr- glasartig gewölbt , in ihrer Mitte höher als am Rande sind. In der geschilderten Reihenfolge kann die Entwicklung vor sich gehen, aber ein Hochmoor z. B. vermag auch auf Sandboden zu entstehen : wenn er nur bei hinreichender Luftfeuchtigkeit unfruchtbar (ausgelaugt) ist. Das in Fig. 7 dar- gestellte Hochmoor ist durch Vermoorung eines Waldes mit Sandboden hervorgegangen ; die Baum- stubben sind als Reste des Waldes noch im Liegen- den des Torflagers vorhanden. " Im mmmtmr "**^ tum ^^^iV :kl Fig. 7. Torfbruch östl. fam Rande) des großen Moores unweit Widdernhausen in der Lüneburger Heide. (Nach einer SUizz.^ des Verfassers gez. von G. Hoffmann). T = Torfwand ; die obere Begrenzungslinie nacli dem Rande des Moores zu ab- fallend. — B = Boden des ab-'etorften Teiles mit Baumstuliben. sie nicht mehr mit Booten befahren werden können. Wenn die Anhäufung eine so beträcht- liche geworden ist, daß nun auch wasserliebende Landpflanzen (Sumpfpflanzen) das Faulschlammge- stein als Boden benutzen und so gedeihen können, so schieben sich diese Landpflanzen, unter denen die Röhrichtpflanzen (wie Schilf, Schachtelhalme usw.) eine hervorragende Rolle spielen, vor und bringen den See nach und nach zur vollständigen Verlandung. Ist der Boden dadurch allmählich weit genug vorbereitet , d. h. nur einigermaßen tragfähig, zu einer „Schwingwiese" geworden, auf der man leidlich gehen kann, so siedeln sich Bäume an; wir haben dann das, was man bei uns als Brücher bezeichnet, wovon das nächste Bild (Fig. 5), ein Erlenbruch aus dem Grunewald bei Berlin, eine Vorstellung gibt. Sowie nun diese Brücher alt genug sind, d. h. die Torfanhäufung eine ziemlich beträchtliche ge- worden ist, etwa so, daß Wasser von außen nicht mehr hinein zu dringen vermag, dann ändern sich die Bedingungen für das Pflanzenwachstum ganz wesentlich. Es ist nicht mehr die reichliche Nahrung vorhanden, so daß jetzt nur noch Pflanzen zu gedeihen vermögen, die mit bedeutend weniger Nährstoffen auskommen, und die Brücher, bei uns die Erlenbrücher und Birkenbrücher, gehen zugrunde, um allmählich einer neuen Vegetation Platz zu machen, die in Fig. 6 zur Darstellung gelangt ist. Im Gegensatz zu den Flachmooren (Sumpfmoore und Brücher), so genannt wegen der flachen Ausbreitung der Oberfläche, heißen die Ich gehe nun auf die fossilen Ge.steine ein, zunächst auf die fossilen Faulschlammgesteine. Zu diesen gehört das Dysodil (= übelriechend, wegen des Geruchs beim Ver- brennen) aus der Tertiär- formation. Es ist dies ein Gestein, das gewöhn- lich blättrig ist, ebenso wie festwerdender älterer rezenter Faulschwamm, der dann Lebertorf heißt. Mit dem Streich- holz entzündet, brennen beide mit leuchtender Flamme. Es werden aus dem Dysodil Öle herge- stellt, die stark an Petrolea erinnern. Gehen wir zur Steinkohlenformation zurück, so haben wir „F a u 1 k o h 1 e n", wie die Cannelkohle (vom engl, candle , die Kerze), die hierher gehört. Im Ha- bitus sieht sie oft genau so aus wie Dysodil oder ge- trockneter F'aulschlamm, sie ist ein sehr hartes Gestein. Untersuchen wir Fig. 8. Ein Stück von Chara fragilis in nat. Gr. (Nach Schenck in Stras- burger etc. Lehrb. d. Bot.) 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. 1'". l\\ Nr. I Dysodil oder Cannelkohle oder Faulkohlengestein überhaupt miskroskopisch, so sehen wir im Prinzip genau dieselben figurierten Bestandteile wie im Faulschlamm: die kleinen Algen, die kleinen Wassertierreste, auch Fischreste usw., nur mit dem Unterschiede, daß es sich um andere Arten handelt. Von den Faulschlammgesteinen sind besonders drei bemerkenswert; es sind das die Faulschlamm- kalke, die Kieselgure und gewisse Schlick- arten. Wir kennen eine Anzahl Pflanzen, die den Kalk, der sich im Wasser in Lösung befindet, als Skelettmaterial zu ihrem Aufbau, zu ihrem Halt benutzen. Sie schlagen den Kalk in sich nieder, wie gewisse Algen (Characeen, Fig. 8), die von den Landwirten gelegentlich herausgezogen als Kalk-Düngemittel verwendet werden. Andere Pflanzen, die dieses Kalkmaterial nicht zum Skelett- aufbau in sich niederschlagen, bedingen aber doch einen Kalkniederschlag dadurch , daß sie dem Wasser Kohlendioxyd zu ihrer Ernährung ent- nehmen. Solches kohlendioxydhaltiges Wasser löst Kalk besonders reichlich auf. Entziehen wir dem Wasser das Kohlendioxyd, so schlägt sich Kalk nieder. Wir erhalten durch die angedeuteten Vorgänge Kalkfaulschwamm , wie er z. B. beim Bau des Teltowkanals reichlich gefunden wurde. Diese Kalkfaulschlamme oder bei reichlicherem Vorhandensein von Kalk ,, Faulschlammkalke" sind zunächst ebenso schlammig wie sonst Faulschlamm- gesteine; erst in hohem Alter oder beim Trocknen an der Luft gewinnen sie feste Konsistenz. Wenn wir nach fossilen Gesteinen, die den kalkigen Faulschlammen entsprechen, suchen, so liegt es nahe, die „bituminösen Kalke", die zahlreich in allen geologischen Formationen ver- breitet sind, heranzuziehen. Wenn man einen solchen Kalk anschlägt, so bemerkt man oft den bituminösen Geruch („Stinkkalk"). Das Bitumen ist allermeist ab ovo darin, nicht nachträglich hineingeraten. Letzteres ist ebenso wenig der Fall wie bei den rezenten Faulschlammkalken. Ich komme zu den Kieselguren. Sie sind eine besondere Art der Faulschlammgesteine, entstanden in Gewässern, die besonders viel Kieselsäure oder besonders wenig oder gar keine Kalke in Lösung enthielten, so daß darin Kieselalgen an Stelle von Kalkalgen besonders reichlich zu leben imstande waren. Die Panzer der Kieselalgen haben sich mit den anderen Pflanzen und den abgestorbenen Tieren (Crustaceen und dergl.) auf den Boden ge- senkt und sind zu einem Gestein geworden, das nun natürlich besonders reich an Kieselsäure in der Form von Kieselpanzern ist. Kieselgur- ablagerungen bestehen nicht ausschließlich aus Kieselpanzern. Es haben in dem Wasser nicht nur Kieselalgen gelebt; die Kieselgur muß denn auch erst für die Technik brauchbar gemacht werden: sie wird gebrannt. Man schüttet sie zu- sammen wie in einem Meiler und dann brennt sie flott wie Holzkohle und bildet das Material, das in den Handel gelangt. Verhältnismäßig reine Kieselgure kommen in der Natur nur dort vor. wo eine nachträgliche Zersetzung und Auslaugung stattgefunden hat. Wo mit der Bildung von Faulschlamm (der durch „autochthone Sedimentierung" zustande kommt) gleichzeitig eine allochthone Sedimen- tierung stattgefunden hat, z. B. von Ton, der sich an den ruhigsten Stellen von Gewässern absetzt, die gerade der Faulschlammbildung günstig sind, da haben wir einen Tonfaulschlamm oder F'aul- schlammton, wohin gewisse Schlicke gehören. Wir wollen uns nun fragen: wie sind denn die eigentlichen Steinkohlen entstanden? Die Stein- kohlen, die übrigens nicht allein in der Steinkohlen- formation vorkommen, sondern auch in anderen Formationen, sind Glanzkohlen. Die Faulkohlen und der getrocknete Faulschlamm sind matte Ge- steine. Steinkohlenlager, die unten aus einer Lage Mattkohle und oben aus einer Lage Glanz- kohle bestehen, entsprechen dem Paradigma, das ich vorgeführt habe. In solchen Fällen wurde zuerst Faulschlamm erzeugt und darüber, der terrestischenBildung entsprechend, Torf. Es handelte sich demnach um ein Wasser, das zunächst durch Faulschlamm erfüllt wurde und dann verlandet ist. Sehen wir uns die Pflanzen näher an, die in den Mooren wachsen, im Vergleich zu denjenigen, die wir aus der Steinkohlenformation kennen, so würde besonders darauf aufmerksam zu machen sein, daß die Moorbäume horizontal verlaufende Wurzeln besitzen, weil sie erstens das Wasser nicht in der Tiefe zu suchen brauchen und zweitens auch in größerer Tiefe eines dichten Bodens nicht atmen könnten. Daß auch die Bäume der Stein- kohlenformation horizontal ausgebreitete unter- irdische Organe aufweisen, zeigt sehr schön das in Fig. 9 abgebildete Fossil. Es ist ein großer Baumstumpf der Steinkohlenformation, dessen unter- irdische Teile absolut horizontal ausgebreitet sind. Diese Ausbildungsweise hat auch einen statischen Vorteil insofern, als die großen schweren Pflanzen, die in dem schlüpfrigen Boden wachsen, naturgemäß einen besseren Halt finden, wenn sie unten weit ausladen. Charakteristisch ist ferner der Etagenbau. Schilf- stengel zeigen oft an den übereinander liegenden Knoten, den verschiedenen Etagen, Wurzeln. Dieser Etagenbau ist vielen Moorpflanzen eigentümlich. Es ist klar, daß eine Pflanze, die bei einer ge- ringen Einbettung ihrer unteren Partie, ihres Wurzel- fußes, schon zugrunde geht, in Mooren dauernd nicht wachsen kann. Wenn wir einen Baum wie eine Linde, eine Eiche, einen Ahorn oder dergl., auch eine Kiefer mit Erde einschütten und so den Fuß des Baumes von der Luft abschließen, so stirbt der Baum ab. Deshalb werden kostbare Bäume, wie die Bittschriftenlinde vor dem Schloß in Potsdam , bei etwaigen Straßenerhöhungen um- mauert, so daß die Luft hinzu kann. Die Pflanzen aber, die unbekümmert nach teilweiser Einbettung in der passenden neuen Höhe wieder Wurzeln zu bilden imstande sind, wachsen weiter. Der Etagenbau ist nun auch bei den Stein- N. F. IV. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Fig. 9. Stammslumpf eines Lepidopliyten-Baumes aus der Steinkohlenformation, aufgestellt im Lichthof der Kgl. Geologische Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin. Fig. 10. Blick 111 iiiic Hiauiikohlcngrube (Tagebau) bei Gr. -Raschen im Senftenberger Revier. B = Boden des abgebauten Teiles des Kohlenlagers, das bei K im Profil als Wand ansteht. D = Decke des Lagers aus Sand und Ton. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 1 kohlenpflanzen beobachtet worden. Es sind unter diesen Baumfarne gefunden, welche Wurzeln zeigen zuerst in einer unteren Region, dann in einer höheren Region und so fort: ein Hinweis darauf, daß Steinkohlenpflanzen wie die heutigen Moor- pflanzen sich nachträglichen Anhöhungen anzu- passen wußten. Schließlich sei noch auf die Tatsache aufmerk- sam gemacht, daß viele Pflanzen der Steinkohlen- formation stammbürtige Blüten besitzen, d. h. Blüten, die dem Stamm ansitzen, und das ist charakteristisch für unseren heutigen tropischen Regenwald. Es steht dies wohl in Beziehung zu den Regenmengen, die ja auch in Moorgegenden besonders reichlich sind. Die Blüten werden durch den Regen sehr leicht geschädigt, so daß es vorteil- haft ist, wenn die Fortpflanzungsorgane in Re- gionen der Pflanze angebracht werden, in denen die Krone als Schirm einen Schutz gewährt. Sehr oft kann man nachweisen, daß unter- irdische Teile von fossilen Pflanzen sich noch in dem Boden befinden, in dem sie einst lebten. Im Liegenden von Steinkohlenlagern findet sich meist ein Gestein, das die Engländer als underclay (Unterton) bezeichnen; es ist der Boden, der die Wurzeln und die unterirdischen Organe der Pflanzen enthält, die die Moorbildung eingeleitet haben. Wenn man solchen Unterton gemäß den Schich- tungsflächen durchschlägt, so sieht man horizontal verlaufende Stücke, die von dem unterirdischen Horizontalorgan, das die Paläobotaniker Stigmarie nennen, herstammen. Davon gehen radial nach allen Seiten ausstrahlende zylindrische, schwächere aber lange Organe aus, die beweisen, daß die Stigmarie in diesem selben Gestein, als es noch nicht verfestigt war, gewachsen ist. Nun könnte man allerdings einwenden, die radial-ausstrahlenden Organe, die „Appendices", könnten ja stachelig gewesen sein. Das würde aber dem widersprechen , was wir von dem Häcksel wissen. Sie würden beim Transport ab- gebrochen worden sein. Aber schon der anato- mische Bau der Appendices, den wir genau kennen, macht es unmöglich, daß dieselben heute noch strahlig von dem Hauptkörper aus- gehend das Gestein durchziehen könnten, wenn die Stigmarie eingeschwemmt worden wäre. Wenn man sich das Objekt lebend vorstellen wollte und aus dem Boden herausgezogen, so müßten die Anhängsel (Appendices) herunter- hängen wie nasse Lappen, da sie anatomisch keinerlei feste Gewebe aufweisen, die ihnen Halt zu verleihen vermöchten. Es ist das ein un- widerleglicher Beweis dafür, daß die Stigmarien des so gewöhnlichen Underclays auch wirklich in dem Schieferton, in dem wir die Stigmarien finden, gelebt haben. Underclays finden sich ge- wöhnlich unter Steinkohlenlagern als Hinweis darauf, daß wir es hier mit Moorbildungen zu tun haben, die an Ort und Stelle aus Wäldern hervorgegangen sind, eine Erscheinung, die wir aucli heute vor sich gehen sehen, wie das unsere Abb. 7 veranschaulicht. Solche Waldböden, die noch mit Stammstümpfen besetzt sind , sind wiederholt sowohl in der Steinkohlen- als auch in der Braunkohlenformation beobachtet worden. In Whiteinch bei Glasgow ist ein solcher Boden, der erstgenannten Formation angehörig, als Natur- denkmal erhalten geblieben und im Senftenberger Revier kommen bei Abbau der Braunkohle impo- nierende Flächen mit solchen Stümpfen zutage (Fig. lo). In beiden Formationen waren es Wald- moore, die während der ganzen Dauer der Humusbildung bewaldet geblieben sind (Fig. 1 1 u. 12). Wie in Torfmooren Wasserströme gewisse Teile aufarbeiten und als „Häckseltorf" („Schlämm- torf") wieder absetzen können, oder frische Pflanzen- materialien transformiert, abgelagert werden und Humuslagererzeugenkönnen, so ist auch gelegentlich in Braunkohlen eine Häckselkohlenbildung zu be- obachten und kommt gewiß auch in der Stein- kohlenformation vor. Unter Umständen zerfällt diese Kohle beim Anbruch durch die Hacke so- fort in die einzelnen Häckselbestandteile und rieselt hinab („Rieselkohle" der niederrheinischen Bergleute). Es würde für uns nun noch die Frage übrig bleiben: sind die Steinkohlenlager fossile Flach- moore oder fossile Hochmoore ? Es sind die fossilen Steinkohlenmoore nach allem, was wir wissen, als fossile Flachmoore zu denken, mit den Erlen- und Birkenbrüchern zu vergleichen oder den viele Quadratmeilen großen Mooren des südlichen Nordamerika, den Cypressensümpfen. Mit diesen Mooren sind die Steinkohlenmoore, wenn man aus der Jetztzeit einen Vergleich sucht, in Parallele zu stellen. Erstens nämlich finden wir in den Steinkohlenlagern, wenn auch selten, GeröUe. Wie kommen sie da hinein ? Wir kennen solche Gerolle heute in unseren Flachmooren, aber nicht in Hochmooren. Denken wir an den Spreewald (der der Typus eines Flachmoores ist) und zwar in seinem ursprüng- lichen Naturzustand, so wird man begreifen, daß durch die verschiedenen Spreearme, die hinein- treten, gelegentlich auch Bäume verflößt wurden und diese werden Geröll und Sand in ihren Wurzeln mitgeführt haben. Das ist eine Erschei- nung, die man in Urwaldgegenden noch beson- ders gut beobachten kann. Hier bei uns, wo der Schleier der Kultur.' alles dicht verhängt, ist die Natur freilich oft schwierig zu rekonstruieren. Sofern ein Moor am Rande des Meeres liegt, kann auch noch in anderer Weise Geröll hinein- geraten , nämlich durch Pflanzen des Meeres. Nehmen wir an, daß ein solches Moor vom Meere überflutet werde, so werden unter Um- ständen GeröUe besonders leicht durch Vermitt- lung von Tangen hinein transportiert werden können. Tange wachsen nicht auf losem Grund und Boden, sondern nur auf festem Gestein. Sind es Geschiebe, die den Boden bilden, so können die Tange durch ihr geringes spezifisches Ge- N. F. IV. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. wicht empostrebend und -wachsend immer größere Lasten tragen und schließlich den Stein, auf dem sie gewachsen sind, emporziehen und so die Ver- anlassung werden, daß der Stein durch Wellen und Fluten bewegt an den Strand geworfen wird. Dieser Gesteinstransport aus der Tiefe durch Ver- mittlung von Tangen ist besonders schön und reich u. a. auf Helgoland zu beobachten, wo eine Unzahl von Geschieben umherliegen, denen die Algen noch anhängen (Fig. 13). Würde am Strand ein Marschmoor sein, so würden die Ge- rolle hineingeschwemmt werden können. Auch das Vorkommen von Eisen- und Dolomitminera- lien in den Steinkohlenlagern spricht für ihre Flachmoornatur. Naturgemäß können wir reich- lichere Eisenmengen nur dort beobachten, wo mineralische Zuflüsse stattgefunden haben. Das ist nur in Flachmooren möglich, nicht in Hoch- mooren, denn aus den Hochmooren fließt Wasser heraus, keines hinein : es wird eher ausgelaugt. Wir haben keine Eisenmineralien in Hochmooren, wohl aber vielfach in Flachmooren. Endlich sprechen die großen Pflanzenformen, die die Stein- kohlenflora auszeichnen, für Flachmoorbildungen. Große Bäume wachsen im Hochmoor nicht; hier sind kleinere Pflanzen zu finden wegen der geringen Nahrung, die vorhanden ist. Es ist ein hervorstechender Charakter der Hochmoore, daß sie kleine Pflanzen tragen im Gegensatz zu den Machmooren, die großen Bäumen, wie Cypressen (Taxodien) oder bei uns Erlen günstige Bedin- gungen gewähren. Auch Röhrichte sind in der Fig. II. Waldmoor der mittleren Steinkohlenformation. In der Mitte Calaraariaceen-Röhricht. (Nach einem vom Verfasser angegebenen, von Herrn Maler Krohse (f) ausgeführten Gemälde im Museum für Naturkunde zu Berlin.) Flg. 12. Waldmoor der mittleren Braunkohlenformation. Der große Waldbestand links ist ein Sumpf-Cypressen^Ta.Kodium- Bestand. (Im übrigen wie Fig. 10.) Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. I\'. Nr. I Steinkohlenformation vorhanden, wie Calamaria- ceen, deren Reste sich namentlich im Sandstein sehr häufig finden und unseren Schachtelhalm- röhrichten unter unseren Sumpfpflanzen ent- sprechen. Röhrichtböden sind fossil oft zu sehen, insbesondere in der Braunkohlenformation als Boden der Kohlenlager in genau der gleichen Ausbildung wie Röhrichtböden unter jungen Torfen. Wir haben dann unterirdische, horizon- tal verlaufende Stengelorgane (Rhizome), die nach abwärts parallel zueinander die Wurzeln aussenden. Diese Erscheinung ist charakteristisch zur Erken- nung, daß die Moorbildung durch die Röhricht- formation eingeleitet worden ist. Das ist oft zu beobachten und weist darauf hin, daß in solchen Fällen das darauffolgende Lager ein Flachmoor selben Stelle gebildet wurden, wo auch die Pflanzen, die sie gebildet haben, gewachsen sind. Fig. 13. Tang (eine Laminarie) an den Strand von Helgoland geworfen mit dem noch anhaftendem Geschiebe aus dem Meeresgrunde. gewesen sein muß, da aus Röhrichten gern Moore werden und zwar dann Flachmoore. Dann ist schließlich noch zu erwähnen, daß wir in den Gesteinen zwischen den Steinkohlen- lagern gelegentlich Tiere finden, auch Meerestiere. Es ist das z. B. beobachtet in England, in Ober- schlesien, in Westfalen. Das entspricht ganz und gar dem, was wir von den Strandmooren her kennen , die gelegentlich einem Meerwasserein- bruch ausgesetzt sind, der Sedimente und Tiere als Bedeckung des Moores herbeiführt. Zusammenfassend wäre zu sagen: Ebenso wie heute die ganz überwiegende Menge von Humuslagern autochthon ist, war es auch in der geologischen Vor- zeit die Norm, daß solche Lager an der- Wie wird sich einst die Technik helfen, wenn einmal keine Steinkohlen mehr vorhanden sind.? Vorsichtig mit den in einer berechenbaren Zeit vollständig abgebauten Kohlen umgehen und rechtzeitig an Ersatz denken, das muß die Devise desjenigen sein, dem die Zukunft der Industrie am Herzen liegt. Nun, der gegebene Ersatz sind unsere Torfe, und es ist sehr die Frage, wo — für den in die Zukunft Schauenden — der größere national- ökonomische Vorteil erblickt wird : ob in der Ur- barmachung d. h. in der Vernichtung aller Moore oder in ihrer Erhaltung. Es sei hinzugefügt, daß durch die mit der Beseitigung der Moore ver- bundene Entwässerung auch meteorologische Ver- änderungen verknüpft sind, die für die Kultur der anliegenden Ländereien von Bedeutung sein können. Auf der Leeseite großer Moore ist ein reichlicherer Niederschlag vorhanden , der sich mit der Ent- wässerung verringert. Für den Einzelnen bedeutet allerdings ein in Kultur genommenes Moor Land- erwerb, für das Ganze aber ist jedes vernichtete Moor wahrscheinlich eine Schädigung; es ist dies freilich noch genauer zu untersuchen, jedoch dringend an der Zeit, daß dies geschehe. Jedes Stückchen Stein- und Braunkohle, das die Technik verwendet, bedeutet ein Zehren an einer aufge- speicherten Kraft. Vergleichen wir einmal die Technik mit einem lebenden Organismus. Ein Lebewesen zehrt von der in ihm aufgespeicherten Kraft, allein es er- setzt dieselbe durch Nahrungsaufnahme. Die Technik aber verbraucht nur die vorhandenen Vorräte und kümmert sich nicht um den einmal notwendig werdenden Ersatz. Die stetige d. h. gesunde Weiterentwicklung der Technik kann nur statthaben, wenn der von ihr kategorisch verlangte Kraftspeicher schier unerschöpflich ist, und ein solcher Speicher ist nicht durch die abgestorbenen fossilen Stein- und Braunkohlen gegeben, sondern durch den sich ständig verjüngenden, wachsenden Torf: so lange wachsend, wie die Sonne noch ihr Licht und ihre Wärme spendet! Kleinere Mitteilungen. Das Entartungsproblem in Grofsbritannien. — Zur Durchführung von Erhebungen über die angebliche Entartung der Bevölkerung Groß- britanniens wurde im Jahre 1903 von der Regie- rung dieses Landes eine Kommission eingesetzt, deren umfassender Bericht kürzlich veröffentlicht wurde.^j Die darin mitgeteilten Messungsresultate ') Report of thc Inter-Departmental Cpmmittcc on Physi- cal Detcrioration. London 1904. (3 Bande.) der Rekrutierungsbehörden für Militär, Marine, Polizei usw., welche allerdings nur für verhältnis- mäßig kurze Beobachtungsperioden vorhanden sind, scheinen in keiner Weise die Annahme der Entartung des britischen Volkes im allgemeinen zu rechtfertigen. Wenn beispielsweise das Ver- hältnis der zum Militärdienst Untauglichen etwas gestiegen ist , so kommt darin nur die Tatsache zum Ausdruck, daß jetzt ein großer Teil der Re- kruten niedrigeren Gesellschaftsschichten entstammt als vor einigen Jahrzehnten. Im untersten Stratum der Gesellschaft ist jedoch die Anzahl der Schwäch- N. F. IV. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. lino-e und Unfähigen von jeher eine relativ große crewesen; ob diese proportioneil zu- oder abnimmt, kann aus dem vorhandenen Material nicht be- urteilt werden.^) Die gesteigerte oder verminderte Fähigkeit des Widerstandes gegen auftretende Krankheiten bildet ebenfalls einen wichtigen An- haltspunkt, von welchem aus auf die physische Entwicklung einer Bevölkerung Schlüsse gezogen werden können. Die Statistik beweist nun, daß in den letzten 6o oder 70 Jahren die Sterblich- keitsrate sank, und zwar von 24,8 ini840 — 50 auf 20,5 in 1881 — 1890 und 15,2 in 1903. Aller- dings ist die Widerstandsfähigkeit in jenen Distrikten, welche vorwiegend von armen Bevölkerungs- schichten bewohnt werden, in allen Perioden eine geringere gewesen als dort, wo die besser situier- ten Klassen ansässig sind. Es kann aber nicht übersehen werden , daß gewisse Krankheiten in der Gegenwart weit mehr einen zerstörenden Einfluß ausüben, als ehedem. Besonders sind dies die durch unzweckmäßige Erziehung erwachsenden Leiden, wie Rückgrats- verkrümmungen, Sehschwäche, Karies der Zähne usw. Der Alkoholismus und seine Folgeerschei- nungen treten ebenfalls stärker hervor, gleichwie eine Zunahme der Geisteskrankheiten ohne Zweifel festgestellt ist. Die erwähnte Kommission , welche zahlreiche Gelehrte, namentlich Mediziner, Soziologen, Stati- stiker etc. vernahm, kommt zu dem Schluß, daß die auftretenden Entartungserscheinungen haupt- sächlich durch Einflüsse wirtschaftlicher Natur be- dingt sind und als ungünstige Rückwirkungen der Zivilisation auf den natürlichen Entwicklungs- prozeß betrachtet werden müssen, die zu beheben das Interesse des britischen Volkes heischt. Zum Zwecke der Erlangung einwandfreier Daten wird die Errichtung eines anthropometrischcn Zentralbureaus vorgeschlagen. Ein solches Institut würde ohne Zweifel der Wissenschaft gute Dienste zu leisten vermögen, wenn es tatsächlich zustande kommt. Es werden auch eine Reihe von Maßregeln, besonders zum Sciiutze der Kinder und der Mütter empfohlen, ferner körperliche Übungen für die heranwachsende weibliche Jugend, die Einschränkung des Genusses alkoholischer Getränke und manches andere mehr, um vor allem der Degeneration gewisser Schichten der Industriebevölkerung entgegenzutreten. Ein sol- cher Schutz kann nicht als den Prinzipien der natürlichen Auslese entgegenwirkend angesehen werden, weil sich unter den jetzt gegebenen \'er- hältnissen der Kampf ums Dasein für die betreffen- den Klassen bedeutend schwieriger gestaltet, als für den Rest der Bevölkerung. Wenn diesem Gegenstande weitere Aufmerk- samkeit zugewendet wird, so wäre es von beson- derem Interesse, auch der vermuteten Abnahme des nordischen Elements unter der Einwohner- schaft Großbritanniens Beachtung zu schenken. welche teils durch Abwanderung, teils durch Vor- herrschen einer ungünstigen Richtung der Auslese erfolgen soll. Mit dem Gegenstand hat sich die letzte Tagung der British Association for the Advancement of Science befaßt; doch kann hier nur die fortlaufende und planmäßige Sammlung anthropometrischcn Materials zu befriedigenden Resultaten führen. Fehlinger. Das Auftreten der Segelqualle im Indi- schen Ozean. — Eine im Roten Meere, an den Küsten Indiens, Ceylons und der malayischen Halbinsel häufige Erscheinung aus der marinen Tierwelt ist eine Segelqualle aus der Gattung Porpita. Wie Nelson Annandale in Nature mitteilt, ähnelt die genannte Spezies, wenn man sie vom Deck eines Dampfers aus betrachtet, etwa einer Scheibe aus Elfenbein , da dann von der ganzen Tierkolonie nur der oben befindliche scheibenförmige Abschnitt zu erkennen ist. Aus der Nähe gesehen zeigt der Hauptteil ihres Kör- pers einen prachtvollen , ins Graue spielenden Metallglanz; umgeben ist sie von einem Kranze azurblauer Fangarme, deren Spitzen grün gefärbt sind. Schon dem alten Thomas Stevens scheint es im Jahre 1579 aufgefallen zu sein, daß in den indischen Gewässern die Anwesenheit der Porpita als ein Zeichen für die Nähe des Landes gelten kann. Während der Zeit aber, in der die Monsun- winde wehen, scheint die in Rede stehende' Qualle zu verschwinden, wenigstens ist sie zu dieser Zeit an der Meeresoberfläche niemals sichtbar. Da ihr aber das Vermögen , in die Tiefe zu tauchen, ebenso abgeht wie die Fähigkeit, selbständig eine bestimmte Richtung einzuschlagen , so ist anzu- nehmen , daß eine /'('/-//Arkolonie einen nur ein jährigen Bestand hat. Darauf deutet auch eine Beobachtung hin, die Annandale an einem Punkte der indischen Küste, die dem .Anpralle des Monsun- windes in hohem Maße ausgesetzt ist, angestellt hat. Dort fand sich am Strande liegend bald nach dem Eintritt des Monsunwindes eine ungeheuere Menge von Porpita(\\xs\\cn, die dem Tode anheim- gefallen waren. Andere Röhrenquallen [Siphono- pIioren\ waren dem gleichen Schicksale verfallen. Ahnliche Beobachtungen sind übrigens auch an der im Mittelmeere heimischen Segelqualle ( Velleld) und an einer entsprechenden Spezies von der Küste Floridas angestellt worden. W. Seh. ') Report, volume 3, pag. \^. Tabellarische Reiseberichte nach den meteo- rologischen Schiffstagebüchern sollen von jetzt ab alljährlich seitens der Deutschen Seewarte ver- öffentlicht werden. Der eben erschienene erste Band dieser neuen Publikation umfaßt die Ein- gänge des Jahres 1903 und bringt ganz kurze Ausweise über sämtliche Reisen deutscher Schiffe, die mit der Seewarte in Verbindung stehen. Da- durch ist es jedem, der irgend eine Untersuchung auf dem Gebiete der maritimen Meteorologie und Ozeanographie beabsichtigt, ermöglicht festzustellen, wieviele das Wetter beobachtende deutsche Schiffe 14 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. I sich zu einer bestimmten Zeit in der in Frage kommenden Meeresgegend befunden haben. Außer- dem enthalten die kurzen Berichte die wichtigsten nautischen, meteorologischen und ozeanographi- schen Beobachtungen der Schiffe, namentlich über die Lage der Passatgrenzen, Passatstörungen, Stürme, Eis und Eisberge, starke Stromversetzungen, außergewöhnliche Sprünge der Wassertemperatur, Seebeben, Passatstaub und helle Meteore. Es ist mit Sicherheit zu hoffen, daß diese verdienstliche und gerade durch ihre Kürze besonders brauch- bare Verarbeitung des ungeheuren, jährlich bei der Seewarte einlaufenden Beobachtungsmaterials zu vielen interessanten Untersuchungen auch seitens solcher Gelehrten anregen wird , die bisher auf die Benutzung dieses wertvollen Materials aus äußeren Gründen verzichten mußten. F. Kbr. Akkumulation der Sonnenwärme in Flüssig- keiten. — Im Jahre 190 1 hat A. v. K alecsinsky einige Salzseen Ungarns untersucht, die sich da- durch auszeichnen , daß die Oberfläche derselben mit einer nicht sehr dicken Süßvvasserschicht be- deckt ist. Er hat gefunden, daß die Temperatur des Wassers an der Oberfläche wie bei allen an- deren Seen nahe mit der Lufttemperatur überein- stimmt, daß sie aber mit der Tiefe kontinuierlich zunimmt und bei Tiefen von etwa i — 2 m ein Maximum bis nahe 70" erreicht, um nach größeren Tiefen hin wieder allmählich abzunehmen. Diese merkwürdige Tatsache, daß sich zwischen zwei kälteren Wasserschichten längere Zeit eine mehrere Meter mächtige warme oder manchmal heiße Schicht befindet, läßt sich nicht durch die An- nahme von im See befindlichen Thermen oder eines Oxydationsprozesses von Pflanzenresten, bituminösen Stoffen usw. erklären, vielmehr mußte die Sonne als Quelle der beobachteten Wärme- mengen angesehen werden. Die Erscheinung, die das Vorhandensein einer dünnen Süßwasserschicht an der Oberfläche zur Vorbedingung hat, ist darauf zurückzuführen, daß das Wasser bis in Tiefen von einigen Metern von den Sonnenstrahlen erwärmt wird, daß die Temperatur an der Oberfläche aber infolge von Wärmeausgleich mit der bewegten Luft und infolge von Verdunstung nicht wesent- lich gesteigert wird, daß dagegen in den tieferen Schichten eine beträchtliche Anhäufung von Wärme möglich wird, weil die unteren Schichten auch trotz der Erwärmung noch ein größeres spezifisches Gewicht behalten als die oberen und eine Strö- mung deshalb ausgeschlossen ist, die im allge- meinen infolge der äußerst geringen Wärme- leitfähigkeit des Wassers fast ausschließlich den Wärmetransport vermittelt. Seit der Bekanntmachung dieser Beobachtungen haben sich noch mehrere ähnliche Fälle in den verschiedensten Gegenden nachweisen lassen, und im vorigen Jahre hat A. v. Kalecsinsky gezeigt, da(.^ eine solche Aufspeicherung von Sonnenwärme unter ähnlichen Verhältnissen außer in den be- kannten Salzseen auch in anderen Lösungen und Flüssigkeiten möglich ist, und zwar gelingt der Nachweis schon dann, wenn nur mäßig große Tonnen zur Aufnahme der Lösungen verwendet werden. In allen Fällen aber muß eine dünne Süßwasserschicht die Lösungen bedecken. Auch Süßwasser vermag als Akkumulator zu wirken, wenn es mit einer Schicht von Petroleum, Öl oder einer anderen leichteren Flüssigkeit mehrere Zenti- meter hoch bedeckt ist. A. Becker. Über Mikrophotographie mit ultraviolettem Licht berichtete A. Köhler (Jena) auf der Bres- lauer Naturforscherversammlung. Aus Abbe's theoretischen Untersuchungen folgt bekanntlich, daß die Grenzen der objektähnlichen Abbildung erreicht sind , wenn die Objektstrukturelemente auf kleine Vielfache oder gar Bruchteile der Wellenlänge des angewandten Lichts herabsinken. Eine Hinausschiebung jener Grenzen ist daher nur möglich, wenn die Wellenlänge des Lichts ver- kürzt wird, was, entsprechend der Formel l ^ — , n entweder durch eine Verringerung der Fortpflan- zungsgeschwindigkeit, oder durch eine Vergröße- rung der Schwingungszahl des angewandten Lichtes erreichbar ist. Solange man mit weißem Lichte arbeitete, dessen wirksamste Strahlen eine Schwin- gungszahl von 545 Billionen besitzen, war nur das erstgenannte Mittel anwendbar und in der Tat ist ja durch die in den Immersionssystemen verwirklichte Herabsetzung der F"ortpflanzungs- geschwindigkeit eine außerordentliche Erhöhung der auflösenden Kraft der modernen Mikroskope erzielt worden. Köhler hat nun das zweite Mittel, die Erhöhung der Schwingungszahl , dadurch zur Anwendung gebracht, daß er auf eine Abbildung mit Hilfe von sichtbaren Strahlen verzichtete und statt dessen das ultraviolette Licht eines zwischen Cadmium- oder Magnesiumelektroden überspringen- den P'unkens einer durch ein Induktorium geladenen Leydener Flasche in Anspruch nahm. Nachdem das Licht dieses Funkens durch eine Bergkristall- linse zerlegt ist, wird aus ihm eine Linie von der Wellenlänge 275 ///( (beim Cadmium) bzw. 280 //(/ (beim Magnesium) isoliert und in den optischen Apparat des Mikroskops geleitet, der natürlich nur aus Bergkristall bzw. geschmolzenem Quarz bestehen darf. Als Objektivträger kann auch eine neue, für ultraviolette Strahlen durchlässige Glas- sorte (U. V.-Glas) und als Einschlußmittel können Wasser, Kochsalzlösung, Glyzerin, eventuell mit Alkohol gemischt, oder auch Vaselinöl, nicht da- gegen Kanadabalsam oder ähnliche Harze benutzt werden. Das Auflösungsvermögen wird durch diese Anordnung im Vergleich mit einem idealen, gewöhnlichen Trockensystem um 150 "„ gesteigert, während eine homogene Immersion nur eine Steigerung von 30 — 40 "/„ ermöglicht. Bei der Kostspieligkeit der Quarzlinsen ist es wertvoll, daß von einer chromatischen Korrektion abgesehen werden kann, da ja das benutzte Licht mono- N. F. IV. Nr. I Naturw issenschaftliche Wochenschrift. 15 chromatisch ist. Zum Einstellen des Bildes dient ein als Sucher bezeichneter Hilfsapparat, bei dem das Bild auf fluoreszierendem Glase entworfen und dadurch dem durch eine Lupe beobachtenden Auge wahrnehmbar gemacht wird. Übrigens zeigte sich bei der Benutzung des Apparates noch der unerwartete Vorteil, daß zahl- reiche Stoffe, z. B. das Chromatin der Kerne, die verhornten Zellen der Epidermis, die P'asern der Kristallinse für die angewandte Lichtart fast völlig undurchlässig sind, so daß in den Präparaten ohne weiteres Differenzierungen wahrnehmbar werden, die man bisher nur durch künstliche Färbung deutlich machen konnte. Von pflanzlichen Ge- weben zeigten die Cuticula, der Kork und die verholzten Zellmembranen eine ähnliche Undurch- lässigkeit. Auch die starke Fluoreszenz mancher Gewebsbestandteile bei Beleuchtung mit ultra- violettem Licht ist eine interessante Erscheinung, die es möglich macht, auch bei direkter Beobach- tung durch gewöhnliche Objektive die neue Be- leuchtungsart nutzbar zu machen. F". Kbr. gebilde, VIIL Gallae halepenses, IX. Amylum, X. Von Pteridophyten und Thallophyten (Verf. sagt „Krypto- gamen") abstammende Drogen und XI. Strukturlose, dem Pflanzenreich entstammende Drogen. Bücherbesprechungen. Dr. Oskar Dähnhardt, Natur geschichtliche Volksmärchen. 2. verb. Aufl. mit Bildern von O. Schwindrazheim. B. G. Teubner in Leipzig 1904. — Preis geb. 2,40 Mk. Dähnhardt vereinigt in dem hübsch ausgestatteten, mit gut gezeichneten Bildern geschmückten Bande solche Märchen, die ihm besonders wertvoll er- schienen , um einen Blick in das innere Leben der Völker zu tun, denen dieselben entlehnt sind. ,,Es sind das Märchen , die eine Deutung geben wollen, warum eine Naturerscheinung entstanden oder warum sie gerade so entstanden ist, wie wir sie sehen. Man könnte sie naturforschende Märchen nennen." Ein eigener Zauber haucht aus denselben hervor; sie regen zum beschaulichen Nachdenken an. Dähnhardt bietet in seiner Zusammenstellung ein schönes Buch für Schule und Haus , das namentlich in der Hand der Jugend gute Wirkung tun wird. Dr. George Karsten, Prof. d. Bot. in Bonn, Lehr- buch der Pharmakognosie desPflanzen- reiches für Hochschulen und zum Selbstunter- richt. Mit Rücksicht auf das neue deutsche Arznei- buch bearbeitet. Mit 528 Abb. Gustav Fischer in Jena 1903. — Preis 7 Mk. Das vorliegende Buch ist ausgezeichnet, um einen nicht zu knappen, sondern — trotz des nur 320 Seiten umfassenden Umfanges — recht eingehenden Über- blick über die Pharmakognosie des Pflanzenreiches zu gewinnen. Die schönen, e.xakten Abbildungen im Verein mit dem verläßlichen Te.xt machen das Buch zu einem wertvollen Mittel in den Gegenstand einzu- dringen, den der Verfasser durch eigene Unter- suchungen und Nachuntersuchungen trefflich kennt. Verf. teilt sein Buch ein in L Wurzeldrogen, IL Achsen- drogen, III. Blattdrogen, IV. Blütendrogen, V. Früchte- und Samendrogen, VI. Kräuterdrogen, VII. Haar- T. H. Morgan, Die Entwicklung des Frosch- eies, eine Einleitung in die e.xperimen- teile Embryologie. Nach der 2 . englischen Auflage übersetzt von B. Solger. 296 S. mit 62 Te.xtfig. Leipzig (W. F.ngehnann) 1904. — Preis 6 Mk. Auf einem Gebiete, in welchem so viel gearbeitet wird, wie in der Embryologie und namentlich in der experimentellen Embryologie, sind Handbücher, welche den augenblicklichen Stand der Wissenschaft in klarer, übersichtlicher Weise wiedergeben , ein notwendiges Bedürfnis, zumal wenn es sich um ein Gebiet handelt, in welches sich auch der Forscher auf anderen Ge- bieten, der Lehrer und der Arzt notwendig einen allgemeinen Einblick verschaffen muß. Ganz unmög- lich ist es für den Nichtspezialisten und Anfänger ja, vielleicht auch für den Spezialisten , sich in den 443 Literaturnummern, die im vorliegenden Buche nicht nur aufgezählt , sondern zusammenfassend ver- arbeitet sind, ohne ein solches Hilfsmittel jeder- zeit zurecht zu finden. Gerade der Frosch ist von vielen E.xperimentatoren als Ausgangspunkt gewählt worden und wird auch weiter als solcher gewählt werden, da das Material überall leicht zu bekommen ist und experimentelle Eingriffe in den normalen Entwicklungsgang verhältnismäßig leicht zu machen sind. In dem vorliegenden Buche ist aber die Ent- wicklung des Frosches, das Hauptarbeitsfeld des Ver- fassers , keineswegs einseitig, sondern mit steter Be- rücksichtigung der Resultate bei anderen Amphibien und in einem gewissen jMaße auch aller anderen Tiere behandelt worden. Atich etwas abseits liegende Gebiete, wie Brutpflege der verschiedenen Frösche usw., sind in gebührender Weise berücksichtigt worden. Dahl. Dr. phil. et med. Friedrich Czapek, Prof der Botanik in Prag, Biochemie der Pflanzen. I. Bd. Gustav Fischer in [ena 1005. — Preis 14 Mk. Der vorliegende I. Bd. umfaßt 5S4 Seiten; das Gesamtwerk wird also umfangreich : es ist auf 2 Bände berechnet. Das ist gut so, denn gerade hinreichend ein- gehende, gewissenhaft zusanmiengestellte Kompendien und Handbücher über die verschiedensten Zweige der Naturwissenschaft zu verfassen , ist derzeitig bei der undurchdringbaren Fülle wissenschaftlicher oder besser gesagt typographischer Produktion ein ganz hervorragen- des Bedürfnis. Und das vorliegeude Nachschlagebuch ist eins von den nicht gar zu zahlreichen, die durch ihre sorgsame Bearbeitung großen Nutzen stiften werden. Des Verf. Hauptziel war: „Wie weit gelangt man in der Physiologie mit chemischen Methoden?" und dementsprechend ist denn die im folgenden ge- gebene Inhaltsübersicht — soweit sie die Haupt- abschnitte betrifft — zu verstehen. Aber, es sei ausdrücklich bemerkt , daß nun das Buch durchaus Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. I nicht nur denjenigen zu dienen imstande ist, die der bezeichneten Frage ihr Studium widmen, sondern daß es für all und jeden, der mit pflanzlicher Chemie oder mit dem Chemismus in der Pflanze zu tun hat, eine Fundgrube darstellt. Auf 19 Seiten gibt der Verf. zunächst eine histo- rische Einleitung und gliedert sodann seinen Stoff' in einen allgemeinen und einen speziellen Teil. Der erste beschäftigt sich mit dem Substrat der ehem. Vorgänge im lebenden Organismus und mit den ehem. Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus, der spez. Teil besjjricht das Reservefett der Samen, ihre Resorption bei der Keimung, die Fettbildung bei reifenden Samen und Früchten, Reservefett in Achsen- organen und Laubblättern, Fett als Reservestoft" bei Thallophyten , Moosen , Farnen , Pollenkörnern , die pflanzl. Lecithine, Phytosterine und vervv. Substanzen, die Produktion von Wachs, die pflanzl. Zuckerarten, den Kohlenhydratstoffwechsel der Pilze und von Samen usw. Es ist erstaunlich, welche Fülle von Material der Verf. verarbeitet hat. Literatur ist stets angegeben, so daß mit Zugrundelegung des Buches leicht für den nach Eingehenderem Verlangenden weiter zu finden ist. Literatur. Krehl, Prof. Dir. Dr. Ludf. : Pathologische Physiologie. Ein Lehrb. f. Studierende u. Arzte. 3. neubearb. Aufl. (XV'I, 620 S.) gr. 8». Leipzig '04, F. C. W. Vogel. — 15 Mk.; geb. 16,50 Mk. Kobelt, Dr. W. : Die geographische Verbreitung der Mollusken in dem paläarktischen Gebiet. [Aus: „Roßmäßler, Ikonogr. d. Land- u. Süßwasser-Mollusken".] (X, :7öS. m. 6 Kart.) Lex. S". Wiesbaden '04, C. W. Kreidel. — 18,60 Mk. Kohl, Prof. Dr. K. G. : Systematische Übersicht üb. die in d. botanischen Vorlesungen behandelten Pflanzen, z Gebrauch f. seine Zuhörer entworfen. 3. erweit. Aufl. (IV, 128 S.) kl. 8". Marburg '04, N. G. Elwert's Verl. — 1,50 Mk. Passarge, L. : Dalmatien u. Montenegro. Reise- u. Kultur- bilder. {VII, 341 S.) 8". Leipzig '04, B. Elischer Nachf. — 6 Mk. ; geb. in Leinw. 7 Mk. Briefkasten. Herrn B. L. in .Aachen. — Frage: Wie richtet man bei speziellem Interesse für Zoologie am besten sein Studium ein, und welche Aussichten hat ein Zoologe, als solcher eine Lebensstellung zu erlangen ? — Die Zahl der Zoolügen, welche in den Ländern mit deutscher Sprache eine Lebensstellung innehaben, ist keine übermäßig große. Sie finden alle im Zoologischen Anzeiger Bd. 26 (1903) S. 71S und Bd. 27 (1903—4) S. 47, 78, 110, 139, 174, 207, 269 298, und 334 verzeichnet. In Lebensstellungen befinden sich die ordentlichen Professoren, die meisten Direktoren und Kustoden und auch manche .■\ssistenten an den Museen, bio- logischen Stationen etc. Die Kustoden beziehen ein Gehalt, das etwa dem der Oberlehrer gleichkommt. — Wir dürfen freilich erwarten, daß die Zahl der Stellen sich in nächster Zeit eher vergrößern als verkleinern wird ; denn einerseits sind die Museen bei weitem nicht in hinreichender Weise mit Kustoden besetzt und andererseits liegt ein dringendes Be- dürfnis vor, Lehrstühle für die systematisch - ethologisch - tier- geographische Richtung an den Universitäten zu schaffen. Die jetzigen Dozenten sind fast ausschließlich Vertreter der ana- tomisch-physiologisch-embryologischen Richtung und können als solche natürlich das außerordentlich umfangreiche Gebiet der einheimischen Tierwelt, namentlich das der Insekten und Spinnentiere nicht in hinreichender Weise beherrschen , um ihre Schüler durch Exkursionen in ersprießlicher Weise in deren Kenntnis einführen zu können. — Immerhin wird auch im günstigsten Falle die Zahl der Zoologen eine recht be- schränkte bleiben und deshalb .ist es schon aus praktischen Gründen empfehlenswert, sich bei seinem Studium nicht auf das enge Gebiet der Zoologie oder der Zoologie, Botanik und Philosophie, wie es für eine Promotion gewählt zu wer- den pflegt, zu beschränken. Es gibt nun zwei gangbare Wege. Entweder man bereitet sich auf das medizinische Staatsexamen oder auf das Schulamtsexamen vor. Das Studium der Medi- zin erfordert 5 Jahre und auch das Studium der Naturwissen- schaften wird wohl selten in kürzerer Zeit abgeschlossen. Aber die Zeit ist in beiden Fällen auch in bezug auf das Spezialsludium keineswegs verloren. Ein etwas weiterer Aus- blick in die verwandten Gebiete ist dem SpeziaUtudium so- gar im höchsten Grade günstig. Beim Studium der Medizin ist es besonders die spezielle Kenntnis des Menschen in ana- tomisch-histologisch-physiologischer und auch in pathologischer Beziehung, beim Studium der Naturwissenschaften die umfang- reichere Ausbildung auf dem Gebiete der Botanik, Paläonto- logie , Chemie und in einem gewissen Umfange auch in der Physik und Mathematik , die dem Zoologen später immer wieder zugute kommt. Das Studium der Medizin gewährt außerdem den Vorteil, daß sich später stets Gelegenheit bietet, entweder als Schift'sarzt oder als Regierungsarzt in den Kolo- nien Reisen machen zu können. Zugunsten des Studiums der Naturwissenschaften dagegen könnte, falls zur -■Vusbildung der Lehrer an den Universitäten Lehrstühle der syslematisch- ethologisch - tiergeographischen Richtung geschaffen werden, vielleicht in Betracht kommen, daß die Vertreter dieser Rich- tung naturgemäß dem Kreise der Lehrer entnommen werden dürften. Dahl. Herrn E. in D. — Die von Haeckel als „biogenetisches Grundgesetz" zusammengefaßten Erscheinungen sind nicht zuerst von diesem, sondern von Fritz Müller in seinem Buch ,,Für Darwin" (1863, p. 74 u. folg.) in ihrer Bedeutung für die Deszendenztheorie erkannt und erläutert worden. Herrn Dr. A. in S. — Zum Bleichen von Torf, der an der Luft schwarz geworden ist, schlägt Lagerh eim (1902) eine 3 "/(, Oxalsäurelösung vor. Der Torf wird in einem gläsernen Ge- fäß mit wenigstens der doppelten Menge Säure Übergossen und an einen hellen Ort, am besten in die Sonne, gestellt. Nach kurzer Zeit ist die dunkle Farbe des Tortes verschwun- den. Wünscht man die Entfärbung noch weiter zu treiben, so wird das Material vorher einige Zeit mit einer Lösung von KMnOj behandelt, ehe es in die Oxalsäurelösung kommt. Vor dem Bleichen mittels Salpetersäure bietet die Oxalsäure- methode die Vorteile, daß die Fossilien nicht angegriflfen wer- den und daß keine schädlichen Dämpfe entwickelt werden. — Vor dem .auflösen von Kalk-Faulschlamm in Salzsäure emp- fiehlt es sich sehr, sie mit starkem Sprit zu durchtränken, da- mit das lästige Schäumen vermieden wird. Herrn W. E. in Hottenbach. — Sie finden die von Ihnen gewünschte Literatur angegeben in Detmcr ,,Das kleine pflanzenphysiol. Praktikum" (Gustav Fischer in Jena) und äußerst eingehend und vollständig in der größten Pflanzen- physiologic, die wir besitzen, in derjenigen von Pfefl'er (Wilhelm Engelmann in Leipzig). Herrn A. C. in Mährisch-Trübau. — Die Firma teilt uns mit, daß sie .Mikroskope für 25 Mark nicht mehr vorrätig hat. Inhalt: 11. l'otonie; Die Entstehung der Steinkohle. — Kleinere Mitteilungen: Fehlinger; Das Entartungsproblem in Großbritannien. — Nelson Annandale: Das Auttreten der Segelijuallc im Indischen Ozean. — Tabellarische Reiseberichte. — A. v. Kalecsinsky: Akkumulation der Sonnenwärme in Flüssigkeiten. — .\. Köhler: Mikro- photographie mit ultraviolettem Licht. • — Bücherbesprechungen: Dr. Oskar Dähnhardt: Naturgcschichtliche Volksmärchen. — Dr. George Karsten: Lehrbuch der Pharmakognosie des Pflanzenreiches. — T. H. Morgan: Die Entwicklung des Froscheies. — Dr. phil. et med. Friedrich Czapek: Biochemie der Pflanzen. — Literatur: Liste. — Briefkasten. Vcranlwoillichei- Redakteur: Piof. Di. H. Potonie, firofs-Lichlerfelde-West b. Berlin. Druck von Lipperl & Co. 'G. Piitz'sclie Buchdr.), Naumburg a. S. Einschliefslich der Zeitschrift ,,Die NatUr" (Halle a. S.) seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potonie und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Grofs-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Nene Folge IV. Band; der ganzen Reihe XX. Band. Sonntag, den 8. Januar 1905. Nr. 2. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Halbjahrspreis ist M. 4. — . Bringegeld bei der Post I =; Pfg. extra. Inserate : Die zweigespaltcne Petitzeile 50 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabalt. Beilagen nach Über- einkunft. Inseratenannahme durch Max Gelsdorf, Leipzig- Gohlis, Blumenstraße 46, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Neuere Beobachtungen über die Wurmkrankheit. Schon früher ist in dieser Zeitschrift über den Nematoden berichtet worden, welcher die Wurm- krankheit der Bergleute verursacht.^) Es ist be- kanntlich das Anky loste ma duodenale Dubini (Dochmius duodenalis Leuckart, Uncinaria duo- denalis Fröhlich 1789). In welcher großen Häufigkeit die Wurmkrank- heit in manchen Kohlenzechen auftrat, ist aus dem vor kurzem erschienenen Bericht des Knappschafts- ^iztes Dr. Dieminger in Merklinde in West- falen ersichtlich.-) Auf der Zeche Graf Schwerin bei Castrop wurde im Dezember 1902 die ganze Belegschaft durch mikroskopische Stuhlgangpräpa- rate auf das Vorhandensein der Würmer unter- sucht. Von den 1232 Grubenarbeitern wurde bei zwei Dritteilen, nämlich bei 8 14, das An- kylostoma gefunden. Von dem übrigen Drittel erwies sich bei einer einige Monate später statt- findenden zweiten Untersuchung auch noch ein großer Teil mit dem Wurm behaftet. Von Prof. r>i. Heinrich Ernst Ziegler in Jena. Alle Arbeiter, bei welchen der Wurm gefunden im ganzen 922 Mann — , mußten eine Ab- ') S. den .Artikel von Ernst Roehler (Jena) in Nr. 25 des dritten Jahrgangs der Naturw. Wochenschrift (20. März 1904). '^) Klinisches Jahrbuch, 12. Bd., 1904. treibungskur durchmachen ; meistens hatte diese Kur schon das erste Mal den Erfolg, die Leute von dem Wurm zu befreien, in manchen Fällen mußte die Kur aber zweimal oder mehrmals wiederholt werden. Die Familienangehörigen der Arbeiter wurden ebenfalls untersucht, aber es zeigte sich, daß diese fast ausnahmslos von dem Wurm frei sind. Unter 941 untersuchten Frauen und Kindern wurde nur eine Person, ein neunjähriger Knabe, infiziert be- funden; dieser war vermutlich dadurch zu dem Wurm gekommen, daß er Butterbrotreste gegessen hatte, welche der Vater aus der Grube zurück- gebracht hatte. Selbstverständlich ist die Frage vor allem wichtig, wie die Arbeiter in der Grube sich in- fizieren. Schon Leuckart hatte in der ersten Auflage seines bekannten Lehrbuchs ') auf Grund von Untersuchungen an dem nahverwandten Doch- ') Rudolf Leuckart, Die tieri.sclicn Parasiten des Menschen, 2. Bd., 1876, p. 443. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 mius trigonocephalus des Hundes die Vermutung ausgesprochen, daß aus den Eiern von Dochmius duodenahs, welche mit den Fäces entleert werden, auf feuchter Erde oder im Wasser kleine Wurm- larvcn entstehen, durch deren Aufnahme in den Körper des Menschen die Infektion erfolgt. In den achtziger Jahren gelang es Prof. Leicht en- stern in Köln, den experimentellen Beweis für diese Art der Übertragung zu liefern. Bei warmem Wetter gehen aus den Eiern in wenigen Tagen kleine Larven von o,2 mm Länge hervor, welche allmählich auf die dreifache Länge heranwachsen, und dann eine I läutung durchmachen, wobei aber die Haut nicht abgestreift wird, sondern das Würm- chen in der Haut „encystiert" bleibt. Gelangen solche ,,encystierte" Larven durch den Mund in den Darm eines Menschen , so wachsen sie hier zu den ge- schlechtsreifen Würmern heran. Diese Beobachtungen wurden bestätigt und er- weitert durch die Untersuchungen, welche Prof. A. Looss in Kairo in den neunziger Jahren an- stellte. Die Embryonen sind beim Ausschlüpfen 0,3 mm lang, das Kopfende erscheint abgestutzt, das Hinterende ist in eine lange feine Spitze aus- gezogen. Die Larven machen am zweiten oder dritten Tag die erste Häutung durch, wobei eine sehr zarte Haut abgestreift wird.^) Etwa am fünften Tag folgt die zweite Häutung; meistens, aber nicht immer, bleiben die Larven in der ab- gelösten Haut ,, encystiert" wie Leichtenstern an- gab; manche Individuen kriechen aus der Haut heraus. Die Larven messen um diese Zeit 0,6—0,7 '"ni in der Länge. In diesem Stadium sind die Larven zur Infektion befähigt. Prof Looss verfütterte solche Larven an junge Hunde und konnte darauf im Darm derselben die weiteren Entwicklungsstufen beobachten. Nach einigen Tagen folgt dann eine dritte Häutung, und jetzt erst er- scheint die Mundkapsel, welche für die Strongy- liden charakteristisch ist, während die jüngeren Stadien einen Oesophagus ohne Mundkapsel haben (ganz ähnlich wie die Rhabditisformen). Bei den Männchen tritt nun auch die zur Begattung dienende Hautfalte (Bursa) am Hinterende auf Es folgt aber noch eine letzte Häutung, die am vierzehnten bis fünfzehnten Tag nach der Übertragung statt- findet, wenn der Wurm etwa 2 mm lang ist. Zwei bis drei Wochen später werden die Tiere geschlechtsreif Durch die Ex[)eriniente von Leichtens ter n und Looss ist zweifellos festgestellt, daß die In- fektion durch den Mund erfolgen kann; es ist ja leicht denkbar, daß die Bergleute auf der Arbeits- stelle Brot und andere Speisen mit unreinen Händen berühren und so die Larven, welche sich im Schlamm der Gruben entwickelt haben, auf die Nahrung übertragen und mit derselben in den Darm einführen. Merkwürdigerweise haben aber die Unter- suchungen der letzten Jahre ergeben, daß die Para- siten noch auf eine ganz andere Art in den Körper gelangen können, nämlich durch die Haut. Prof. Looss teilte im Jahre 1898 mit, daß die Larven in die Haut eindringen und von da in den Darm gelangen. Die Beweise, welche er für diese Be- hauptung anführte, waren folgende. Erstens war er selbst bei seinen Versuchen mit Ankylostoma infiziert worden, obgleich er größte Vorsicht an- gewandt hatte, daß die Larven nicht auf irgend eine Art in den Mund gelangen konnten. Zweitens beobachtete er, wenn er einen Tropfen larven- haltiger Flüssigkeit auf seine Haut brachte, an der betreffenden Stelle ein Brennen und eine Rötung der Haut,^) was offenbar durch das Eindringen der Larven verursacht war. Drittens gelang es ihm, die einwandernden Larven auf Schnitten in den Haarbälgen der Haut nachzuweisen, als er bei der Amputation eines Beines kurz vor der Opera- tion larvenhaltiges Wasser auf eine Hautstelle ge- bracht hatte.'') Demnach war das Eindringen der Larven in die Haut unbestreitbar festgestellt; allein man konnte doch noch zweifeln, ob diese Larven den Darm- kanal zu erreichen vermögen. Vor kurzem ist auch dieser Zweifel beseitigt worden. Prof Looss legte dem Internationalen Zoologenkongreß in Bern Präparate vor, welche bewiesen, daß die Larven unter der Haut in Venen eindringen, dann mit dem venösen Blut in die Lungen gelangen, und von da durch die Luftröhre in den Schlund und Darm wandern. Sehr interessante Versuche wur- den dann vor kurzem von einem anderen be- kannten Zoologen, dem Regierungsrat im Reichs- gesundheitsamt Dr. Schaudinn, angestellt.'') Er experimentierte an jungen Affen, bei welchen durch mikroskopische Untersuchungen der Ent- leerungen das Fehlen aller Eingeweidewürmer festgestellt war, und welchen auf eine Hautstelle des Rückens einige Tropfen der Larven enthalten- den Flüssigkeit aufgetropft wurden. Man ließ die Flüssigkeit auf der Haut eintrocknen, um den Larven Zeit zu lassen in die Haut einzudringen, und wusch dann die Hautstelle mit Alkohol ab, um zu verhindern, daß Larven an die Hände des Tieres und so indirekt in den Mund gelangen könnten. Nach einiger Zeit wurden dann die jungen 'Würmer im Darm gefunden. Das eine der Versuchstiere starb nach 12 Tagen, und man fand im ersten Drittel des Dünndarms 36 lebende Ankylostomen, welche das Stadium der letzten Häutung noch nicht erreicht hatten. Es muß daher als erwiesen gelten, daß der Wurm, welcher derErreger der „ W urmkrankheit" ist, auf doppelte Art i n d e n D a r m gelangen kann, entweder durch den Mund oder durch die äußere '1 Zentralblau lür Haktcri(,l(i| 1896,'p. 868. ■ und Parasitenkunde. 20. Bd. ') Zentralblatt für Bakteriologie und Parasitenkunde. 24. Bd. l8q8. p. 486. '') Zentralblatt für Bakteriologie und l'arasitenkunde. 29. Bd. 1901. p. 736. ■') Deutsche mcdiz. Wochenschrift 1904, i\r. 37. N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 Haut. Bei den Fellachen in Ägypten, welche so sehr unter der Krankheit leiden, dürfte wohl die Infektion hauptsächlich durch die Haut erfolgen, da sie mit nackten Füßen in den feuchten Reis- feldern gehen, welche ja für die Eier des Wurmes sehr günstige Entwicklungsbedingungen bieten.') Ob aber bei den Arbeitern in den deutschen Kohlenzechen diese Aufnahme durch die Haut der gewöhnliche Infektionsmodus ist, das muß zurzeit noch als unentschieden gelten. Da die Larven durch wasserdichte lederne Stiefel wahrscheinlich nicht hindurchkommen können, so würden die Arbeiter — sofern sie Stiefel tragen — an den Füßen der Infektion kaum ausgesetzt sein, und es käme also hauptsächlich nur die Haut der Hände und Arme in Frage. Jedenfalls wird man die Krankheit auch weiter- hin in derselben Weise bekämpfen müssen, wie es jetzt geschieht, nämlich hauptsächlich durch möglichste Ausrottung der Würmer im Menschen. Es wird kein Arbeiter in eine Grube zugelassen ohne die ärztliche Bescheinigung, daß er von der Wurmkrankheit frei ist. F'erner wird bei allen Arbeitern von Zeit zu Zeit eine Untersuchung vorgenommen, und müssen sich alle diejenigen, bei welchen der Wurm nachgewiesen wurde, wie oben schon gesagt, einer Kur unterziehen. Je mehr infolgedessen die Wurmkrankheit unter den Arbeitern abnimmt, umsoweniger Eier werden mit den Entleerungen in der Grube abgesetzt, und demgemäß wird sich auch die Wahrscheinlichkeit der Übertragung der Larven vermindern.-) Es ist vielfach verlangt worden, daß man die Gruben desinfizieren solle. Aber eine wirksame Desinfektion ist nahezu unmöglich, weil man über- aus große Mengen starker Desinfektionsmittel an- wenden müßte, und die Gruben allzu ausgedehnt sind, als daß man in allen Stollen, Gängen usw. die Eier und Larven abtöten könnte.'') Zum Bei- spiel hat die Grube ,, Shamrock" bei Gelsenkirchen eine Längenausdehnung von 140 Kilometer, wenn man sich sämtliche Grubenräume hintereinander- gelegt dächte; die Räume sind also etwa so lang als die Strecke von Berlin nach Magdeburg oder von Heidelberg nach Straßburg. Die Desinfektion kann sich also nur auf einzelne Teile der Grube erstrecken und bietet keine Sicherheit, daß alle Larven abgetötet sind. Wichtiger ist, daß in der Nähe der Arbeitsstätte Waschgelegenheiten mit reinem Wasser und praktische Abortanlagen vor- ') Nach Looss, ZentralblaU für Bakteriologie und Para- sitenkunde 29. Bd. 1901, p. 738. ") In ähnlicher Weise hat man ja an manchen Orten die Malaria gänzlich ausgerottet, indem man alle Malarialvranken mit Chinin behandelte, so daß die Mücken, welche die Malaria übertragen, den Krankheitserreger nicht mehr aufnehmen und also auch nicht mehr verbreiten konnten (R. Koch, Ergeb- nisse der vom Deutschen Keich ausgesandten Malariae.xpedition. Berlin, 1900, p. 17 — 21). ') Ich verweise auf die interessanten Auslührungen von Dr. Er uns und Medizinalrat Dr. Tenholt in der Konferenz am 5. Dezember 1903 (Verhandlungen betreffend die Wurm- krankheit, Beilage zum Reichsanzeiger vom 3. Februar 1904). banden sind,^) und daß alle Arbeiter von diesen Einrichtungen Gebrauch machen. Die Verbreitung der Krankheit geht von den- jenigen Gruben aus, welche eine verhältnismäßig hohe Temperatur haben. Denn zur Entwicklung der Eier ist eine Temperatur von mindestens 21" C nötig. Ein Bergwerk, welches wie z. B. die anfangs erwähnte Zeche „Graf Schwerin" bei Castrop eine Mindesttemperatur von 24" C hat, ist für die Entwicklung der Eier sehr geeignet. Um die Entwicklungsbedingungen der Eier ge- nauer zu untersuchen, machte ich einige Beob- achtungen über die Furchung, von welchen ich hier einiges berichten will. Herr Dr. D i e m i n g e r , von dessen Lhiter- suchungen über die Wurmkrankheit schon oben die Rede war, hatte die Güte mir mehrmals Eier des Wurmes zu senden. Zu den folgenden Be- obachtungen benützte ich die Sendung vom ig. Januar, in welcher die Wurmeier besonders reichlich vorhanden waren. Ich schüttete die Fäces in eine handgroße Glaswanne unter Beifügung von soviel Wasser, daß sie zerfielen, und eine etwa 1,5 cm hohe Wasserschicht den Bodensatz bedeckte. Da die Glaswanne bei gewöhnlicher Zimmer- temperatur aufbewahrt wurde (welche im Winter und Frühjahr zwischen 10" und 19'' C schwankt), und da außerdem das mit den fauligen Stoffen ge- mischte Wasser wenig absorbierten Sauerstoff ent- hielt, so entwickelten sich die Eier nicht weiter, und ich konnte also noch im April (als ich zu der Untersuchung Zeit fand) in jeder Probe, die ich dem Bodensatz entnahm, einige Eier im vier- zelligen oder sechszelligen Stadium finden. Bei der Häufigkeit der Eier war es möglich, dieselben in dasDurchströmungs-Kompressorium '-') zu bringen und in fließendem Wasser zu untersuchen, wie ich vor einigen Jahren diejenigen von Rhabditis nigro- venosa und anderen Nematoden beobachtet habe.'') Schon damals hatte ich erkannt, daß die Eier der meisten Nematoden zu ihrer Entwicklung ziemlich viel Sauerstoff brauclien, und deshalb im Darm- inhalt oder in einer faulenden Masse eingeschlossen sich nicht zu furchen vermögen. In bezug auf die Eier von Ankylostoma hat auch Prof Looss be- tont, daß der Zutritt von Sauerstoff zur Entwick- lung der Eier nötig ist.') Da die Eier zu ihrer Entwicklung außerdem einer erhöhten Temperatur bedürfen , mußte das zugeleitete Wasser erwärmt werden. Ich ließ also ■) Siehe Goldmann, Die Hygiene des Bergmanns. Halle 1803. p. 12, 98 u. 100. -) Bei diesem kleinen Apparat, welchen ich vor 10 Jahren zu anderen Versuchen konstruiert habe, kann man die Ent- fernung des Deckglases vom Objektträger durch Schrauben regulieren und zwischen dem Deckglas und dem Objektträger einen starken oder schwachen Wasserstrom durchleiten. Er ist beschrieben im Zoologischen -Anzeiger 1894 und in Zeit- schrift für wiss. Mikroskopie. 14. Bd. 1897. p. 145 — 157. ') Untersuchungen über die ersten Entwicklungsgänge der Nematoden. Zeitschrift für wiss. Zoologie. 60. Bd. 1895. ■*) Zentralblatt f. Bakteriologie und Parasitenkunde. 20. Bd. 1896. p. 866. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 das Wasser durch ein Schlangenrohr aus Glas gehen, welches in einen Topf eingesetzt war, der durch eine Spiritusflamme auf der Temperatur von 35 — 40" C gehalten wurde; in Anbetracht der Ab- kühlung in dem Zuleitungsschlauch und im Kom- Ijressorium war daher die Temperatur unter dem Deckglas auf 25 — 30" C zu schätzen. Unter diesen Bedingungen konnte ich die Furchung unter dem Mikroskop kontinuierlich be- obachten und (wenigstens für einige Stadien) nach- weisen, daß die Furchung nach demselben Schema verläuft, welches für andere Nematoden gilt und zuerst von Boveri und zur Strassen bei As- caris megalocephala, von S p e m a n n bei Stron- gylus paradoxus und von mir bei Rhabditis nigro- venosa gefunden wurde. Die Furchung von An- kylostoma ist zwar schon oft abgebildet, aber niemals vom embryologischen Standpunkte be- trachtet worden. Die Eier haben eine Länge von 0,057—0,06 mm, eine Breite von 0,038 — 0,04 mm, wobei den längeren Eiern gewöhnlich eine geringere Breite zukommt. Im Querschnitt ist das Ei nahezu kreisrund, was sich zuweilen erkennen ließ, wenn ein Ei zufällig parallel der Achse des Mikroskops lag. Das Ei ist von einer dünnen, starren und stark licht- brechenden Schale umgeben; aber die Furchungs- zellen liegen ihr nicht direkt an, sondern sind immer durch einen schmalen Zwischenraum davon getrennt (Fig. i — 7). Daraus ist zu schließen, daß der dünnen, stark lichtbrechenden Schicht nach innen noch eine schwach lichtbrechende Schicht anliegt. In der Nähe des oberen Poles erscheint diese Schicht manchmal verdickt, so daß sie etwas in die Ecken zwischen den Furchungszellen vor- steht. Sie hat einen bläulichen Schein, und ich vermute, daß sie aus einer gallertigen Substanz besteht. An dieser Schicht haften in der Nähe des oberen Poles die Richtungskörper (Fig. 6 u. 7). Das zweizeilige Furchungsstadium (Fig. i) wird nur selten gefunden; die ersten zwei Furchungs- teilungen gehen gewöhnlich noch im Uterus des mütterlichen Wurmes oder im Darmiiihalt vor der Entleerung vor sich.') Man trifft also in frischen Fäces weitaus am häufigsten das vierzellige Stadium (Fig. 2 — 4), in älteren Fäcalmassen nicht selten das siebenzellige (Fig. 6), oder auch spätere Fur- chungsstadien. Ich begann also die Beobachtungen jeweils mit dem vierzelligen Stadium. War ein solches Ei in den Strom des warmen Wassers gebracht, so ver- gingen zunächst immer einige Stunden, bis die Teilungen begannen. Offenbar befanden sich die Eier, weil sie solange in der fauligen Masse ge- legen waren, in einem gewissermaßen asjihyktischen Zustand, von dem sie sich zuerst erholen mußten. In demselben Sinne ist folgende merkwürdige Be- ') ,,ln der Scheide der MuUertiere tritt nicht selten schon die erste Klüftung ein. Man .sieht Eier in Zwei- und Vier- teilung, bisweilen untermischt mit anderen, die noch ungeteilt sind." Leuckart, Die menschlichen Parasiten. 2. Bd. 1876. P- 433- obachtung zu erklären. Häufig war anfangs in den Furchungszellen kein Kern zu sehen, und erst nach einigen Stunden wurden die Kerne sichtbar. Dies geschah beim Vierzellenstadium gewöhnlich zuerst in den beiden Ektodermzellen. Die Sicht- barkeit der Kerne beruht bekanntlich darauf, daß der Kern Flüssigkeit (Kernsaft) aufgenommen hat, und daher im Lichtbrechungsvermögen von dem Zelleib verschieden ist. Diese Aufnahme des Kern- saftes, welche normalerweise alsbald nach be- endeter Mitose beginnt, war also infolge des Sauer- stoffmangels unterblieben und vollzog sich erst nachträglich , als die Eier einige Zeit in dem fließenden Wasser lagen. Waren die Kerne erst einmal sichtbar geworden, so vergrößerten sie sich allmählich bis zum Beginn der Mitose, wie dies auch bei der normalen Furchung der Fall ist. Fig. I zeigt ein Zweizellenstadium, bei welchem die Kerne nicht sichtbar waren. Dieses Ei ließ sich aber nicht zur Weiterentwicklung bringen. F'ig. 2 stellt eiti Vierzellenstadium dar, in welchem die Kerne ebenfalls nicht zu erkennen waren. Fig. 3 zeigt dasselbe Ei, nachdem es drei Stunden in dem Strom des warmen Wassers gelegen war ; in den beiden Ektodermzellen sind die Kerne sichtbar geworden und zu erheblicher Größe heran- gewachsen. In der Ento-Mesodermzelle ist der Kern ebenfalls erschienen, aber noch nicht so groß geworden ; in der Stammzelle ist der Kern noch nicht erkennbar. Fig. 4 stellt ein gleiches Stadium dar, aber in anderer Ansicht; die beiden Ektodermzellen sind dem Beschauer zugekehrt und verdecken den größten Teil der beiden anderen Zellen. Fig. 5 schließt sich an Fig. 3 an und ist eine Stunde später gezeichnet. Die beiden Ekto- dermzellen haben sich soeben geteilt, in der Ento- Mesodermzelle ist der Kern groß geworden, in der Stammzelle ist der Kern sichtbar geworden. Eine halbe Stunde später finden wir die pjito- Mesodermzelle in Teilung (Fig. 6), die Kerne der vier Ektodermzellen sind aufgetreten (in der F"igur sind nur drei sichtbar), der Kern der Stammzelle ist groß geworden. Bis dahin sind die V^orgänge ganz ebenso verlaufen, wie es von anderen Nema- toden bekannt ist. Nach Analogie der letzteren müßte nun die Teilung der Stammzelle erfolgen. Jedoch verzögert sich diese Teilung bis nach der nächsten Teilung der Ektodermzellen. Diese Teilung ist in Fig. 7 dargestellt.') Nach dieser Teilung folgt dann bald die Teilung der Stammzelle, welche inäqual verläuft wie bei anderen Nematoden. Die weiteren Furchungsstadien am lebenden Objekt zu beobachten ist schwierig, weil man die Zellen miteinander verwechseln und so in Irrtümer ge- raten kann. Ich habe noch einige Beobachtungen ') Die Teilung der F.litodermzcllen erfolgte fünf Viertel- stunden nach der vorherigen Teilung dieser Zellen. Dieselbe Zeit verlief bis zur nächsten Teilung der Ektodermzellen. Bei etwas höherer Temperatur und starker Durch.strömung ver- mindert sich die Zeit zwischen zwei Teilungen der Ektoderm- zellen auf eine Stunde. Bei Rhabditis nigrovenosa fand ich früher bei Zimmertemperatur ganz ähnliche Teilungszeiten. N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche', Wochenschrift. an weiteren Stadien gemacht, die aber nicht sicher genug sind, daß ich sie veröffentlichen möchte. Der Beginn des Sommersemesters machte meinen Studien ein Ende, und da die Embryologie von Ankylostonia offenbar im wesentlichen mit der- Beobachtungen noch tauglich waren, im August aber meistens einen zerfallenen Inhalt hatten, so daß wahrscheinlich zu dieser Zeit nur noch wenige oder gar keine Eier mehr entwicklungsfähig waren. Da also die Lebensdauer der Eier mindestens einige Fig. I. Fig. 2. Fig- 4- Fig. S. tig ö Fig. 7. ec Ektodermzellen, eu-m Ento-Mesodernizelle, en Ur-luitndermzelle , m Ur-Mesodermzelle, s Stammzelle (Propagationszelle , p Polzellen (Richtungskörper). jenigen anderer Nematoden übereinstimmt, setzte ich die Untersuchung später nicht weiter fort. Er- wähnenswert ist vielleicht noch die Beobachtung, daß die Eier vom ly. Januar, welche am 21. Januar in der oben beschriebenen Weise in Wasser ge- bracht waren, im April zu den embryologischen Monate beträgt und die Larven nach den Beob- achtungen von Dr. Bruns im Wasser mindestens 6 Monate am Leben bleiben, so ist daraus zu er- kennen, daß eine infizierte Grube auch ohne neue Zufuhr von Wurmeiern noch viele Monate als ge- fahrbringend gelten muii Kleinere Mitteilungen. In Nr. 8 der ,, Mitteilungen aus Finsen's medi- zinischem Lichtinstitut" (Jena, G. F"ischer) ist als achtes Heft der erste Teil einer zusammenfassenden Übersicht über die „Lichtbiologie" erschienen, welche G. Busck auf Anregung des bekanntlich vor kurzem aus reichem Wirken in der Fülle der Jahre durch den Tod abberufenen Prof Niels R. Finsen verfaßt hat. Wir entnehmen dieser sehr interessanten Arbeit einige Angaben über die Ein- wirkung des Lichts auf die Lebensfähigkeit der Bakterien. Daß allzu starkes Licht für alle lebenden Wesen von schädlichem Einfluß ist, ist schon lange be- kannt, es blieb aber lange Zeit fraglich, ob nur die Wärmewirkung hierbei schädigend ist, oder ob auch die wenig wärmenden Strahlengattungen einen Einfluß haben. Erst durch Downes und Blunt wurde erwiesen, daß gerade die stark brechbaren Bestandteile des Sonnenlichts trotz ihrer geringen Wärmeenergie bei Bakterien am wirksam.sten .sind. Diese Versuche wurden dann von Marshall Ward in vollkommener Weise wiederholt, wobei sich ergab, daß auch die ultravioletten Strahlen des durch ein Ouarzprisma zerlegten Bogenlichts eine sehr stark bakterizide Wirkung besaßen. Zahl- reiche Forscher stellten dann weitere Untersuch- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 ungen an, als deren Ergebnis die Erkenntnis gelten kann, daß das Protoplasma farbloser Bakterien die stark brechbaren Strahlen bedeutend stärker ab- sorbieit als die weniger brechbaren und daß darum die bakterizide Wirkung im allgemeinen mit dem Brechungsexponenten der Strahlen steigt. Finsen ersetzte daher, nachdem er 1897 die ungeahnt kräftige Wirkung der ultravioletten Strahlen fest- gestellt hatte, die Glaslinsen seiner Konzentrations- apparate durch Ouarzlinsen und erhöhte damit die Bakterizidität im F'okus auf das 700 fache. Von Bang wurde dann die hier (Fig. i) wiedergegebene graphische Darstellung der Wirkung verschiedener Strahlenarten konstruiert. Zwischen den Wellen- längen 330 ///( bis 300 /(,« zeigt die Tötungskurve einen eigentümlichen Niedergang, der nicht durch eine Absorption der betreffenden Strahlen im Quarz zu erklären ist, da die bolometrisch be- stimmte Energiekurve an dieser Stelle einen regel- mäßigen Verlauf zeigt. In der Gegend des Maxi- mums der Wirkung (200 //,« bis 300 /(/() werden die Bakterien nach Bang 3000 bis 4000 mal so schnell getötet als im Blau. An dieser günstigsten Stelle konnten Kulturen von Bac. prodigiosus durch das konzentrierte Licht einer Bogenlampe von 60 Amp. und 50 Volt in weniger als einer Se- kunde getötet werden. Interessant sind dann weiter die Forschungen über die verschiedene Widerstandsfähigkeit ver- schiedener Bakterienarten dem Lichte gegenüber, über die uns die in Fig. 2 und 3 nach A. Laren's Untersuchungen hergestellten Veranschaulichungen Auskunft geben. Es geht aus diesen Zusammen- stellungen deutlich hervor, daß die zur Tötung einer Bakterienart erforderliche Zeit nicht der zur Schwächung derselben benötigten Zeitdauer pro- portional ist. Getötete. (Zeitangabe in Minuten.) B. typhi muris B. culi commune 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 Fig. l.JIUnten ist das Spektrum mittels Spclitrallinien in der- selben Größe abgesetzt, die es im Apparat hatte. R — V re- priLsenticrt den sichtbaren Teil des SpeUtruras (R = rot, V ^ violett). Die unten stehenden Zahlen geben also die Wellen- längen an. Die oben stehenden Zahlen bezeichnen den Ab- stand von der Grenze des ultra-rot in Millimeter. Die Zahlen links bedeuten Tötungszeit in Minuten; die Zahlen rechts die Galvanometerausschläge bei der Energiemessung. .'\BCDE :^ Tötungskurve. — PQST = Energiekurve. Die Ausführungen von Dr. Busck über die desinfizierende Wirkung und hygienische Bedeutung des Sonnenlichts mögen hier unverkürzt wieder- gegeben werden. Während die Anwendung von konzentriertem elektrischen Licht bei Versuchen über die Bak- terizidität des Lichts so große Vorteile im Hin- blick auf größere Intensität und Gleichartigkeit bietet, daß es im allgemeinen vorzuziehen ist, knüpft sich doch ein besonderes Interesse an die Versuche, in welchen die Sonne als Lichtquelle benutzt wird, insofern man durch diese Versuche einen ganz unmittelbaren Eindruck darüber be- kommt, welche Rolle das Sonnenlicht in hygie- nischer Beziehung spielt. Dieudonne, der mit bac. ]3rodigiosus und Bac. fluoresccMS, sowie in einigen Versuchen mit Bact. N. F. IV. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. coli commune, Bac. typhi und Bac. anthracis ar- beitete, fand, daß direktes Sonnenlicht in den Sommermonaten die Bakterien im Laufe von i bis I ' „ Stunde zu töten vermag, während in diffusem Tageslicht ca. 5 Stunden erforderlich sind. Um das Wachstum sichtlicli zu hemmen, war ungefähr die halbe Zeit notwendig. Finsen, der mit Koch- schen Plattenverfahren-Kulturen in Nielsen'schen Flaschen arbeitete, erzielte (gegen 12 Uhr mittags im August in Kopenhagen) deutliche Schwächung des Wachstums der Kulturen nach einer 15 Mi- nuten langen Exposition, und absolute Tötung nach ca. I V., stündiger Belichtung, obgleich das Licht die Glaswand der Flasche und eine dünne Schicht Agar passieren mußte, bevor es die Bak- terien traf. Geschwächte. (Zeitangabe in Sekunden.) B. typhi muiis . B. culi commune . B. typhi Staphyl. pyg. citerus . Staphyloc. pyog. albus Staphyloc. pyog. aureus B pyocyaneus . B. cyanogenus . 10 I; Fig. 30 35 40 45 50 55 60 Es ist selbstverständlich, daß die bakterizide Fähigkeit des Sonnenlichts mit dessen Intensität variiert, also mit den Jahres- und Tageszeiten, mit der geographischen Lage des Ortes, mit der augen- blicklichen Witterung u. s. f, und die oben ange- führten Zeitangaben können daher keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit machen; aber man be- kommt doch durch dieselben einen Eindruck da- von, welchen enormen Einfluß das Sonnenlicht in der Natur mit Rücksicht auf Reinigung der Luft, der Erdoberfläche und des Wassers in Flüssen und Seen von Mikroorganismen, besitzen muß. Die sogenannte „Selbstreinigung" in Flüssen, wo das Wasser schon in der Entfernung weniger Meilen von großen Städten, deren Kloake ihren Auslauf in den Fluß haben, verhältnismäßig rein und bakterienarm wird, ist wohl zum großen Teil dem Bodenfall der festen Stoffe zuzuschreiben, aber das Sonnenlicht hat unzweifelhaft ebenfalls einen wesentlichen Anteil daran. Die Untersuchungen Dandrieu's, Büchners, F"rank- land's, Marshall Ward's, Procaccini's und anderer Forscher beleuchten diese Verhältnisse eingehend. Es hat sich ergeben, daß der Gehalt des Meeres an Bakterien am geringsten an der Oberfläche ist und mit der Tiefe stark zunimmt. Bassenge fand bei einer Reihe auf einer Reise in den Tropen vorgenommener Untersuchungen eine looomal größere Keimhaltigkeit des Meerwassers in einer Tiefe von 10 Metern als auf der Oberfläche. Dies galt doch nur, wenn das Wetter längere Zeit ruhig gewesen war; bei unruhigem Wetter mit starkem Seegang konnte ein derartiger Unterschied nicht nachgewiesen werden. Schmidt -Nielsen hat in Dröbaksund (Norwegen) ähnliche Untersuchungen vorgenommen. Er fand in einer Tiefe von wenigen Metern ungefähr doppelt so viel Keime wie an der Meeresoberfläche, und in einer Tiefe von 10 bis 25 m war die Anzahl durchschnittlich 10 mal so groß. — Fischer betrachtete dieses Verhältnis als ein Resultat des hemmenden Einflusses des Sonnenlichts auf das Wachstum der Bakterien. Vielleicht ist auch die Schwerewirkung von einiger Bedeutung, aber für Fischers Anschauung spricht ganz gewiß der sehr bedeutende Unterschied zwischen Bassenge's und Schmidt-Nielsen's Zahlen, indem man von vornherein eine bedeutend kräfti- gere Lichtwirkung in den Tropen als hoch oben in der temperierten Zone erwarten muß. Hierzu kommt, daß man im Starnberger-See dicht bei München die bakterizide F'ähigkeit des Lichts selbst mehrere Meter unter der Oberfläche des Wassers experimentell nachgewiesen hat. Gelatinekulturen in Petri'schen Schalen wurden ins Wasser gesenkt und 47-2 Stunden lang der Wirkung des Sonnen- lichts ausgesetzt; obgleich der Versuch im Sep- tember stattfand, ergab es sich doch, daß das Licht die Schalen bis zu einer Tiefe von 1,60 m sterilisiert hatte, und noch in einer Tiefe von 3 m waren die Kulturen in ihrer Entwicklung ge- hemmt. Die ungleiche Verteilung der Bakterien in den verschiedenen Meerestiefen ist doch mög- licherweise auch auf negativ phototaktische oder photopathische Bewegungen zurückzuführen, und eine Untersuchung der Bakterienmenge in der Meeresoberfläche zu verschiedenen Tageszeiten würde in dieser Verbindung von bedeutendem Interesse sein. Wittlin fand, daß Straßenstaub sich durch Be- lichtung mit direktem Sonnenlicht desinfizieren ließ, und Esmarch wies ebenfalls auf verschiedene Weisen die desinfizierende Wirkung des Sonnen- lichts nach. Man wird aus den angeführten Beispielen er- sehen, daß die Bedeutung des Sonnenlichts für die Hygiene — z. B. großer, dichtbevölkerter Städte — nicht leicht überschätzt werden kann, und man muß Duclaux Recht geben, wenn er schreibt : „La lumiere solaire est l'agent d'assainisse- 24 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 ment a la fois le pkis universel, le pkis econo- mique et le plus actif auquel puisse avoir recours l'hygiene privee ou publique." Höchst bemerkenswert ist es nun, daß man lebende Organismen ebenso wie photographische Platten, die ja auch am stärksten von kurzwelligem Licht beeinflußt werden, für weniger brechbare Strahlenarten durch gewisse Farbstoffe sensibili- sieren kann. Hatten schon Engelmann 1883 und Timiriazeff 1884 die Bedeutung des Chlorophylls für die Kohlensäureassimilation der Pflanzen in Parallele gestellt zu den farbigen Sensibilisatoren beim photographischen Prozeß, so sind solche Analogien seitdem von mehreren anderen Forschern näher erforscht worden und Dreyer kommt in einer 1904 veröffentlichten Arbeit zu dem Ergebnis, ,,daß man bei Benutzung gewisser Sensibilisatoren Mikroorganismen und tierische Gewebe für die sonst unwirksamen, aber stark penetrierenden gelben und gelbgrünen Strahlen ebenso, ja sogar in noch höherem Grade empfindlich machen kann, wie sie es normal gegenüber den stark wirkenden, aber wenig penetrierenden chemischen Strahlen sind." Als Sensibilisator zeigte sich auch hierbei der in der Photographie am meisten benutzte Farbstoff Erythrosin (Tetrajodid fluorescinatriumj besonders wirksam, und zwar in Lösungen von i : 5000 bis 1 : 8000. Dabei ist nach Dreyer weder die Fluo- reszenz noch dieAbsorption das allein Entscheidende. Jedenfalls kommt dieser Sensibilisation eine hohe praktische Bedeutung in der Lichtherapie zu, wie auch bereits mehrfache, besonders von Tappeiner und im Finsen'schen Institut unternommene, orien- tierende Versuche guten Erfolg versprechen. Da auch das Chinin ein fluoreszierender und sensibili- sierender Körper, so kann möglicherweise die spezi- fische Wirkung desselben auf die Malaria-Plas- modien mit auf die Sensibilisation derselben dem Licht gegenüber zurückgeführt werden. Busck empfiehlt daher, Malariapatienten im AnschlufS an Chinin mit Sonnenbädern oder elektrischen Lichtbädern zu behandeln, was allerdings mit der von King vorgeschlagenen Dunkelbehandlung in direktem Widerspruch steht. Was nun schließlich die Ursache der bakterientötenden Lichtwirkung betrifft, so neigt Bie, der die letzten und ge- nauesten Untersuchungen auf diesem Gebiete an- stellte, der Ansicht zu, daß zum Teil wenigstens nicht eine direkte Wirkung des Lichts vorliegt, sondern daß das Licht einen Stoff zur Entwick- lung bringt, der giftig auf Bakterien einwirkt. Durch Anwendung sehr starken Lichts konnte dieser Stoff in Bouillon in so großer Menge angereichert wer- den, daß auch erst nach der Belichtung in solche Bouillon übertragene Bakterien (Bac. prodigiosus) zugrunde gingen. Merkwürdig ist, daß der bak- terizide Stoff zwar in Bouillon, Urin und Pepton- lösung gebildet wurde, nicht dagegen in Uschins- ky's Flüssigkeit , in Pferdeserum oder in einer Peptonlösung, die milchsaurcs Natron enthielt. Da nun auch Wasserstoffsuperoxyd bei Belichtung der erstgenannten, nicht aber der zuletztgenannten Flüssigkeiten sich bildet, und da auch beide Stoffe beim Stehen wieder verschwinden, so darf wohl eine Identität des bakteriziden Stoffes mit Wasser- stoffsuperoxyd angenommen werden. Da aber auch im destillierten Wasser Tötung der Bakterien durch Licht erfolgt, muß auch eine direkte Einwirkung des Lichts angenommen werden. Die bakterizide Wirkung des Lichts ist also nicht in dem Sinne ein Oxydationsprozeß, daß das Vorhandensein des Sauerstoffs notwendig ist , aber nach gewissen Versuchen scheint es wahrscheinlich, daß, je weniger chemische Strahlen das Licht enthält, um so mehr die bakterizide Wirkung davon abhängt, ob die Bakterien Zugang zu Sauerstoft' haben. F. Kbr. Rufslands Bevölkerung im Lichte der An- thropometrie. — Eine Plerzählung der Völker und ethnischen Gruppen, die das heutige europä- ische und asiatische Rußland bewohnen, kann so- lange keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, als unsere Kenntnis der Anthropogeographie ganzer Gebiete — ich meine hier in erster Linie den Kaukasus und Zentralasien — noch eine so be- schränkte bleibt, wie bisher. Die anthropologische Erforschung der sog. ,, Fremdvölker" Rußlands, jener Stämme also, die den Slawen als Nichtslawen gegenüberstehen, hat namentlich in den letzten beiden Dezennien er- hebliche Fortschritte gemacht. Es sind auf dem sprachlichen und ethnographischen Gebiet Lücken gefüllt und Aufgaben gelöst worden, die lange Zeit ihrer PIrledigung harrten. Nicht still gestanden hat auch die eigentliche körperliche Anthropologie. Eine Zusammenstellung der Rassen und Völker, die sie kennt, führt zu dem überraschenden Er- gebnis, daß außer den Slawen das russische Reich nicht weniger als 96 ethnisch verschiedene Gruppen bewohnen, die bisher bereits (legenstand einer Untersuchung mit Zirkel und Meßband waren. Was gewonnen wurde, liegt freilich zum größten Teil noch als eine Art Rohmaterial unbenutzt und unberührt in den Archiven. Ihr Inhalt konnte wegen der sprachlichen Schwierigkeiten nicht Ge- meingut der Wissenschaft werden, und es entzog sich, solange nur lose, nackte Tatsachen vorlagen, jeder Beurteilung, welche Früchte die geleistete Arbeit in Aussicht stellt. Und doch weiß jeder- mann, wie tief die Vergangenheit eines Landes in seiner Rassenzusammensetzung wurzelt und wie sehr seine Zukunft davon abhängt. Ein Versuch, den gewaltigen Stoff zu sammeln, zu ordnen, mit den vorhandenen wissenschaftlichen Mitteln zu bearbeiten und — soweit das schon jetzt angeht — zu beleuchten und geistig zu durch- dringen, wird, mag er noch so unvollkommen sein, auf volle Beachtung und Anerkennung rechnen dürfen, wenn er das Gesamtbild der Bevölkerung des Riesenlandes weiten Kreisen eröffnet und die bis dahin noch erschwerte Orientierung darin er- leichtert. Eine dahinziclende Arbeit ist soeben in N. F. IV. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. = 5 einem umfangreichen Werk von A. Iwanowski geleistet worden/) das die Aufgabe, eine wenig- stens vorläufige und auf besonderen, speziellen Ge- sichtspunkten begründete Klassifikation des Ruß- land bewohnenden Menschenmaterials durchzu- führen, in bemerkenswerter Weise unternommen und bis zu einem gewissen Grade gelöst hat. Da der Gegenstand, wie schon angedeutet wurde, auch jenseits der engeren Fachwissen- schaft seine Bedeutung hat und das in russi- scher Sprache geschriebene Buch weiteren Leser- kreisen zunächst verschlossen bleibt, soll hier versucht werden, die wesentlichsten Ergebnisse der weitangelegten, offenbar auf eine jahrelange Arbeit und immensen Fleiß hindeutenden Untersuchungen, soweit sie allgemeines Interesse beanspruchen, in aller Kürze zusammenzufassen und ihre hauptsäch- lichsten Beziehungen zu erläutern. Geht man von rein anthropometrischen, durch Beobachtungen und Körpermessungen an lebenden Individuen gewonnenen Tatsachen aus - und darauf gündetsich ausschließlich der vorliegende Klassifika- tionsversuch — , dann ist der Grad der Über- einstimmung der Maße und ihrer Ver- hältnisse in gewissem Sinne ein praktisches Kriterium für die Beziehungen der Völker unter- einander. Man braucht nur eine genügende An- zahl von Messungen, die ausreicht, um Durch- schnittswerte und Reihenwerte gewinnen zu können. Wie nahe Beziehungen im speziellen Fall vor- handen sind , das hängt, abgesehen von der Über- einstimmung der Merkmale und Maße, wesentlich ab von dem Gewicht und der Zahl der Merkmale, die zur Vergleichung herangezogen werden. Am besten ist es für das Resultat, wenn alle oder doch mög- lichst viele Eigenschaften und Merkmale einander gegenübergestellt werden, und wenn die Anzahl der Beobachtungen für die verschiedenen Volks- stämme und Rassen, die miteinander zu vergleichen sind, eine ansehnliche, für alle möglichst gleiche Höhe erreicht. Es kommt natürlich auch darauf an, daß die gemessenen Individuen wenigstens annähernd in demselben Lebensalter stehen und selbstverständlich demselben Geschlecht angehören. Werden nun in diesem Sinne die verschiedenen Kopfmaße, die Proportionen der Glieder, die Farbe der Haare und Augen nach dem Grade ihrer Über- einstimmung in Reihen gebracht und einander gegenübergestellt, dann erkennt man, daß bestimmte Volksstämme teilweise oder ganz isoliert dastehen, während andere infolge ausgesprochener körper- licher Ähnlichkeit sich nähern und die Neigung zeigen, zu (xruppen sich zu vereinigen, und nocla andere eine unbestimmte Stellung zwischen den Gruppen einnehmen. I. Die A i n u , sowie die O s t i a k e n erweisen ') A. A. Jwanowski, Die anthropologische Zusammen- setzung der Bevölkerung Rußlands. VI und 287 Seilen in gr. 4", mit zahlreichen eingedruckten Tafeln und Messungs- tabellen. Schriften der anthropologischen Klasse der k. Ge- sellschaft für Naturkunde, Anthropologie und Ethnographie Bd. XXII. Moskau 1904. sich als typische Repräsentanten von Stämmen, die nirgends Anschluß finden und der ganzen übrigen Bevölkerung des Landes in anthropologischer Beziehung anscheinend völlig fremd gegenüber- stehen. Andererseits sind als Beispiel einer Stammreihe mit großer Tendenz zur Annäherung der körper- lichen Charaktere in erster Linie die Völker sla- wischer Zunge zu nennen. Wir finden sie mit Rücksicht auf ihr körperliches Verhalten zu einer geschlossenen Gruppe vereinigt, die wegen des ausgesprochenen Überwiegens des slawischen Ele- ments darin als slawische bezeichnet werden darf Sie erscheint anthropologisch als deutlich gemischt im Sinne bedeutender Schwankungsbreite der körperlichen Merkmale. Es gehören dazu aber nicht nur sämtliche G roß r u sse n , Weiß ru ssen, Kleinrussen (mit Ausnahme der Kleinrussen des Gouvernements Kijew, sowie der kubanischen Kosaken), Polen und Litauer, sondern auch die Baschkiren, die Syrjänen und die kasanischen und kassimowschen Tataren. Sehr nahe, näher als zu irgend einer anderen Völkerreihe, stehen die Kalmyken, besonders die astrachanischen, zu dieser Gruppe. Worin liegt denn, wird man fragen, das Ge- meinsame in dieser auf den ersten Blick so bunten Reihe von Völkern? Der allgemeine Habitus ist es jedenfalls nicht, denn wir wissen z.B., daß die Slawen, sowie die Syrjänen und Litauer ein gewisses Überwiegen des blonden Typus darbieten, während Tataren, Baschkiren und Kalmyken großenteils dunkel pigmentiert sind. Es bleiben nur die Maße übrig, und in dieser Hinsicht sind allerdings die meisten Vertreter der ,, slawischen" Gruppe (bis zi^i 75 "d^ mehr oder weniger als rundköpfig, bei durchschnittlich nur 2 — i3";'o Dolichocephalen, zu bezeichnen, und die schmalen Antlitzformen treten im allgemeinen deutlich zurück in der ganzen eth- nischen Reihe. Unter den übrigen Völkern des europäischen Rußland treten sodann die Lappländer in körperlicher Hinsicht als besondere Gruppe auf Sie sind klein, mit langem Rumpf, breiter Brust, langen Armen und kurzen Beinen, von überwiegend hellem Typus und zu */. brachycephal. Vereinzelt stehen im europäischen Rußland auch die Letten da hinsichtlich ihrer körperlichen Eigenschaften (helle Pigmentierung, hoher Wuchs, nicht allzu hochgradige Brachycephalie des sehr niedrigen Kopfes), und ebenso ist es mit den Mordwinen, die mit überwiegend dunkler Fär- bung, kleinem Wuchs und starker Rundköpfigkeit eine gesonderte Gruppe bilden. Isoliert erscheinen ferner die Kleinrussen des Gouvernements Kijew, und ganz besonders scharf hebt sich der körperliche Typus der Juden von dem allgemeinen Rassenbilde des russischen Reiches ab. Die Mehr- zahl der russischen Juden ist von dunkler Pig- mentierung, kleinein Wuchs, rundlichem Kopf, schmaler Brust und langen Gliedmaßen. Über die anthropologische Stellung derMescht- 26 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 scherjaken ist es schwer, etwas Bestimmtes zu sagen, da sie noch zu wenig untersucht sind. Das gleiche gilt von der Mehrzahl der Vertreter der sog. ugro-finnischen Völkerfamilic. II. Im K a u k a s u s führt eine vergleichende Prü- fung der anthropologischen Charaktere zunächst zur Ausscheidung einer „armenischen" Völkergruppe. Hierzu gehören in erster Linie die kaukasischen Armenier selbst, die nur unwesentliche regionäre Unterschiede des körperlichen Typus aufweisen. Sie sind fast rein brachycephal und dunkel, mit kaum 5 % Blonden. Eine bemerkenswerte Hinneigung zur armeni- schen Gruppe bekunden die Aissoren, die Ljulen, sowie die krimschen Tataren; ihre eigentliche Stammeszugehörigkeit ist aber noch ganz unsicher. Zu einer besonderen „ossetische n" Gruppe vereinigen sich die in anthropologischer Beziehung außerordentlich homogenen Osseten, \'on denen gute 1 5 °Iq blond sind, sowie die kleinrussischen Kosaken des Kubangebietes. Für die auffallende körperlicheÜbereinstimmungzwischendiesenbeiden Volksstämmen ist eine befriedigende Erklärung schwer beizubringen. An Kreuzung ist wohl kaum zu denken, da eine Übersiedlung von Kosaken aus Kleinrußland nach dem Kaukasus vor i8o8 nicht stattgefunden hat und der Hauptsache nach in den Jahren 1820 und 1848 sich vollzogen haben mag. Von ihren in der Ukraine zurückgebliebenen Stammesbrüdern weichen die heutigen kubanischen Kosaken jedenfalls nicht unwesentlich ab. In der Mitte zwischen ossetischer und armeni- scherGruppe, gewissermaßen denlJbergangzwischen beiden vermittelnd, steht der Volksstamm der Ka- bard i n e n , von dem bisher übrigens kaum mehr als 40 Individuen untersucht worden sind. Die Kumyken nehmen eine Sonderstellung unter den übrigen Kaukasusvölkern ein, zu denen sie nur entfernte .Analogien erkennen lassen. Sie sind unzweifelhaft stark gemischt ; ob freilich ge- rade mit Semiten, wie behauptet wurde, ist noch fraglich und ganz unbewiesen. Es ist bisher noch kein Versuch gemacht worden, ihre anthro- pologischen Wurzeln, aus denen sie hervorwuchsen, aufzufinden. Ganz eigenartig ist der Typus der Lesghinen und Kürinzen im Ssamur- und Kasikumuch- gebiet. Haar- und Augenfarbe, sowie die Kopf- form ist bei beiden merklich verschieden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß unter dem eth- nischen Begriff der Lesghinen (auch die Kürinzen werden zu ihnen gezählt) ganz heterogene anthro- pologische Dinge sich verbergen. Wo der seltsame .Stamm der kaukasischen Udinen herkommt, ist heute noch eine offene h'rage. Einen wirklichen Anschluß finden sie nirgends, und selbst ihre Ähnlichkeit mit den Kabardinen, Kumyken und Tarantschen ist nur eine solche dritten Grades. Dagegen stehen die Kurden, Perser, Aser- bejdshantataren, Mesleg hauen und Isch- tigarden in anthropologischer Beziehung ein- ander recht nahe und bilden eine in sich mehr oder weniger geschlossene Gruppe von Kaukasus- völkern. Dunkle Haar- und Augenfarbe, bedeutende Körpergröße, langer niedriger Schädel mit schmalem Antlitz und ebensolcher Nase, langer Rumpf und lange Arme sind ihre wesentlichen äußeren Merk- male. Den Kurden stehen die Perser körperlich näher, als den Tataren von Aserbejdshan, die Mesleghanen den eigentlichen Persern näher, als die Ischtigarden. III. In Zentralasien ist anthropologisch eine „zen- tralasiatische" Gruppe von Völkertypen zu unterscheiden, die außer Kirgisen und Taran- tschen hauptsächlich eingeborene Stämme des Kuldschagebietes in sich umfaßt: Afghanen, Dunghanen, Ssarten, Ssibo-schibinen, Chinesen. Eigentliche Rassentypen sind, wie schon Mazejewski und Pojarkow sich überzeugten, im Kuldscharayon schwer zu finden. Im Zu- sammenhang mit den politischen Verhältnissen des Landes gelangen dort Völker, die heute noch im Zustande voller Sklaverei leben, morgen zur unbeschränkten Herrschaft, dessen Willkür keine Achtung kennt für Religion, Sitte und Überliefe- rung des Nachbars. Tarantschen nahmen sich Chinesinnen, Dunghaninnen, Kalmykinnen, Kir- gisinnen, Sartinnen zu Frauen, und umgekehrt. Die unter den Eingeborenen fast allgemein ver- breitete Polygamie leistete bei der ungewöhnlichen Lockerheit der Ehen der Durchkreuzung und Ver- mischung der Rassen weiten Vorschub, zumal der Mangel jeglicher Handelsbeziehungen einen völligen Abschluß nach außen hin bedingte. Charakteristisch für diese Zentralasiaten ist nun die außerordentliche Spärlichkeit hellpigmentierter Augen und Haare bei ihnen. Die Körpergröße ist durchweg eine mittlere, doch neigen die Kir- gisen der mittleren Horde , die städtischen Ta- rantschen, die Ssarten und noch in höherem Grade die Dunghanen, Afghanen, Ssibo-schibinen und Chinesen merklich zu hohem Wuchs, während die eigentlichen und Kuldschakirgisen, die Dorftaran- tschen und Kuldschassarten jenen an Größe nach- stehen. Die Kopfform ist vorwiegend eine brachy- cephale , am auffallendsten bei Kirgisen , Taran- tschen und Ssarten; nur Dunghanen und Kuldscha- afghanen sind der Mehrzahl nach langköpfig. Die Gruppe ist durchweg rein leptorrhin, aber nur zum Teil (Kirgisen der mittleren Horde) mit ausge- sprochen breitem Antlitz. Langer Rumpf und kurze Beine bilden die Regel. Es versteht sich von selbst, daß der Annähe- rungsgrad der anthropologischen Charaktere in einer aus so zahlreichen Gliedern zusammenge- setzten Gruppe kein ganz gleichmäßiger sein kann. Tarantschen und Kirgisen stehen einander durch- schnittlich am nächsten. Die Karakirgisen stehen in körperlicher Hinsicht vereinzelt da, und ebenso verhält es sich mit den Turkmenen. Zu einer ,,m o n gol o i d en" anthropologischen N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 Gruppe vereinigen sich die A r b u n s u m u n e n , die Tschachar- und turfanischen Kalmyken, die Kuldscha- und Tarbagatai-1" o r g o u t e n , die C h a 1- chassen, die Samojeden, die Telengeten und Bur jäten, endlich die Tungusen mit Ausnahme derPolartungusen. Ausschließlich dunkler Typus (nur allein die Samojeden sind etwas heller), niederer Wuchs, runde niedrige Kopfform mit breitem Antlitz, langer Rumpf und lange Arme können als am meisten hervorstechende Eigen- tümlichkeiten der ganzen Gruppe genannt werden. An die „jakutische Gruppe", deren Kern die lakuten selbst bilden, schließen sich in Beziehung auf ihren Körperbau sehr nahe die von Mainow untersuchten Polartungusen an. Die astracha- nischen Kalmyken, die anscheinend hierher neigen, werden in Zukunft, sobald man sie genauer unter- sucht haben wird, wahrscheinlich eher zu den Mon- goloiden zu rechnen sein, zu denen die Burjäten den Übergang vermitteln. Wie man sieht, wird die Grundlage des hier summarisch dargestellten Völkerschemas ganz und gar durch zahlenmäßig errechnete Ähnlichkeiten des somatisch - anthropologischen Verhaltens ge- bildet. Etwas anderes ist es mit den verwandt- schaftlichen Beziehungen, gegen die das Schema ja vielfach in empfindlichster Weise anstößt und die meiner Ansicht nach auf dem hier einge- schlagenen Wege nicht ohne weiteres mit ent- scheidendem Erfolge zu ermitteln sind. Zu be- denken ist freilich, daß das Gebäude in seiner gegenwärtigen Gestalt noch ganz als Entwurf da- steht, als ein erster, vorläufiger Versuch. Die zu- künftige Forschung wird an ihm gewiß noch mancherlei zu ändern, zu ergänzen, zu verbessern finden, wenn die tatsächlichen Grundlagen sich werden erweitert haben. Was gegen die Methode selbst, mit der obige Gruppierung der Volksstämme Rußlands gewonnen wurde, sich einwenden läßt, kann ich hier, ohne auf ganz spezielle theoretische Fragen und Be- ziehungen einzugehen , nicht erörtern. Es wird dies in einem anderen Zusammenhange und wahr- scheinlich an einem anderen Orte geschehen. Ich möchte aber nicht unterlassen zu bemerken, daß selbst in dem Falle, daß seine methodische Grundlage als anfechtbar sich herausstellt, dem vorliegenden Völkerschema ein realer, tatsäcii- 1 i c h e r Kern nicht abzusprechen sein wird, im Gegensatz zu manchen anderen sogenannten Rassen- theorien, die in unseren schreibseligen Tagen aus den Federn Berufener und besonders Unberufener in überraschender Fülle hervorsprudeln. Dr. Richard Weinberg, Dorpat. Musikalische „Plagiate" der Haubenlerche. — Daß Singvögel nicht nur durch Dressur, son- dern auch in der Freiheit sich musikalische Wen- dungen oder Einzeltöne aneigneten, schien mir immer etwas unwahrscheinlich, wenn ich von Star und Eichelhäher absehe. Um so interessanter war es mir im Gesang der Haubenlerche, Galerita cristata, Elemente festzustellen , die offenbar dem Repertoire anderer Sänger entlehnt waren. Schon seit mehr als einem Jahr ist mir dies aufgefallen und in besonderem Maße im diesjährigen Herbst, als die Haubenlerchen nach der Mauser wieder anfingen zu singen. Ich hörte häufiger die rollenden Locktöne des Grünfinken, manchmal auch Teile aus dem Gesang der Hänflinge , nicht selten das unverkennbare „witwit" der Rauchschwalbe und jenen charakte- ristischen Ton ,,ziewieß-ziewieß" mit dem dieselbe Schwalbe ihren Genossen etwas Auffälliges, Ver- dächtiges oder Gefährliches anzeigt. Auch den eintönigen Gesang des Hausrotschwanzes: ,,tetete — — chiri fi fi fi" hatte sich eine Haubenlerche zugeeignet und am meisten war ich überrascht, als ich an einem Märztage über unserem Gehöft die Locktöne einer Bachstelze: „ziuwiß-ziuwiß- didlit-didlit" hörte und vergebens die zierliche Sängerin zu finden suchte, die meist auf einem Dachfirst sitzend sich hören läßt. Die Tage, an denen die Bachstelzen einzutreffen pflegen, waren noch nicht gekommen und nach einigem Suchen entdeckte ich in der Luft eine flatternde Hauben- lerche, die in ihrem bekannten Gesang jene Rufe der weißen Bachstelze eingeflochten hatte. Wirk- lich konnte ich erst nach mehreren Tagen das tatsächliche Eintreffen der Bachstelze feststellen, die Lerche hatte also Reminiscenzen vom ver- gangenen Sommer iiören lassen. Recht lustig war es, wie einmal eine Haubenlerche mit viel Geschick jenes unentwirrbare „zilp-zalp, schilip- delp-dilp" hören ließ, mit dem sich oft eine Schar Hausspatzen zankt oder unterhält. In allen Fällen bin icii sicher, die betreffenden Töne von den Haubenlerchen selbst gehört zu haben, denn die Abwesenheit anderer Vögel war leicht festzustellen. Andererseits weichen jene eingeflochtenen Stellen von dem weichen vokal- reichen Gesang der Haubenlerche deutlich ab, so daß man nicht behaupten kann, sie wären Eigen- tum der Sängerin. Außerdem hört man solche Plagiate nur selten und nur von einzelnen Indi- viduen, während man sie doch oft und regelmäßig hören müßte, weim sie Teile des Haubenlerchen- gesanges darstellten. Endlich aber ist festzustellen, daß alle jene Sänger, die der Haubenlerche als Muster dienten , in ihrer Nachbarschaft wohnen, nämlich an und bei Häusern und Gärten, in deren Nähe die Haubenlerche auf dem Acker nistet. Andere Sänger habe ich sie nie nachahmen hören. Es ist also als Tatsache anzunehmen, daß ein an sich gesangreicher Vogel Gehör und Gedächt- nis genug besitzt, um — vielleicht unbewußt — • andere Sänger nachzuahmen. Ph. Depdolla. Gipfeldürre der Fichten. — In Nr. 53 der Naturw. Wochenschr. (Jahrgang 1 904) p. 846 wird die letzte Möller 'sehe Arbeit über diesen Gegen- stand kurz referiert, nach welcher die „wahre Ur- sache der angeblich durch elektrische Aussleichun- 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 gen hervorgerufenen Gipfeldürre der Fichten in der Fraßvvirkung der Graplwlitha pactolana zu suchen sei". Der Herr Ref. hat in objektiver Weise den Inhalt der Möller'schen Abhandlung wieder- gegeben ; es lag ihm offenbar nicht daran , die einander gegenüberstehenden Ansichten über die Ursache der Gipfeldürre einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Wer aber die Erscheinung der von V. T u b e u f beschriebenen Gipfeldürre an Ort und Stelle zu beobachten Gelegenheit hatte, kann nun und nimmer zugeben, daß die ganze — gewiß interessante — Frage mit einigen Sätzen aus M ö 1 1 e r ' s Artikel abgetan werde , nachdem in diesem eine Reihe von wesentlichen Erschei- nungen der V. Tubeuf'schen Untersuchung ein- fach ignoriert werden ; um mich kurz zu fassen, weise ich nur auf folgende Punkte hin : 1. Wie erklärt Möller, daß sich das Abster- ben von Bast und Rinde noch mehrere Meter unterhalb des getöteten Gipfels bemerkbar macht, auch wenn von Fraßgängen der Grapholitha weit und breit nichts zu sehen ist? Etwa durch eine F"ernwirkung der Grapholitha? 2. Wie erklärt er, daß dieses Braunwerden der Rinde und des Bastes in durchaus gesetzmäßiger Weise zustande kommt. Man mag gipfeldürre Fichten fällen, so viele man will, stets zeigen dem lebenden Stamme unterhalb des toten Gipfels entnommene Scheiben das gleiche auffallende Bild : Unmittelbar unter dem dürren Gipfel Bast und Rinde im ganzen Umkreis abgestorben, etwas tiefer nur einzelne Partien der Rinde gebräunt, während der gebräunte Bast hier noch einen voll- kommen geschlossenen Ring darstellt, noch tiefer ist die Rinde intakt, der Bast aber im ganzen Umkreis oder in einzelnen Partien gebräunt; erst in der Entfernung von mehreren Metern vom Gipfel aus gerechnet, zeigen Rinde und Bast ein vollkommen gesundes Aussehen. 3- Wie stellt sich Möller zu der Erscheinung» daß die Zweige, welche vom kranken Teil des Stammes entspringen, niemals eine Spur dieser gesetzmäßig ausgebreiteten Rinden- und Bast- bräunung aufweisen? 4. Wie erklärt sich Möller mit Hilfe seiner Grapholithahypothese, daß der gebräunte Rinden- bzw. Bastring immer gerade unter der Ansatz- stelle der Scitenzweige unterbrochen ist? 5. Wie erklärt er ferner, daß auch andere Koniferen, wie Lärche und Kiefer, sehr ähnliche und gleich gesetzmäßige Bräunungs- erscheinungen in Rinde und Bast unter dem toten Gipfel erkennen lassen, obwohl auf ihnen Grapholitha pactolana nicht lebt? 6. Daß von Tubeuf und Zehn der mit Hilfe künstlicher elektrischer Entladungen genau die gleiche Rinden- und Bastbräunung — in gleicher Gesetzmäßigkeit — wie sie sich in der freien Natur findet, erzielt haben, ist der sicherste Beweis dafür, daß die von v. T u b e u f beschriebene Gipfeldürre auf elektrischen Ausgleich zurück- zuführen ist. Gegen die Verwendung von Wechselströmen in diesen Versuchen läßt sich nichts einwenden, nachdem, wie von physikalisch- fachmännischer Seite betont wird, die Blitze in der Natur gleich- falls auf Wechselströme zurückzuführen sind. Daß sich nachträglich unter dem abgestorbenen Gipfel Grapholitha reichlich ansiedelt, darf nicht wundernehmen, nachdem dieses Insekt — wie bekannt — seit Jahren in den bezüglichen Revieren häufig beobachtet worden ist. Aber die Wirkungs- weise desselben ist eine ganz verschiedene, um es kurz zu sagen , lokale , während die elektrischen Entladungen sich auf weite Partien der Rinde und des Bastes hin geltend machen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß die von Möller im Zehdeniker Revier beobach- tete Gipfeldürre nicht auf Grapholitha zurückzu- führen sei. Verschiedene Ursachen können recht wohl das gleiche äußere Krankheitsbild zur P'olge haben. Die Frage ist nur, ob die oben geschil- derten gesetzmäßig verlaufenden Bräunungen der Rinde und des Bastes unterhalb des Gipfels vorhanden sind oder nicht. Nun finden sich aber nach Möller' s Angaben nur vereinzelte tote Rindenstellen vor, wiesle bei verschiedenen anderen Verletzungen auch zu beobachten sind. Die Bräunungen und der gesetzmäßige Verlauf von Rinden- und Bastbräunung wurden von Möller an seinem Material nicht gefunden. Damit aber ergibt sich, daß die von Möller be- schriebene Erscheinung eine andere ist als die von Tubeuf beobachtete Gipfeldürre. Möller kann also auch nicht behaupten, daß v. T u b e u f 's Erklärung, welche auf durchaus exakten Unter- suchungen beruht, unrichtig sei. Prof Neger (pjsenach). Photographische Bestimmungen von Fix- sternparallachsen werden seit kurzem am 40- zölligcn Refraktor der Yerkes - Sternwarte von Frank Schlesinger mit gutem Erfolge aus- geführt (Astroph. Journal, Sept. 1904). S. benutzt zur Pointierung und Führung der Kassette einen Doppelschlitz - Plattenhalter nach Commons und macht die Aufnahme im optischen Brennpunkt auf Cramer'schen isochromatischen Platten. Die blauen Strahlen sind alsdann beim Yerkes-Fern- rohr so stark außerhalb des F'ocus, daß sie infolge der Größe ihres Zerstreuungskreises bei der Auf- nahme weitläufig stehender Fixsterne und kurzen Expositionszeiten keine Wirkung haben. So konnten daher ohne jede Zwischenschaltung eines Farbenfilters scharfe Aufnahmen gewonnen werden, deren Maßstab entsprechend der großen Brenn- weite des Objektivs ein sehr großer ist. Der wahrscheinliche Fehler einer Sternposition ergab sich gleich + 0,"03, so daß sicherlich Fixstern- parallachsen auf diesem Wege meßbar sind. Schlesinger fand z. B. für den l3oppelstern I<"edo- N. F. IV. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. renko 1457.8 eine Parallachse von o,"22, was mit dem von Peter am Heliometer gewonnenen Re- sultate (o,"i8) gut stimmt. Für den Doppelstern Struve 2398 wurde photographisch eine Parallachse von o,"29 ermittelt, während Flint am Meridian- kreis o,"32 und Lamp mit dem Mikrometer o,"35 gefunden hat. Da nach Barnard's Vermutung auch der Stern Krüger 60 der Sonne verhältnismäßig nahe sein dürfte, wurde auch dessen Parallachse bestimmt und dieselbe in der Tat gleich o,"28 gefunden, so daß der schwache Stern zu den nächsten Nachbarn des Sonnensystems zu gehören scheint (die größte Fixsternparallachse von o,"/! besitzt bekanntlich u Centauri). F. Kbr. Eine neue Art von Stereoskopbildern, die ohne Stereoskop körperlich erscheinen, ist \'on dem bereits durch die Erfindung des Chromoskops rühmlichst bekannten Physiker I v e s auf der Welt- ausstellung in St. Louis vorgefülirt worden. Nach den \'on Violie in den Comptes rendus vom 24. Oktober über diese Bilder gemachten Angaben werden diese Bilder dadurch erzeugt, daß man in einer mit zwei Objektiven versehenen, photogra- phischen Camera vor der Platte eine Art Rost montiert, der aus einem sehr engen System von Streifen besteht , die ein wenig breiter als die zwischen ihnen befindlichen Zwischenräume sind. Auf jeden Millimeter kommen etwa vier solcher Streifen und die Stellung der Objektive und des Rostes ist eine derartige, daß eine Stelle der Platte, die für das eine Objektiv im Schatten eines Streifens sich befindet, gerade von den vom anderen Objektiv kommenden Strahlen un- gehindert erreicht werden kann und umgekehrt. Es sind demnach die beiden Stereoskopbilder je in viele enge , parallele Streifen zerlegt , die ab- wechselnd nebeneinander liegen. Betrachtet man nun die Kopie einer derartig hergestellten Platte unter \^orschaltung eines entsprechenden Rostes, so sieht das rechte Auge nur das eine Streifen- system und kombiniert daraus das eine Bild, wäli- rend das linke Auge zugleich nur das andere System zu erblicken vermag. Diapositivbild und darüber befindlicher Rost können nun in einem gemeinsamen Rahmen vereinigt werden und lassen dann bei der Betrachtung ohne Anwendung irgend eines weiteren Apparates einen vorzüglich körper- lichen Eindruck zustande kommen. Die neue Erfindung dürfte bei der Einfachheit ihres Prinzips wohl dazu berufen sein , der Stereoskopie neue Freunde zuzuführen. F. Kbr. Bücherbesprechungen. Natur und Staat. Beitrage zur naturwissenschaft- lichen Gesellschaftslehre. Verlag von Gustav Fischer, Jena. 1904. VI.') Soziologie. Von Dr. A. Eleutheropulos, Privatdozent in Zürich. ') I — IV siehe 111, Nr. 3, 14 u. 34 der Naturw. Wocliensclir. 196 S. 8". Einzelpreis: brosch. 3,25 Mk., geb. 4,25 Wk. Subskriptionspreis: brosch. 2,60 Mk., geb. 3,60 Mk. — V. Prinzipien der natür- lichen und sozialen Entwicklungsge- schichte des Menschen. Anthropologisch- ethnologische Studien. Von Kurt Michaelis in München. 211 S. 8". — Einzelpreis: brosch. 3,50 Mk., geb. 4,50 Mk. Subskriptionspreis: brosch. 2,80 Mk., geb. 3,80 Mk. Während in der Öffentlichkeit ein Streit über die Gerechtigkeit der Preisverteilung bei dem bekannten Jenaer Wettbewerb ausgefochten wird, hat die Verlagshandlung ruhig weiter gearbeitet und legt jetzt die beiden letzten der zur Aufnahme in das Sammelwerk bestimmten Arbeiten vor. Sie sind von sehr verschiedener, man könnte sagen , gegensätz- licher Art. Das Werk von Dr. Eleutheropulos ist ange- füllt mit logischen Deduktionen, Distinktionen und Definitionen, enthält aber sehr wenig Tatsachen und fast keine praktischen Ergebnisse. Dem Naturforscher ist bei Vorführung so hoher Denkgebäude, bei denen Schluß auf Schluß getürmt wird, nie recht wohl, da er die Fehlbarkeit des menschlichen Schlußvermögens, wenn es sich mehr als 2 — 3 Stockwerke von den fundamentalen Tatsachen entfernt , zu gut kennt. Kaum hat ein Autor bewiesen, so müsse sich die Sache verhalten, es könne gar nicht anders sein , so kommt bald ein anderer, der ebenfalls das allein richtige System hat, und der sonnenklar beweist, alle seine Vorgänger seien Stümper in der Logik gewesen. Oder der Schalk „Induktion" tritt in Gestalt irgend eines neuen scharfsinnigen Experiments oder einer neuen mikroskopischen Entdeckung unversehens heran und schlägt an dem Luftschloß die schönsten Stützen hinweg , so daß es krachend einstürzt. Das wurde schon oft genug erlebt. Der Verf. obigen Werkes scheint es nicht zu wissen, sonst würde er sich docli nicht mit gespreizter Sicherheit im schwankendsten Gebälk herumbewegen. Was wir aus der Deszendenz- theorie für die innerpolitische Entwicklung und Ge- setzgebung der Staaten lernen können, ist mir durch die Lektüre des Werkes von Dr. Eleutheropulos nicht klar geworden; es scheint mir, er ist der Ansicht: nichts. Denn man könnte in seinem Buche die Des- zendenztheorie wegstreichen, und es bliebe doch alles Wesentliche des Inhalts übrig. Zur Prämiierung sol- cher Abhandlungen war eigentlich der Jenaer Preis- bewerb nicht gestiftet, und ohne dem sonstigen Wert der .'\rbeit zu nahe zu treten, kann man doch be- zweifeln, ob es richtig war, sie mit einem 3. Preis auszuzeichnen. Bedenkt man, daß die gediegene und vollständige Lösung von Dr. Ludwig Weltmann ebenfalls mit einem 3. Preis bedacht wurde, so kann man nicht umhin, den Kopf zu schütteln. Da ich nun gerade am Wort bin, möchte ich es benutzen, um ein Zitat aus meiner „Gesellschaftsordnung" richtig zu stellen. S, 31 nennt Dr. Eleutheropulos verschie- dene Ethnologen, Soziologen und Zoologen, denen zufolge das ursprüngliche soziale Leben von der Einzelfamilie ausgehe, bzw. zugleich ursprünglich mit dem Familienleben entstehe. Unter diesen Autoren 30 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 führt er auch „besonders Otto Amnion" an. Bisher habe ich mir eingebildet, es sei ein kleines Verdienst von mir, daß ich versuchte, das gerade Gegenteil davon zu beweisen. S. 18 — 28 (der 3. Auflage) be- mühe ich mich, den verschiedenen Ursprung des Gesellschafts- und Familienlebens klar zu machen und die einzelnen Hauptstufen der Entwicklung und An- ]3assung zu beschreiben. Wörtlich heißt es S. 20: „Eine Tierspezies kann äußerst familienhaft und doch ungesellig sein, wie der Löwe; eine andere Art kann ohne Eamilienbildung gesellig leben, wie die wilden Rinder." Das ist doch deutlich, und man möchte beinahe ein Mißverständnis für unmöglich erklären. Der Leser verzeihe mir, daß ich mir nicht gerne einen Wechselbalg unterschieben lasse. Daran , daß ich meine eigenen Geisteskinder vorüberspazieren sehe , in fremden Kleidern dermaßen aufgedonnert, daß sie vor Hochmut sich genieren, den Namen ihres eigenen Vaters zu nennen , habe ich mich bei der Lektüre mancher Stücke des Sammelwerkes gewöhnen lernen und will kein Aufhebens davon machen. Aber fremde mißratene Geschöpfe als mein Fleisch und Blut anzuerkennen , das ist mir zuviel. Hoffentlich hat Dr. Eleutheropulos die übrigen Autoren, die in seinem Buch vorkommen, richtiger zitiert. Der Münchener Schriftsteller Kurt Michaelis steht ungefähr im gleichen Lebensalter, wie der vor- genannte Grieche (beide sind 187 1 geboren), und sein Buch hat ungefähr den gleichen äußeren Umfang. ,\ber — wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein ! Um den Inhalt kurz zu charakterisieren : Viele, man möchte sagen , eine Fülle von Tatsachen , und Schlüsse nur bis zu solcher Entfernung von ihrer Voraussetzung, daß man sie beständig unter Kontrolle hat. Also ein gesundes Buch , an dem der Natur- forscher eine Freude haben kann , auch wenn er nicht geneigt ist, allen Folgerungen beizustimmen. Ein sehr hübscher Versuch ist der , die „Ich - Vor- stellung" zu erklären. Über die Vererbung bringt der Verf ebenfalls annehmbare Gedanken vor, und er belegt sie mit vielen neuen Argumenten, vornehm- lich die erbliche Übertragung geistiger Anlagen. In- zucht, Rassenkreuzung und verwandte Probleme finden durchaus sachgemäße, wenn schon kurze Besprechung. Nach wenigen Sätzen weiß man, was der Verfasser will, und man wird nicht erst lange mit logischen Spaziergängen und Begriffsfeststellungen durch unweg- sames Gestrüpp geführt. Nur allein bei den Rassen kommt er nicht zum rechten Ende. In seinem Buche wäre eine deutliche Herausarbeitung der europä- ischen Rassentypen und ihrer Mischlingsprodukte vonnöten gewesen; aber gerade hier fährt der Ver- fasser mit der Stange im Nebel herum , obwohl er viel einzelnes von Wert beibringt , so über Rassen- bewußtsein, Rassenstolz, Rassenhaß, Rassentüchtigkeit. Die beiden Größenmaxima unserer badischen Be- völkerung, die ich in meiner „Natürlichen Auslese beim Menschen" schilderte, habe ich irrigerweise als Anzeichen des Durchschlagens zweier Rassentypen gedeutet, und Michaelis übernimmt dies. Ridolfo Li vi hat aber meine Ansicht widerlegt imd ich habe mich der seinigen angeschlossen ; Näheres hierüber findet sich in der „Anthropologie der Badener" S. 107 — III. Überhaupt ist der Begriff der ,,Kon- stanz der Rasse" sehr verwickelt. Michaelis hat ihn nicht genügend erläutert. Die Fellachen, die angeb- lich heute noch die nämlichen sind, wie im grauen Altertum, sind allein nicht beweiskräftig. Wir kennen die Mischungen nicht, die bei ihnen stattgefunden haben, und auch nicht die äußeren Bedingungen, die bei ihnen immer und immer wieder den Fellachen- typus durchschlagen ließen. Jedenfalls sind dabei sehr starke Auslese faktoren malagebend ge- w-esen. Das Gegenstück zu Ägypten bilden die euro- päischen Länder. Wo ist in Deutschland der ger- manische Typus geblieben ? Wo ist derselbe in Frankreich hingeraten? Warum sind diese Länder jetzt vorwiegend von dunkelhaarigen , rundköpfigen Mischtypen bewohnt ? Wo bleibt da die .,Konstanz der Rasse" r Warum hat der Engländer seine ger- manische Kopfform besser bewahrt ? Ich würde ant- worten : Weil die freien Germanen sich im Lauf der Zeit mit den fremdrassigen Unfreien mischten , die in Deutschland und Frankreich einer rundköpfigen, in England einer langköpfigen (der mittelländischen) Rasse angehörten. Kurt Michaelis hat auf diese wichtigen Fragen überhaupt keine Antwort zu geben versucht , und doch ist gerade hier die Pforte des Fortschrittes , die er, ausgestattet mit seinem reichen AVissen , nur aufzumachen brauchte. Er wäre dann auch ganz ungezwungen dazu gekommen , sich mit der sozialen Rolle der europäischen Rassen zu be- schäftigen. Er konnte eine geistige Hierarchie der 3 Hauptrassen aufstellen: i. Germanen und Stamm- verwandte, 2. dunkle alpine Rundköpfe, 3. dunkle mittelländische Langköpfe. Die Bevölkerungen der europäischen Staaten sind in verschiedenem Mischungs- verhältnis aus diesen 3 Grundelementen hervorgegangen : in Deutschland fehlt Ziffer 3 , in England Ziffer 2 fast ganz, und aus diesem Umstand würde sich die verschiedene äußere und psychische Gestaltung beider Völker zum Teil erklären lassen. Endlich hätte sich die unbewußte soziale Schichtung der Misch- linge durch den freien Wettbewerb, je nach dem Vorwiegen des einen oder anderen Ras.sen- bestandteils in ihnen , sozusagen von selbst ergeben. Mit welchem Erfolg hat Dr. Woltmann diesen Weg betreten, und doch steht er erst am Anfang seines Schaffens! Hätte Michaelis die obigen Probleme ge- löst, so wäre er über Woltman und Schallmayer gekommen und hätte den i. Preis verdient. Daß er ihn bekommen hätte, wage ich nicht zu sagen, da die Mehrheit der Preisrichter offenbar von der „Rasse" nichts wissen wollte und geflissentlich nur solche Arbeiten prämiierte, denen zufolge es für die deutsche Geschichte ganz einerlei war, ob Germanen oder Neuseeländer den Grundstock der Bevölkerung bilde- ten , denn die „Prinzipien" gelten natürlich für alle Rassen gleichmäßig. Strenggenommen hätten sowohl Eleutheropulos, wie Michaelis keinen Preis erhalten dürfen, da keiner von beiden die Vorschrift, daß am Schlüsse die Tendenzen der politischen Richtungen in Deutschland kritisch darzustellen wären, erfüllt hat. Dr. Otto Amnion, Karlsruhe. N. F. IV. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Prof. Dr. A. Nestler, Hautreizende Primeln. Untersuchungen über Entstehung, Eigenschaften und Wirkungen des Primelhautgiftes. Mit 4 Taf Berlin, Verlag von Gebrüder Borntraeger, 1904. — Preis 3,50 Mk. Jeder weil3, daß die Berührung einer Brennessel unangenehme Folgen haben kann, weil der Schmerz sofort eintritt, daher über die Ursache derselben kein Zweifel bestehen kann. Da jedoch die Wirkung des Primelgiftes nach erfolgter Infektion erst nach Stunden und Tagen, ja sogar, wie die von N. durch- geführten Experimente zeigten , erst nach Wochen eintreten kann , so ist es wold begreiflich , daß man über die wahre Ursache der durch Primiila ohcoiüca Hance und Primula sinensis Lindl. erzeugten Haut- erkrankungen zum großen Nachteile der Patienten bisweilen sehr lange Zeit vollständig im unklaren war. N.'s frühere Untersuchungen und Experimente hatten bewiesen , daß das leicht auskristallisierbare Sekret der Drüsenhaare , die alle oberirdischen Teile jener Primeln , namentlich die Unterseite der Laub- blätter und die Blütenstiele bedecken , auf der Haut des Menschen, insbesondere auf empfindlichen Stellen derselben, eine mehr oder weniger heftige Dermatitis hervorrufen kann. Auch an vollständig trockenen Blättern ist das Sekret noch wirksam. Die oft sehr starke Wirkung desselben kann , wie er weiter nach- gewiesen hat, durch re ch tzei tige Anwendung von absolutem Alkohol, wahrscheinlich auch durch andere Mittel, in denen jenes Sekret löslich ist, entweder vollständig behoben oder doch wenigstens sehr herab- gemindert werden ; bei später Wahrnehmung der In- fektion kann das stets auftretende Jucken durch dieses Mittel nur vorübergeiiend gemildert werden. In den beiden letzten Jahren hat N. seine l nter- suchungen über das Primelgift fortgesetzt und unter anderem die Frage, ob manche Menschen gegenüber diesem Hautgift vollständig immun sind, durch direkte Versuche an einer Anzahl von Personen zu beant- worten gesucht. Durch diese Experimente und durch andere mehr minder heftige Erkrankungen wurden neue Eigenscbi'Ucn des Primelgiftes bekannt , welche namentlich in Beziehung auf die leichte Übertragung des giftigen Sekretes, auf die Reaktionszeit und auf die Begleiterscheinungen nach eingetretener Erkran- kung von allgemeinem Interesse sind. Über diese Dinge gibt das Buch eingehende Auskunft. Zoologische Annalen, Zeitschrift für Ge- schichte der Zoologie, herausgeg. von Prof. Dr. M. Braun. Bd. 1, Heft i. Würzburg (A. Stuber) 1904. Ein wahres Verständnis einer Wissenschaft und deren neuester Erfolge gewinnt man nur, wenn man die Geschichte dieser Wissenschaft von ihren Anfängen an studiert. Es ist deshalb durchaus be- rechtigt , ja es war sogar schon längst ein Bedürfnis vorhanden , für die (beschichte der Zoologie ein be- sonderes Organ zu besitzen. Die zoologischen Annalen, deren erstes Heft jetzt vorliegt, kommen diesem Bedürfnis entgegen. Das Heft läßt im allge- meinen den Umfang des Stoffes erkennen , der in der neuen Zeitschrift behandelt werden soll. Wir finden u. a. einen Aufsatz von R. Burckhardt über das erste Buch der aristotelischen Tiergeschichte, von B. Bloch über die Grundzüge der älteren Embryologie bis H a r v e y , von F r. Poche über einige Nomenklaturfragen und von M. Braun über die Geschichte der beschreibenden Naturwissenschaften und der Medizin als Vorlesungsfach auf den Universi- täten mit deutscher Unterrichtssprache. Am Schluß folgen dann ein Verzeichnis der neuesten einschlägigen Literatur und Besprechungen einzelner Arbeiten. Dahl. Dr. J. Früh, Prof der Geographie, und Dr. C. Schröter, Prof der Botanik am eidg. Polytechnikum in Zürich, Die Moore der Schweiz mit Berück- sichtigung der gesamten Moor frage. Mit einer Moorkarte der Schweiz in i : 500 000, 45 Text- bildern, 4 Tafeln und vielen Tabellen. Herausgeg. durch die Stiftung Schnyder von Wartensee. (Bei- träge zur Geologie der Schweiz , herausgeg. v. d. geolog. Komm. d. Schweiz. Naturf-Ges.) Bern, in Komm, bei A. Francke (vorm. Schmidt & Franke), 1904. — Preis 40 Fr. (32 Mk.). Der umfangreiche Quartband (751 Seiten) bildet eine ergiebige Fundgrube für alle, die sich für [Moor- fragen interessieren. Prof Früh ist ein bewährter Moorforscher, dem wir schöne Untersuchungen ver- danken, Prof Schröter hat sich ebenfalls auf dem Gebiete bereits erfolgreich betätigt : es ist daher Gutes zu erwarten und die Durchsicht der vor- liegenden Arbeit zeigt dem Kundigen schnell, daß diese Erwartung nicht getäuscht wird Die beiden Verfasser haben sich ihrer bisherigen Tätigkeit auf dem Gebiet entsprechend so in das- selbe geteilt, daß Schröter wesentlich das Botanische, Früh den überwiegenden übrigen Teil verfaßte. Das Werk zerfällt in 2 Teile, in einen Teil, der überschrieben ist ,, Allgemeines über Moore" und einen ,, Einzelbesprechungen schweizerischer Moore". Wie das in dem Titel des Werkes zum Ausdruck gelangt ist, wurde die „gesamte Torffrage" in den Kreis der Darstellung gezogen. Das Buch ist daher gleichzeitig eine Moorkunde , die bisher noch fehlte. Diese Erweiterung war „schon wegen der Darstellung des Vertorfungsprozesses nötig, aber auch in jeder anderen Richtung deshalb, weil — um mit Sendtner (1854 S. 659) zu sprechen — fast jedem Autor, der über Moore und Torf geschrieben hat, besondere Fälle vor Augen standen , wonach er seine .\nsicht bildete , um damit die des anderen zu bekämpfen". In dem Werke werden nach Vorführung von Definitionen besprochen im I. Teil: i. die torf- bildenden Pflanzenformationen der Schw-eiz, 2. der Torf, 3. die Stratigraphie, 4. die geographische Ver- breitung der schweizerischen Moore, 5. die Moore der ganzen Erde und ihre Klassifikation, 6. „die Be- ziehung des Kolonisten zu den Mooren im Lichte ihrer Toponymie", 7. die wirtschaftlichen Verhältnisse der schweizerischen Moore, 8. die postglaziale ^'ege- tationsgeschichte der Nordschweiz und die Bedeutung der Moore für deren Rekonstruktion ; im II. Teil : Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 2 die Moore des Kettenjura, im alpinen Vorland, der Voralpen und der alpinen Talmoore. Ein gutes Sachregister erleichtert die Benutzung des trefflichen Werkes. Literatur. Balfour, Minist.-Präs. Arth. James: Unsere heutige Welt- anschauung. Einige Bemerkgn. zur modernen Theorie der Materie. Vonrag. Übers, v. Dr. M. Ernst. (36 S.) 8°. Leipzig '04, J. A. Barth. — I Mk. Boltzmann, Prof. Ludw. : Vorlesungen üb. die Prinzipe der Mechanik. II. Tl. , enlh. : Die Wirkungsprinzipe , die La- grange'schen Gleichgn. u. deren Anwendgn. (X, 336 S. m. lO Fig.) gr. 8". Leipzig '04, J. A. Barth. — 9 Mk. ; geb. in Leinw. 10 Mk. Czapski, Dr. Siegfr. : Grundzüge der Theorie der optischen Instrumente nach Abbe. 2. Aufl., unter Mitwirkg. d. Verf. u. m. Beiträgen von M. v. Rohr hrsg. v. Dr. O. Eppenstein. [Aus: „Hdb. d. Physik".] (XVI, 480 S. m. 176 Abbildgn.) Lex. 8". Leipzig '04, T- A. Barth. — 14,50 Mk. ; geb. in Halbfrz. l6 Mk. Hantzsch, Prof. Dr. A. : Grundriß der Stereochemie. 2., vcrm. u. verb. Aufl. (VIII, 1S8 S.) gr. 8". Leipzig '04, J. A. Barth. — 5,60 Mk. ; geb. in Leinw. 6,40 Mk. Müller, Walt. : Abbildungen der in Deutschland u. den an- grenzenden Gebieten vorkommenden Grundformen der Orchi- deen-Arten. 60 Taf., nach der Natur gemalt u. in Farben- druck ausgeführt. Mit beschreib. Text v. Dr. F. Kränzlin. (XIV, 60 S.| Lex. 8". Berlin '04, R. Friedländer & Sohn. — Kart. 10 Mk. Ostwald, Prof W. : Die Schule der Chemie. Erste Einführg. in die Chemie für Jedermann. 2. Teil. Die Chemie der wichtigsten Elemente u. Verbindgn. (VIII, 292 S. m. 32 Abbildgn.) gr. 8°. Braunschweig '04, F. Vieweg & Sohn. — 7,20 Mk. ; geb. in Leinw. 8 Mk. selben ersehen, daß die Veränderung des Wortes ,, mikrosko- pische" in ,, naturwissenschaftliche" mit Einwilligung des Herrn Geh. Rat Schwendeuer erfolgt ist. P. Briefkasten. Herrn S. in Jöllenbeck. — Mach's ,, Prinzipien der Wärme- lehre" sind ein vorzügliches Buch, das aber nur die Prinzipien, und zwar von rein wissenschaftlichem Standpunkte aus be- handelt. Was Sie suchen, werden Sie am besten in Tyndall's „Die Wärme, betrachtet als eine Art der Bewegung" (Braun- schweig, F. Vieweg) finden, einem bis jetzt unübertroffenen Meisterwerk, das von Helmholtz und Wiedemann ins Deutsche übertragen wurde und antiquarisch billig zu haben ist. Sonst ist als kurzer, farbig illustrierter, neuerer Leitfaden zu emp- fehlen: Weiler, Physikbuch, 4. Band: Lehre von der Wärme, l-'-ßüngen, J. F. Schreilicr. Preis geb. 1,50 Mk. Herrn W. B. in Styrum. — Wenn Vögel auf Telegrapheii- drähten und Leitungsdrähten elektrischer Bahnen sitzen , so durchfließt ihren Körper kein Strom, weil die Verbindung mit der Erde fehlt, für eine elektrostatische Wirkung aber ist die Spannung viel zu schwach. Auch Arbeiter können die Fahr- drähte der elektrischen Bahn ohne jede Gefahr berühren, wenn sie von der Erde isoliert sind ; sind sie nicht isoliert, so wird die Stärke des ihren Körper durchfließenden Stromes und da- mit die schädigende Wirkung wesentlich davon abhängen, wie groß der Übergangswidcrsta'nd ist, also vor allem von der Feuchtigkeit der Haut. Herrn E. — Die zwischen Herrn Geh. Rat Prot. Dr. Schwendcner und dem LInterzeichneten geführte Korrespondenz lietreffend das Motto der Naturw. Wochenschr. finden Sie ab- gedruckt in Bd. II, 1888, Nr. 2, p. 15. Sie werden aus der- Herrn K. H. in Heiligenbeil (Ostpr.). — Frage ; In ver- schiedenen Büchern habe ich die widersprechendsten Angaben über den ,, Rattenkönig" gefunden. Nach Brockhaus' Konversationslexikon existiert ein Rattenkönig überhaupt nicht. Ich bitte um Auskunft, ob es ein solches Monstrum gibt und welches dann die L^rsachcn des Zusammenwachsens sind. — Dieselben widersprechenden Angaben , die Sie in den kom- pilatorischen Büchern finden, existieren auch in der ein- gehenderen Literatur über den Gegenstand und zwar in der Literatur des vorletzten Jahrhunderts ebensowohl als in der neuesten. Ich muß mich deshalb darauf beschrän- ken, das, was mir aus der Literatur bekannt geworden ist, kurz zusammenzustellen. — Alle älteren Angaben von der ersten Beschreibung eines Rattenkönigs durch Prof. G. C. Schellhammer in Jena in: Miscellanea curiosa oder Ephe- merides medico-physicae Decaria II, An. IX 1690, Novemb. 1691, 4. p. 254 an bis zum .\nfange des vorigen Jahrhunderts finden Sie zusammengestellt von J. J. Bellermann, „Über das bisher bezweifelte Daseyn des Rattenköniges", Berlin 1820, 50 S. m. Taf Die neuere Literatur ergänzen H. O. Lenz, ,, Gemeinnützige Naturgeschichte" 5. Aufl. Bd. 1 (1873) S. 353 ff., H. Steinvorth in Jahreshefte des naturwissensch. Ver. für d. Fürstentum Lüneburg, IX, 1884, S. 128 — ]30, Brehm's Tierleben, 3. Aufl., Säugetiere Bd. 2, Leipzig 1893, S. 503 — 506 und O. Boettger in Zoologischer Garten, Jahrg. 38, 1897, S. 217 — 219. — In einem Punkte scheinen die meisten Angaben übereinzustimmen, nämlich darin, daß es sich nicht um Wanderratten (Mus deciwtamis), sondern um Haus- ratten [Mus rattus) , die sich bekanntlich vor jenen durch besonders lange Schwänze auszeichnen, zu handeln pflegt. — Sicher ist, daß tatsächlich verschiedene Rattenkönige zur Be- obachtung gelangt sind. Es ist diese Tatsache nicht nur durch zuverlässige Beobachter verbürgt , sondern es werden (nach den Angaben in der Literatur) Rattenkönige in verschie- denen Museen, z. B. in der fürstlichen Naturalienkammer zu Sondershausen, im Naturalienkabinett zu Altenburg, im Dresdener Naturalienkabinett, in der Universitätssammlung zu Bonn und in der Sammlung des naturwissenschaftlichen Ver- eins zu Lüneburg aufbewahrt. Die Frage ist nur, ob die Schwänze der Ratten von Menschen verknüpft sind oder ob sich die Ratten selbst ohne Zutun des Menschen mittels ihrer Schwänze unlöslich verwickelten. Eine Verwachsung, wie sie H.Ludwig in Leunis' Synopsis der Tierkunde, 3. Aufl., Bd. I, Hannover 1883, S. 220 angibt, wird von den Beobach- tern selten behauptet, in den allermeisten Fällen handelt es sich sicher lediglich um eine Verschlingupg. Bellermann spricht allerdings von einer Verwachsung. J In dem Bell er- mann 'sehen Falle aber ist bedenklich, daß die Beobachtung erst 48 Jahre später niedergeschrieben ist. — Meistens setzten sich die Rattenkönige aus ausgewachsenen oder fast ausge- wachsenen Tieren und zwar aus Individuen von verschie- dener Färbung und Größe zusammen. — Den Beobachtern, welche über Rattenkönige berichtet haben, kamen diese stets erst getötet zu Gesicht. — Wenn auch die Ratten ihre Schwänze, wie man sich leicht überzeugen kann, beim Klettern zum Festhalten , also gewissermaßen zum Greifen benutzen und wenn auch feststeht, daß sich Ratten bei großer Kälte gelegentlich eng zusammendrängen , so ist es einem Forscher, der kritisch vorzugehen pflegt, doch nicht übelzunehmen, wenn er vorderhand noch daran zweifelt, daß sich; die Schwänze bei den Bewegungen der Ratten und ihrer Schwänze bis zur Unlöslichkeit verschlingen können. — Die sorgfältig- ste Untersuchung wäre hier am Platze und gerade diese ver- mißt man in den bisherigen Veröffentlichungen gänzlich , so- wohl in den Schriften pro als in denen contra. l);ilü. Inhalt: Prof Dr. Heinrich Ern s t Zi egi er : Neuere Beobachtungen über die Wurmkrankheit. — Kleinere Mitteilungen : G. Busck: Lichtbiologic. — Iwanowski: Rußlands Bevölkerung im Lichte der Anthropomctrie. — Ph. Depdolla: Musikalische „Plagiate" der Haubenlerche. — Neger: Gipfeldürre der Fichten. — Frank Schi esinger: Photo- graphische Bestimmungen von Fixsternparallachsen. — Ivcs: Eine neue Art von Stereoskopbildern. — Bücher- besprechungen: El eutlieropulos, Michaelis: Natur und Staat. — Prof Dr. A. Nest Icr: Hautreizende Primeln. — Braun: Zoologisclic Annalen. — Dr. J. Früh: Die Moore der Schweiz mit Berücksichtigung der gesamten Moor- frage. — Literatur: Liste. — Briefkasten. Ver.lntwortlichei- Redakteur: Prof. Dr. H. Potonii, Grofs-Licliterfelde-Wcst b. Berlin. Druck von Lippert & Co. (G. Päö'sche Buchdr.), Naumburg a. S Einschliefslich der Zeitschrift ,,Die NatUf" (Halle a. S.) seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potoni6 und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Grofs-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge IV. Band; der ganzen Reihe XX. Band. Sonntag, den 15. Januar 1905. Nr. 3. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Halbjahrspreis ist M. 4. — . Bringegeld bei der Post 15 Pfg. extra. Inserate: Die zweigespaltene Petitzeile 50 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Über- einkunft. Inscratenannahme durch Max Gelsdorf, Leipzig- Gohlis, Blumenstraße 46, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Das Verhältnis zwischen Psychischem und Physischem nach Avenarius und Petzoldt. [Nachdruck verboten.] Von A. L. Schon in den Jahren 1888 und 1890 hat Richard Avenarius seine ,, Kritik der reinen Erfahrung" ver- öfifentHcht; namhafte Gelehrte wie Mach, C. Haupt- mann, CorneUus, Ziehen haben sie gewürdigt; die Naturwissenscliaftliche Wochenschrift hat sich wiederholt zu ihren Gunsten ausgesprochen:') aber trotzdem hat die jede Metaphysik ausschließende empiriokritische Lehre weder in philosophischen noch in naturwissenschaftlichen Kreisen vollste An- erkennung gefunden. Schuld daran ist zunächst der Umstand, daß eine eigenartige Anordnung des ') Ich erinnere an die klaren Ausführungen von M. Klein: ,,pie Philosophie der reinen Erfahrung", IX i, X 38, XI 32, 33 ; „Ästhetik auf naturwissenschaftlicherGrundlage", IX 25;,,Ricliard Avenarius" XI 36; ferner an Petzoldt 's Aufsätze: ,,Über den Begriff der Entwicklung und einige Anwendungen des- selben", IX 7, 8, und „Metaphysikfreie Naturwissenschaft", N. F. I 31. — Gleichzeitig sei erwähnt, daß schon im Jahre 1894 Carstanjen unter dem Titel „Richard Avenarius' bio- mechanische Grundlegung der neuen allgemeinen Erkenntnis- theorie" eine Einführung in die Kritik der reinen Erfahrung veröffentlicht hat, die freilich durch Petzold t's ,,Einfülirung in die Philosophie der reinen Erfahrung" in den Hinter- grund gedrängt wird. Siehe N. F. HI 49, S. 638—640. Angersbach. Stoffes und eine überaus reiche und gänzlich neue Terminologie das Verständnis von Avenarius' Hauptwerken sehr erschweren ; ein weiteres Hinder- nis liegt jedenfalls darin, daß viele Gebildete sich mit den Ergebnissen der Einzelwissenschaften be- gnügen und erkenntnistheoretischen Fragen aus dem Wege gehen, daß andererseits Freunde des philosophischen Denkens in einer materialistischen oder energetischen Auffassung des Geschehens oder in dem von ausgezeichneten Naturforschern ver- tieften Neukantianismus volle Befriedigung finden oder gar metaphysischen Träumereien sich hin- geben. Für ein Wiedererwachen spekulativen Geistes fehlt es nicht an Zeichen : theosophische Schriften tauchen auf, die philosophierenden Werke Fechner's erfreuen sich einer wachsenden Ver- ehrung, unter den verschiedensten Namen werden die Lebenskräfte wieder in den biologischen Wissen- schaften heimisch. Um so mehr ist es nötig, immer wieder auf den Philosophen hinzuweisen, dessen ,, Kritik der reinen Erfahrung" von C. Hauptmann in den „Beiträgen zu einer dynamischen Theorie der Lebewesen" (Bd. I, Die Metaphysik in der 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 3 modernen Physiologie) als das Grundbuch einer modernen, wissenschaftlichen Psychologie begrüßt wird, „sofern diese als letzte Blüte und Krönung der modernen Biologie und als Basis der soge- nannten Geisteswissenschaften gefordert wurde, ein Buch, welches rückgreifend auch die Biologie in Problemen und Methoden zu klären berufen ist." Nachdem Petzoldt in seiner zweibändigen ,, Ein- führung in die Philosophie der reinen Erfahrung" nicht nur die Lehre Avenarius' in gemeinverständ- licher Form wiedergegeben, sondern auch durch eigene Untersuchungen erweitert und vielfach be- richtigt hat, wollen wir unseren Lesern die Auf- fassung beider Philosophen vom Verhältnis zwischen psychischem und physischem Geschehen im Aus- zuge vorführen. Die Lehre vom psychophysischen Parallelismus sagt bekanntlich aus, daß jedem psychischen Ge- schehen, also jeder Empfindung, jeder Vorstellung, jedem Gefühle und jeder Willensregung gleich- zeitig ein physisches Geschehen, nämlich ein Vor- gang im Nervensystem, speziell in dessen zentralen Teilen, entspreche. Diese Auffassung wurzelt zu- nächst in den Tatsachen, daß Empfindungen und willkürliche Muskelbewegungen bei Störungen peri- pherischer oder zentraler Teile des Nervensystems Ein Heranziehen psychischer Erscheinungen zur Aufklärung der Aktionskomplexe des menschlichen Körpers erschwert geradezu das Verständnis der- selben.') Noch ist es nicht gelungen, eine be- sondere nur für die organische Welt gültige Kraft, eine Lebenskraft, nachzuweisen. Ihre Annahme bedeutet kaum etwas anderes als eine voreilige \^erzichtleistung auf die Versuche, das or- ganische Geschehen durch die geläufigeren Vor- stellungen eines im weitesten Sinne physikalischen Geschehens zu begreifen, wenn sie nicht gar als letztes Mittel dienen soll, eine unklare, widerspruchs- volle Weltanschauung zu retten. So sind wir denn genötigt, die psychischen .-Xkte neben den phy- sischen ablaufend zu denken, und wir veranschau- lichen uns das Verhältnis beider unter dem Bilde zweier parallelen Geraden, von denen die eine, die das physische Geschehen ausdrückt, kontinuierlich verläuft, die andere, die das psychische vorstellt, vielleicht nicht ohne Unterbrechungen ist — man denke nur an die Tatsachen des Schlafes, der Ohnmacht u. a. — Trotzdem hat man geglaubt , ohne das Energieprinzip zu verletzen, durch ein anderes Schema den Verlauf beider Reihen wieder- geben zu können : 11 physischer AbschniU psycho- rein physischer psychischer Abschnitt Abschnitt psycho- physischer Abschnitt rem physischer Abschnitt psychische Reihe physische Reihe in mannigfaltiger Weise verändert erscheinen oder überhaupt nicht zustande kommen ; ferner darin, daß jede geistige Entwicklung von einer gleich- zeitigen Ausbildung des Nervensystems begleitet ist. Eine besondere Stütze erhält jener Gedanke noch durch den Satz, daß die Gesamtenergie eines jeden materiellen Systems eine Größe ist, die durch Wirkungen zwischen den Teilen des Systems weder vermehrt noch vermindert, wohl aber in jede der P'ormen umgewandelt werden kann, deren die Energie fähig ist ; daß somit die Gesamt- summe der potentiellen und aktuellen Energie injedem Augenblicke einen un- veränderlichen Wert besitzt. In der Reihe von Vorgängen, die sich in einem solchen Systeme abspielen, bleibt demnach' an keiner Stelle und zu keiner Zeit ein Platz frei für die einer physi- kalischen Maßbestimmung unzugäng- lichen, von (irund aus verschieden- artigen psychischen Tatsachen. Sind nun auch die Nervenprozesse überaus verwickelt und durch zalilreiche Auslösungsvorgänge besonders ausgezeichnet , so sind sie doch prinzipiell keineswegs von anderen physikalischen Vor- gängen verschieden; ja selbst menschliche Handlungen lassen sich von der physischen Seite her mit Hilfe des Energieprinzips begreifen. Danach sollen die physiologischen Prozesse zeitweise durch Zustände unterbrochen sein, in denen alle aktuelle Energie sich in poten- tielle verwandelt habe. In diesen Pausen könnte die psychische Reihe nun nach den Anschauungen verbreiteter Psychologenschulen die höheren, ab- strakten Vorstellungen und ihre apperzeptiven Verbindungen mit den gleichzeitigen Gefühlen ent- halten, also die vornehmsten geistigen Funktionen, das höhere Denken und Fühlen und die Willens- entschlüsse umfassen. Aber abgesehen von der Schwierigkeit, solche Stillstände im Verlaufe des physiologischen Geschehens nachzuweisen, über- sieht man, daß, um die potentielle Energie des 3. Abschnittes in die des 4. Abschnittes überzu- führen, ein Impuls erforderlich ist, d. h. eine, ') Der Gcdanlie, daß ein Willensakt einen physikalischen Vorgang auszulösen vermöge, muß dem naturwissenschaftlich Gebildeten geradezu ungeheuerlich erscheinen. Eine physi- kalische Null soll die Energie eines Systems um eine „will- kürliche" Größe vermehren, also Energie aus Nichts schaffen! Und doch finden sich solche Auffassungen in der philo- sophischen Literatur! Vergleiche Schopenhauer's „Versuch über das Geisterschen und was damit zusammenhängt!" (Parerg. und Paral., 1. Bd.). Im Gegensätze dazu beachte man fol- genden Salz in Spinoza's Ethik (III. Teil, L. 2) : „Der Körper kann die Seele nicht zum Denken, und die Seele den Körper nicht zur Bewegung oder Ruhe oder sonst etwas bestimmen!" N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 wenn auch noch so kleine, Energiemenge zuge- führt werden muß. Dieses Plus könnte aber nicht der in der Zeichnung veranschaulichten Kette von physikalischen Vorgängen, sondern müßte einem neu hinzutretenden Vorgang angehören: unser Schema wäre unvollständig. Setzen wir diese Betrachtungsweise fort, so folgt, daß, wenn wirklich der gesamte, den psychischen Prozeß begleitende physikalische Prozeß aufgezeichnet werden soll, dieser als eine lücken- lose, nirgends unterbrochene Gerade zu versinn- bildlichen ist. — Auch die Versuche, dem Energie- gesetze eine solche erweiterte Form zu geben, daß das Geistesleben neben dem physi- kalischen Geschehen seinen Platz fände, müssen daran scheitern, daß jenes in zahllosen Tatsachen wurzelnde Prinzip völlig verwässert würde, daß es jeder noch so wunderlichen Sonderauffassung von Natur und Geist angepaßt werden könnte und die ihm auf rein physischem Boden eigene Schärfe ganz und gar verlöre. Trotz alledem wäre es wünschenswert, das Prinzip des psychophysischen Parallelismus noch in anderer Weise zu stützen. Zu diesem Zwecke stellen wir uns die Frage: Wonach suchen wir, wenn wir einen psychischen Vorgang verstehen lernen wollen? Einen geistigen Akt im Sinne des älteren Materialismus als Wirkung körperlicher Ursachen aufzufassen, wird kaum noch jemand einfallen. Wohl aber lautet in der Regel die Ant- wort: Wir wollen ihn als Wirkung geistigei Ursachen erkennen. Die Analyse irgend eines Geschehens lehrt jedoch ohne weiteres, daß die Begriffe „Ursache und Wirkung" zu einer wissenschaftlichen Beschrei- bung der Tatsachen untauglich sind, sie lassen sich nicht gegeneinander scharf abgrenzen und sind vieldeutig. Wir nehmen beispiels- weise an, es löse sich im Hochgebirge eine über- hängende Schneemasse ab, sie wachse im Sturze über einen steilen Hang zur Lawine an und zer- trümmere schließlich ein auf dem Talboden stehen- des Haus! Was ist die Ursache der Zerstörung des Hauses? Viele Antworten lassen sich geben: das Abbrechen der Wächte; die Zunahme der Schneemasse während des Sturzes; die Wucht der Lawine; die Zahl von Niederschlägen, die die über- hängende Schneemasse zu sehr vergrößerten ; die geringe Widerstandsfähigkeit des Hauses; die .Steil- heit des Hanges; die Lage der Lawinenbahn usw. usw. Die Schwierigkeiten werden nicht ver- mindert, wenn man neben den Ursachen noch Bedingungen unterscheidet, wenn man die Ur- sachen in nähere und entferntere einteilt. Die Worte „Ursache und Wirkung" bezeichnen in populärer Weise nichts anderes als besonders in die Augen fallende, im übrigen will- kürlich begrenzte Glieder einer Kette von Ereignissen. Ganz und gar versagen jene Begriffe, wenn es sich um Fälle handelt, die nach dem Prinzipe der Wirkung und Gegenwirkung stattfinden. 1) — „Wenn wir", sagt Mach, „von Ur- sache und Wirkung sprechen, so heben wir will- kürlich jene Momente heraus, auf deren Zu- sammenhang wir bei Nachbildung einer Tatsache in der für uns wichtigen Richtung zu achten haben. In der Natur gibt es keine Ursache und keine Wirkung. Die Natur ist nur einmal da. Wiederholungen gleicher Fälle, in welchen A immer mit B verknüpft wäre, also gleiche Erfolge unter gleichen Umständen, also das Wesentliche des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung, existieren nur in der Abstraktion, die wir zum Zweck der Nachbildung der Tatsachen vornehmen. Ist uns eine Tatsache geläufig geworden, so be- dürfen wir dieser Heraushebung der zusammen- hängenden Merkmale nicht mehr, wir machen uns nicht mehr auf das Neue, Auffallende aufmerksam, wir sprechen nicht mehr von Ursache und Wir- kung." — In dem Wirkenden der Ursache steckt nichts anderes als der dunkle Kraftbegriff, das Überbleibsel einer animistischen Auffassung der Naturvorgänge, ein Begriff, dessen LTnhaltbarkeit schon Hume in aller Schärfe festgestellt hat. Suchen wir nun das dem Kausalitätsgesetze zugrunde liegende Tatsächliche zu formu- lieren! In seinen „Maxima, Minima und Öko- nomie" (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1891) hatte sich Petzoldt die Frage gestellt, wie es komme, daß sich mechanische Vorgänge immer durch solche analytische Aus- drücke beschreiben lassen, die im allgemeinen eine Minimum- oder Maximumeigenschaft besitzen, im P"alle des Gaußischen Prinzips des kleinsten Zwanges sogar stets auf ein Minimum führen. Er gelangte in seinen Untersuchungen zu dem Ergebnisse, daß jene Ausdrücke nichts anderes wiedergeben als die eindeutige Bestimmtheit der Naturvorgänge, die in ihrer Art ebenso ausgezeichnet sind wie ein Minimum oder Maximum gegenüber benachbarten Funktionswerten; daß also jene Ausdrücke weniger Symbole eines Kleinsten oder Größten als vielmehr solche eines Ei n zi gart ige n sind. Ge- nauer formuliert er es in folgender Weise : „Für jeden Vorgang lassen sich Be- stimmungsmittel auffinden, durch die er eindeutig bestimmt ist, derart, daß manzu jeder Variation dieses Vorgangs, die man durch dieselben Mittel bestimmt denken wollte, mindestens noch eine finden könnte, die dann in gleicher Weise bestimmt, ihr somit gleichwertig wäre und also gleichsam dasselbe Recht auf Verwirklichung hätte wie jen e." Petzoldt bezeichnet den Satz als das Gesetz der Eindeutigkeit. Als Bestimmungsmittel sind allgemein diejenigen in jedem Falle quan- ') Eine eingehende Kritik der Begriffe ,,Ursaclie und Wir- kung" findet sich in Petzoldt's ,,Das Gesetz der Eindeutigkeit" (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIX, 2). Siehe auch Mach's ,, Mechanik in ihrer Entwicklung" Kap. 4, Abschnitt 4; ,, Prinzipien der Wärmelehre" (Kausalität und Er- klärung) ; „Analyse der Empfindungen" (V. Physik und Bio- logie ; Kausalität und Teleologie)! 36 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 3 titativ bestimmbaren Begriffe zu verstehen, mit Hilfe deren wir einen Vorgang eben als einen be- stimmten, als einen einzigartigen unter einer Mehr- zahl von denkbaren auffassen können. Solche Be- stimmungsmittel sind Raum- und Zeitgrößen, Massen, Gewichte, Geschwindigkeiten, Beschleunigungen, Wärmemengen, Temperaturen, elektrische Poten- tiale, Stromintensitäten, Widerstände, Atomgewichte, Schmelzpunkte, Valenzen usw. Der bedeutungs- volle Satz von der Eindeutigkeit des Geschehens schöpft seine Macht nicht aus einer Summe von Einzelerfahrungen, sondern wurzelt in den Tat- sachen des Bestandes unser selbst und der Welt, in den ganz allgemeinen Erfahrungen , daß ein Kosmos besteht, daß wir denkende und handelnde Wesen sind, daß es Entwicklung gibt. Die Unbestimmtheit wäre für die Natur das Chaos, für das Denken der Wahnsinn. Zwei Arten der Naturbestimmtheiten lassen sich unterscheiden, eine simultane, wechsel- seitige Abhängigkeit von Bestimmungselementen eines Vorganges und eine succedane Abhängig- keit der Werte, die ein Bestimmungselement nach und nach während eines Vorganges annimmt. Der Begriff der Abhängigkeit ist ganz im Sinne der Mathematik aufzufassen, als eine funktionale Beziehung. Die succedane Bestimmtheit be- steht im allgemeinen in der S t et igk eit und in der Einsinnigkeit der Änderungen, im be- sonderen für das Gebiet der räumlich bestimmten Vorgänge noch in der Einzigartigkeit der ein- geschlagenen Wege. Analysieren wir nun das geistige Geschehen, so zeigt sich uns auf allen Gebieten, selbst auf dem des logischen Denkens, daß die geistigen Vorgänge sich nirgends eindeutig bestimmen. Nir- gends treffen wir eine simultane Abhängigkeit psychischer Elemente voneinander, nirgends Stetig- keit und Einsinnigkeit im strengen Sinne des Wortes an. Ja die Tatsache der Einheit des Bewußtseins, die ganz allgemeine Möglichkeit, daß jede Vorstellung mit jeder anderen Vorstellung oder auch mit jeder VVahrnehmung gleichzeitig oder in unmittelbarer Aufeinanderfolge auftreten kann, fordert geradezu den Mangel der eindeutigen Bestimmtheit auf rein geistigem Gebiete. Wollen wir aber einmal einen geistigen Akt begreifen, so müssen wir ihn als einen ein- deutig bestimmten aufzufassen versuchen. Durch geistige Bestimmungsmittel vermögen wir das nicht, also müssen wir ihn durch physische Be- stimmungselemente eindeutig bestimmt denken. Es bleibt uns demnach nur die eine Auffassung übrig, daß nämlich jeder geistige Akt, mag er auch noch so unbedeutend oder noch so be- deutend sein, funktionell verbunden ist mit physikalischen Vorgängen innerhalb des Zentralnervensystems. Regelmäßigkeiten des geistigen Geschehens denken wir uns dem- nach abhängig von Regelmäßigkeiten der Gehirn- vorgänge und jede Abweichung von jenen psy- chischen Regelmäßigkeiten denken wir uns durch eine Abweichung von dem regelmäßigen Verlaufe der zentralnervösen Änderungen bestimmt. Richard Avenarius gebührt nun das hohe Ver- dienst, die eindeutige Zuordnung der psychischen Vorgänge, zu physiologischen eingehend untersucht zu haben und zu bedeutsamen Ergebnissen gelangt zu sein. Wie Kirchhof!' in seinen Vorlesungen über analytische Mechanik als deren Aufgabe das sah, daß die in der Natur vor sich gehenden Be- wegungen vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben seien, so wandte Avenarius die be- schreibende Methode auf philosophischem Ge- biete an. DieUntersuchungendespsychischenTatbestandes führten ihn zu zwei bedeutsamen Entdeckungen. Erstens spielt sich das psychische Geschehen stets in mehr oder weniger leicht voneinander zu trennen- den Reihen ab, die mit den Assoziationsreihen im allgemeinen nichts zu tun haben. Zweitens ist die übliche Einteilung der psychischen Grundtatsachen in Empfindungen, \''orstellungen und Gefühle oder gar noch Willensregungen nicht ausreichend. An deren Stelle setzte er eine vollständigere und doch einfachere Einteilung. Beides zusammen führte ihn zur Entdeckung der Biologie des Zentralnerven- systems, gleichzeitig damit zur eindeutigen Be- stimmung der psychischen Vorgänge und zu einer allgemeinen Theorie des menschlichen Erkennens. An jeder psychischen Reihe lassen sich 3 Abschnitte unterscheiden. Der Anfangsabschnitt zeigt Werte, die einem bisherigen Wahren und Wirklichen, Sicheren, Bekannten, Gewohnten und dergl. gegenüber als ein davon Abweichendes, ihm Widersprechendes bezeichnet werden. Im mittleren Abschnitt stellen sich die Werte eines Suchens, Erstrebens, Begehrens, WoUens ein. Das Unlustvolle, das Unsichere, Unwahre, Unbekannte ist das Ungewollte, und dieses Un- gewollte bleibt jedem ferneren als Bekanntem auftretenden Gliede gegenüber, das die Reihe nun abzuschließen sucht, einstweilen noch ein Anderes, ein Zweifelhaftes, ein Fragliches, ein Unbekanntes, ein Dunkles und Unbegriffenes. Endlich wird mit einem Gliede , das dem An- fange der Reihe gegenüber häufig als Dasselbe charakterisiert i.st, der Endabschnitt erreicht. Das .Schlußglied ist nunmehr wieder als das Seiende, Wahre, Regel- oder Gesetzmäßige, Sichere, Ge- wisse, Bekannte oder Begriffene oder Erklärte usw. gesetzt, und damit sind die Charaktere der Klar- heit und Evidenz, der Beseligung und Beruhigung verbunden. Solche Reihen lassen sich stets, sowohl in den einfachsten als in den verwickeltsten Formen des geistigen Lebens aufweisen. Wir treften sie an im Falle, daß ein Kind, von Hunger beunruhigt, nach Nahrung sucht und mit deren Auffinden und Verzehren wieder vergnügt wird; wir treffen sie an im Falle, daß ein Forscher eine neue, unge- wohnte Beobachtung macht, zu ihrer Erklärung mit aller Macht sich gedrängt fühlt und nach N. F. IV. Nr. 3 Naturwissenschaftliclie Woclienschrift. 37 jahrelangem Suchen und Schatten zu einem er- freulichen Abschlüsse gelangt. Als physiologische Parallele zu einer psychischen Reihe muß sich nun ein einfacher nervöser Grundprozeß aufzeigen lassen und zwar, da die geistige Tätigkeit des Kindes oder Natur- menschen und die des schaffenden Genius in der allgemeinsten Form übereinstimmende Züge haben, ein einziger Grundprozeß. Die Ergebnisse der Nervenphj-siologie lehren nun, daß es sich in allen Fällen, wo eine psychische Reihe eingeleitet wird, um die Bedrohung eines kleineren oder größeren Abschnittes des Nervensystems, etwa eines Teilsystems, handelt, um eine Änderung, die eine Gefahr für seinen ferneren Bestand ist; daß im weiteren Verlaufe sich Änderungen anschließen, die im günstigen Falle den Erfolg Iiaben, das ner- vöse Teilsystem gegenüber dem Angriffe zu er- halten. Avenarius bezeichnet die Gesamtheit der nervösen Teilsysteme, also das, was wir Nerven- system nennen, als das System C. Er bezeichnet ferner die rein physiologischen, an einer beschränkten oder größeren Zahl von nervösen Teilsystemen sich vollziehenden Reihen als die unabhängigen, die parallel dazu verlaufenden rein psychischen Reihen als die abhängigen Vitalreihen, die Worte „unabhängig" und „abhängig" im Sinne der Mathematik verstanden. Eine Vitalreihe wird nun dadurch ein- geleitet, daß ein in günstigster Lage der Er- haltung befindliches Teilsystem gefährdet wird, daß ihm eine V i t a 1 d i f f e r e n z gesetzt wird. Die Vitalreihe findet im Falle der Behauptung des erregten Teilgebildes ihren Abschluß da- durch, daß die Vitaldifferenz wieder durch ent- sprechende Änderungen aufgehoben wird. Es ist zu bemerken, daß nur die eben ein- getretene Systemruhe, wie wir den einer Vitalreihe unmittelbar vorausgehenden Zustand benennen, als günstigste Lage aufzufassen ist, nicht etwa die starre, anhaltende Ruhe, die, wie es im Wesen des Organischen begründet ist, ge- radezu den Untergang des Teilsystems herbeiführen würde. Regelmäßig geübte Reihen sind Er- haltungsbedingungen für das ergriffene nervöse Ge- bilde. Die Entfernungen von der Systemruhe und die Annäherungen an sie bezeichnet Avenarius als Schwankungen. Als Änderungsbedingungen des Zentral- nervensystems sind nun die allgemeinen oder spezifischen Reize einerseits und die Nahrungs- mittel andererseits anzusehen. Die durch sie be- dingten Änderungen stehen in einem Gegensatze, derart daß, wenn eine Zeitlang vorwiegend die eine Art stattgefunden hat, dann vorwiegend die andere Platz greifen muß, falls das erregte zentrale Teilsystem sich behaupten soll. Die Vital- differenz ist nun nichts anderes als der Größenunterschied der Erregungen, in die ein zentrales Nervengebilde durch Einwirkung von Reiz und Ernährung versetzt wird; sie ist die Differenz zwischen Dissimilation und Assimila- tion oder, wie Avenarius sagt, zwischen Ar- beitsschwankung und Ernährungsschwan- kung. Die Vitalreihen selbst teilt Avenarius ein in Vitalreihen erster und Vitalreihen höherer Ordnung, je nachdem sie völlig im Sinne vorangegangener häufiger Übung oder aber von der bisherigen Übung abweichend verlaufen. Die unabhängigen Vitalreihen erster Ordnung haben nur höchst einfache, vielleicht gar keine psychischen Be- gleiter — man denke an Reflex- und auto- matische Bewegungen — , erst diejenigen höhe- rer Ordnung haben ausgesprochen psy- chische Begleiter. Die weitere Analyse des psychischen Geschehens führt Avenarius zur Unterscheidung zweier Haupt- gruppen psychischer Grundgebilde, es sind das die Elemente und die Charaktere. Die Elemente umfassen alles, was sonst als Empfindungen bezeichnet wird, jedoch einer- lei, ob sie in der Form von Wahrnehmungen oder Erinnerungsvorstellungen auftreten. Es gehören dazu Werte, die wir etwa durch die Ausdrücke „grün", ,,Ton a", ,,süß", „hart", „kalt", „rauh" usw. bezeichnen. Die Charaktere bilden eine außerordent- liche Verallgemeinerung derGefühle, sie begreifen nicht nur diese, sondern auch alles, was gewisse Inhalte charakterisiert, was ihnen eine gewisse Färbung verleiht, die ihnen unter Umständen auch wieder genommen werden kann, um durch eine andere ersetzt zu werden. Es gehören hierher Werte, die wir etwa durch die Ausdrücke ,, angenehm", „unangenehm", „schön", ,, häßlich", ,, bekannt", „unbekannt", , .sicher", ,, un- sicher", „gut", ,, schlecht" usw. bezeichnen. Beide Grundgebilde sind nicht etwa Teile eines psychischen Aktes, sondern lediglich Seiten. Avenarius hat nun versucht, die den Elementen und Charakteren entsprechenden ner- vösen Grundprozesse aufzuzeigen. Die Elemente sind von der Form und der Größe des zentralen nervöse n Prozesses abhängig, während diese wieder von der Form und Größe der etwa in Betracht kommenden peripherischen Sinneserregungen bestimmt vorauszusetzen sind. Insbesondere hängt die Qualität oder Modalität der Elemente ab von der Form, die Intensität hingegen von der Gröfse der Schwankungen ab. Ehe Avenarius die Unabhängigen der Charak- tere aufsucht, gibt er eine Einteilung der letzteren. Er unterscheidet 2 Klassen, die Grundcharak- tere und die Modifikationen der Grund- charaktere, Abänderungen von jenen, die aber den Grundwert noch deutlich erkennen lassen. Die Grundcharaktere zerfallen in 3 Ordnungen nebst verschiedenen Familien : I. Affektive Charaktere (Wertungscharaktere 3« Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 3 Klein's). Sie umfassen die eigentlichen und \ui- eigentlichen Gefühle. a. Affektional Positives Af fek t i o nal =-= Lust, negatives A ffe kt ional = Unlust. b. Koaffektional. c. Virtual. Koaftek-tional und \'irtual umfassen die un- eigentlichen Gefühle und zwar das erstere die- jenigen der ]?eklemmung, Plinengung, Bedrückung usw., der Befreiung, Erleichterung, des Aufatmens usw., das Virtual tue sogenannten Bewegungs- gefühle, Organgefühle. 2. Adaptive Charaktere ( Anpassungscharaktere Klein's). a. Idential (Abweichungscharakter). Es umfaßt die Urteile darüber, ob etwas ein ,, Anderes" ist oder geworden ist, und darüber, ob etwas „Dasselbe" ist. u. Hcterote, Andersheit. ß. Tautote, Dasselbigkcit. b. Fidential (Gewöhnungscharakter Klein'.s). positives, negatives. Es enthält die Prädikate des Seienden, Wirk- lichen, bzw. NichtSeienden, Nichtwirklichen. positives, negatives. Es enthält die Prädikate des Sicheren bzw. Un- sicheren. «. E X i s t e n z i a 1 ß. S e k u r a 1 y. Notal ) positives, 1 negatives. Es enthält die Prädikate des Bekannten bzw. Unbekannten. 3. Prävalenzialcharaktere. Sie bezeichnen die verschiedenen Grade und Arten der „Bewußtheit". a. Formale Abhebung. «. A b h e b u 11 g. ß. Überabhebung. y. E b n u n g. b. Materiale Abhebung, Kontrast. Bei der formalen Abhebung handelt es sich um die Unterschiede, ob uns etwas klar und deutlich bewußt ist, ob wir durch zu heftige und zu zahlreiche Eindrücke verworren gemacht sind, oder auch, ob uns erst nachträglich zum Bewußtsein kommt, daß etwas zugleich mit etwas anderem da war, gegeben war; die materiale Abhebung umfaßt die eigen- artige Hebung oder Färbung der Bewußtseins- inhalte, die im Kontrast mit anderen Inhalten zustande kommt. — Welches sind nun die nervösen Grund- prozesse, von denen wir die Grundcharak- tcre abhängig zu denken haben? Avenarius ge- langt zu folgenden I'^rgebnissen : I a. Das Affektional ist abhängig von der zunehmenden oder abnehmenden Schwan- kung, von der Entfernung eines nervösen Teil- systems von der Systemruhe oder der Annäherung an sie; im ersten Falle tritt als psychischer Be- gleiter ein Unlust gefü hl (negatives Affektional), im letzten ein Lustgefühl (positives Affektional) auf. Beide Gefühle sind um so stärker, je größer die Bedeutung des bedrohten und sich behaup- tenden Teilsystems, je größer die Schwankung und je geschwinder das Anwachsen und Abnehmen der X'^italdifferenz ist. 1 b und c. Das Koaffektional und Virtual sind bedingt durch die Ausbreitung erheb- licher Schwankungen von Hauptteil- systemen auf motorische und sekre- torische Teilsysteme. Diese sekundären Änderungen rufen Muskelbewegungen und Drüsen- absonderungen hervor, die ihrerseits wieder als Reize wirken und Änderungen sensueller Teil- systeme im Gefolge haben. Im besonderen ist das Koaffektional durch die Änderungen jener sensuellen Teilsj-stcme bestimmt, die in engster funktioneller Verbindung mit den Organen nament- lich der Drüsen-, Atmungs- und Herztätigkeit stehen, das Virtual hingegen von jenen, die der will- kürlichen Muskeltätigkeit, vor allem der der Gliedermuskeln zugeordnet sind. 2 a. Das Idential ist im Falle der Aussage einer Helerote abhängig vom Übergang von einer geübten Schwankung eines zentralen Teilsystems zu einer minder geübten (nega- tive Transexerzition), im Falle der Aussage einer Tautote von derRückkehr von einer minder geübten Schwank-ungsabände- rung zur geübten ursprünglichen Schwan- kung (positive Transexerzition). 2 b. Das Fidential ist bestimmt durch das größere oder geringere Maß der Übung, das einer Schwankung zukommt (Exerzitat). ß. Das Prävalenzial , das S i c h d e u 1 1 i c h - bewußt werden oder die Abhebung einer Gruppe psychischer Werte ist abhängig von der Schwankungsartikulation, d. h. von dem Übergang einer eingeübten Schwan- kung in eine stärker bewegte, differen- zierte, gegliederte; die Überabhebung im besonderen tritt ein, wenn eine geübte Schwankung eine allzuschnellc, allzumannigfaltige, allzuumfassende Änderung er- leidet. Petzoldt gelangt in seinen Untersuchungen mehrfach zu anderen Ergebnissen. Zunächst weist er nach, daß das Koaffektional und das Virtual keine selbständigen Grund- werte neben dem Affektional sind. \'iel- mehr lassen sich die uneigentlichen Gefühle stets in Elementenverbände und in Charaktere der Lust und Unlust auflösen. Trotzdem wünscht Petzoldt die Beibehaltung jener Begriffe wegen der engen Verbind u n g von Elementen- und Affek- tionalkomplexen, die eben jene für das psychische Geschehen so bedeutungsvollen uneigentlichen Ge- fühle auszeichnen. N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 Unhaltbar sind ferner die Prävalenzial- charaktere. Jede beliebige Charakterisierung enthäh auch gleichzeitig eine Abhebung, also kann diese selbst nicht als Charakter angesprochen werden. Etwas nicht Charakterisiertes ist auch nichts Abgehobenes, hat also für das Bewußtsein keine Bedeutung, ist ein toter Wert. Alle psychischen Werte sind abgehoben, und das Einzigartige der Abhebung oder Charakterisierung istzugleich auch das Einzigartige des Bewußtseins. Weiterhin zeigt Petzoldt, daß das Fidential nicht, wie Avenarius meint, lediglich von der Schwankungsgeübtheit abhängen könne. Denn ein ruhender Bestand kann kein Be- stimmungsmittel für einen Vorgang sein. Auch eine Vital reihe, die völlig im Sinne bis- heriger Übung verläuft, kann nicht Be- dingung für das Fidential sein; denn als Vitalreihe erster Ordnung kann sie, wie wir oben gesehen haben, höchstens einfache und ein- förmige psycliische Begleiter haben. Vielmehr hängen die Fidentialcharaktere genau wie die H e t e r o t e u n d T a u t o t e , im I-" a 1 1 e negativer Werte, von der Entfernung von einer eingeübten Schwankung ab, im Falle positiver Werte, von der Wieder- annährung an eine solche. Danach wäre das Idential (Hetcrote und Tautote umfassend) als eine vierte Familie neben E x i s t e n z i a 1 , Sek Ural und Notal zu stellen. Nach Avenarius können sowohl die Elemente als auch die Charaktere in den Modifikationen der Sache und des Gedankens gesetzt sein. Beide sind nicht sowohl dem Inhalte als vielmehr der Set zu ngs form nach unterschieden und werden durch die Zwischenglieder der Nachbilder, Illu- sionen, Halluzinationen, Traumbilder usw. ver- mittelt. Wird die Sache durch die Wahr- nehmung, so wird der Gedanke durch die Vorstellung bestimmt. Die Sachen denkt sich Avenarius von Schwankungen primär ergriffener, die Gedanken von solchen sekundär ergriffener Teilsysteme ab- hängig. Da nun jeder Charakter auch als Sache gesetzt sein kann, so können die sogenannten Positionalcharaktere der Wahrnehmung und der Vorstellung nicht das Wesen von Sache und Gedanke erschöpfen. Die Positionalcharak- tere bilden nach Petzoldt nichts anderes als einen besonderen Fall des Virtuals, sie sind Organgefühle, abhängig von Ände- rungen der den Sinnesorganen zugeordneten zen- tralen Teilsysteme. Zwischen Sachen und Ge- danken selbst besteht eine ursprüngliche Kluft, die sich durch keine Zwischenglieder überbrücken läßt, ■ eine Kluft, wie sie auch zwischen irgend- einer Farbe und einem Tone vorhanden ist. Ich übergehe die interessante Kritik des Er- fahrungscharakters, der nach Avenarius eine Modifikation des Positionais sein soll, um mich der Analyse der logischen, ästhetischen und ethi- schen Gefühle zuzuwenden, die nach Avenarius sprachlich mitbedingte Modifikationen der affektiven und adaptiven Charaktere sind. Der Mechanismus der Sprache ermöglicht es, die psychischen Werte einer Person einer anderen mitzuteilen. Die mitgeteilten Werte vermögen nun wieder abhängige Vitalreihen einzuleiten. Sie werden dabei die affektive und adaptive Charakte- ristik zeigen, indessen modifiziert. Die Modifika- tionen entsprechen erstens dem Unterschiede zwischen Selbsterlebtem und mitgeteiltem Erleb- nisse eines anderen, zweitens werden sie zu mehr oder minder sozialen Modifikationen. Die ästhetischen Cha raktere wären nun nach Avenarius sprachlich mitbedingteMo- d i f i k a t i o n e n der affektiven Grundwerte. Die Aussagen eines anderen erhalten Charaktere mit Modifikationen, die Avenarius als dialektische Epicharaktere bezeichnet ( Zweifel, Widerspruch, Gewißheit, Wahrheit, Wissen, Glauben usw.). Das individuelle Verhalten der Gesell- schaft smitglieder erwirbt die Modifikationen von ethischen Epicharakteren. Avenarius hat lediglich die dialektischen Epi- charaktere besprochen. Während i h m nun der Wahrheitscharakter ein lediglich dialek- tischer Epicharakter ist, wird er von Petzoldt in den Rang eines Grundwertes erhoben. Wie das „S e i n" vorwiegend Prädikat für die Dinge und Vorgänge in unserer Umgebung oder — noch weiter gefaßt — für Sachen, so ist die ,,Wahrheit" Prädikat für seelische Ge- schehnisse oder — in engerem Sinne — für Ge- danken. Die als „wahr" charakterisierten In- halte sind im allgemeinen entweder häufig wieder- holte, altbekannte und vertraute, also vielgeübte Werte, oder stimmen doch mit solchen Werten gut zusammen. Für jeden Menschen gibt es nun eine Reihe von als „wahr" charakterisierten Ge- dankenkomplexen. Die für jeden Einzelnen je nach Zeil, Ort und individuellen Umständen ver- schieden zusammengesetzte Gesamtheit dieser Ge- dankenkomplexe, Einsichten oder Kenntnisse be- zeichnet Petzoldt als individuellen logischen Be- stand. Es ist das, was man häufig die theo- retische Weltanschauung nennt. Der logische Be- stand genügt niemals den Anforderungen der formalen Logik, er enthält stets Teile, die nicht miteinander vereinbar sind. Die Widersprüche im logischen Bestände aufzusuchen und zu be- seitigen und somit eine einheitliche Weltanschauung zu begründen, ist die wichtigste Aufgabe des philo- sophischen Denkens, zumal der Erkenntnistheorie. Als physiologische Unterlage des lo- gischen Bestandes hat man sich ein um- fassendes zentrales Teilsystem zu denken, dessen Teile je nach den individuellen und historischen Umständen in mehr oder weniger enger und viel- seitiger Verbindung miteinander stehen. Die 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. l\^ Nr. 3 Charakterisierung eines Inhaltes als eines wahren hängt nun ab von der gelungenen Behauptung dieses Systems oder eines seiner Teile einem An- griffe gegenüber, die Charakterisierung als eines unwahren von der Bedrohung jenes Systems. Die Beurteilung eines Inhaltes als eines unwahren ist demnach kein Abschluß einer Vitalreihe. Auch die ■ äst he tischen Charaktere sind keine im wesentlichen auf der Sprache be- ruhenden Modifikationen. Das Ästhetische einer schönen Menschengestalt, einer weiten Landschaft, einer Sonate haben mit der Sprache nichts zu tun. Schon den Tieren sind einfache ästhetische Ge- fühle zuzuschreiben. Die beim Lesen eines Ro- manes oder bei der Aufführung eines Schauspieles auftretenden ästhetischen Gefühle bestehen keines- wegs darin, daß wir die Lust und LTnlust, die mit den dargestellten Vorgängen für die Träger der Handlung verbunden ist, in abgeschwächter Form nachfühlen. Es würde das durchaus der Inter- esselosigkeit des ästhetischen Gefallens widersprechen. Mag auch jedes Ästhetische ein mehr oder weniger Angenehmes, im negativen Sinne ein Unangenehmes sein, so sind die ästhe- tischen Werte noch lange keine Abart der affek- tionalen Werte. Sonst müßten die Grade des Ästhetischen denen des Gefühles entsprechen, was durchaus nicht zutrifft. Es bleibt nichts anderes übrig, als auch das Ästhetische als einen Grundwert aufzufassen. Die mit positiv ästhetischen Charakteren be- legten Inhalte sind im allgemeinen mehr oder weniger geübte oder stimmen doch mit solchen gut zusammen. Für jeden genügend entwickelten Menschen gibt es eine Reihe von Sach- und Ge- dankenkomplexen, die im Gegensatz zu erheblich abweichenden Inhalten als „schön", ,, prächtig", „reizend" usw. charakterisiert werden. Die Ge- samtheit dieser wieder für den einzelnen Menschen nach Zeit, Ort und sonstigen Umständen verschie- denen Komplexe bezeichnet Petzoldt als den in- dividuellen ästhetischen Bestand. Kommt es zu einer ästhetischen Charakterisierung, so ist das mit dem ästhetischen Bestände hinreichend Über- einstimmende ein Schönes, das ihm Fremde ein Häßliches, beides im weitesten Sinne. Inner- halb des weiterenSchönheitscharakters unterscheiden wir wieder ein engeres Schönes und ihm gegenüber ein engeres Häßliches, derart, daß ein häßliches Gesicht uhter Umständen positiv gewertet wird. Wir charakterisieren überhaupt bei Abwesenheit störender theoretischer oder prak- tischer Interessen jeden Gegenstand, in den wir uns versenken, ästhetisch positiv; bisweilen setzt sich die ästhetische Charakteristik auf Kosten selbst der elementarsten ethischen durch. — Ist aber auch das Sc hone im engeren Sinne stets das an Übung Überlegene ? Da das Schöne so viel seltener ist als das Häßliche, möchte man es ver- neinen. Wenn nun auch eine Schönheit als Ganzes nicht gerade häufig ist, so sind doch die ein Ganzes zusammensetzenden Teile in zahl- losen Fällen als schön zu bezeichnen. Alle or- ganischen Formen von hohem Anpas- sungswerte, Endglieder von Entwick- ln n g s r e i h e n , werden so charakterisiert. Wegen ihrer weitgehenden Gleichmäßigkeit erhalten sie einen bedeutenden Übungsvorsprung vor den weit weniger übereinstimmenden, häßlichen Formen und Formenkombinationen, deren Anpassungswert wesentlich geringer ist. Als physiologische Unterlage nehmen wir wieder ein umfassendes nervöses Teilsj-stem an. Wird dieses Gebilde in irgendeinem seiner Teile so erheblich bedroht, daß die Schwankungsgröße zur Bestimmung einer Abhängigen ausreicht, so denken wir durch die Abweichung der betreffenden Schwan- kung von ihrer geübten Form einen negativen ästhetischen Charakter bestimmt. Positive Charak- tere ordnen wir dagegen einer Aufhebung von Vitaldifferenzen zu. Innerhalb des umfassenderen Teilsystems denken wir uns wieder einen kleineren oder größeren Teil abgrenzbar, von dessen Ände- rungen das Schöne und Häßliche im engeren Sinne abhängen. Auch die ethischen Charaktere können keine sprachlich mitbedingten Modifikationen sein. Selbst Tieren sind ethische Charaktere zuzugestehen. Sie sind auch nicht Modifikationen der affektiven und adaptiven Charaktere; am wenigsten der adaptiven, denn das Seiende, Sichere, Bekannte sind oftmals genug das Schlechte, das Verwerfliche; ebenso nicht Modifikationen der affektiven Charaktere. So wenig die Charaktere des Wahren und Schönen sich aus ihnen ableiten lassen, so wenig ist auch das Gute lediglich ein Lustvolles. Eine derartige Auffassung widerspräche nicht nur den Tatsachen, sondern würde auch wieder den Vorteil preis- geben, den die analytische Trennung der Gefühle von den komplexen psychischen Gebilden bringt. Mit welchem Rechte dürfen wir Gefühle, die doch nur neben anderen psychischen Momenten eine einzige Seite des Seelischen bilden, als den hauptsächlichen Inhalt des letzteren hin- stellen ? — So müssen wir denn auch die ethischen Charaktere als Grundwerte auffassen. Die ge- samte Verhaltungsweise eines Individuums als Gliedes der engeren oder weiteren menschlichen Gesellschaft, mag sie sich im unmittelbaren oder mittelbaren \^erkehre zeigen, mag sie in Worten, Taten oder auch nur in Gedanken bestehen, be- zeichnen wir als dessen ethischen Bestand. Diesem Bestände ordnen wir wieder ein größeres nervöses, aus einer Reihe niederer Gebilde zusammenge- gesetztes Teilsystem zu. Von den erheblicheren Vitaldifferenzen , die ihnen durch irgendwelche Umgebungsvorgänge gesetzt werden, lassen wir dann die negativen ethischen Charaktere abhängen, während wir uns die positiven durch Aufhebung solcher \'italdifferenzen bestimmt denken. Um Irr- tümer zu verhüten, bemerken wir, daß der ethische Bestand durchaus nicht identisch ist mit dem G e - wissen. Hinsichtlich der spezielleren ethischen Charaktere, besonders auch liinsichtlich des Pro- N. F. I\'. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 41 blems der Willensfreiheit verweisen wir den Leser auf Petzoldt's Arbeit selbst. Die drei Bestände sind Entwicklungsprodukte, sie bilden eine durch Übung getroftcne Ä usl ese und sind auch selbst wieder auslesend, denn die negative Charakteristik bedeutet eine ge- wollte Ablehnung, Unterdri.ickung, Vernichtung, die positive hingegen Zustimmung, I<"örderung, Erhaltung. Petzoldt faßt daher die Familien der logischen, ästlietischen und ethischen Charaktere zusammen unter dem Namen einer Ordnung der elektiven Charakteristik. Nach Avenarius hätten, wenn er folgerichtig geblieben wäre, nicht nur das Idential, sondern, wie wir gesehen haben, auch das Fidential und schließlich noch die drei elektiven Charakteristiken von der Entfernung von einer eingeiibten Schwan- kung bzw. von der Annäherung an eine solche ab- hängig sein müssen. Damit wäre aber gar keine Aufklärung gegeben, weshalb im einzelnen Falle das ergriffene Teilsystem gerade im Sinne einer vorwiegend existenzialen oder logischen usw. Charakteristik schwanke. Diese Schwierigkeit hat Petzoldt durch Einführung der Bestände beseitigt, denen der Vollständigkeit iialber nur noch ein existenzialer oder Seins- bestand angereiht werden muß. Zu ihm gehört alles, was das Individuum als seiend hält, sei es eine Sache oder ein Gedanken ha ftes. Wenn auch der existenziale Bestand mit dem logischen viel Gemeinsames besitzt, so sind beide doch ge- nügend geschieden. Auch für den Seinsbestand haben wir wieder ein umfassendes zentrales Nerven- gebilde als Unterlage anzunehmen, von dessen Schwankungsänderungen die Existenzialcharaktere abhängen. Werden in einem der Teilsysteme, die den vier Beständen entsprechen und die mehr oder weniger ineinandergreifen, solche Vitalreihen her- vorgerufen, die sich nicht über engbegrenzte Ab- schnitte des Gebietes hinaus erstrecken, so dürfen wir als Abhängige jedenfalls nur die allge- meineren Charaktere annehmen, das sind aber nur die Charaktere der Anders heit und Das- selbigkeit. Die Heterote und Tau tote wären demnach durch die schnelle Aufeinander- folge stark entgegengesetzter Abschnitte der Schwan- kung eines eng begrenzten Teilsystems (unabhängig davon, welchem größeren Verbände des Nerven- systems dasselbe angehöre), bestimmt. Hierbei ist die Übung nicht so ausdrücklich bestimmt, wie das schon hierfür xAvenarius tut. Erst die existenzialen und elektiven Charaktere setzen durch Übung erstarkte, umfassende nervöse Gebilde voraus. Bisher haben wir fast nur die höheren und allgemeineren Charaktere untersucht, die mehr oder weniger mit dem zusammenfallen , was wir als höhere oder allgemeinere Begriffe be- zeichnen. Es gibt nun aber auch ein weites Ge- biet niederer Charakteristik, das der niederen begrifflichen Charaktere, oder das des W ledere rke n n ens, falls darmiter nicht das ausdrückliche, sondern nur das stillschwei- gende verstanden wird. Erkenne ich einen be- stimmten Baum wieder, so finde ich nicht einen Elementenverband vor, sondern ich wende auch gleichzeitig schon eine Charakterisierung an, ohne die er sich ja gar nicht abhöbe. Schon in der einfachsten Wahrnehmung setze ich stillschwei- gend etwas in Beziehung. Bei einer bestimmten Rotempfindung erkenne ich dieses Rot als ein im Gegensatze zu früheren Rotempfindungen stehen- des Rot. Ein wissenschaftliches \'erständnis dieser Tatsache ist nur dadurch möglich, daß ich der Gesamtheit der Erinnerungsbilder der früheren Rot- empfindungen ein nervöses Teilsystem zuordne. Setzt nun ein Sinnesreiz diesem eine Vitaldifferenz, so ist anzunehmen , daß es durch solche Ände- rungen antwortet, von denen die betreffende Wahrnehmung abhängt; oder auch: wir nehmen an, daß jener Reiz durch die hervorgerufenen Änderungen eine bereits bestehende Vitaldifferenz zu vermindern oder aufzuheben vermag. Im Gegen- satze zu Avenarius ist die Wah r neh mu ng, das Wiedererkennen, nicht durch die Charaktere der Tautote, des Notais und des Existenzials zu erklären, sondern als ein völlig einheitliches psychisches Gebilde aufzufassen. Auch die niederen Begriffe gehören einem im höchsten Grade geübten Bestände an, mit dem ein zu charakterisierender Gegenstand mehr oder weniger übereinstimmt oder von dem er mehr oder weniger abweicht. Die Ergebnisse der Petzoldt'schen Kritik fassen wir in folgender, auf Vollständigkeit keinen An- spruch erhebenden Übersicht zusammen. A. Elemente. 1 . Ihre Qualität oder Modalität hängt ab von der Form, 2. ihre Intensität von der Größe der zentralen nervösen Prozesse, während diese selbst wieder durch die Form und Größe der Reizung der peri- pherischen Sinnesorgane bestimmt sind. B. Charaktere. 1. Affektionale Charaktere. Sie sind völlig allgemein und setzen wohl keine besonderen psychischen Bestände und entsprechenden ner- vösen Teilsysteme voraus. a. Unlust, b. Lust. Sie treten ein, wenn sich ein wich- tigeres, häufig beanspruchtes zentrales Teilsystem mit einer nicht zu geringen Geschwindigkeit aus der Systemruhe entfernt oder der System- ruhe wieder annähert. 2. Identiale Charaktere. Auch sie sind völlig allgemein, ver- langen aber bereits eine Mehrheit von Wahrnehmungen, also einen gewissen Grad begrifflicher Charakte- 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 3 ristik; sie setzen noch keine besonderen psychischen und physischen Bestände voraus, wenn sie auch nur an bereits begrifflich charakterisierten Inhalten vor- kommen können. a. Anders heit (Heterote), b. Dasselbigkeit (Taulote i. Sie sind bestimmt durch die schnelle Aufeinanderfolge stark entgegen- gesetzter Abschnitte der Schwankungen eines eng begrenzten zentralen Teil- systems. 3. Begriffliche Charaktere. Sie verlangen besondere psychische Bestände, die Begriffe, und ent- sprechende nervöse Teilgebilde von verschiedenstem Umfange und den mannigfaltigsten Verbin- dungen. Niedere begriffliche Charak- tere. Das stillschweigende W i e d e r e r - erkennen, die VV a h r n e h m u n g. Höhere begriffliche Charak- tere. a. Existenziale Charaktere. b. Logische 1 jg^ elektive c. Ästhetische Charaktere. d. Ji t h 1 s c h e ) In jedem einzelnen Falle hängt die begriffliche Charakteristik einer Wahrnehmung oder Vorstel- lung von individuellen Vorbedingungen ab, die Avenarius die Vorbereitung nennt. Soll ein psychischer Wert zum Ausdrucke kommen, so muß an das zugrunde liegende nervöse Teilsystem ein auslösender Vorgang herantreten, die sogenannte Komplementärbedingung; der Zustand des Systems C unmittelbar vor der durch die Kom- plementärbedingung ausgelösten Änderung wurde als Vorbereitung bezeichnet. An der Vor- bereitung selbst lassen sich Art und Größe unterscheiden. Die geübtere Systemänderung ist die besser vorbereitete und erlangt vor weniger geübten Änderungen, die zur selben Zeit verwirklicht gedacht werden könnten, einen Vor- sprung. P>st dann , wenn sie die gesetzte Vital- differenz nicht aufzuheben vermag, kann ihr un- mittelbar eine zweite oder dritte usw. folgen, jede folgende von geringerer Vorbereitungsgröße. Selbst niedere Systeme heben in dieser Weise ihre Vital- differenzen auf, wie das Verhalten der geköpften Frösche in den bekannten Goltz'schen Versuchen deutlich lehrt. So erklärt sich denn auch, wes- halb das gesamte Denken vom Gewöhnlichen zum Mindergewöhnlichen, vom Einfachen zum Minder- einfachen, also vom (ieübtcren zum Mindergeübten übergeht. — Jedes nervöse System vermag sich im Falle einer Vitaldifferenz immer nur im Sinne und im Umfange se i n er Vorbe rei t u n g zu erhalten. Die bedeutungsvollsten Entdeckungen sind vorbereitet, und der gesamte Inhalt einer Er- fahrung ist durch die Art und die Größe der Vorbereitung bestimmt. Aus der Tatsache, daß das Zentralnervensystem im Verlaufe einer Vitalreihe von meist vorbereiteten zu minder vorbereiteten Änderungen und Endbe- schaffenheiten übergeht, oder daß in der Kon- kurrenz der Endbeschafienheiten um ihre Ver- wirklichung stets die meist vorbereitete, oder im Kampfe der Begrift'e um ihre Anwendung der je- weilig stärkste siegt, erklärt sich die Kontinui- tät der individuellen und menschheit- lichen psj'chologischen Entwicklung. Die Erscheinung, daß ein Individuum sich dem gleichgültigen Gegenstande entzieht, um sich dem interessanteren zuzuwenden, beruht darauf, daß jener nur unerhebliche Vitaldifferenzen zu setzen und aufzuheben vermag, dieses dagegen erheblichere entstehen und verschwinden läßt, oder mit anderen Worten, daß das in Betracht kommende Teilsystem von der Aufhebung der unerheblicheren Vitaldifferenz zu der der erheblicheren übergeht. Avenarius bezeichnet dies als die Selbstein Stellung des Zentralnerven- systems. Während von unabhängigen Vitalreihen mehrere gleichzeitig ablaufen können — innerhalb eines wichtigen Denkaktes vermögen sich ja noch mancherlei automatische Bewegungen abzuspielen — dominiert von ihnen doch nur eine ein- zige in dem Sinne, daß sie allein abhängige psychische Werte hat. Nur die jeweilig erheb- lichste Schwankung des Systems C hat psy- chische Begleiter, und es läuft so immer nur eine einzige abhängige Vitalreihe ab. Damit erklärt sich diejenige wichtige Erscheinung, die Herbart als die Enge des Bewufstseins bezeichnet hat. Die Bedingungen für die Enge des Bewußtseins sind aber gleichzeitig auch diejenigen für die Ein- heit des Bewufstseins ; denn liefen zwei un- abhängige Vitalreihen höherer Ordnung be- ziehungslos nebeneinander her, so bedeutete das auf psychischem Gebiete nichts anderes als eine Zweiteilung des Bewußtseins; träten sie nur zeitweise zueinander in Verbindung, so wechselten Zustände einer Zweiteilung mit solchen einer Einheit des Bewußtseins ab; zwei unabhängige, jedoch miteinander verbundene Vitalreihen würden hingegen nichts anderes vorstellen als eine einzige kompliziertere Reihe, der auch nur ein einziger geistiger Akt als Abhängige entspräche. „.So sind denn Enge u n d E i n h e i t d e s B e - wußtsei ns der psychische Ausdruck für die bis an die Grenzen des Möglichen gesteigerte Fähigkeit des normalen Systems C, unter Umständen in jedem Falle ein erBedrohung alleseineKräfte in den Dienst seiner Behauptung zu stellen." In diesem von Petzoldt aufgestellten Satze spricht sich eine Tatsache von höchstem Anpassungsweite aus. Die zentralnervösen Systeme sind, wie im Vor- ausgegangenen genügend zum Ausdruck gekommen N. F. IV. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 ist, Entwic] 3- Aufl. von H. Ludwig, Hannover 1883 — 86, i. Bd. loq8 S. mit 955 Holzschnitten, 2. Bd. 1246 S. mit 1160 Holz- schnitten, Preis 21,50 Mark, nennen. In einem gewissen Maße entspricht natürlich jedes Lehrbuch der Zoologie den von Ihnen gestellten Anforderungen. Gute Abbildungen vom ana- tomischen Bau und eine ziemlich eingehende Behandlung des Systems finden Sie in R. Hertwig, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl., Jena igoo, 634 S. mit 578 Textabbildungen, Preis geb. 13,50 Mark, und J. E.V. Boas, Lehrbuch der Zoologie für Studierende, 3. Aufl., Jena 1900, 627 S. mit 49S Text- 48 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 3 abbildungen, Preis geb. 12 Mark. Etwas umfangreicher ist J. V. Kennel, Lehrbuch der Zoologie, Stuttgart 1893, 694 S. mit 310 Textabbildungen, Preis j8 Mark. Noch umfang- reicher wird die neue, 7. Auflage von C. Claus, Lehrbuch der Zoologie, welche K. Grobben bearbeitet. Die I.Hälfte (Marburg 1904, 480 S. mit ^04 Fig.) liegt bereits vor. Dahl. und mit Hilfe der Vorderbeine zum Munde gebracht. Zu- nächst werden sie dann mit Speichel zerkaut und erst dann zum Wabenbau verwendet. Es liegt auf der Hand, daß sich bei diesen Vorgängen leicht Pollenkörner dem Wachs bei- mischen können. Dahl. Herrn Oberleutnant R. in Düsseldorf. — Frage: Wie entfernt man das Fett aus Säugetierschädeln? — L. Eger (Der Xaturaliensammler, 5. .A.ufl., Wien 1882, S. 133) sagt: ,, Sollte noch eine Stelle Fett ausschwitzen, so wird der Knochen in ein mit Schwefeläther gefülltes Glas gelegt, oder falls er hierfür zu groß ist", wie in Ihrem Falle, ,,jene Stelle mit weißem Ton (Pfeifenerde) bestrichen und dann, nachdem letztere wieder abgewaschen ist, einige Zeit an die Sonne ge- stellt. Dahl. Herrn K. W. in Marienbad. — Frage: Wie kann man den eingezogenen erstarrten Hinterleib eines präparierten, mit roter Farbe behandelten Hummers strecken? — Um getrock- nete .Arthropoden biegsam zu machen, legt man sie auf feuchten Sand , stülpt ein Glas- oder Steingefäß darüber und läßt die Feuchtigkeit 24 Stunden, oder wenn das nicht ausreicht, nach neuem Anfeuchten des Sandes länger ein- wirken , aber nicht zu lange , damit sich kein Schimmel bilde. Bei einem Objekt, welches durch heißen Wasser- dampf nicht leidet, erreicht man vielfach schneller seinen Zweck, wenn man dasselbe längere Zeit über der ()ffnung eines Gefäßes mit kochendem Wasser der Einwirkung des Dampfes aussetzt. Dahl. Herrn H. B. — Frage: Ist das Bienenwachs ein Drüsensekret oder wird es von den Bienen gesammelt? Ist ersteres der Fall , wie kommen dann die in dem- selben befindlichen Pollenkörner hinein? — Die älteren Forscher wie Swammerdam, Maraldi und Reaumur meinten, daß die Biene das Wachs auf Blumen sammle. J. Hunter aber wies zum ersten Male nach (Observations on Bees, in: Philos. Transact. v. 82 1792, p. 128 ff.), daß es in Form dünner Blättchen von den als Spiegel bezeichneten Seitenteilen der vier mittleren Bauchplatten der Arbeitsbiene abgeschieden wird. Die Hypodermiszellen dieser Spiegel sind nach C. Claus (Über die wachsbereitenden Hautdrüsen der Insekten, in: Sitzungsber. d. Ges. z. Beförd. d. ges. Naturw. in Marburg, 1867, S. 65 ff.) bei den jüngeren Bienen, die im Stock bleiben im Gegensatz zu den älteren, die zum Sammeln ausfliegen, stärker entwickelt und liefern als Drüsenzellen das Wachs. Die Spiegel selbst besitzen nach Paul Mayer (Zur Kenntnis von Coccus cacti, in: Mitt. Zool. Stat. Neapel, Bd. 10, 1892, S. 505 IT.) keine erkennbaren Poren. Das Wachs wird vielmehr durch die Chitinschicht hindurchgeschwitzt. Nach diesen Untersuchungen ist klar, daß die Pollenkörner, welche sich im Wachs finden , erst später hineingelangt sein müssen. Und das ist in der Tat leicht verständlich. Nach T.Kellen (Bilder und Skizzen aus dem Leben der Biene, Nördlingen 1890, S. 128) muß die Biene, welche Wachs liefern soll, Honig und Pollen fressen. Man rechnet, daß zur Bereitung von I kg Wachs 10—15 ^S Honig erforderlich sind. Der Pollen soll einzig und allein den Farbstoff liefern. — Nicht nur reich- liche Nahrung , sondern auch eine hohe Temperatur (gegen 35" C) ist zur Wachsbereitung nötig; deshalb legen sich die Bienen, welche Wachs erzeugen und Waben bauen wollen, in Ketten übereinander und bleiben einige Stunden scheinbar untätig. Im Winter findet man niemals Bienen mit Wachs- plättchen, und auch im Sommer nur dann, wenn Waben ge- baut werden. Die Wachsplättchen werden der Biene, welche sie erzeugt hat, entweder von anderen abgenommen oder sie werden von der Biene selbst mittels der Bürste abgestreift Kann mir ein erfahrener Schulmann Aulschluß geben über die vorteilhafteste Art und Weise, einen kleinen bota- nischen Garten anzulegen und welches Institut liefert Samen etc. zur Einrichtung eines solchen Gartens? L. T. in Tiegenhof (Westpr.). Die Beantwortung der Frage, wie ein kleiner botanischer Garten am vorteilhaftesten anzulegen ist, würde eine umfang- reiche Abhandlung erfordern. Der hier zu Gebote stehende knappe Raum gestattet nur Hinweise auf die einschlägige Literatur. Aufler den botanischen Gärten an Universitäten lassen sich 4 Arten von Schulgärten unterscheiden: i. Schulgärten, in denen die Schüler vorzugsweise in Gartenbau und Land- wirtschaft unterwiesen werden. Allgemein verbreitet in Schwe- den , Österreich (besonders Steiermark) , neuerdings auch in der Schweiz. Bahnbrechend für die Schulgartenfrage in Österreich war die 1870 erschienene Schrift von Erasm. Schwab : Der Schul- garten , ein Beitrag zur Lösung der .Aufgabe unserer öffent- lichen Erziehung (jetzt vergriffen). Zur Orientierung über österr. Schulgärten zu empfehlen : Franz Langauer, Der Schul- garten. Wien, C. Fromme. Über schweizerische Schulgärten: Morgenthaler, Der Schulgarten. Zürich, Schröter u. Meyer. 2. Schulgärten zur Förderung der Handfertigkeitsbestre- bungen. Besonders in Sachsen. Vgl. Osk. Wilsdorf, Die Einrichtung von Schulgärten. Dresden und Leipzig, Heinr. Minden. Sehr zu empfehlen : Jos. Niessen , Der Schulgarten im Dienste der Erziehung und des Unterrichts. Düsseldorf, Schwann. Preis 2,50 Mk. (Enthält praktische Ratschläge über Einrichtung und Pflege des Schulgartens , einen Arbeits- kalender, 2 Gartenpläne etc.) 3. Schulgärten, deren Aufgabe hauptsächlich darin be- steht , für den botan. Unterricht das nötige Pflanzenmaterial zu liefern. In vielen Großstädten Deutschlands. Vgl. Progr. des Mariengymn. in Posen v. 1889. Pfuhl, Der Pflanzen- garten in Posen. Und von dems. Verf in Natur u. Schule IL Band. 2. Heft. Der Pflanzengarten. 4. Schulgärten zur Belebung des botanischen Unterriciits, besonders in biologischer Beziehung. An einer ganzen An- zahl höherer Schulen und erfreulicherweise stetig in Zunahme begriffen. Die größeren Gärten dieser Art erfüllen auch z. T. die Aufgabe der vorigen Gruppe. Derartige Gärten würden auch für die Volksschule von größtem Segen sein. Dem Herrn Fragesteller können folgende Programme bestens empfohlen werden : Kgl. Gymn. zu Gleiwitz, 1893. Über Anlage und Ein- richtung botan. Schulgärten. Von Obl. Dr. Krause. Kgl. Gymn. zu Bromberg. 1895. Über Einrichtung und Betrieb des Gymnasialschulgartens. Von Obl. Kummerow. Gymn. u. Realschule zu Bremerhaven, 1904. Von Prof Holle. Der Schulgarten d Gymn. u. d. Realsch. zu Bremerhaven. Vgl. außerdem: Stelz, Der Schulgarten an der höheren Schule der Großstadt. Natur u. Schule. II. Bd. 3. Heft. Die Firma Haage & Schmidt in Erfurt liefert unter der Bezeichnung „diverse technische Samen" die Samen der meisten Pflanzen, die für einen kleinen Schulgarten in Betracht kommen. Samen von .Alpenpflanzen zu beziehen von Sünder- mann, Lindau. — Die großen botanischen Gärten geben auf Ersuchen an Schulgärten vielfach Samen unentgeltlich ab. Joachimstalsches Gymnasium Berlin-Wilmersdorf G. Lehmann. Inhalt; L. .Angersbach: Das Verhältnis zwischen Psychischem und l'li\sischeni nach .Avenarius und Petzoldt. — Kleinere Mitteilungen: Fr. Werner: Biologie der Reiitilien und Batracfiicr. — J. Stark: Über die Entstehung der elektrischen Gasspektra. — S a 1 o ra o n s o n und G. Dreyer: Messung der Radioaktivität vermittels ihrer Farb- wirkungen. — Bücherbesprechungen: Entomologisches Jahrbuch. — Dr. Otto Krümmel: Die deutschen Meere im Rahmen der internationalen Meeresforschung. — Flora artefacta. — F. A. F o r e 1 : Le Leman. — Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik für das Jahr 1904. — Literatur: Liste. — Briefkasten. Vera.i vortficlicr Rcdaliteur: Prof. Dr. H. Potonie, GrofsLichterfcfde-West b. Berlii Druck von Lippen & Co. (G. Pätz'sclie Buchdr.), Naumburg a. S. Einschliefslich der Zeitschrift „I-^^^ NatUf" (Halle a. S.) seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion; Professor Dr. H. Potoni6 und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Grofs-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Nene Folge IV. Band; der ganzen Reibe XX. Band. Sonntag, den 22. Januar 1905. Nr. 4. Abonnement: M.in abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Halbjabrspreis ist M. 4. — . Bringegeld bei der Post 15 Pfg. extra. Inserate: Die zweigespaltene Petitzeile 50 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Über- einkunft. Inseratenannahme durch Max Gelsdorf, Leipzig- Gohlis, Blumenstraße 46, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. [Nachdruck verboten. J Unserer lieben Frauen Mantel. Eine phylogenetische Studie. Von Eduard Strasburger. Auf den sonnenklaren August war in diesem Jahre in der Schweiz der trübe -September gefolgt, so daß ich längere Zeit in Genf auf einen schönen Tag warten mußte, um den 1304 Meter hohen Grand Saleve zu besuchen. Es ist das jener lang- gezogene Berg der südöstlich über der Stadt sicii erhebt und auf dem sich ihre grauen Türme zeich- nen, wenn man das Bild vom nördlichen Ufer des Sees betrachtet. In der ersten Nachmittagstunde hatten wir die Treize-Arbres, die Endstation der elektrischen Eisenbahn, welche 1142 Meter hoch hinaufführt, erreicht und setzten dann weiter unseren Aufstieg am Bergrücken fort. Der Zweck des Ausflugs war vor allem ein wissenschaftlicher. Ich hatte ihn gemeinsam mit Casimir de Candolle und dem Konservator der de Candolle'schen Samm- lungen Robert Buser unternommen. Seit zwei Jahren hatte mich Herr Buser mit Pflanzen einer bestimmten, sehr formenreichen Gattung versorgt, die ich auf ihre Entwicklungsvorgänge untersuchte. Jetzt galt es, die Pflanzen an einem ihrer bevor- zugtesten Standorte aufzusuchen. Es handelte sich dabei um die Vertreter der Gattung Alchimilla, einer Gattung, die in nicht weniger als einund- dreißig Arten die oberen Weideflächen und die Abhänge des Grand Saleve bewohnt. Die Alchimillen sind unscheinbare Pflänzchen, trotzdem sie zu den rosenblütigen Gewächsen ge- hören. Alle Blütenpracht geht ihnen ab; sie be- sitzen nicht einmal eine Blumenkrone, und nur kleine grüne Kelchblätter umstrahlen den Blüten- rand. Die kurzen Staubgefäße, die winzige kugel- runde Narbe, fallen auch wenig in die Augen und das Einzige, was die Sichtbarkelt der einzelnen Blüte erhöht, ist ein gelber Ring, der am Ausgang ihrer Kelchröhre sicii befindet. Da außerdem zahlreiche Blüten doldenförmig beisammen stehen, so erkennt man sie immerhin schon aus merk- licher Entfernung. Der Blütenstand entsproßt in- mitten ziemlich großer Blätter, die an langen Stielen runde Spreiten tragen. Letztere sind, je nach den Arten, mehr oder weniger tief gelappt und gezähnt an ihren Rändern, manche heller, andere dunkler grün, einzelne an der Unterseite so Naturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. IV. Nr. 4 seidenglänzend von den vielen dort befindlichen Haaren. Bevor eine junge Spreite sich voll aus- breitet, liegt sie in F"alten wie ein Fächer, richtet ihre Ränder empor und bildet so eine Art Trichter, in welchem Regen und Tau sich sammeln. So kommt es, daß diese Blätter noch Wasser bergen, während alle Kräuter ringsun\ in der Wiese schon trocken sind. Hieraus soll diesen Pflanzen ein Schutz erwachsen. Kerner von Marilaun gibt an, daß Tiere sie in diesem Zustande nicht abweiden, ihnen das nasse Kraut augenscheinlich nicht be- hage. Schüttle man das Wasser von den Blättern ab, so würde die Pflanze bald verzehrt. Die An- sammlung von Wasser auf diesen Blättern war dem Volke schon längst aufgefallen und in Tirol wird die Pflanze Taubecherl genannt. Auch der lateinische Name Alchimilla soll mit dieser Er- scheinung zusammenhängen, denn es heißt, daß die Alchimisten einst das Wasser von diesen Blättern für ihre Versuche gesammelt hätten. Da lag es dann nah, auch die ganze Pflanze mit Wunderkräften auszustatten. Die verbreitetste deutsche Bezeichnung der Alchimilla ist Frauen- mantel, oder richtiger ,, Unserer lieben Frauen Mantel".') Die zusammengelegten Blätter wurden in poetischer Übertragung mit dem faltenreichen Mantel der Maria verglichen, wie er sich schützend auf alten Bildwerken über den Betenden aus- breitet. Von dem Bergrücken des Grand Saleve schweifte der Blick in weite P>rnen. Es fesselten ihn vor allem die schneebedeckten Riesen im Süden, aus deren Mitte majestätisch die Kette des Montblanc hinausragte. Wolken türmten sich über die endlosen Schneeflächen, entzogen zeit- weise das erhabene Bild unseren Augen; doch immer wieder riß hier und dort der Schleier und enthüllte leuchtend weiße Gipfel, die über den Abgründen zu schweben schienen. Zu unseren Füßen , gegen Osten , breitete sich die azurne Fläche des Genfer Sees aus, um in weiter Ferne mit dem Blau des Himmels zu verschmelzen. Die dunkle Kette des Jura folgte in sanften Wellen- zügen dem See, dessen grüne Ufer zahlreiche ( )rt- schaften belebten. ,,Voilä Lausanne" sagte de Can- dolle, indem er auf eine Stelle hinwies, wo in grellem Sonnenlicht weiße Punkte am steilen .Ab- hang schimmerten. Es kostete einen Fintschluß, den Blick von diesen Bildern abzuwenden und Herrn Buser zu folgen, der hier von steilem, sonnigem Abhang, dort aus einer schattigen Vertiefung eine Art von Alchimilla nach der anderen aus dem Rasen her- vorholte. Ja, diese einzelnen Alchimilla-Arten von- einander zu unterscheiden, sie so sicher wie er zu benennen, das setzt nicht nur eine ungewohnte Beobachtungsgabe voraus, sondern verlangt auch eine jahrelange, mühevolle Arbeit. Der Laie würde auf dem ganzen Grand Saleve von den einund- dreißig Arten, die er für den Eingeweihten birgt, kaum nur ein paar Arten als verschieden heraus- erkennen. Die Gattung Alchimilla gehört zu den formen- reichsten unserer europäischen Flora. Sie weist in den Alpen über fünfzig einander meist zwar sehr ähnliche, aber ihre Merkmale streng einhaltende Arten auf. Gerade dieser Umstand war es, der mein Interesse für diese Pflanzen geweckt hatte.') Jene Arten, die der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linne einst unterschied, waren vielfach nur Sammelbegriffe und nicht wirk- liche Einheiten. So faßte im Prinzip er die Art auch auf, wie unter anderem aus der Definition hervorgeht, die er von den Varietäten gab. Ihrer sollen so viele zu einer Art gehören, als verschiedene Pflanzen aus den Samen der gleichen Spezies ent- stehen. Carl Linnens, so hieß er von Hause aus, hat sich unsterbliche Verdienste um die beschrei- bende Naturwissenschaft erworben. Seit 1762 hieß er Carl von Linne , nachdem ilin Adolf Friedrich aus dem Hause Holstein Gottorp in den Ritter- stand erhoben hatte. Linne verfügte über einen genialen P'ormensinn, der ihn befähigte, die charakte- ristischen Merkmale eines jeden Organismus sofort zu erkennen und aus der Summe der Überein- stimmungen mit anderen Wesen herauszulösen. Die Diagnose der Art brachte er in wenigen Sätzen so schlagend zum Ausdruck, daß sie als Muster scharfer P"assung auch heute noch gelten kann. Er war der Begründer, wenn auch nicht der Erfinder, der binären Nomenklatur, jener aus dem Gattungs- und dem Artennamen gebildeten Bezeichnung, die wir auch heute noch zur Unter- scheidung verschiedener Tiere und Pflanzen ver- wenden. Auch sein „künstliches" System des Pflanzenreiches, das man künstlich nennt, weil es auf ein einziges, willkürlich herausgegriffenes Merk- mal, die Sexualorgane, sich aufbaut, ist so gut gegliedert und praktisch durchgeführt, daß es trotz mancher Mängel, dem Wandel der Zeiten widerstand und heute noch wissenschaftlichen Wert bean- s]:)ruchen kann. Seinem innersten Wesen nach war Linne aber Scholastiker, der, statt die Be- griffe aus der Erfaiirung abzuleiten, die Erfahrungen seiner fertigen Weltanschauung anpaßte. Sein \'ater war Landprediger; er selbst studierte Theo- logie; seine Neigung zog ihn dann zur Botanik. So kam es, daß schon im Jahre 1728 der Theo- loge Olaf Celsius den einundzwanzigjährigen Lin- naeus bestimmte, ihn bei einer Arbeit über die l)iblischen Pflanzen zu unterstützen. Die anfäng- liche Richtung seiner Studien mag nicht ohne Einfluß auf die spätere Denkungsart von Linne geblieben sein. So wurde er der Begründer der Lehre von der Unwandelbarkeit der Spezies, eine Lehre, von der sich die biologischen Wissenschaften ') Ich übergehe hier die ;iiKleren weniger verbreiteten Namen, wie Sinau, Löwenfuß, I.öwenklau, Mantelkraut, Marien- kraut, Tränenschöne, Rcgcndäclile, Tauschüsseli. ') Die Veröffentlichung meiner aul AlchiniiUen bezüg- Hchen Untersuchungen erfolgt gleichzeitig im I. Heft des XLI. Bandes der Jahrbücher für wissenschaftliihe Hotanik. N. F. I\'. Nr. 4 Natiirwissenscliaftliche VN'oclienschrift. 51 erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts end- gültig zu befreien vermochten. ,,Es gibt so viele Arten," schrieb Linne in seiner Philosophia bo- tanica vom Jahre 175 i, „als verschiedene Formen von Anfang an erschaffen wurden". Dieser Aus- spruch des großen Gelehrten erstarrte zum Glaubens- satz im Geiste seiner Nachfolger. Andererseits hatte Linne selbst seiner Überzeugung von der Beständigkeit der Arten in späteren Veröffent- lichungen eine etwas weitere Fassung erteilt. Seine große Gabe, das Übereinstimmende in der Ver- schiedenheit zu erkennen, jene Fähigkeil, die ihn so glücklich in der Aufstellung der Arten und Gattungen geleitet hatte und schon im Jahre 1738 in den „Ordines Naturales" bestimmte, die Gat- tungen in ,, natürliche Ordnungen" zu vereinigen, führte ihn im Jahre 1762 M auch dahin, für die in einer Gattung vereinigten Arten einen gemein- samen natürlichen Ursprung anzunehmen. Freilich mußten auch diese Anschauungen sich seiner scholastischen Denkungsweise fügen. V^on den Sätzen, in die er sie im Jahre 1764, in einem An- hang zur sechsten Auflage seiner ,, Genera plan- tarum" zusammenfaßte, ließe sich folgende Über- setzung geben: i. Der gütige Schöpfer hat zu Anfang die aus Grundstoffen des Markes erschaffenen Gewächse mit verschiedenen Rindenstoffen über- zogen ; woraus ebensoviel verschiedene Einzelwesen entstanden, als natürliche Ordnungen vorhanden sind. 2. Diese Vertreter der Ordnungen vermischte der Allmächtige untereinander zu so vielen Gat- tungen, als Pflanzen daraus wurden. 3. Diese Gattungen vermischte die Natur, um so viele Arten zu erzeugen als noch heutzutage bestehen. 4. Diese Arten vermischte der Zufall zu so vielen Varietäten, als es solche gibt. Als der große Erfolg von Charles Darwin's Werken die Anregung gab, früheren Verdiensten auf dem Gebiet der Deszendenztheorie nachzu- forschen, glaubte Ludwig von Hohenbühel-Heufler auch für Linne in diesem Sinne eintreten zu müssen. Er führte in einem 1870 veröffentlichten Aufsatze aus,'-') daß Linne auf Grund der im dritten und vierten Absatz seiner Erklärung geäufkrten Ansichten mindestens den Vorläufern Darwins an- zureihen sei. Der hochverdiente Botaniker Hugo von Mohl wandte sich unmittelbar gegen eine solche Auffassung,-') und ihm schloß sich alsbald Julius von Sachs in seiner Geschichte der Botanik'') an. Diese beiden (jelehrten wiesen auf den grund- sätzlichen Unterschied hin, der die Annahme der Deszendenztheorie, welche auf eine allmähliche und fortdauernde Veränderung der Organismen sich stütze, von jenen Vorstellungen scheide, die Linne sich gebildet hatte: es seien die erschaffenen Vertreter der Gattungen durch Kräfte der Natur ') Fundamcntum fruclificationis, quod sub Pracsidio D. D. Linnaei proposuit Johannes Marl. Gräberg. Diss. Upsaliac 1762. ') Botanische Zeitung von Hugo von Mohl und Anton de Bary 1870, S. 569. ') Daselbst S. 729. ') 1875 S, 114. ZU Arten und Varietäten vermischt worden, um dann unverändert fortzubestehen. Um den Sinn der ersten Sätze der Linne'schen Schöpfungstheorie richtig zu verstehen, muß man sich in die wissenschaftlichen Anschauungen seiner Zeit vertiefen. Was waren das eigentlich für Stoffe des Markes und für Rindenstoffe, die der Schöpfer verband, um Einzelwesen zu bilden, die den natür- lichen Ordnungen der Gewächse entsprechen? Nach Linne's Ansicht gehörten zum Begriff jeder Pflanze notwendigerweise zwei Stoffe, eine Me- dullär- oder Marksiibstanz, die als bevorzugte Lebensspenderin die Samen zeugte, und eine, die Ernährung fördernde Kortikal- oder Rindensubstanz, der die Blütenteile, Kelch und Staubgefäße ent- stammten. Auf dem Zusammenwirken dieser beiden Substanzen beruhte das Leben und die Fortpflanzung der Gewächse. Wenn es also in dem ersten Ab- satz der Linne'schen Schöpfungstheorie heißt, der Allmächtige habe die Marksubstanz mit verschieden- artigen Rindensubstanzen bekleidet, so sollte darin die Verschiedenheit der erschaftenen Vertreter der verschiedenen ,, natürlichen Ordnungen" des Pflan- zenreichs ihren Ausdruck finden. Diese ersten Wesen verband der Schöpfer miteinander, um „Gattungen" zu bilden, wobei nochmals sein un- mittelbares Eingreifen notwendig war. Denn es handelte sich dabei nicht um solche Kreuzungen, wie sie unter natürlichen Verhältnissen möglich sind, sondern um die Bildung neuer Wesen durch die Vereinigung von Vertretern verschiedener Klassen der Gewächse, first aus solchem Material konnte die Natur vermöge der ihr zukommenden Kräfte auf dem Wege der Kreuzung die Arten erzeugen, so wie sie heut noch fortbestehen. Die MeduUarsubstanz lieferte bei diesem Vorgang das zur Bildung der Samenanlagen nötige Material, die Kortikalsubstanz die befruchtenden Stoffe. Daß ■ auf dem Wege solcher Kreuzungen nicht noch immer neue Arten entstehen, erklärte sich Linne durch die Annahme, daß alles, was entstehen konnte, auch bereits entstanden sei. Die Bildung der Pflanzenarten hielt er damit für abgeschlossen und die bestehenden für unwandelbar. Hingegen konnten innerhalb enger Grenzen aus der Kreuzung von Arten noch Bastarde hervorgehen, die er aber in seinen späteren Schriften sämtlich für unfrucht- bar erklärt. Da dürfte doch nach näherer Sichtung solcher Anschauungen es schwer fallen, Linne unter die Vorläufer Darwin's zu stellen. In den Species Plantarum von Linne bilden die europäischeti Alchimillen nur drei Arten. Wie sind nun diese Arten seitdem zerstückelt worden ! Durch ein solches Verfahren strebt man es an, die Art auf eine reale Grundlage zu stellen. Die Linne'sche Art war eine Abstraktion, nicht etwas in der Natur wirklich Gegebenes. Die Art in ihrer neuen Fassung will hingegen der Inbegriff von Wesen sein, die wirklich übereinstimmen und durch bestimmte Merkmale, die sie vererben, sich von allen anderen Wesen unter.scheiden. Nur sich Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 4 wieder ausgleichende individuelle Schwankungen und durch äußere Einflüsse bedingte Abweichungen dürfen die Individuen einer Art unterscheiden. Wesen, die konstant voneinander abweichen, bilden getrennte Arten, so unscheinbar ihre Unterschiede auch sein mögen. Vor allem war es ein französischer Botaniker, Alexis Jordan, der sich auf diesen realen Stand- punkt bei der Umgrenzung der Spezies stellte, so daß vielfach die elementaren Arten nach ihm auch als „Jordan'sche" bezeichnet werden. Diese Stellungnahme an sich bedeutet noch nicht, daß man auf die Unabänderlichkeit der Art Verzicht leiste, wie denn Jordan entschiedener Aniiänger dieses Dogmas war. Durch mühsame Beobach- tungen, dauernde Überwachung langjähriger Kul- turen gelangte er dahin, die Frühlings-Hungerblume, Draba verna L., in eine erstaunlich große Zahl von Arten zu zerlegen. Im Jahre 1875 konnte er den Ausspruch tun, daß er gegen zweihundert Arten der Frühlings-Hungerblume, die Linne einst in der einzigen Spezies Draba verna vereinigt hatte, sicher zu unterscheiden vermöge. Das hohe wissenschaftliche Interesse, das sich an diese Behauptung knüpfte, regte den um die wissenschaftliche Botanik so hoch verdienten Anton de Bary an, das gleiche Problem aufzunehmen. Er wandte sich an dasselbe bescheidene Pflänzchen, die Hungerblume, den unscheinbaren kleinen Kreuz- blütler (Crucifere), der bisher unbeachtet auf unseren Grasplätzen und Triften in sonniger Lage gelebt hatte. De Bary brachte eine ansehnliche Zahl verschiedener Formen der Hungerblume aus den Gegenden von Straßburg und Frankfurt am Main zusammen und pflanzte sie im botanischen Garten von Straßburg ein. Dort hielt er die Pflänzchen getrennt unter genauer Kontrolle, sammelte ihre • Samen und säte sie von neuem aus. Das Ergebnis bestätigte die Jordan'schen Angaben. Die ein- zelnen Formen hielten in aufeinanderfolgenden Generationen die Merkmale fest, durch welche sie ausgezeichnet waren. Der viel zu früh erfolgte, von der wissenschaftlichen Welt tief betrauerte Tod de Bary's im Jahre 1888 hinderte die Voll- endung dieser Untersuchung, die erst ein Schüler de Bary's, F. Rosen, zum Abschluß und zur Ver- öft'entlichung brachte. Das ganze Problem gewann an unmittelbarem Interesse, als der namhafte holländische Botaniker Hugo de Vries begann, die Ergebnisse seiner Untersuchungen über „Mutation" der Öffentlichkeit zu übergeben. Durch den Gang seiner früheren Arbeiten für die Aufgabe vorbereitet, versuchte es Hugo de Vries, die Fragen der Deszendenzlehre auf experimentellem Wege zu fördern. Von der Ansicht geleitet, daß die Organismen Mutations- perioden durchmachen, in welchen sie sich ver- hältnismäßig rasch verändern, forschte Hugo de Vries in der Umgegend von Amsterdam solchen Arten nach, die sich in diesem Zustand befinden. Es zeigte sich, daß die meisten Arten der Gegend in einem immutablcn Zeitabschnitt stehen; doch gelang es ihm eine mutierende Nachtkerzenart, Oenothera Lamarckiana, zu finden, welche guten Erfolg für seine Bemühungen versprach. Diese Nachtkerze dürfte, wie ihre nahen Verwandten, die gemeine und die stachelige Nachtkerze (Oeno- thera biennis L. und O. muricata L.), aus Amerika zu uns herübergekommen sein. Die zahlreichen Abweichungen, welche sie an ihrem freien Stand- ort in der Nähe von Hilversum aufzuweisen hatte, wurden nunmehr in den botanischen Garten zu Amsterdam versetzt und unter dauernde Beob- achtung genommen. Jahrelang folgten die Kul- turen aufeinander; jede auftretende Veränderung wurde isoliert, jedes neue Merkmal auf seine Erb- fähigkeit geprüft, die phylogenetische Tragweite jeder Beobachtung erwogen. So gelangte Hugo de Vries zur Aufstellung seiner Mutationstheorie,') welche aussagt, dal3 die Artenbildung der Organis- men sich in Mutationsperioden vollzog, daß neue Merkmale in solchen Zeiten plötzlich auftraten und durch einen hohen Grad von Erblichkeit sich aus- zeichneten. Nicht die schwankenden Abweich- ungen, die dauernd die Individuen einer Art von- einander unterscheiden und die uns das Bild der fluktuierenden Variation vorführen, sollen somit nach de Vries den Ausgangspunkt für neue Arten abgeben, sondern eben jene unvermittelten Ände- rungen, die für das Wesen der Mutation bezeich- nend sind. Aus solcher Mutation würden die ele- mentaren Arten hervorgehen. Da die erblichen Merkmale, durch welche elementare Arten von ihren unmittelbaren Vorfahren abweichen, oft nur wenig auffallen, so darf es nicht wundernehmen, daß man sie mit diesen Vorfahren zu einer Art vereinigte. Erst dann, wenn im Laufe der Zeiten die Summe der Unterschiede gewachsen war und die natürliche Zuchtwahl einen Teil der Zwischen- glieder beseitigt hatte, drängte sich die Trennung der Formen dem Systematiker auf. Wir wollen hier unerörtert lassen, ob der Weg der unvermittelten Mutation der einzige war, den die Natur bei der Bildung der Arten befolgte, oder ob ihm nur eine beschränkte Bedeutung zukommt; uns genügt die Tatsache, daß manche Gattungen jetzt noch so stark mutieren, daß man von ihnen behaupten kann, sie befinden sich in einer Muta- tionsperiode, und daß man aus der Artenfülle in einigen anderen Gattungen schließen muß, daß sie ähnliche Mutationsperioden durchmachten. Letzteres ist bestimmt für die formenreiche Gattung Alchimilla mit ihren zahlreichen so nah verwandten Arten an- zunehmen. Der fast lückenlose Bestand dieser Arten spricht für ihre verhältnismäßige Jugend. So wie sie in der Jetztzeit aber uns entgegentreten, ver- ändern sie sich nicht mehr. Die Gattung hat die Mutationsperiode somit überstanden. Die Voll- ständigkeit der elementaren Arten in dieser Serie bildete für mich den Reiz, mich ihrem Studium hinzugeben. War doch die Hoffnung vorhanden, '■) In zwei starken Bänden unter diesem Titel verötTcnl- liclit im Jahre 1901--I903. N. F. IV. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 daß der noch fortbestehende Zusammenhang der .'\rten, mehr Einblick als sonst in den Gang der phylo- genetischen Entwicklung hier ermöglichen würde. Diese ganze langwierige Untersuchung lag jetzt hinter mir, wo ich dem Bergrücken des Grand Saleve folgte und nur immer wieder staunte über die Fülle der auf gleichem Standort hier vereinten ,'\lchimilla-Arten und über die Sicherheit, mit der Herr Buser sie zu unterscheiden vermochte. Dazu blühten diese Pflanzen zu dieser späten Jahreszeit hier oben nicht mehr, und nur Stengelteile und Blätter waren es, welche die Bestimmung leiten mußten. Mehrere Arten wuchsen oft in nächster Nähe beieinander unter völlig übereinstimmenden Bedingungen, so daß der Einfluß der Umgebung es sichtlich nicht sein konnte, der ihre Verschieden- heit bedingte. So auch halten diese Arten bei der Kultur unten im Thale an ihren spezifischen Merkmalen fest. Ein starker Wind erhob sich vom See und fegte über den Berg, so daß es stellenweise schwer wurde, sich auf seinem kahlen Rücken zu halten. Wir traten den Rückweg an, leider ohne die zu- vor gehegte Hoffnung, daß das Wetter sich end- lich dauernd bessern werde. hn neuen botanischen Garten am Fuße des herrlichen Parkes, den Gustav ReviUiod der Stadt Genf hinterließ, blühten noch zahlreiche Alchi- millen. Denn in der Kultur kommen diese Pflanzen nicht zur Ruhe und es folgt, solange als die Witterung es zuläfSt, ein Blütenstand dem anderen. Auffällig ist es, dafS auch bei klarstem Soimen- schein kaum jemals ein Insekt auf die Blüten dieser Pflanzen sich verirrt. Man stellt das fest nicht nur hier unten im Tale, sondern auch auf den natür- lichen Standorten der Arten in jeder Höhe. Und doch sollte man meinen, daß die Alchimillen auf die Vermittlung von Insekten für ihre Bestäubung angewiesen seien; denn der gelbe Ring, der den inneren Rand der Kelchröhre umschließt, ist augen- scheinlich ein Nektarium. Solche Nektarien pflegen süßen Honigsaft den Insekten zu spenden und sie mit diesem anzulocken. Die von einer Pflanze ziu' anderen fliegenden Tierchen übertragen dann den an ihrem Körper haftenden Blütenstaub von Blüte zu Blüte. Hier streifen sie die Staubbeutel, dort die Narbe und befördern so den Blütenstaub un- bewußt an seine Wirkungsstätte. Doch eine stärkere Lupe reicht schon hin, um den Nachweis zu gestatten, daß in diesen Blüten der Nektarring keinen Honig absondert. Seine Oberfläche ist trocken und sieht aus, als wäre sie aus gelbem Wachs geformt. Zugleich fällt noch ein anderes ungewohntes Verhalten auf: die Staubbeutel der Antheren haben sich in keiner, selbst der ältesten Blüte niclit, geöffnet, erscheinen vielmehr schließ- lich verschrumpft und mißfarbig. Jene Gebilde der Blüte, die Rudolph Jacob Camerarius schon am i8. Dezember 1691, also noch vor Linne, als die männlichen Organe der Blüten erkannt hatte, sind hier somit, allem Anschein nach, verbildet und außer P'unktion gesetzt. Wie fangen diese Pflanzen es denn aber an, um den Samen anzu- setzen, der von älteren Stöcken sich reichlich sammeln läßt.? Sät man dieseti .Samen aus, so keimt er auch, und bildet Nachkommen, welche zäh die Merkmale des Stockes festhalten, von dem sie stammen. Keimfähiger Same der höher or- ganischen Gewächse ist doch sonst ein Produkt der Befruchtung. Sollte hier etwa Parthenogenesis, das heißt jungfräuliche Zeugung, im Spiele sein.^ Daß der Blütenstaub aller zur vielgestaltigen Sektion Eualchimilla gehörenden Arten dieser Gat- tung, soweit er sie untersuchte, verbildet sei, stellte vor wenigen Jahren bereits der schwedische Bo- taniker Sv. Murbeck fest. Seine mikroskopische Untersuchung lehrte auch, daß der Keim ohne Befruchtung gebildet werde, woraus er auf Partheno- genesis schloß. Parchenogenetische Entwicklung, die im Tier- reich schon lange für bestimmte Krustentiere und Insekten nachgewiesen ist, glaubte man bei den höher organisierten Gewächsen bis vor kurzem ganz in Abrede stellen zu müssen; jetzt mehren sich die Angaben über ihr Vorkommen. Ist es aber wirklich Parthenogenesis, die in diesen Fällen vorliegt? Darüber werden wir uns erst nach vorausgegangener Verständigung ein Urteil bilden können. Wie man es heute wohl als allgemein bekannt voraussetzen kann, besteht der Körper eines jeden Lebewesens aus Elementargebilden, die Zellen ge- nannt werden. Auf der untersten Stufe der Ent- wicklung macht eine einzige Zelle oft den ganzen Körper des Lebewesens aus. Weiter hinauf im organischen Reich sind die Tiere wie die Pflanzen mehrzellig und mit fortschreitender Vervollkomm- nung nimmt im allgemeinen nicht nur die Zahl ihrer Zellen zu, sondern diese Zellen teilen sich auch in die vorhandene Arbeit. Der Körper jeder lebenden Zelle besteht aus Protoplasma und in diesem ist ein mehr oder weniger kugeliger Körper eingeschlossen, den wir als den Kern der Zelle bezeichnen. Die wissen- schaftliche Erforschung des protoplasmatischen Zelleibes ist soweit gediehen, daß wir behaupten können, daß der Zellkern die wichtigste Rolle in ihm spielt. Vor allem sind wir berechtigt zu der Annahme, daß er der Träger der erblichen Eigen- schaften des Organismus ist. Sein Einfluß ent- scheidet über die spezifische Richtung, welche die Entwicklung nimmt. Weiter haben wir in den letzten Zeiten auch ermitteln können, daß be- stimmten Elementen des Zellkerns eine besondere Selbständigkeit zukommt. Da es sich hierbei um die wissenschaftliche Arbeit noch lebender Forscher handelt, und diese Arbeit in vollem Flusse ist, so ziehe ich vor, Namen nicht zu nennen. An dieser Stelle würde es so wie so nicht möglich sein, jedem das richtige Maß seiner Verdienste zuzu- weisen. Kurzum wir können jetzt annehmen, daß in jedem Zellkern selbständige Gebilde vertreten sind, die als solche fortbestehen, die auf bestimmten Entwicklungszuständen sicli deutlich voneinander 54 Xaturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 4 sondern und dann die Gestalt gekrümmter Stäb- chen annehmen. Man nennt sie Chromosomen. Im Stadium der Sondierung lassen sie sich zählen und kann man dann feststellen, daß ihre Zahl konstant ist. Im ganzen organischen Reiche beruht die Be- fruchtung auf der \'erschmelzung von zwei Zellen, der Samenzelle und der Eizelle. Die wichtigste Erscheinung in diesem \'organg ist aber die Ver- ' einigung der Kerne jener Zellen zu einem ein- zigen Kern. Bei allen Pflanzen hat sich, als sie eine gewisse Höhe der Organisation erreicliten, „Generations- weclisel" eingestellt. Zwei verschiedene Genera- tionen folgen bei diesen Pflanzen aufeinander und machen die Spezies aus. Wie das zu verstehen ist, wird am besten ein Beispiel uns lehren. Sät man die der Fortpflanzung dienenden, als Sporen bezeichneten Gebilde aus, die an der Unterseite der Farnblätter erzeugt werden, so entwickelt sich aus ihnen nicht sofort wieder ein Farnkraut, das jenem gleicht, dem wir die Sporen entnahmen, sondern ein kleines grünes Gewächs, das flach dem Boden sich anschmiegt und meist ein herz- förmiges Blättchen darstellt. An der Unterseite dieses Gebildes, das wir Prothallium nennen, ent- stehen winzige Behälter, welche Samenzellen oder Eier erzeugen. Die Samenzellen werden aus den Behältern entlassen, gelangen zu den Eiern, ver- schmelzen mit ihnen und bilden einen Keim, der zu jener Pflanze, die wir F'arnkraut nennen, heran- wächst. Dieses I-'arnkraut erzeugt wieder, nach- dem es ein gewisses Alter erreicht hat, an seinen Blättern Sporen. So wechseln zwei Generationen, die geschlechtliche, die man als Gametophj't, und die ungeschlechtliche, die man als Sporophyt unter- scheidet, regelmäßig miteinander ab. Nehmen wir nun an, die geschlechtliche Genera- tion, der Gametophyt unseres Farnkrauts sei mit acht Chromosomen in seinen Zellkernen ausge- stattet, so muß die Keimanlage nach der Vereini- gung von Samenzelle und Eizelle doppelt so reich an Chromosomen werden, somit deren sechzehn in ihren Kernen führen. Sechzehn Chromosomen fände man in den Kernen der ganzen ungeschlecht- lichen Generation, dem Sporophyt, vor. Würde der Sporophj't diese sechzehn Chromosomen vollzählig seinen Sporen anweisen und würden diese sie auf den Gametophyt übertragen, so müßte der nächste Befruchtungsvorgang die Zahl der Chromosomen auf zweiunddreißig erhöhen. Das hätte bei weiterer Wiedeiholung schon nach wenigen Generationen eine fast endlose Steigerung der Chromosomen- zahl und damit eine unmögliche Komplikation im Kernbau zur I'^olge. Solche Erscheinungen stellen sich nun in Wirklichkeit nicht ein, weil die Sporen- bildung am .Sporophyt mit einer Halbierung der Chromosomcn/alil \-erbunden ist. Diese wird durch einen eigenartigen Vorgang, der als „Reduktions- teilung" der Kerne bezeichnet wird, erreicht. Die Mutterzelle, aus der die Sporen hervorgehen sollen, verteilt die Chromosomen ihres Kerns zur Hälfte auf ihre beiden Tochterzellen. Diese führen somit nur noch acht Chromosomen und so auch die Sporen, welche aus diesen Tochterzellen nach ihrer nochmaligen Teilung entstehen. Die Zahl acht habe ich willkürlich als Beispiel hier gewählt, was ich auch tun konnte, da sie wirklich vorkommt; es gibt auch Fälle, wo die Kerne noch weniger Chromosomen führen; noch zahlreicher sind die Beispiele, wo sie ihrer mehr aufweisen. Ein Chromosom stellt übrigens nicht die letzte Erbeinheit dar; es ist aus noch kleineren Teilchen aufgebaut, deren Erkenntnis wir nach Möglichkeit anstreben. So sucht die mikroskopische Forschung immer tiefer in das geheimnisvolle Pro- blem der Vererbung einzudringen. In derselben Richtung schreitet gleichzeitig die Arbeit auf physiologischem Gebiete fort und stützt sich dort auf planmäßig angestellte Versuche. Diese Be- mühungen unterstützen, ergänzen und durchdringen sich gegenseitig, lösen allmählich schon gestellte Aufgaben, zeitigen neue und regen zu weiterer Geistesarbeit ohne absehbares Ende an. Wie aus dem gewählten Beispiel schon folgt, behalten die aus der Samenzelle und Eizelle stammenden Chromosomen ihre Selbständigkeit im Kerne des Keimes bei. Die „väterlichen" und ,, mütterlichen" Chromosomen bestehen als solche im „Kinde" fort. Überall im organischen Reich werden die in- folge der Befruchtung verdoppelten Chromosomen durch eine Reduktionsteilung auf die einfache Zahl zurückgeführt. Wenn ein Organismus ohne Genera- tionswechsel seine Entwicklung vollzieht, so leitet eine Reduktionsteilung die Bildung der Geschlechts- zellen ein. So ist es bei den obersten Vertretern des Tierreichs. Vor der Reduktionsteilung legen sich die Chromo- somen zu Paaren aneinander und wir dürfen be- haupten, daß es die gleichwertigen Chromosomen des Vaters und der Mutter sind, die je ein Paar bilden. Die beiden Chromosomen jedes Paares trennen sich bei der Reduktionsteilung und ge- langen in zwei verschiedene Kerne. Wieviel väter- liche und wieviel mütterliche Chromosomen jedem der beiden Kerne zufallen, ist unbestimmt. Der eine Kern wird einen größeren Anteil Chromo- somen vom Vater, der andere von der Mutter er- halten, manchem Kern werden sie auch zu gleichen Teilen zufallen. Wenn dann die Geschlechtskerne, die aus den Teilungen dieser Kerne hervorgehen, sich im Befruchtungsvorgang vereinigen, so ergibt das die verschiedensten Kombinationen väterlicher und mütterlicher Elemente im Kind, die sich in entsprechender Weise als väterliches und mütter- liches Erbteil in ihm äußern. Erst dieser Einblick in das Wesen der Befruch- tung gestattet uns, die Frage wieder aufzunehmen, ob bei den .Alchimillen echte Parthenogenesis vor- handen sei. Ein solcher Vorgang würde verlangen, daß die Eier der Alchimillen mit reduzierter Chromosomenzahl in die Keimbildung eintreten. Die phanerogamen Pflanzen, zu denen Alchimilla N. F. IV. Xr. 4 Xaturvvissenschaftliche Wochenschrift. 55 o-ehört, weisen einen ähnlichen Generationswechsel, wie die Farne auf, die zu ihren einstigen Vorfahren zählen. Der Generationswechsel ist aber bei den Phanerogamen stark abgekürzt und der Gameto- phyt in den Sporophyt ganz aufgenommen worden. Er vollzieht seine Entwicklung in den Pollenkörnern und den Samenanlagen des Sporophyts ohne Selb- ständigkeit zu erlangen, so daß es den Eindruck macht, als bestehe der Sporophyt nur allein noch fort und sei der Gametophyt überhaupt verschwun- den. Das ist nun nicht der Fall, doch müssen wir nach ihm im Innern des Sporophyts suchen : so bei Alchimilla nach dem von ihrem Gameto- phyten erzeugten Ei in den Samenanlagen, die im Fruchtknoten der Blüten eingeschlossen sind. Bei anderen ähnlichen Pflanzen die normale Verhält- nisse aufweisen, würden Pollenkörner auf die den Grifil'el des Fruchtknotens abschließende Narbe ge- langen und dort einen Schlauch treiben, der bis zur Samenanlange hinabwüchse. In der Samen- anlage käme ein Samenkern aus dem Schlauch mit dem Eikern zur Vereinigung. Daß die .Alchi- millen, welche wir im Genfer botanischen (harten vor uns hatten, nicht bestäubt werden, haben wir damals schon erkannt. Ein Pollenschlauchkern dringt somit bei diesen Pflanzen bis zum Ei nicht vor ; dessen ungeachtet führt, wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, die Keimanlage dieser Pflanzen die dem Sporophyt zukommende volle Zahl von Chromosomen. Das wird dadurch erreicht, daß bei diesen Alchimillen jene Reduktionsteilung, die sonst der Anlage des freies vorausgeht, unterbleibt. Das Ei, das wir hier vorfinden, gleicht somit nur im Aussehen, nicht seiner wahren Natur nach, dem befruchtungsbedürftigen Ei anderer Pflanzen, es ist ein ungeschlechtlich gewordenes Gebilde. In seiner Weiterentwicklung können wir daher auch nicht wirkliche Parthenogenesis, sondern nur Geschlechts- verlust, den wir Apogamie nennen, erblicken. Dieses apogame Ei verfügt über dieselbe Zahl von Chromosomen, wie eine jede andere Zelle des Sporophyts und tritt ebenso, wie jene in Teilung ein. Der Ort der Entwicklung bringt es aber mit sich, daß sowohl jenes apogame Ei wie das Produkt seiner Entwicklung die Gestalt eines geschlechtlichen Eies und geschlechtlich erzeugten Keimes annimmt. Soweit bis jetzt bekannt ist, dürfte auch in anderen Fällen, wo Parthenogenesis bei höher organisierten Pflanzen angenommen wurde, es sich um eine solche apogame Keim- bildung handeln. Die Alchimillen müssen vor nicht zu langer Zeit erst um ihr Geschlecht gekommen sein. Dafür spricht der Umstand, daß sie noch zur Anlage von Blütenstaub schreiten, der nicht funk- tionsfähig wird und daß sie einen Nektarring in der Blüte ausbilden, trotzdem er ihnen nicht mehr nötig ist. P'ast bestimmt läßt sich auf ein relativ geringes Alter der Apogamie bei Alchimillen auch aus dem Umstände schließen, daß einige ihrer Arten noch im normalgeschlechtlichen Zustande fortbestehen. Es war mir eine freudige Über- raschung, als ich solche Arten ') aus den höchsten Regionen der Alpen zu Gesicht bekam. Einige wenige Bewohner der Schneegrenze vermochten es, sich bis jetzt in ihrem Geschlechtsleben noch intakt zu erhalten. Oben auf der Gemmi am tiefen Daubensee, der sieben Monate im Jahre zu- gefroren bleibt, auch auf den höchst gelegenen Triften Obersavoyens und an anderen ähnlichen Standorten, in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, finden sie zusagende Bedingungen des Bestehens. Sie treten dort im Juni, gleich nachdem der Schnee sie enthüllt hat, rasch in neue Entwick- lung ein; alsbald stehen sie in Blüte und setzen, wenn auch spärlich, Samen an. Selbst Bastarde •) haben diese Arten stellenweise untereinander er- zeugt. Ihr Pollen ist normal, wird aus den Staub- blättern entleert; man findet ihn schlauchbildend auf den Narben und kann auch bei eingehender Untersuchung feststellen, daß die Eier eine redu- zierte Zalil von Chromosomen führen, somit auf Befruchtung eingerichtet sind. Auffälligerweise haben einen ähnlichen Ge- schlechtsverlust wie die Alchimillen einige andere sehr formenreiche Gattungen der höheren Ge- wächse aufzuweisen: so der Löwenzahn, so die Habichtskräuter. — Alle unsere Wiesen sind vom Mai bis in den Herbst hinein mit den Blumen- köpfen des Löwenzahns geschmückt, oft in solcher Menge, daß sie aus der P'erne gelb gefärbt er- scheinen. Die Kühe suchen dieses Futter auf, was in vielen Gegenden dieser Pflanze den Namen Kuhblume verschaffte. Übrigens verachtet auch der Mensch die jungen Blätter nicht als Salat, der besonders in Frankreich beliebt ist. Wer kennt auch nicht die kugeligen Fruchtköpfchen des Löwenzahns, von dessen Boden die mit haarigen Flugapparaten versehenen Früchte sich so leicht wegblasen lassen. Dann bleibt nur der weiße, etwas gewölbte Fruchtboden zurück, dem man Ähnlichkeit mit der Tonsur von Klostergeistlichen absah, so daß die Pflanze auch die Namen Pfaffen- röhrlein oder Mönchskopf führt. — Allen Be- schreibungen des Löwenzahns wird hinzugefügt, daß er überaus vielgestaltig sei und oft verküm- merten Pollen führe. Tatsäclilich hat dieser Pollen seine Funktion eingebüßt; dessen ungeachtet liefern die Pflanzen reichlich Samen. Ja, entsprechende Versuche haben ergeben, daß man alle Staub- blätter eines Blumenköpfchens wegschneiden, auch sonst die Möglichkeit jeder anderweitigen Be- stäubung ausschließen kann, ohne daß diese Pflanzen steril bleiben. Sie verhalten sich eben wie die Alchimillen und bilden apogame Keime.'') Das- selbe tun die zahlreichen Habichtskräuter, von welchen jede mitteleuropäische P'lora mindestens ') Alchimilla pentaphylla L., grossidens Hus., gclida Uns. und glacialis Bus. '-) Nach Buser: A. cuneata Gaud., gemmia Bus., tiuUata Bus. und sabauda Bus. ') Nach Beobachtungen und Versuchen von C. Raunkiaer, C. H. Ostenfeld, H. Juel. 56 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 4 fünfzig Arten aufzählt. In dem t^ioßen Sammel- werk, „die natürlichen Pflanzenfamilien", das Engler und Prantl herausgaben, schreibt der Bearbeiter der Gattung Hieracium, daß sie die formenreichste und schwierigste unter den europäischen Ge- wächsen sei und mindestens v-ierhundert Arten mit lausenden von Unterarten und Varietäten umfasse. Ihre Arten trifft man überall an, vom Tale auf- wärts bis in die höchsten Gipfel der Alpen. Im Tale hellgelb, färben sie sich stärker mit zu- nehmender Höhe und erfreuen dort das Auge durch ihre goldigen und orangeroten Töne. Nicht alle polymorphen Gattungen haben ihre Vielgestaltigkeit mit Geschlechtsverlust gebüßt, so nicht die vielgestaltigen Brombeeren und Rosen, doch kann es andererseits auch kaum ein bloßer Zufall sein, daß sich Apogamie gerade bei stark polymorphen Gattungen mehrfach einstellte und daß unter den wenigen Alchimillen, die das Geschlecht behielten, eine Art, die Alchimilla pentaphylla, sich befindet, die isoliert im System dasteht, so- mit nicht mutiert hat. Das legt die Vermutung nahe, daß übermäßige Mutation eine Gefahr für das Geschlechtsleben in sich birgt. Man weiß, daß Bastarde zur Unfruchtbarkeit neigen, und ihre Geschlechtsprodukte oft verbildet sind. In einer Gattung, die in starker Mutation begriffen ist, finden aber in gewissem Sinne ununterbrochene Bastardierungen statt, weil ja der mit einem neu aufgetretenen Merkmal ausgestattete Mutant wenig Aussicht hat, mit einem gleichen Mutanten zu- sammenzutreffen, um ihn zu bestäuben oder von ihm bestäubt zu werden. Bei der nahen Ver- wandtschaft neu entstandener Mutanten mit den unveränderten Vertretern der Art wird die Wir- kung solcher geschlechtlicher Verbindung sich nicht gleich störend äußern, keinesfalls so nach- teilig sein, wie bei der Vereinigung wenig ver- wandter Individuen. Immerhin dürfte die fort- dauernde Wiederholung des \'organges innerhalb einer stark mutierenden Art schließlich schädigend wirken, ja allem Anschein nach zur Sterilität führen, und unfruchtbar werdende Mutanten müssen verschwinden, es sei denn, daß sich an Stelle der geschlechtlichen Fortpflanzung Apogamie einstellt und weiter auf ungeschlechtlichem Wege die Art erhält. Ob das für alle Zeiten möglich bleibt, kann fraglich erscheinen. Bei der großen Bedeutung, welche in letzter Zeit, im Anschluß an die de Vries'schen Beob- achtungen, die Vorgänge der Mutation für die Frage der Artenbildung gewonnen haben, kommt auch dem, was uns vielgestaltige apogame Gat- tungen lehren, eine nicht geringe Tragweite zu. Denn auf das Verhalten dieser Gattungen gestützt, möchte man fast schließen, daß zu starke Mutation Gefahr in sich birgt und daß auch der Fortschritt der organischen Entwicklung sich sicherer und besser vollzieht, wenn er ohne Überstürzung er- folst. Kleinere Mitteilungen. Edward B. Foul ton: Experiments in 1893, 1894, aiid 1895 upon the colour- relation between lepidopterous larvae and their surroundings, and especially the effect of liehen - covered bark upon Odontopera bidentata, Gastropacha quercifolia, etc. (Trans- act. Entomol. Society of London. 1903 pag. 311 bis 374. Taf. 16— 18.1 — Anknüpfend an frühere, sehr umfangreiche Untersuchungen über die P'arbenreaktionen verschiedener Entwicklungs- stadien von Lepidopteren auf ihre Umgebung (Transact. Entom. Society London 1892) wählte Verf. zur Fortführung dieser Versuche einige be- sonders sensible Formen aus. Er experimentierte zunächst mit der auf Populus nigra lebenden Raupe von Odontopera bidentata. Da die Raupe sich während des Tages in der Regel auf den Zweigen und Asten aufhält, so paßt sie sich in erster Linie deren Farbe an, auf schwarzem oder rotbraunem Holz gehalten wies sie eine einförmige dunkle Färbung auf, auf hellerem nahm auch sie lichtere Farben an. Auf grünen Blättern verwandelt sich ihre dunkle Farbe in ein unauffälliges fahles Gelb, am auffallendsten aber trat ihre h'arbenreaktion auf flechtenbedccktem I lolze hervor. Sie erwarb sehr bald die lichteren und dunkleren Farbflecken der Flechten und erreichte so eine weitgehende Über- einstimmung mit ihrer Umgebung. Noch weit erfolgreicher waren die Experimente mit den Raupen von Gastropacha quercifolia, die einer möglichst gleichfarbigen L'mgebung ausge- setzt wurden. Zunächst hielten sich die jungen Raupen auf den Blättern auf, begaben sich aber bald des Schutzes wegen auf das Holz. Und hier trat nun sehr bald eine außerordentlich hohe Farbenanpassung auf, die sich bis zum Beginn der Überwinterung stetig steigerte. Bei einer alsdann vorgenommenen L^ntersuchung waren ohne weiteres durch ihr bloßes Aussehen die Raupen vonein- ander zu trennen, welche auf schwärzlichem, rot- braunem oder flechtenbedecktem Untergrund ge- lebt hatten, so sehr hatten sie die Färbung der- selben angenommen. Während oder nacli der Überwinterung ist dagegen die Anpassungsfähig- keit geschwunden, ein Wechsel der Färbung des L^ntergrundes hat dann keine Änderung der vor der Überwinterung erworbenen Körperfarbe zur Folge. Es hängt dies wohl damit zusammen, daß die Schutzfärbung in erster Linie während des Winters in Wirksamkeit treten muß, wo hungrige Feinde eifrig die kalilen Äste absuchen, und da eine Raupe wohl nur selten ihre ursprüngliche Futterpflanze verläßt, so ist eine Anpassungsiähig- keit in späterem Alter für sie überflüssig und tritt N. F. IV. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 deshalb nicht mehr hervor. Auch Anpassungen an grüne Blätter traten bei diesen Raupen nicht auf, wohl deshalb nicht, weil sie sich nie dauernd auf denselben aufhalten, sondern stets nach dem Fressen an das ältere Holz zurückkehren. Wohl aber zeigen diese Reaktion die auf grünen Sträuchern lebenden Arten, so beispielsweise die Raupen von Auiphidasis betidaria. Auch besteht bei letzterer F'orm die Sensibilität während der ganzen I.arven- periode, höchstens ist die erste und letzte Phase etwas weniger empfindlich. Nie aber war die zweite Anpassung an eine neue Umgebung so voll- kommen wie die erste. Ausführliche Tabellen über den Verlauf der einzelnen Experimente bilden das Belegmaterial, den besten Begriff \'on der Vollkommenheit der mitgeteilten Anpassungserscheinungen geben uns aber die außerordentlich naturwahren Abbildungen auf den beigefügten, prächtig ausgeführten Farben- tafeln. J. Meisenheimer. Prachtvolle Lakkolithe hat Haut ha 1 in der südpatagonischen Cordillere nachgewiesen (Compte rendu de la IX. sess. du congr. geol. Internat, pag. 653 ff.). Der eine bildet den Berg Fritz Roy nordwestlich vom Lago Viedma (ca. 49" 20' s. Br., 73" w. L. V. Greenw.), der andere den Cerro Payne (ca. 51" s. Br., 73" w. L.). Zwei Ansichten des letzteren mit Andeutung seiner geo- er eingedrungen ist, schmiegen sich rings an ihn an. Sie überdecken ihn oben in horizon- taler Lagerung und fallen allseitig von ihm ab. In der Natur lassen sich diese Verhältnisse schon aus weiter Ferne erkennen, weil der Mantel der dunkel gefärbten Kreideschichten sich scharf von dem hellen Granitkern abhebt. In der Berührung mit dem Eruptivgestein sind die Sedimente meta- morphosiert und von Apophysen durchdrungen, die von jenem ausgehen. Hierdurch wird, ebenso wie durch die Emporwölbung der Kreideschichten, bewiesen, daß die Entstehung dieses Lakkolithen in eine relativ sehr junge Periode der Erdgeschichte, nämlich in die jüngste Kreide oder in das Tertiär, fällt. Es gab eine Zeit, wo man annahm, bestimmte Typen von Eruptivgesteinen seien nur zu gewissen Zeiten entstanden. Damals glaubte man z. B., der Granit sei das älteste Gestein. Man kann sich kaum einen schöneren Beweis für die Unhaltbar- keit dieser Anschauung denken als die Entdeckung der tertiären Granite in der südamerikanischen Cordillere, von denen hier zu den schon länger bekannten Vorkommnissen ein neues hinzugefügt wird. Daß die Entstehung des Payne-Lakkolithen im Zusammenhang mit der Bildung der Cordillere steht, braucht wohl kaum besonders gesagt zu werden. Dr. Otto Wilckens. Süden gesehen logischen Beschaffenheit entnehmen wir Hauthal's Bericht. Sie verdeutlichen die Eigenschaften dieses Lakkolithen besser als alle Worte. Das Eruptiv- gestein ist ein Granit und die der oberen Kreide angehörenden Schichtgesteine, in die Als Tonvariator bezeichnet William Stern einen von ihm zunächst für psychologische Ver- suche ersonnenen und auf der Naturforscherversammlung in Bres- lau demonstrierten Apparat, mit dessen Hilfe es möglich ist , durch einfache Einstellung eines Zeigers sofort Töne beliebiger Schwingungszahl erklingen zu lassen. Stern verwendet zylin- drische Röhren , die durch einen schräg gegen die verengerte Öff- nung geblasenen Luftstrom zum Tönen gebracht werden und deren Schwingungszahl durch Hebung bzw. Senkung des kolbenartig ver- schiebbaren Bodens innerhalb einer Oktave variiert werden kann. Der Mechanismus, der die Verschiebung des Bodens auf einen vor einem Zifferblatt spielenden Zeiger über- trägt, ist derartig hergestellt, daß die Schwingungszahl-Skala auf dem Zifferblatt gleicheTeilintervalle hat. Zur Erzeugung des Anblasewindes benutzt Stern nicht einen Blasebalg, sondern eine gasometerartige Glocke, die durch eine Schnur hoch- gezogen wird und dann beim Herabsinken in ein Wassergefäß einen konstanten Druck von ca. i 5 mm Quecksilbersäule erzeugt. Die Konstanz dieses 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 4 Druckes, die für die Erzeugung einer konstanten Tonstärke wichtig ist, wird dadurch erzielt, daß der durch das Eintauchen der Glocke allmälilich größer werdende Auftrieb durch einen aus einer nebenstehenden Röhre überlaufenden Wasserballast kompensiert wird. F. Kbr. Das Verhalten von Farbstofflösungen im magnetischen Felde. — Bei Gelegenheit dei Wiederholung der Raehlmann'schen Versuche, (Einfluß des elektrischen Stromes auf Farbstoff- lösungen), die ich speziell nach der physikalischen Seite hin vornahm, kam ich darauf, diese Farbstoff- lösungen auch auf ihr Verhalten einem konstanten magnetischen Felde gegenüber zu untersuchen. Nachdem sich verschiedene Formen von Elektro- magneten nicht als zweckmäßig erwiesen hatten, wählte ich einen IVIagneten, dessen beide Pole parallel in einem Abstände von 9,5 mm fest ge- lagert waren. Jeder Pol war 20 mm lang und 3 mm breit. Das Kraftlinienmaximum lag nach einepi Eisenfeilbilde , wie zu erwarten , zwischen den Innenlängsseiten der beiden Pole. Der Magnet konnte durch mehrere Elemente sehr stark und genügend konstant erregt werden. Für die Versuche wählte ich folgende Anordnung. Ein zum Mikroskopieren gebräuchlicher Objektträger (75X25 mm) wurde rings mit einem genügend hohen Faraffinrande versehen, um eine kleine Flüssigkeitsmenge aufzunehmen und s o a u f die Magnetpole gestellt, daß die Längsseiten der Pole parallel den Längsseiten des Glases lagen. Die beiden Pole befanden sich also innerhalb des erhöhten Randes. Dann wurde die betreffende FarbstofTlösung mit der Pipette auf das Glas ge- geben und der .Strom geschlossen. Jeder Versucii dauerte ca. 24 Stunden, während welcher Zeit das Wasser verdunstete und ein Niederschlag er- halten wurde. Ohne Einwirkung des magnetischen Feldes entstand regelmäßig ein durchaus gleich- mäßiger Niederschlag der im Wasser suspendiert gewesenen Farbe. Bei Erregung des magnetischen Feldes zeigten sich dagegen andere Erscheinungen. Der Niederschlag war nicht mehr gleichmäßig, sondern die Farbteilchen waren im (lebiete der maximalen Kraftliniendichte zusammengedrängt. Von dort gingen hyperbelförmige Äste nach den vier Ecken des Paraffinrechteckes hin aus. Die weitere Umgebung der Pole war mit einer dünnen, schwach gefärbten Schicht bedeckt, die besonders bei der gelben Farbe meistens aus den Partikel- chen bestand , die in der Lösung hauptsächlich die lebhaften, schwingenden Bewegungen ausführen. Wenn man nämlich Farbstofflösungen unter dem Mikroskope betrachtet, so sieht man die Farb- partikel, besonders der gelben h'arbe, sehr lebhafte, schwingende Bewegungen ausführen. — Es wurden mit den P'arben, blau, gelb, grün, braun, carmin und Zinnober Versuche angestellt, die alle dieselben Erscheinungen, mehr oder minder gut ausgeprägt, zeigten. Das unklarste Bild ergab die braune Farbe. Die mikroskopische Untersuchung zeigte, daß bei den Mischfarben eine Trennung der ein- zelnen Farben nicht stattgefunden hatte. Näher zu untersuchen wäre noch, weshalb die schwach gefärbte Schicht sich nicht zwischen den Polen ansammelt. Möglicherweise sind die Partikelchen, aus denen sie besteht, so fein in dem Lösungs- mittel suspendiert, daß eine Konzentration und scliließlich Verdunstung der Lösung eintrat, bevor sich die Teilchen an den Polen niederschlagen konnten. Man kann diesen Vorgang vielleicht als eine Art Hemmungserscheinung auffassen, hervor- gerufen durch eintretende Verdunstung. Tng. G. Sehenden, Stettin. Wetter-Monatsübersicht. Der vergangene Dezember liatte im allgemeinen einen sehr trüben , milden Witterungscharakter. Bis ungefähr zum 21. gingen die Temperaturen, wie aus der beistehenden Zeich- nung ersichtlich ist, im deutschen Flachlande nur selten unter TsniBsrafur-^inima siniqer 0rfc imie)2ictiitGri80^, I Dcjt».bt/ 6 II. ne. ti. * u. 11. Berliner WellerbuPMu. den Gefrierpunkt lierab. Hlotl die Provinzen Ost- und West- preußen hatten zu Beginn des Monats scharfen Frost, der in Neufahrwasser — 7, in Königsberg — 14, in Gumbinnen — 20 und in Marggrabowa sogar —22° C erreiclite. Um den 6. und 18. hingegen lagen die Temperaturen in den meisten Gegenden Tag und Nacht mehr als 5 Grad über Null. In Süddeutschland stieg das Thermometer am 7. vielfach bis 15" C; im Norden gehörten der 17. und 18. nach den langjährigen Berliner Aufzeichnungen zu den allerwärmsten Tagen , die man in der zweiten Hälfte des Dezember über- haupt erwarten kann. Erst gerade zum Weihnachlsfeste stellte sich in Nordost- und Mitteldeutschland, etwas später auch im Nordwesten Frost ein, der im Süden bereits seit mehreren Tagen bestand. Zwar wechselte er dann noch einmal mit neuem Tauwetter ab, je- doch vollzog sich am Schlüsse des Jahres in ganz Nord- deutschland ein schroffer Übergang zu strengerer Kälte. — Die Mitteltcmijeraturen des .Monats lagen in Süddeutsch- land ungefähr einen, in Norddeutschland sogar a'/» Grad über ihren normalen Höhen. Dieser Überschuß an Wärme wurde, wie meistens im Winter, durch milde Südwest- und Westwinde herbeigeführt, deren Wasserdämpfe über den Erdboden ge- wohnlich eine diclite, Ein- und .Ausstrahlung hemmende Wolken- decke ausbreiteten. Daher hatte auch z. B. Berlin im letzten Dezember nicht mehr als jo Stunden mit Sonnenschein, wäh- N. F. IV. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 rend im Mittel der früheren zwölf Dezembermonate hier 39 Sonnenscheinstunden beobachtet wurden. Trotz der starken Bewölkung waren die Niederschläge in Deutschland , die unsere zweite Zeichnung zur Darstellung bringt, nur in den ersten 9 Tagen und am Ende des Monats sehr ergiebig. Ihre Monatssumme , die für den Durchschnitt '^keizpisla^^^i^n im '^sjcmScp 190^. rr t_ I I i I I I ' i I " I ■!. bisä.Dezember. ' mmumuHiHi 20 |— |- bisiy.Dezembei 1^1^ n ,1 I I I ' J 18. hisZlf.DeTemher. L'm-I-MBIi '_■ '-._m «flnJI > /AiftleperWepfrüc Oeulschland. /AonabsummeimOezbr. (90103.02.01.00.1839. BerlinirWetWbureiu der berichtenden Stationen knapp 50 mm betrug, war genau so groß wie im Mittel aller Dezembermonate seit Heginn des vorigen Jahrzehntes. Am 6. und 7. Dezember gingen bei heftigen Stürmen über ganz Deutschland sehr starke Gußrcgcn nieder, die im Rhein- und Wesergebiete für kurze Zeit Hoch- wasser hervorriefen. Zwischen dem 10. und 17. fanden zwar ebenfalls häufige , aber meist nur leichte Regcnfälle statt. Während der folgenden Woche waren sie in Norddeutschland noch geringer und hörten im Süden sogar gänzlich auf, doch lagerte über den westlichen Landesteilen meist ein undurch- dringlicher Nebel, der zu verschicdentlichen Unfällen und Verkehrsstörungen .\nlaß gab. Während bisher fast immer nur Regen gefallen war, traten am Weihnachtsabend in Ostdeutschland bei stürmischen Nord- westwinden, zwischen einzelnen Hagelschauern ausgedehnte Schneefälle ein , die in Ost- und Westpreußen sehr heftig waren und sich in den nächsten Tagen mehrfach wiederholten. In Neufahrwasser lag der Schnee am 27. morgens 36 cm hoch. Im Nordwesten fanden um dieselbe Zeit wieder etwas stärkere Regenfälle statt, wogegen in Süddeutschland das trockene Wetter bis gegen Ende des Jahres anhielt. In seinen letzten zwei Tagen aber wüteten in ganz Deutschland orkanartige Stürme, die mit Regengüssen begannen, später starkes Schnee- treiben brachten , an der Ostseeküste von Sturmfluten be- gleitet waren und in weiten Teilen des Reiches große Ver- heerungen anrichteten. Im Laufe des Dezember wurde die nördliche Hälfte Europas von zahlreichen tiefen Depressionen durchzogen, während die barometrischen Maxima am häufigsten auf dem biscayischen Meer, in Frankreich oder dem Alpengebiet und außerdem im Osten Rußlands lagen. Die tiefsten Minima traten zwischen dem 4. und 6. Dezember bei Schottland auf, von wo sie in Begleitung schwerer Weststürme teils nach Nordosten, teils Südosten weitereilten. Mehrere sich ihnen anschließende, etwas flachere Minima, die bei Irland erschienen, drangen über England ins Innere des europäischen Festlandes ein, wo sie aber jedesmal sehr rasch an Tiefe abnahmen. Während der zweiten Hälfte des Monats kamen die atlan- tischen Depressionen meistens aus nördlicheren Breiten her und wanderten südostwärts durch Skandinavien und mitten durch Rußland, so daß die vorher hauptsächlich aus Südwest gerichteten Winde in Deutschland sich mehr nach Nordwesten drehten. Nach heftigen Schneefällen trat zunächst im nord- östlichen Rußland dauernde, äußerst strenge Kälte ein, die am 28. morgens zu Ust-Zylma an der Petschora — 42" C er- reichte. Als dann in den letzten Tagen des Jahres ein hohes Barometermaximum mit eisigen Nordostwinden vom Polar- meere rasch sUdwestwärts vordrang, ging das Wetter auch aui der skandinavischen Halbinsel und in ganz Mitteleuropa zu scharfem Froste über. Dieser Wilterungsumschlag erinnerte in der Art, wie er sich vollzog, sehr an den plötzlichen Ein- tritt des Frostwetters, das gerade um die Wende des Jahr- hunderts in Deutschland begann und damals während der größeren Hälfte des Januar 1901 überall anhielt. Dr. E. Leß. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Alfred N e h r i n g. — Der am jg. September I904 plötzlich verstorbene Zoologe Professor Dr. Alfred Nehring — unser Mitarbeiter seit Gründung der Naturw. Wochenschr. — hatte sich namentlich die Erforschung der ausgestorbenen höheren Tierwelt Deutschlands als Aufgabe gestellt. Daraus entstand seine Theorie über die Steppennatur eines großen Teiles von Deutschland bald nach dem Schlüsse der Eiszeit, als das Klima wärmer und trockner wurde. Steppenpflanzen und Steppentiere wanderten damals aus dem Osten in Deutschland ein. Ein sehr bezeichnendes Tier der damaligen Fauna Deutschlands war der Steppen- springcr, Alnclaga snüens Gme\. (jaculus Pall.), welcher zu der eigenartigen Nagetierfamilic der Springmäuse, Dipodiden, gehört. Dieses Charaktertier bewohnt jetzt die Steppen Südost- Rußlands und West-Sibiriens. Reste anderer Aliictaga-kx\.terbliche Seele ebensowenig zu eigen ist, wie ihre Seele stets dem Leibe ange- paßt erscheint. Unser Autor sagt z. B., der Ochse sei mit Hörnern ausgestattet, da seine Seele kampf- lustig ist, der Hund hat aus dem einfachen Grunde scharfe Zähne, weil in seinem Körper eine bissige Seele wohne. Nicht minder sei der Afte mit einem lächerlichen Körper begabt worden, weil er eine ebensolche Seele besitze. Gehen wir auf die einzelnen Formen ein, so begegnen wir den spaßhaftesten P"abeln. So heißt es vom Löwen, daß der Grundzug seines Charakters jener berühmte Edelmut sei, der ihn das junge oder schwache Tier schonen, das trotzige aber an- greifen läßt. Aber im Zorn ist er fürchterlich, denn dann bricht er Eisen! Sobald er des Guten zu viel getan, reißt er mit seinen Klauen das zu viel Gefressene aus dem Schlünde, auch fastet er so lange, bis das Genossene verdaut ist. Der Tiger ist ein Tier, das von ganz besonderer Liebe für seinen Nachwuchs erfüllt ist. Jäger, die junge Tiger erbeuten wollen, tun gut, wenn sie dieselben aus dem Lager entnehmen, Spiegel in großer Anzahl auszuwerfen. Der sie etwa ver- folgende alte Tiger wird durch dieselben aufgehalten, denn er — bewundert sich in den Glasstücken, wodurch die Jäger einen großen Vorsprung er- langen. Der alte Zoologe berichtet ferner nach Äuße- rungen von Augenzeugen, daß die Aft'en in Peru die wärmste F'reundschaft für die Eingeborenen an den Tag legen, die so weit geht, daß sie mit denselben um Geld würfeln ! ,,Wenn die Affen gewinnen", heißt es, „gehen sie mit ihren Freunden ins Wirtshaus, zechen, zählen den Gewinn!" Aller- dings erscheint diese Erzählung unserem Gewährs- mann nicht recht glaubhaft. Es findet sich in dieser Zoologie auch das unserem Geschlechte von Firmenschildern aus be- kannte Einhorn, ein Fabelwesen, das die Größe des Pferdes, den Kopf eines Hirschen, Elefanten- füße, einen Schweineschwanz, dann ein einziges, vier Fuß langes Hörn an der Stirne hat, mit dem es alles durchbohren kann. Allerdings, eine schwache Seite kann diesem Wesen nicht abgesprochen werden, es ist stets erfüllt von großer Liebe zu schönen — Mädchen! Sieht es solche, so legt es sich gezähmt zu deren Füßen und schläft dort ein. In diesem Falle — bemerkt Greve nach seinem Ouellenwerke — „kommen die Jäger her- bei und schneiden dem schlafenden Tier das kost- bare Hörn ab. Letzteres ist ein probates Mittel gegen Gift und Pest, erfrischt und stärkt alle edlen Körperteile. Aus dem Bemühen des Autors nach- zuweisen, daß dieses kein Fabelwesen, kann man wohl erkennen, daß es das entstellte Bild des Nas- horns ist." A Das Pferd soll sich in keiner Weise an die I Ausdünstung der Schweine gewöhnen, und die ^ tragende .Stute soll, wie das Menschenweib, durch den Geruch ausgelöschter Kerzen zu Frühgeburten veranlaßt werden. Daß aus einem Rinderaase keinesfalls Bienen entstehen, das sucht unser Professor im \'ollsten Ernste zu erklären, was uns auf den naheliegenden Gedanken bringt, daß diese P'abel seiner Zeit N. F. 1\^ Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 Glauben fand. Dem geduldigen Grautier, dem Esel, wird nachgesagt, daß er ein Feind alles Fettigen sei, aber keinesfalls nur klares Wasser, sondern besonders trübes trinke ! Das Elen (Alces) soll seinen Namen von dem Worte „Elend" haben. Esleidet an vielen Krankheiten, dann hat es auch eine, für ein so großes Ge- schöpf ,, elende Stimme". Der alte Zoologe Conrad Geßner behauptet, daß das Elen nur dann könne gesund werden, wenn es ihm gelingt, den Huf des rechten Hinterfußes in das linke Ohr zu zwängen: „Dr. Sperlingius aber meint, solches geschehe nur zufällig, wenn es in seiner Krank- heit vor Schmerz an allen Gliedern zusammen- gezogen werde." Gegen Epilepsie wirkt der Huf dieses Tieres sicher! Eine ganz besondere Eigenschaft schreiben die alten Zoologen dem Hirsch zu. P'r ist im- stande, durch Einziehen seines Atems Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln zu ziehen, die er dann tötet; ein tödliches Gift befindet sich in seinem Schwänze, sein Hörn aber ist ein prächtiges Gegen- gift gegen alle anderen Gifte. Sein Wildpret wirkt auf das Gemüt, es soll melancholisch machen, dann treibt es Leber und Milz auf Das Bockblut, heißt es, ist imstande, Diamanten zu erweichen, das soll jedoch namentlich die Bach- weide, dann die Petersilie bewirken, die der Bock zu genießen pflegt. Daß das Schwein namentlich alles Stinkende liebt, alles Wohlriechende, be- sonders aber Pomeranzen und Rosen haßt, hebt unser Autor besonders hervor. Sobald die Hinter- füße des Borstenviehes beim Gehen schwanken, so hat es Finnen ; dieselben entstehen, wenn man das Schwein ärgert. Große Liebe wird dem Meister Petz zu schönen Mädchen nachgerühmt ! Wo immer er eine mensch- liche Schönheit erblicken kann, ist es sein eifriges Bestreben, sie an seinen rauhen Pelz zu drücken. Der würdige Olaus Magnus läßt die Könige von Dänemark von Bären abstammen; unser Gewährs- mann gibt die Möglichkeit einer Bastardierung zu, bezweifelt aber das menschliche Aussehen dieser Nachkommenschaft. Am meisten befaßten sich die alten Zoologen schier mit dem ehemals auch in den heimischen Gegenden nicht selten gewesenen Wolf Es ist eine große Zahl alter Glauben, die sich des Wolfes erinnern. LTnd ihrer dürfen wir nicht vergessen ! Die Ähnlichkeit mit dem edlen Hund , die ehemalige Häufigkeit des Wolfes, läßt es erklär- lich erscheinen, daß er in dem Volksglauben, wie in der alten zoologischen Wissenschaft eine große Rolle spielt. Ist der Wolf ein perfides, listiges, total unedles Wesen, so viel wenigstens aus der Beobachtung in der Freiheit hervorgeht, so hat er doch, ziehen wir die große Menge Volksglauben in Betracht, die sich um seine Gestalt weben, von allen heimischen Säugetieren die größte Populari- tät errungen. Wer erinnert sich nicht des unver- gleichlichen Märchens von Rotkäppchen? Schon die Sagen der Inder berichten von Wölfen; jedermann weiß, daß die ausgesetzten Söhne der Vestalin Rhea Silvia von einer Wölfin und einem Specht ernährt wurden. Griechenland hat seinen wölfischen Apollo (Apollo Lykius). Den Wolf finden wir in den Fabeln der zelten stets als einen Heuchler dargestellt; im neuen Testa- ment wird der Wolf mit den Verführern ver- glichen, den bösen Menschen, welche auch anderen das Gute nicht gönnen. ,, Verkappte Schurken", erzählt Bondi, „welche das Böse gut nennen, falsche V.-'ege anraten und, um desto leichter ihre Zwecke zu erreichen, äußerlich das Gute selbst mitmachen, nennt Christus Wölfe, die im Schafskleide daher kommen, innerlich aber reißende Untiere sind. Vor solchen muß man sich hüten, denn ,,bei den Wölfen und Eulen lernt man heulen." Die alte Poesie ließ gerne die Wölfe, Adler und Raben die Heere begleiten : Zum Gefecht auszogen fürder in Ordnung Die Helden unter Helmen von der hohen Burg Beim Tagrot früh: die Schilde tönten. Laut sie erschollen. Daß sich der schlanke Wolf im Walde freute und der wolkcndüstre Rabe, Der waldgierige Vogel. Es wußten beide, Daß ihnen schafTen würden die Kriegerscharen Gefallene in Fülle. Ihnen flog auf feuchten Schwingen Der Adler eilend nach, verlangend. Das bchlachtlied sang der schwarz gekleidete, Horngeschnäbelte. In der Wintersonnenwende — heißt es nach der alten Götter- und Heldensage — steigen mit den Geistern der Verstorbenen die Götter zur Menschenwelt herab und halten, wieder ins Land einziehend, einen segnenden Umgang in Dörfern und Fluren. Dafür, meint Bondi weiter, ,, begehren sie feiernde Verehrung, alle Arbeit muß ruhen. Dann darf niemand spinnen oder Flachs auf dem Rocken lassen, sonst jagt der Wöde (Wodan) auf weißem Rosse hindurch, oder der Wolf, das dem Gott der Schlacht und des Sieges folgende Tier, zerreißt den, welcher die aus solchem Garn ge- sponnene Leinwand trägt." Zur Weihnachtszeit, gelegentlich der alten Hirtenspiele, sprechen die Hirten von Wölfen, die abzuwehren sind. In einem derselben spricht der Hirt: „Noch will ich mein liorn lassen schallen Und will mit nichten thuen verzagen, Will plasn und die Wolf verjagn. Will mich darzue auch wacker stellen, Helft schreien, meine lieben Geselln, Plast munter in das Hörn frei, So kummt verheut kein Wolf herbei," Damit waren aber nun keinesfalls die wirk- lichen Wölfe, vor denen man Furcht hatte, ge- meint, sondern es waren die bösen Geister, die sich in Gestalt solcher zeigten. Dr. Martin Luther, der bekanntlich vor dämonischen Mächten ein ge- heimes Grauen hatte, erzählt in seinen Tischreden von einem Spuk in Magdeburg, wo der Teufel ,, polterte, stürmte, warf und schlug, thät scheuß- lich und ließ sich oft sehen wie ein Wolf, der da beulete". Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sang man 68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 in der Steplianskirche in Wien den Wolfssegen in der Christnacht unmittelbar nach dem Hochamt. Er bestand im Absingen des liber generationis Jesu Christi secundum Matthaeum „in einem ab- sonderlichen Ton unter Leitung der großen Glocke." Er richtete sich be.sonders gegen die dämonischen Wölfe, denn es war die Ansicht, daß am Christ- abende sich eine große Menge Wehrwölfe sammeln. Die lieutige Generation kennt diese alten Glauben kaum vom Hörensagen, es dürfte darum am Platze sein zu bemerken, daß diese Fabelwesen in Wölfe verwandelte Menschen gewesen sein sollen. Der Glaube an solche Vermutungen war bereits der antiken Welt bekannt, denn wir finden bei Plinius Hinweise, die direkt die Existenz dieser Wölfe abstreiten. Das ganze Mittelalter glaubte jedoch an diese Spukgestalten und es existieren Akten aus dem i6. und 17. Jahrhundert, die von glaub- würdigen Männern nach Verhören angelegt wur- den, die darin ihre Überzeugung niederlegten, daß es Leute gab, die im Traume sich einbildeten, Wölfe geworden zu sein. Der alte Zoologe Olaus Magnus erzählt von ,, Wehrwölfen". Sicher waren es Gauner, die ,,in der heiligen Christnacht mit Wut Menschen und Tieren zusetzen , die Häuser anlaufen und auf- brechen, in die Keller gehen, das Bier auszusaufen oder die Bierfässer hinwegzutragen." Denn solcher Tiermasken bediente sich im Mittelalter gerne der ulkige Plebs, ganz besonders aber war es die Neujahrsnacht, die Anlaß gab zu ähnlichen Spaßen, die wir heute in gemilderter Form genießen ! Die alten Zoologen berichten vom Fuchs, daß er hinke I Dies komme daher, da die rechten Oberbeine kürzer sind als die linken. Der mensch- lichen Schönheit nicht dienlich soll das Fleisch des Hasen sein. Ein ganz merkwürdiges Tier muß das seitens unseres Professors ,,glis" angesprochene gewesen sein, unserer Ansicht nach wohl der Iltis, da er Hühner raubt; derselbe soll sich dermaßen ver- mehren, daß er Städte und Fluren überfüllt. Vom kleinen Wiesel weiß Dr. Sperlingius, daß es durch das Ohr empfängt und mit dem Munde gebiert ! Doch, setzt unser Autor hinzu, kann das eine Fabel sein. Aber richtig soll sein, daß es, sobald seinem Nachwuchs Gefahr droht, es denselben im Mutterleibe berge. Das Wiesel ist das einzige Tier, das gegen den Basilisk kämpfen kann. Hilden wir bei den Säugetieren seitens der alten Zoologie mannigfache Fabelglauben, so be- gegnen uns dieselben nicht minder häufig bei der seit jeher großer Aufmerksamkeit sich erfreut habenden Vogelwelt. Die Vögel, sagt unser alter Gewährsmann, hat Gott aus dem Wasser hervorgehen lassen, denn es heißt bei Moses „es rege sich das Wasser von lebenden Tieren, von Geflügel usw. „Daher" — schließt Sperlingius — „sagt Nierembergius mit Recht, die Fische und Vögel sind v-erbrüdert, denn die Fische fliegen im Wasser, die Vögel schwimmen in der Luft." Die Adler, lehrt unser Gewährsmann, haben einen dermaßen übelriechenden Atem , daß sie durch denselben die Reste der Mahlzeiten so arg verpesten, daß sie dieselben nicht mehr anrühren mögen. Die Adler haben einen größeren rechten Fuß, ferner stoßen sie auf Hirsche, so auch auf Stiere. Den jungen Adlern fehlt jede Stimm- äußerung, denn ihre Zungen sind zu dick. Eine hervorragende Eigenschaft der Geier soll sein, daß sie das Aas lieben, jeden Wohlgeruch aber ver- abscheuen. Dann erklärt unser Zoologe, daß der Strauß wirklich ein Vogel sei, obschon er nicht fliegt, sondern läuft. Er kann gewandt Steine nach den Jägern werfen. Daß Kraniche Kämpfe mit Pygmäen haben, wie einige Reisende erzählen, ist nicht glaubwürdig, aber daß sich in ihren Nestern Steine befinden, die, einer Wöchnerin aufs Bett gelegt, die Geburt erleichtern, ferner von Schwangeren in der Tasche getragen, jede Frühgeburt verhindern, ist eine Tat- sache, die allen Glauben verdient. Der Storch zeichnet sich nach der alten Zoo- logie durch besondere Keuschheit aus, auch ist er klug. Er schützt durch seine Brutstätte das Haus vor Blitzschlag, er ist der Herrgottsvogel, den man einladen soll zum Nisten durch ein auf den Dachfirst gelegtes Wagenrad. Aelian erzählt, daß die alten Störche nach den ozeanitischen In- seln fortziehen — dorthin, wo noch Reste des alten goldenen Zeitalters leben sollten — und sich dort in Menschen verwandeln. Das Mittelalter hing an diesem Glauben ebenso, wie an der Ver- wandlungssage von der Schwalbe, die einst ein Mädchen gewesen sei, das mit ihren Eltern haderte, als Strafe dafür in eine Rauchschwalbe verwandelt worden sei. Der alte Geßner erzählt ferner, daß die Störche auf ihrer Herbstreise einen ,, gemeinen Reichstag" abhalten, dann, daß das Geschlecht der Störche besonders hart den Ehebruch strafe. Die alte Zoologie erzählt Fälle, daß Störche, die ehe- brecherische Menschen beobachteten, diesen die Augen aushackten. Ein Storchenweibchen , das sich, während der Ehegemahl auf der Jagd, mit Ehebruch befleckt, soll sofort v-on den Genossen des „Gehörnten" angeklagt werden, dann unter den Schnabelhieben der anderen Störche getötet werden. Die Evastochter soll jedoch auch — wie beim menschlichen Geschlechte — es sehr gut verstehen, ihren Ehegesponsen hinters Licht zu führen, indem sie mit Wasser versucht die Schande abzuwaschen, damit ihr keinerlei Geruch des fremden Gastes anhafte, der etwa dem heimkehrenden Gatten die Schäferstunde verrate. Der Storch besitzt menschlichen \'erstand, sagen die alten Gelehrten, ja, er besitze noch mehr, denn seinem Geschlechte wohne die Gabe der Weis- sagung inne. Er sieht und weiß alles — erzählt Braß. ,,Er weiß, wenn jemand im Hause krank werden soll, denn er steht dann traurig auf einem Bein vorn auf dem Hause; bevorstelienden Tod zeigt er an, wenn er dieselbe Stellung am Ende N. F. IV. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 69 des Firstes einnimmt. Zielien Störche ihre Kreise über einem Haufen Menschen, so stirbt einer der letzteren. Ein bevorstehendes Unglück der Ge- meinde, in der sie brüten, kennen sie voraus. So wuchs den stürmenden Hunnen der Mut, als sie bei der Belagerung von Aquileja sahen, wie die Störche die Stadt verließen und ihre Jungen über Land trugen. Attila rief den Seinen zu : ,, Schaut zu den Giebeln dort, Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort. Sie wissen, wie bald in Flammen Iiinunter sinlit die Stadt, Drum auf zum neuen Sturm, wer Hand' und Füße hat!" Eine Feindin soll der Storch besitzen, es ist die Fledermaus, die durch bloßes Berühren seine Eier unfruclitbar machen kann. Er weiß sich ihrer mit Platanenlaub zu erwehren. Auch mit dem Kuckuck haben sicli die alten Zoologen eingehend beschäftigt, ebenso mit der Schwalbe, dann einigen fabelhaften Arten. Geßner läßt die Schwalbe einen Winterschlaf tun, auch der Kuckuck hält ,, faulen vnd vnge- fäder" in einem hohlen Baum seine winterliche Siesta; das 1676 erschienene Büchlein ,, Storchs und Schwalben Winter- Quartier", das Joh. Prätorius zum Autor hat, teilt in folgenden Reimen die Fabel vom Schlafe der Schwalbe mit: ,, Hernach zu zwitschert sie, und singt in der Wärme Die Schwalb zur Sommers Zeit, und machet solch Gelärme Als ein Leyrer pflegt: im Winter reißt sie aus, Und kriechet in die Bäum, und hält da nackend haus: Denn ihren Federn-Schmuck verleuret sie darinne. Und lieget auch für todt; bis endlich die Lentzinne Und Frühlings Nünffe kömmt: Die giebt ihr wiederümh Ein neues Federklcid, das Leben und die Stimm." Aristoteles hat init seiner Meinung vom Winter- schlafe der Schwalben bis auf die heutigen Tage Anhänger besessen, zu denen s. Z. der Schnepfen- thaler Zoologe Lenz gehörte. Es darf uns bei dem hohen Ansehen, dessen sich Schwalbe, Storch und Kuckuck erfreuen, nicht wundernehmen, daß ihr Genuß in der alten Medizin eine eingehendere Würdigung erfuhr, daß man so weit ging zu behaupten, der ,, Schwalben- braten" stärke das Gedächtnis, wie das in Milch aufgeweichte Schwalbennest jedem Abszeß „Zeiti- gung" bringe, endlich, daß der Schwalbenstein, er wird in den Schwalben selbst gefunden,') jedes Augenübel heile. Der begehrte Stein wird nach sieben Jahren stets von einem Pärchen in dem ' Neste zurückgelassen, in dem es während dieser Zeit brütete. „Podagran, ziperlin, lendinwee" kann nur der Storchenbraten vertreiben, seine Sehnen, die man von den langen Beinen nimmt, sollen besondere Dienste bei Verstauchungen geleistet haben ; sie „strecken und schlichten die sennadern", sobald man sie um das erkrankte Glied bindet. Gegen Epilepsie soll der zu Asche verbrannte Kuckuck gedient haben ; sein Kot , in Wein ge- kocht und getrunken, galt als ein gutes Heilmittel gegen Tollwut. Der Storchenkot aber, in Wasser ') ,,in junger swalben magen zwei steinlin zwarz und röt." getrunken, war gut gegen die „fallendsucht und schwer athem". Ein großartiges Bartwuchsmittel war in den Augen der Alten der Schwalbenkot. Ebenso soll Hühnerkot und Honig, dermaßen in Anwendung gebracht, daß Kot an der Innenseite der Oberlippe als ziehendes Mittel, Honig an der Außenseite derselben, als treibendes Mittel, ein prächtiges Bartwuchsmittel abgegeben haben. Allen nach Barten strebenden deutschen Jünglingen zur Darnachachtung anempfohlen I In der „Sympathie", der sympathetischen Be- sprechung der Krankheiten, diente den alten Zoo- logen die Schwalbe. Flechten und Warzen ver- trieb man dermaßen, indem man des Morgens sprach : „De Schwale un de Hechte, de flöge wol ower dat wille Meer; de Schwale de kam wedder, de Flechte nimmermehr." Schwalbenherzen trugen diejenigen als eine Art Amulet bei sich, die von jedermann geliebt sein wollten. Den die Flöhe arg plagten, der war nach Angabe der mittel- alterlichen Zoologen nicht in Verlegenheit nach einem Mittel ! Sobald er im Frühjahr die erste Schwalbe sah, so hob er von dem Platze, auf dem er stand, mit der großen Zehe etwas Erde auf. Diese mit sich in das Bett genommen, leistete gegen diese Blutsauger die probatesten Dienste. Sommersprossen sollen daher rühren, daß der Kuckuck der betreffenden Person ins Gesicht lachte. Am hervorragendsten hat die Alten wohl der Schwan interessiert. Schrieben sie ihm doch einen eigentliciien Gesang zu, dann jene hohe Aufgabe, die das Volk der Insel Rügen erzählt, daß er die Kinder aus dem Seelenlande bringe. „Bei diesem Bezüge zum Reiche der finsteren Hei, der Toten- göttin," erzälilt Bondi, „den auch die Redensart ,,es schwant mir" verrät, darf er sowohl dem Schiff, das die noch ungeborenen Kinder der Erde zuführt, als dem anderen, das Tote dem Seelen- lande zurückträgt, die Wege weisen." Als Boten der Nornen an die Asengötter gelten gleicJifalls die Schwäne. Auch später noch stand der Schwan im höchsten Ansehen. So soll Gottfried von Bouillon im Lager von Jerusalem einen Schwan erblickt haben, der dreimal sein Haupt umkreiste, dann nach Jerusalem flog und sich dort auf den Turm setzte, von dem aus später die Stadt mit Sturm genommen wurde. Längst, als des Heilands Lehre die Götter des Nordens verdrängt hatte, galt noch der Schwan als ein seinem ursprünglichen Charakter treues Tier, er blieb der Bote des Himmels, er galt als der Vogel der Weissagung. Erklärlicherweise brachten die alten Zoologen dem Geschlechte der Nachtvögel das größte Inter- esse entgegen. Das nächtliche Leben derselben, die großen Augen, der schallende Ruf, hat sie zahlreich mit Aberglauben und Dichtung umgeben lassen. Schon in den römischen öffentlichen Auspizien galten sie als Unglücksboten, die bei der Vogel- 7° Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 schau gleich dem Raben, der Krähe und dem Specht durch ihre Stimme unheilvolle Zeichen gaben. Shakespeare läßt in seinem „Julius Cäsar" den Casca von der Eule sprechen und erwähnt der Wunderdinge, die sich häuften. Die Griechen glaubten, wie die Germanen, an die blitzabwehrende Eigenschaft des Adebar, des Storches, an die gleiche Eigenschaft der Eule. Nach alten englischen Glauben sagt die Eule Blitz und Hagel voraus, darum ist es geraten, sie gleichsam als Abwehr gegen Wetterschäden an das Haustor zu nageln. Ein näheres Eingehen auf dieses interessante Kapitel der alten Zoologie möchte uns zu weit führen, wir wollen nur darauf hinweisen, daß es charakte- ristisch genug ist um erwähnt zu werden, daß die Eule beispielsweise in einigen Gegenden als Un- glücksvogel, in anderen als direkter Glücksbringer angesehen wurde und daß sich in der alten Lite- ratur manche Hinweise finden lassen, aus denen dies hervorgeht. Ähnliche Glauben haben sich erhalten über den Hahn als Turmkrönung. Der Hahn galt da, ebenso wie der nordwestdeutsche Erntehahn , der den letzten Erntewagen schmückt, als Schutz. Ein be- hahnter Turm stand unter dem Schutze des Feuer- dämon. Die alte Zoologie wußte von den Raben, daß sie keinerlei Leichen von an der Pest Verstorbenen anrühren, ferner, daß sie, sobald man sie anschreit, wie tot aus der Luft fallen. Die Abstammung einiger Haustiere ließ nament- lich unseren Dr. Sperlingius nicht ruhig schlafen. Er stellt beispielsweise den Truthan als ein Mon- strum, entstanden aus der Vermischung von Hahn und Pfau, hin, daher der Name ,,galloparo". Ge- lehrte Auseinandersetzungen sind es, die dartun sollen, daß der Hahn keine Eier lege. Hier kommen wir auf ein Gebiet der mittel- alterlichen Zoologie, das sich aber mit den Eiern der Hahnen befai3t. Es deckt sich dieser Glaube mit dem an die Existenz der Basilisken, der ja einem Hahnenei entstammen solle. Es ist inter- essant genug, gerade diesem Kapitel einige Auf- merksamkeit zu schenken. Denn hier zeigt sich uns ein Bild jener wüsten Aberglauben, die in der Tierkunde damaliger Zeiten eine solch große Rolle spielten. Die F"rage nach der Herstammung des Basilisken beantworten alte zoologische Schriften ziemlich weitschweifig. Das eine Werk läßt den Basilisken aus der libyschen Wüsten stammen, das andere opus spricht, daß in Sachsen einst eine wilde Art dieses Tieres zu finden gewesen sein soll. Ihr Habitus war charakteristisch genug! Drei Schuhe lang, mit großem spitzen Kopfe, von gelber Farbe, blauem Rücken, muß dieses Tier die Einbildungs- kunst der lieben Altvordern gewaltig in Atem ge- halten haben. Schon zu Zeiten des Jesajas und Jeremias waren die Basilisken bekannt. Ihr Blick war am meisten gefürchtet, denn, wen der Basilisk ansah, der mußte Sterben. Die Pflanzen sogar, die sein Auge traf, verdorrten, die Vögel fielen tot zur Erde, sobald sie nur an ihm vorüberflogen. Das Gefährlichste an ihm war jedoch, daß er aus weiter Ferne töten konnte, also nicht nur wie die gewöhnlichen Schlangen und Drachen, in der Nähe. Jakobum Horstium, ein Gelehrter des Mittel- alters, teilt uns eine Übersetzung einer Stelle aus dem Dichter Lucanus mit: ,,Das größte Gifft vor allem ist Des Basilisken: Klug du bist, So du weit von ihm weg kannst weichen, Daß er nicht könne dich erschleichen. Er lebet zwar in ödem Land, Doch ist er auch noch weitbekand. Und bringt die leut in .\ngst und Nöthen, Weil auch sein Athem kan ertöden." Lukanus berichtet auch näheres über die Ver- breitung der Basilisken. „In ödem Land", schreibt er, „also in der Wüste, und zwar namentlich in der libyschen , lebte der Basilisk. Ja, in Sachsen soll später noch eine wilde Art vorgekommen sein, mit einem spitzen Kopf, von drei Schuh Länge, großer Dicke, gelber Farbe, blauem Rücken und wie die Merkmale alle lauten ; denn die da- malige Naturwissenschaft nimmt es bei der Be- schreibung von etwas, das nicht existierte, meist sehr genau. Obige Angabe ist allerdings auch unserem Jacobum Horstium , der freien Künste und Arznei Doktor, zu \-iel, und er wagt sie zu bezweifeln. Er hält die so bezeichneten Tiere für Schlangen. Kommen, meint er in allem Ernste, in Deutschland überhaupt Basilisken vor, so seien sie sicher nicht so giftig „als in den heißen Ländern in Afrika". Die Entstehung der Basilisken schildert Karl Berger ziemlich eingehend in den „Schweiz. Blättern fürOrnithologie"Nr.33, Jhrg. 1903. L'rsprünglich war derselbe eine naturgeschichtliche Gestalt mit regel- rechter Fortpflanzung, eine gelbliche Schlange mit drei Hörnern auf dem Kopfe. Daher, weil man sich diese .Auswüchse leicht als die Zacken einer Krone vorstellen konnte, der Name Basiliskos, d.h. kleiner König! Eine (Jbergangsstufe zu der Anschauung, daß der Basilisk aus dem Hahnenei geboren werde, findet sich in der Meinung, daß ein \"ogel, der Schlangen verzehre, auch Eier lege, die Schlangen enthalten. Dieses Tun schreibt Pieräus dem Ibis zu , in dessen Körper sich das Ei aus dem Gifte der verzehrten Schlangen bilde (Brehm, Tierleben VI. 331). „Die \'erbindung mit dem Hahne entstand erst später, aber doch noch im Altertum. Wie an- gegeben wird, stützte sie sich auf den Umstand, daß der Basilisk den Hahn und namentlich dessen Ruf fürchtete. Der wunderbare Basilisk mußte nach den Anschauungen der Alten natürlich auch wunderbaren Ursprungs sein. Betrachtete man damals ein Reptilienei als etwas Seltsames, Wider- natürliches, und infolgedessen auch den demselben entschlüpfenden Basilisk auf gleiche Weise, so stieg die Unnatur noch durch die Annahme seiner Zeugung aus einem Ei des zauberkräftigen Hahns. Und daß dieses einen Wurm, eine Schlange ent- N. F. IV. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 71 hahe, ist heute noch weitverbreiteter Aberglaube, letzterer namentlich in Frankreich" (Wolf, Bei- träge). Man muß versuchen, hier dem Gedankengang der abergläubischen Menge zu folgen, der stets dem Mystischen zugeneigt, eine Art übernatür- liches \Vesen konstruiert, das dann reich ausge- stattet wird mit Fabeln aller Arten und Formen. Daß solche Fabelwesen ihren Weg dann auch in die naturgeschichtlichen Handbücher nahmen, liegt ja bei dem nicht abgeklärten Glauben der großen Menge nahe. So erstanden Schlangenkönige mit den leuchtenden Kronen auf den Köpfen. Die Krone mußte bald dem Hahnenkamxn weichen, dann kamen noch Flügel ; der Basilisk war fertig. Ältere Bilder zeigen den Basilisk mit vier Hahnenfüßen, einem verdickten Oberkörper, einem Hahnenkamm; federlose Flügel halfen das Bild absonderlich gestalten. Einzig der schuppige, mit einem Widerhaken versehene Schwanz der Schlange ließ die Urgcstalt des Tieres erkennen. Die Fortpflanzung der gefürchteten Fabelwesen geschah durch Hier. Es ist ein ganz gehöriger Wust der absonderlichsten Auslegungen, in welcher Art solche Eier erzeugt werden. Eines ist sicher: nur von einem Hahn können sie herstammen. Gewöhnlich erforderte es ein gewisses Alter, in dem sich derselbe zu befinden habe. Sieben Jahre genügten in der einen Gegend, acht bis zwölf Jahre in der anderen; fast regelmäßig sind es schwarzfärbige Hahnen gewesen, die das Eierlegen besorgten. Horst hält dafür, daß es „aus ver- dorbenem und N'crhaltenem Samen" erstehe, dann ,,daß ein solches geschehe wegen der faulen bösen Feuchtigkeit, in seinem Leibe gesamblet, und wegen der Hitze des Hanes, der die Feuchtigkeit mit einer Schalen bildet, sonderlich wenn er nun auf- höret, mit den Hünern zuthun zuhaben . . ." Das Brutgeschäft besorgt nicht der Hahn, sondern er vertraut sein Ei der Erde, dem Sand, am liebsten aber dem Roßmiste an. Gegenden- weise glaubte man, daß die Brutstätte von Einfluß sei auf die Gestaltung des Eiinnern. Nach meinem Gewälirsmanne soll in Tirol beispielsweise der Glaube sehr verbreitet gewesen sein, dai3 eine feuchte Brutstätte oder Bebrütungsmasse aus dem Ei einen Lindwurm erstehen lasse, während sie, wenn sie trocken ist, den eigentlichen Basilisken hervorbringe. Dann hielt sich lange Zeit der Glaube, daß das Brutgeschäft der Basiliskeneier durch Kröten besorgt werde. Es war natürlich seit jeher das ernsteste Be- streben, keine Eier dieser Art zu besitzen. Man suchte dem dadurch vorzubeugen, daß man die Hähne nicht über sechs Jahre alt werden ließ. Fand sich aber dennoch ein Ei dieses gefürchteten Fabel- wesens, so ging man sofort daran, einen zentner- schweren Stein auf dasselbe fallen zu lassen oder man übergab es dem Feuer, warf es über das Hausdach, kurz suchte sich seiner zu entledigen, damit nicht etwa Blitzgefahr eintrete. Sobald ein Basilisk geboren, so muß sich der Mensch vor allem vor seinem Blicke zu schützen suchen. Dagegen — so lehren die alten Natur- kundigen — ist ein Ring sehr geeignet, auf dem sich ein Basilisk abgebildet findet. Auch ein Spiegel ist von großer Hilfe in solchen Fällen, denn dadurch tötet sich das Tier durch seinen eigenen Blick. Am hilfreichsten ist jedoch der Hahnenruf, der jeden Basilisk fernhält und ver- treibt. Dieser Glaube ist so verbreitet gewesen, daß im Altertum kein Reisender die libysche Wüste passierte, der nicht einige Hähne bei sich gehabt hätte. In welcher Art man in früheren Zeiten dem gefürchteten Basilisken zu Leibe ging, das teilt Hofrat Dr. Wurm in der „Orn. Monatsschrift", Nr. I, 2, 1901, an der Hand von Quellenmaterial mit. Im Bd. 1 von E. G. Happelii „Größte Denk- würdigkeiten der Welt, Oder so genannte Rela- tiones Curiosae etc. Der erste Teil. Hamburg 1690" heißt es: „Der Basilisk oder die allergifftigste Schlange der Welt." „Die Egyptier glauben, er werde aus dem Ey eines Ibis, oder schwartzen Egyptischen Storches gezeuget. Albertus hin- gegen und der gemeine Mann überhaupt behaupten, daß er auß einem Hauen E)' herfür komme, daß er auch einem Hahn beynahe ähnlich sey, ohne was den Schwantz betrifft." Dann teilt der Autor nach „Occulta naturae miracula Levini Lemnii, Hb. 7, cap. 7" mit, daß zwei alte Hähne zu Ziriksee in Seeland Eier ge- legt und dieselben ,,mit Gewalt ausbrüten w'ollen, daß man sie endlich mit Stöcken auß dem Neste treiben, erwürgen und die Eyer zerschlagen müssen, um allem besorgenden Unheil bey Zeiten zuvor- zukommen". Hofrat Dr. Wurm bemerkt in seiner Notiz ferner den alten Gebrauch der Spiegel und führt als Gewährsmann den Marburger ,,Med. Pro- fessor D. Johann Princier" an , der hochernst die Ausrüstung eines zur Hinrichtung bestimmten armen Sünders beschreibt, der „unter dem Ver- sprechen seiner Loßzahlung" in ein Gewölbe hinab- stieg, um einen sehr giftigen Basilisken daraus hervorzuheben. „Auf Einrathen der Medicorum", heißt es, „ward der Mann in eine starke Lederkleidung gesteckt, ringsum mit Spiegeln umhängt, mit Brillengläsern vor den Augen, einer brennenden Kerze für die eine, einer Zange für die andere Hand versehen. Der kühne Mann brachte ein totes Tier in der Größe einer Henne heraus usw.! Jedenfalls waren alle Teilnehmer an diesem Schauspiele vom Er- folge höchlich befriedigt." Es sind dies natürlicherweise nur kleine Splitter aus der bändereichen „Zoologie der Alten". Aber selbst „Splitter" sind für den Forscher unter Um- ständen ein wertvolles Studienmaterial. Für den auf der heutigen Höhe der Zoologie stehenden Gelehrten, für den Zoologie als Lieblingsstudium treibenden Privatmann sind jene Bruchstücke aus alten Tagen kleine Bilder, die zusammengefaßt ein Orientierungsplan sein können in jenem Wüste 72 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 der abergläubischen Vorstellungen von der Tier- welt unseres Planeten. Der ernste Forscher wird an den „Alten" nicht vorübergehen, er findet in ihnen Vieles, das immerhin wert ist, gelesen zu werden. Weht doch aus den alten Pergament- bänden mit den festen Schließen, den alten, fein gestochenen Tafeln, eine eigene Luft. Die mäch- tigen Folio- und Quartbände, sie geben Zeugnis fleißigster Arbeit, ernstester Beschäftigung mit dem Gebiete, das sie just behandeln, sie sprechen in längst verklungenen Worten und Satzfügungen zu uns. Sollen wir über die „Alten" lächeln oder lachen ? Dies sei weit von unsl Denn sie, die im Bienenfleiße Bände füllten mit heute längst über- wundenen Anschauungen, Gesetzen, Behauptungen usw., sie meinten es nicht minder ehrlich mit ihrer Arbeit, wie der heutige Forscher. Wie wird in etlichen hundert Jahren über das, was wir heute „moderne Forschung" nennen, ge- sprochen werden? Unsere heutigen Forscher auf allen Gebieten meinen es nicht weniger ehrlich, als die ganze große Menge jener ,, Alten", die wahrscheinlich Eines bestimmte, dem dornenvollen Berufe sich zu widmen, das, was die Heutigen bestimmte: die Liebe, die große, mächtige Liebe zur — wer nennt sie mir alle, die Zweige der heutigen Naturlehre ? Darum lache ich wenigstens nie über jene längst unter unseren Tritten ruhenden „Alten". Kleinere Mitteilungen. Ein Serum gegen Ermüdung? — Das Pro- blem der Ermüdung ist eins von denen, die die moderne Psychologie und Physiologie am aller- meisten beschäftigen. Es ist bekannt, daß ein völlig ausgeruhtes Individuum geistig wie körper- lich am intensivsten zu arbeiten vermag, daß die Arbeitsleistung alsdann jedoch von Stunde zu Stunde, bei sehr intensiven Anstrengungen sogar in wenigen Sekunden erheblich abnimmt: die Er- müdung macht sich geltend, bis diese schließlich so groß wird, daß das Individuum gezwungen wird, eine neue Ruhepause sich zu gönnen bzw. für sich zu beanspruchen. Die Gesetze der Er- müdungsprozesse aufs genaueste kennen zu lernen und daraus allerhand nützliche Schlüsse zu ziehen, ist eine der bedeutungsvollsten, praktischen Auf- gaben der Wissenschaft, vor allem mit Rücksicht auf die allgemeine sozial - hygienische und päda- gogische Seite der Frage. Die physiologischen Kennzeichen der Ermüdung sind ja aufs genaueste bekannt, nicht nur die ganz deutlichen, die auch der Laie auf den ersten Blick richtig erkennt, sondern auch die leichteren An- zeichen, die man oft nur mit Hilfe eigener Appa- rate, der Ergographen, nachzuweisen vermag. Aber die physiologische Ursache der Ermüdung kannte man bisher nicht mit Sicherheit. Man vermutete zwar von jeher, daß durch die Muskelarbeit des Körpers chemische Zersetzungen im Körper vor sich gehen, die giftartig auf die weitere Tätigkeit der Muskeln einwirken, ihre Leistungen immer weiter herabsetzen und sie gewissermaßen nach und nach lähmen, bis sie schließlich ganz unfähig zu weiterer Arbeit sind. Diese Theorie scheint nun durch neuere P"or- schungen in überraschender Weise bestätigt zu werden, und dieser Nachweis wird um so inter- essanter, als sich gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten scheint, dem Gift der Müdigkeit mit einem Gegengift zu begegnen und es so zu paralysieren. In der Novembersitzung der „Physiologischen Gesellschaft" in Berlin hielt nämlich Dr. Weichard einen Vortrag, der in mehr als einer Be- ziehung höchst bemerkenswert ist. Weichard sagte sich nämlich sehr richtig, wenn die physio- logische Ursache der Müdigkeit wirklich in der Bildung eines Muskelgiftes zu suchen sei, wie die Hypothese behauptete, so müsse es auf chemischem Wege möglich sein, dies Gift zu isolieren und damit zu experimentieren. Es gelang ihm denn auch, aus dem Muskelplasma von Warmblütern, die an Muskelermüdung zugrunde gegangen waren, jenes hypothetische Gift durch Dialyse abzusondern und daran zu zeigen, daß dieses Gift, sobald es einem anderen Tier in größeren Dosen in die Blutbahn eingespritzt wird, sofort typische Er- müdungserscheinungen hervorruft. Aber an diesen wertvollen Nachweis knüpfte sich ein noch weit bemerkenswerterer. — Es ist eine bekannte Tatsache, daß der menschliche und tierische Körper sich an jedes Gift zu gewöhnen vermag, wenn es ihm häufig und regelmäßig in geringen , unschädlichen Quantitäten verabfolgt wird, so daß schließlich selbst größere Dosen Gift, die bei anderen Individuen schädlich oder gar tödlich wirken, keinen Einfluß mehr auf den ab- gehärteten Körper haben. Bekannt ist ja die Ge- schichte von Mithridates, der sich an alle Arten von Giften so sehr gewöhnt haben soll, daß es ihm schließlich, als er Selbstmord begehen wollte, unmöglich war, sich zu vergiften. Auch sei hin- gewiesen auf die Gewöhnung ungezählter Millionen Menschen an recht starke Dosen der Gifte Alko- hol, Nikotin, Opium, Morphium usw. Die Wissen- schaft erklärt diese Abstumpfung des lebenden Körpers gegen Gifte aller Art, vor allem auch gegen Infektionskrankheiten, mit Prof. Ehrlich durch eine im Körper selbst vor sich gehende Bildung von Gegengiften, die den in die Blutbahn eindringenden Giftstoffen sofort entgegentreten und sie unschädlich machen. Der Zweck der bekannten, so ungemein segensreich wirkenden Pockenimpfung z. B. ist, wissenschaftlich gesprochen, lediglich der, im Körper die Bildung eines eigenen, dauernd vorhandenen Pockengegengiftes anzuregen, das jede Infektion mit Pockengift ein für alle Male uiiwirk- N. F. IV. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 73 sam macht. Jedem Gift (Toxin) entspricht sein spezifisches Gegengift (Antitoxin) im Körper. Fußend auf dieser durch zahlreiche Experimente zum sicheren Besitz der Wissenschaft gewordenen, großartigen Erkenntnis folgerte nun Weichard weiter, daß es auch möglich sein müsse, im leben- den Körper gegen das Gift der Müdigkeit ein Gegengift zu erzeugen. Zur Erreichung dieses Zweckes spritzte er kleine Mengen seines Giftes in längeren Zwischenräumen in die Blutbahn einiger Versuchstiere ein, und es gelang ihm auch alsbald, aus dem Serum dieser Tiere das ge- wünschte Antitoxin zu gewinnen, das im Reagens- glas das Toxin in bekannter Weise absättigt. Tiere, denen dies Antitoxin eingespritzt wurde, konnten schwere Muskelanstrengungen, denen andere nicht geschützte Tiere alsbald erlagen, gut über- stehen. Das Antitoxin erwies sich auch als ge- eignet zu Versuchen am menschlichen Körper, in dessen Magendarmkanal es unverändert resorbiert wird, und blieb dabei durchaus unschädlich. — Die Versuche hierüber sind noch nicht abge- schlossen. Es ist klar, daß diese Entdeckung Weichard's unter Umständen eine gewaltige Bedeutung er- langen kann. Es klingt ja sehr phantastisch, hat aber doch einen durchaus wissenschaftlichen Hinter- grund, wenn man behauptet, daß damit die Mög- lichkeit in Aussicht gestellt wird, das oft so un- angenehme und schädliche Ermüden ohne Schädi- gung des Organismus zu beseitigen. Es hört sich an wie ein Scherz und ist doch durchaus ernsthaft zu verstehen, wenn man erklärt, es müsse möglich sein, durch vorsichtiges, öfters wiederholtes Ein- spritzen von „Müdigkeits- Serum" im JNIenschen schließlich ein dauernd vorhandenes Antitoxin gegen Müdigkeit hervorzurufen, das jede Regung von Müdigkeit sofort unterdrückt und damit natur- gemäß die Leistungsfähigkeit des Menschen sehr bedeutend steigern müßte. In besonderen Fällen könnte auch eine Injektion mit Müdigkeits-Anti- toxinen Platz gieifen, z. B. vor einem Examen, einem sportlichen Wettkampf, einem anstrengenden Marsch, einer Hochgebirgstour usw. — Der Phan- tasie öffnet sich ja hier ein außerordentlich weites Feld I Wir wollen es uns versagen, weiter darauf einzugehen, zumal eine Ausmalung der sich er- öffnenden Zukunftsperspektive gar zu leicht einen unfreiwillig humoristischen und satirischen »Anstrich annehmen müßte. Das Gesagte wird jedenfalls genügen, um den V^ersuchen VVeichard's und ihren Ergebnissen das Interesse weitester Kreise auch fernerhin zu sichern. H. Experimente über die Wirkung von Schutz- farben der Insekten auf Eidechsen stellte An nie H. Pritchett') an. Zunächst zeigte sich bei diesen an texanischen Eidechsen vorge- nommenen Versuchen, daß tote Insekten nur höchst selten angenommen werden und daß wenig bewegliche Formen bei weitem nicht in dem Maße die Aufmerksamkeit erregen wie die be- weglicheren Arten. Auch ruhig sitzende Insekten werden kaum angegriffen , ebensowenig solche unter einer bestimmten Größe. Von einer Eidechse nun, von Sceloporus floridanus, wurden die mit den gewöhnlichen Schreckfarben, d. h. einer Kom- bination von Schwarz mit Gelb, Orange oder Rot, versehenen Insekten durchgängig früher oder später aufgezehrt, Ausnahmen bildeten nur Panorpa und eine Wanze. Auch Schmetterlinge, deren Flügelunterseiten die bekannte, ein welkes Blatt nachahmende Schutzfarbe besaßen, wurden stets nach einiger Zeit entdeckt und aufgezehrt. Hemi- pteren von intensivem Geruch und Geschmack, die zum Teil mit Warnungsfarben versehen waren, wurden nach einigem Widerstreben angenommen oder ganz verschmäht. Sehr geschützt erwiesen sich durch ihr Äußeres die Leuchtzirpen, solange sie ruhig auf Cedern oder Lebensbäumen sitzen, sowie sie sich aber bewegten , wurden sie von den Eidechsen bemerkt und ergriffen. Gänzlich geschützt erschien ferner unter den Käfern Can- tJiaris fulvipennis, welcher die typischen schwarz und gelblichbraun gemischten Warnungsfarben trägt, und einen Saft aus den Gelenken der Ex- tremitäten bei Gefahr austreten läßt. Zuerst faßten die Eidechsen sie gleichfalls an, stießen sie aber sofort wieder aus und ließen nach einigen Versuchen gänzlich von ihnen ab. In ähnlicher Weise ist auch ein Tausendfüßer {Jitlits) durch die Abscheidung eines ätzenden Saftes sowie durch sein hartes Integument geschützt. — Eine andere Eidechse, Gerrhonotus infcrnalis , wies eine ganze Reihe von Insekten (Schmetterlingen, Käfern, Wanzen, Panorpa) zurück, die mit War- nungsfarben versehen waren, aber vielleicht hängt dieses Verhalten damit zusammen, daß die Haupt- nahrung der genannten Eidechse aus Grillen, Heuschrecken, Spinnen und Skorpionen besteht, die anderen Formen sie also weniger stark reizten. J. Meisenheimer. Kraft, Gevs^icht, Masse ') vonDr.K.Schreber. Die drei Begriffe Kraft, Gewicht und Masse sind es, welche die Streitigkeiten um die Maßsysteme bedingt haben. Wie weit die Verwirrung dieser Begriffe reicht, zeigt recht anschaulich das Reichsgesetz vom 26. April 1S93 über die Maße und Gewichte, in welchem folgende Definition gesetzlich festgelegt ist ; „Das Kilogramm ist die Einheit des Gewichtes. Es wird dargestellt durch die Masse desjenigen Gewichtsstückes usw." Daraus, daß hier Masse und Gewicht als gleiche physikalische Begriffe behandelt werden, hat man vielfach geschlossen, man müsse sie nun auch in der Physik als gleiche M Biolog. Bulletin, vol. 5. 1903. ') Auszug aus einem auf der Breslauer N'aturCorscherver- sammlung gehaltenen Vortrag, nach Dingler's polytechn. Journal vom 22. Okt. 1904. 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 Begriffe auffassen. GlückHcherweise brauchen wir uns in der Physik, was die Begriffsbildung an- belangt, nicht an die Staatsgesetzgeber zu halten. In dieser Beziehung sind uns Gesetzgeber wie Galilei, Isaak Newton usw. die maßgebenderen. Und da es für den vom Staatsgesetzgeber beab- sichtigten Zweck vollständig gleichgültig ist, ob er in jenem Gesetz Masse oder Gewicht sagt, — der Staatsgesetzgeber will nur ein Mittel angeben, Stoffmengen bestimmen zu können, und diese sind, wie die Erfahrung gelehrt hat, unter den in der Praxis vorliegenden physikalischen Bedingungen sowohl dem Gewicht als auch der Masse pro- portional — so ist es ihm auch vollständig gleich- gültig, ob wir uns bei unserer physikalischen Be- grififsbildung um ihn kümmern oder nicht. Wir dürfen also, ohne damit die Brauchbarkeit jenes Gesetzes irgendwie anzutasten, sagen, der Staats- gesetzgeber hat die beiden verschiedenen physi- kalischen Begriffe nicht auseinander zu halten ge- wußt. Dieses Zusanmienwerfen von Masse und Ge- wicht ist nun so alt wie die neuere Physik über- haupt, und das ist historisch ganz begründet und deshalb zu entschuldigen. Als Galilei seine ersten, für die Entwicklung der Physik grundlegenden Messungen anstellte, beschäftigte er sich mit dem Gebiete der Physik, in welchem ein speziell physi- kalischer Begriff noch nicht vorkommt. Die beiden Begriffe, auf welche die ersten Gesetze Galileis, die Fallgesetze, aufgebaut sind, die des Raumes und der Zeit, sind ja nicht im eigentlichen Sinne als physikalische Begriffe zu betrachten, sie sind mathematische Begriffe, Anschauungsformen. Galilei hatte also bei seinen ersten messenden Beob- achtungen nicht nötig, physikalische Begriffe zu bilden; er konnte die hierin liegende Schwierig- keit vermeiden. An die Aufstellung der F"allgesetze schloß sich unmittelbar, d. h. schon durch Galilei angebahnt, die Ausbildung der Mechanik, in welcher ja auch nur wenige physikalische Begriffe vorkommen. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung der Me- chanik kam man immer mehr zu der Erkenntnis, daß die beiden von Galilei in ebenso naiver Weise wie in dem oben angeführten Reichsgesetz mit- einander zusammengeworfenen Begriffe Masse und Kraft scharf zu trennen sind. Am deutlichsten ist diese Trennung zu erkennen bei den großen fran- zösischen Geometern des 18. Jahrhunderts, welche die Hauptgleichung der Mechanik aufgestellt haben. In derselben kommt stets, mag die spezielle Form derselben sein, wclclie sie wolle, die Kraft und die Masse scharf voneinander getrennt vor, jede verbunden mit irgend einer uns hier nicht inter- essierenden Funktion von Ort und Zeit. Trotzdem sie also scharf die Masse von der Kraft zu unterscheiden wußten, behielten sie doch das alte von Galilei aus dem Altertum über- nommene Maßsystem bei, weil es, ohne irgendwo auf Schwierigkeiten zu führen, seine Zwecke voll- ständig erfüllte. Neben den Einheiten von Raum und Zeit enthält dieses von mir als Galilei'sches zu bezeichnende Maßsystem als dritte, zum Ver- gleich von Stoffmengen dienende Einheit, die durch I ccm bzw. I cdm Wasser im Maximum seines spezifischen Gewichts bestimmte, welche gleich- zeitig noch sowohl als Einheit der Masse wie auch als Einheit der Kraft aufgefaßt wurde. Der erste, welcher infolge dieser Unbestimmt- heit auf Schwierigkeiten stieß, war Gauss, als er 1833 die magnetischen Messungen, welche an ver- schiedenen Orten der Erde angestellt worden waren, vereinigen wollte. Bei diesen magnetischen Messungen hatte man wesentlich die Größe der magnetischen Kraft be- stimmen wollen und, weil sich Kräfte leicht mit Kräften vergleichen lassen, jene Einheit der Stoff- menge als Einheit der Kraft aufgefaßt. Als nun Gauss diese Messungen zusammenstellen wollte, zeigte sich, daß er erst noch eine Umrechnung vornehmen mußte, weil jene Einheit, als Einheit der Kraft betrachtet, vom Ort, an welchem die Messung angestellt worden war, abhängig ist. Um diese Umrechnung zu erleichtern, faßte Gauß jene Einheit als Einheit der Masse auf und erhielt so ein Maßsystem, welches vom Ort auf der Erde unabhängig, oder wie er in seiner lateinischen Sprache sich ausdrückte, „absolut" war. Ich werde dieses Maßsystem, da es jetzt in der Physik das herrschende geworden ist, das physikalische nennen. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat sich dieses Maßsystem immer größere Geltung verschafft, wesentlich weil seine Anhänger mit Hilfe des von Gauss in ganz anderer Bedeutung benutzten Wortes „absolut" behaupteten, es besäße vor allen anderen Maßsystemen einen ganz be- sonderen Vorzug. Das ist nun durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, dieses ]\Iaßsystem hat eine sehr leicht verwundbare Stelle, nämlich die Be- stimmung des Begriffs der Masse. In wie vielen Lehrbüchern findet man nicht die nichtssagende Erklärung: Masse eines Körpers ist sein Gehalt an Stoff, sein Gehalt an Materie, und ist nun natürlich ebenso klug wie zuvor, denn was Materie, was Stoff sei, wird nicht gesagt und kann auch gar nicht gesagt werden, denn Stoff sowohl wie Materie gehören in das Gebiet der Chemie, nicht der Mechanik. Höchst seilen findet man die schon einigermaßen brauchbare Ableitung des Begriffes der Masse aus dem sog. Trägheits- vermögen, indem die Masse eines Körpers der unter gleichen Umständen erhaltenen Beschleuni- gung umgekehrt jiroportional gesetzt wird. Diese Beschreibung des Begriffes der Masse setzt aber schon die Kenntnis des Begriffes der Kraft und ihrer Meßbarkeit voraus, welche unter den Worten ,, unter gleichen Umständen" versteckt liegt. Wir erhalten hier also die Masse nicht als Fundamental- begriff, wie es das physikalische Maßsystem ver- langt, sondern abgeleitet aus dem noch nicht be- sprochenen Begriff der Kraft, welcher doch als ab- geleiteter Begriff gelten soll. Der Bedingung einer von allen anderen ph)-- N. F. IV. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 sikalischen Begriffen unabhängigen Definition ge- nügt, soweit mir bekannt, einzig und allein die von Mach herstammende, welche in den Grund- annahmen 5, 6, 7 der Prinzipe der Mechanik von Boltzmann scharf präzisiert ist. Dieselben besagen, unter Vernachlässigung der Boltzmann'schen Prä- zision gekürzt, daß, wenn zwei im Räume allein vorhandene Körper aufeinander einwirken, sie sich Beschleunigungen erteilen, welche in einem zu allen Zeiten und in allen Lagen konstanten Ver- hältnis zueinander stehen. Der reziproke Wert dieses Verhältnisses wird als das Verhältnis der Massen bezeichnet. Schreibt man einem Körper die Masse i zu, so ist hiernach die Masse sämt- licher anderen Körper bekannt. In dieser Definition ist von Kraft keine Rede, wenigstens braucht man von der Meßbarkeit der Kraft nocli gar nichts zu wissen. Sie gibt also wirklich die Masse als Fun- damentalbegrift", aber gleichzeitig auch nur als mathematische Funktion ohne irgend welche phy- sikalische Anschaulichkeit. Sie ist deshalb nur in einem Kursus der theoretischen Physik für Vor- geschrittene anzuwenden, und Boltzmann hat ja auch, wie er selbst in der Vorrede sagt, beim Anblick seines Auditoriums seine Methode mit einer einfacheren vertauscht. Dieser vollständige Mangel an Anschaulichkeit der Mach'schen Definition ist wahrscheinlich auch der Grund, daß sie sich in den nahezu 40 Jahren, seit sie bekannt gegeben , trotz ihrer sonstigen Strenge, keinen Eingang in die Lehrbücher der Experimentalphysik und noch weniger in die Schul- bücher verschafft hat. Mit dieser zwar mathematisch strengen, aber vollständig unphysikalischen Definition der Masse sind aber die Schwierigkeiten des auf der Masse als Fundamentalbegrifif aufgebauten Systems noch nicht erschöplt. Der erste abgeleitete Begriff ist der der Kraft; derselbe läßt sich in diesem System ausschließlich geben durch die Gleichung/ = mg. Da die Masse keine Anschaulichkeit hat, so hat die auf diese Weise definierte Kraft natürlich erst recht keine Anschaulichkeit, d. h. sie bleibt eine mathematische Abkürzung für ein Produkt, ob sie aber eine physikalische Größe ist, ist nicht zu erkennen. Außerdem ist diese Definition sogar noch unzureichend, sie gibt nur dynamische Kräfte, nicht aber statische. Die Kraft, mit welcher die Fahrbahn einer Brücke die einzelnen Stäbe des Binders angreift, ist nach jener Gleichung weder zu definieren noch zu messen. Der Begriff der Brücke verlangt ja, daß die Fahrbahn keine Be- schleunigung hat, sondern hübsch ruhig an ihrem Ort verharrt. Zu einem Maß für diese statischen Kräfte gelangt man nur, indem man annimmt, die Brücke wäre zerstört, dann die Beschleunigung der Fahrbahn beobachtet und nun die Hypothese macht, die mit dieser Beschleunigung aus jener Definitionsgleichung sich ergebende Kraft wirke auch dann, wenn die Fahrbahn keine Beschleuni- gung erfährt. Das physikalische MaiSsystem leidet also an dem Mangel, daß die Definition seines Funda- mentalbegrififes, der Masse, ohne jedwede Anschau- lichkeit ist, daß dem daraus abgeleiteten Begrift" der Kraft ebenfalls die Anschaulichkeit vollständig abgeht, und ihm erst durch Zuhilfenahme von Hypothesen die völlige Brauchbarkeit verschafft werden kann. Diesen Mängeln steht der Vorzug, ein ab- solutes Maßsystem zu sein, gegenüber. Es fragt sich, ob das physikalische Maßsystem diesen Vor- zug für sich allein in Anspruch nehmen darf Nimmt man die oben fixierte, ursprünglich zum Abmessen von Stoffmengen bestimmte Einheit als Feinheit der Kraft, so erhält man freilich ein Maß- system, welches von dem Ort auf der Erde, für welchen es definiert ist, abhängt. Ehe man aber deshalb den Begriff der Kraft als Fundamental- begriff verwirft, muß man sich die Frage vor- legen : läßt sich nicht eine Einheit der Kraft defi- nieren, welche von dem Ort, an welchem sie definiert ist, unabhängig ist. Ich will gleich bemerken, daß ich eine solche Einheit der Kraft vorschlagen werde. Was ist nun damit erreicht? Damit erreicht man, daß der dritte zum Maßsystem der Mechanik neben Raum und Zeit nötige, aus der Physik stammende P\mdamentalbegriff eine derartige Anschaulichkeit bietet, daß dieses Maßsystem auf den einfachsten Schulen ohne die geringste Inkonsequenz vorge- tragen und daß auch der Begrift der Masse aus diesem Fundamentalbegriff der Kraft in anschau- lichster Weise abgeleitet werden kann. Diese Anschaulichkeit des Begriffes der Kraft als Fundamentalbegriff liegt darin begründet, daß der Mensch, wie Redtenbacher sich ausdrückt, in seinen Muskeln einen Kraftsinn hat. Man nennt jede Anstrengung der Muskel eine Kraft, mag diese nun bedingt sein durch eine rein statische Kraft, z. B. das ruhige Hochhalten eines Gewichts, oder durch dynamische Kräfte, z. B. durch die Beschleunigung, welche man einer Kegelkugel erteilen will, oder durch sonst irgend eine An- strengung unserer Muskel. Überall wo wir unsere Muskeln anstrengen müssen, sprechen wir von Kräften, und zwar der wissenschaftlich vollständig ungeübte Arbeiter genau ebenso wie der gelehrteste Physiker und Vertreter der theoretischen Mechanik. Der Mensch hat ebenso wie für die Temperatur und das Licht einen Sinn für die Kraft. Kraft ist diejenige physikalische Größe, welche der Mensch durch eine Anstrengung seiner Muskeln ersetzen oder aufheben kann. Die Vertreter der Technik sind also vollständig im Recht gewesen, wenn sie sich gegen das physi- kalische Maßsystem ablehnend verhalten haben, welches ihnen den zur Verständigung mit denr Arbeiter unerläßlichen Begriff der Kraft hat nehmen wollen. Aber sie müssen sich eine andere Einheit der Kraft gefallen lassen, denn die bisherige hat den schon erwähnten Übelstand der Abhängigkeit vom Ort, welche allerdings bis jetzt noch nicht viel schadet, aber bei der überall sich bemerkbar 76 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 machenden Entwicklung zur exakten Genauigkeit doch sehr hinderlich ist. Die Veranlassung dazu, eine so wenig allge- mein gültige Einheit der Kraft aufgestellt zu haben, hat der Umstand gegeben, daß man das Gewicht als Prototyp der Kraft überall und zu jeder Zeit bequem zur Verfügung hat. Während ich hier das Gewicht als eine spe- zielle Form der Kraft bezeichnet habe, findet man häufig Gewicht mit Masse oder Stoffmenge identifi- ziert, weil man mit den gewöhnlichen Hebelwagen Gewichte, Massen und Stoffmengen vergleichen kann. Das liegt aber nur daran, daß bei den nor- malen Hebelwagen die äußeren Verhältnisse der- art liegen, daß Gewicht, Masse und Stoffmenge eines Körpers in einem für alle Körper gleichen Verhältnis zueinander stehen. Sobald man der Hebelwage Dimensionen gibt, welche mit denen der Erde vergleichbar sind, z. B. einen Hebelarm gleich einem Erdquadranten, so daß die eine Schale am Pol, die andere am Äquator hängt, oder eine den Hebel tragende sehr hohe Stange, so daß die eine Schale bedeutend höiier hängt als die andere, so hört sofort die Proportionalität zwischen Gewicht einerseits und Masse und Stoff- menge andererseits auf. Von einer Identität von Gewicht und Masse oder Gewicht und Stoffmenge kann also keine Rede sein. Dagegen hat das Gewicht eine die Kraft charakterisierende Eigen- schaft: es ist eine gerichtete Größe. Mag die Wage sonst eingerichtet sein, wie sie wolle, sie ist nur dann brauchbar, wenn ihre Schalen vertikal hängen, d. h. nach dem Mittelpunkt der Erde ge- richtet sind und sich nur in dieser Richtung be- wegen. Da man nun das, was durch die Wage festgestellt wird, als Gewicht bezeichnet, so ist das Gewicht eine spezielle Kiaft, nämlich die Kraft, mit welcher jeder zur Erde gehörige Körper nach dem Erdmittelpunkte hingezogen wird. Das Gewicht eines Körpers ändert sich aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, von Ort zu Ort auf der Erde. Wenn also auch das Gewicht als das Muster einer Kraft angesehen werden darf, weil sie überall vorhanden und soweit die Er- fahrung reicht, von der Zeit unabhängig ist, so darf es doch nicht zur Definition der Krafteinheit benutzt werden. Nun ist aber, wie Isaak Newton gezeigt hat, das Gewicht nur die auf unsere irdischen Ver- hältnisse bezogene Form einer Kraft, welche, so weit unsere Beobachtungen reichen, alle Körper auf und außerhalb der Erde beherrscht. Wie die Erde jeden Teil ihrer selbst mit einer bestimmten, durch das Gewicht gemessenen Kraft anzieht, so ziehen sich nach Newtons Gravitationsgesetz sämt- liche Körper an, mögen sie auf der Erde oder innerhalb des Sonnensystems sich befinden oder auch nur innerhalb des unseren Beobachtungen zugänglichen Weltalls enthalten sein. Nimmt man diese allgemeinere Gravitations- kraft als den Protot\p der Kraft, so erhält man eine Einheit der Kraft, welche durch das ganze Weltall, soweit das Newton'sche Gesetz reicht, denselben Wert behält. Ich definiere nach diesem Gesetz als Einheit der Kraft die Kraft, mit welcher sich zwei Wasser- kugeln von je I ccm Volumen beim Maximum des spezifischen Gewichts des Wassers anziehen, wenn sich ihre Oberflächen gerade berühren. Diese Kraft nenne ich nach dem Vornamen Newton's ein Isaak oder abgekürzt ein Is. Diese Krafteinheit hat nicht nur auf allen Punkten der Erde denselben Wert, sondern auch auf denen des Mondes und aller Sterne und ebenso auch in den Indifferenzzonen zwischen Erde und Mond usw., wo ein Körper weder nach der Erde noch nach dem Mond angezogen, wo also sein Gewicht in bezug auf die Erde wie auf den Mond Null ist. Sie ist von allen Zufälligkeiten des Ortes, an welchem sie hergestellt ist, unabhängig und läßt sich überall, wo der Stoff Wasser in dem an- geführten Zustand vorhanden ist, ohne weiteres herstellen. Wir haben also hier eine Einheit der Kraft, welche dieselben und zwar genau dieselben An- forderungen an Absolutheit erfüllt wie im physi- kalischen Maßsystem die Einheit der Masse, haben aber außerdem noch die Vorteile, welche aus der Anschaulichkeit des Begriffs hervorgehen. Wir müssen nun noch eine in unser System passende P~inheit der Masse definieren. Von dem durch den Kraftsinn gegebenen Be- griff der Kraft kann man auf verschiedenen Wegen zum Begriff der Masse gelangen: Man erteilt ent- weder demselben Körper mit verschiedenen Kräften Beschleunigungen; die Beobachtung ergibt, daß diese von einer als Masse zu bezeichnenden Eigen- schaft des Körpers abhängen; auf diese Weise er- hält man die Masse als das Maß des schon \on Galilei erkannten Trägheitsvermögens der Körper. Oder man geht vom Begriff der Kraft zum Begrifl der Arbeit über, welcher ebenfalls ganz allgemein verständlich und anschaulich ist und erhält dann aus dem Energiegesetz bei Umwandlung von Energie irgendwelcher Art in Bewegungsenergie, daß jeder Körper eine für die Aufnahmefähigkeit von Be- wegungsenergie charakteristische Eigenschaft hat, welche wir seine Masse nennen. Beide Wege er- geben die Masse als einen physikalischen, anschau- lichen Begriff. Als Einheit der Masse wird man in diesem Maßsystem konsequenterweise die Masse einer Kugel Wasser im Maximum des spezifischen Ge- wichts nehmen, welche auf eine ihr gleiche Kugel, wenn sich ihre Oberflächen gerade berühren, die Einheit der Kraft, i Is ausübt. Erinnert man sich der oben gegebenen Definition des Is, so erkennt man, daß die Einheit der Masse gleich der Masse von I ccm Wasser im Maximum des spezifischen Gewichts ist. Die Masseneinheit ist also der Größe nach dieselbe wie in dem jetzt gebräuchlichen physikalischen Maßsystem. Damit haben wir ein Maßsystem erhalten, welches nicht nur alle Anforderungen an Unab- N. F. IV. Nr. q Naturwissenschaftliche Wochenschrift. n hängigkeit von den Eigenschaften der Erde erfüllt, welche man billigerweise stellen kann und im physikalischen Maßsystem auch nur stellt, — es wäre ein leichtes, auch Längen- und Zeiteinheit absolut zu wählen — sondern welclies auch so- wohl für seine Fundamental- wie für die abge- leiteten Einheiten vollkommene Anschaulichkeit bietet. Der Übergang zu diesem von mir vorgeschla- genen absoluten Maßsystem ist in der Physik da- durch erleichtert, daß die Größe der Masseneinheit dieselbe geblieben ist; es muß nur die Anordnung der Mechanik geändert werden, indem man wieder, wie früher, mit dem Begriff der Kraft als Funda- mentaleinheit anfängt. Für die Technik wird eine derartige Änderung nicht notwendig, da in ihr stets der Kraftbegriff an dem Anfang der Mechanik gestanden hat. Auch ihre gewöhnliche Krafteinheit, das Kilogramm- gewicht, kann sie in der Praxis beibehalten. Da nämlich das Is sehr klein ist, so muß man für die Praxis eine größere Einheit definieren, ebenso wie es in der Elektrotechnik geschieht, deren Ein- heiten Volt, Ampere usw. auch nicht ohne weiteres in das C. G. S. System passen. Statt nun durch Potenzen von lO eine für die Praxis passende Größe der Krafteinheit zu schaffen, kann man das Kilogrammgewicht definieren als 2, 263 . lo''' . Is. Diese Definition des Kilogrammgewichtes gilt natür- lich nur für einen bestimmten Ort. Es ist aber ein leichtes, sobald die Genauigkeit technischer Kraftmessungen das verlangt, die Abhängigkeit vom Ort in dieser Beziehung zum Ausdruck zu bringen, so daß man das Kilogrammgewicht für jeden Ort in Is angeben kann. Man könnte sich vielleicht daran stoßen, daß die Beziehung zwischen Kilogrammgewicht und Is nicht durch eine einfache Potenz von 10 anzu- geben ist, trotzdem doch überall das dekadische Zahlensystem benutzt wird. Eine derartige schein- bare Inkonsequenz haben wir aber auch schon in unserem Längenmaß. Das Meter war ursprüng- lich definiert als lo^' Erdquadrant. Bei den jetzigen genaueren Messungen hat sich herausgestellt, daß der Erdquadrant mehr als 10' mal die Länge des in Paris aufbewahrten als Meter bezeichneten Stabes ist. Man hat aber deshalb nicht die Länge des Meterstabes geändert, sondern nimmt noch immer diesen Stab als die Einheit der Länge und bemüht sich nur, die Beziehung dieses Stabes zum Erdquadranten möglichst genau festzustellen. Die- selbe Aufgabe liegt hier vor. Das Is ist durch die Definition vollkommen festgelegt; ebenso das Kilogrammgewicht durch das in Paris aufbewahrte Platinstück. Aufgabe der messenden Physik ist es, die Beziehung zwischen beiden möglichst genau festzustellen. Je genauer diese Beziehung bekannt ist, um so genauer hat man das Kilogrammge- wicht in absoluten Einheiten. Gerade so wie man durch fortgesetzte Beobachtung auch die Beziehung des Ohm zur Quecksilbereinheit des Widerstandes immer genauer festgestellt hat. Man könnte mir nun vielleicht noch den Vor- wurf machen, daß ich die Namen Gramm bzw. Kilogramm bald für die Masse, bald für das Ge- wicht genommen und somit die jetzt bestehende Möglichkeit, beide miteinander zu verwechseln, nicht aus der Welt geschafft habe. Ein Mittel, die Mehrdeutigkeit zu beseitigen, hat schon lange vor mir Oberbeck vorgeschlagen: Wie schon oben gesagt, dient das Kilogramm nach dem Reichsgesetz und in der Praxis wesent- lich zum Vergleichen von Stoffmengen. Die Chemiker nehmen zwar schon lange als Einheit der Stoffmenge die Mole, d. h. das in Gramm ausgedrückte Molekelgewicht des betreffenden Stoffes. Da aber für die meisten im bürger- lichen Leben gehandelten Stoffe ein Molekel- gewicht nicht angegeben werden kann , so kann der Kaufmann diese wissenschaftliche Ein- heit nicht gebrauchen, sondern wird stets Kilo- gramm anwenden müssen, wenn er eine bestimmte Menge eines Stoffes abmessen will. P'ür diese häufigste Anwendung schlage ich vor, die Namen und Bezeichnungen, wie sie vom Reichsgesetz vor- geschrieben sind, zu belassen. Für die in der Wissenschaft und Technik vorkommenden An- wendungen schlage ich die schon von Oberbeck benutzten Namen Grammasse und Grammgewicht bzw. Kilogrammasse und Kilogrammgewicht vor mit den Bezeichnungen gm und gg bzw. kgm und kgg, in denen an die vom Gesetz vorge- schriebenen Bezeichnungen ein „m" oder ein „g" angehängt wird, je nachdem man den für die Messung des Stoffes bestimmten Namen auf die Messung der Masse oder des Gewichtes über- tragen will. Zusammenfassend kann ich also sagen, das von mir vorgeschlagene Maßsystem vereinigt die Un- abhängigkeit der Einheit vom Ort auf der Erde, wie sie das physikalische System bietet, mit der Anschaulichkeit aller Einheiten des technischen Systems, ohne daß seine Einheiten sich in ihrer Größe von den bisher gebrauchten Einheiten unter- scheiden; nur die wissenschaftliche Definition wird eine andere, und in den Bezeichnungen wird eine deutliche Unterscheidung zwischen den Einheiten für Stoffmengen, für Massen und für Gewichte vorgeschlagen. Himmelserscheinungen im Februar 1905. Stellung der Planeten: Merkur und Saturn sind un- sichtbar. Venus glänzt 4 Stunden lang als Abendstern, un- weit von ihr strahlt auch Jupiter etwa 4 Stunden lang, wäh- rend Mars nur morgens im SO etwa 5^4 Stunden lang ge- sehen werden kann. Partielle Mondfinsternis am 19. Beginn um 6 Uhr 53 Min. abends, Ende um g Uhr 7 Min. In der Mitte der Finsternis (um 8 Uhr) sind ^lo '^^s Monddurchmessers ver- finstert. Verfinsterungen der Jupitertrabanten: 3. Febr. 7 Uhr i Min. 28 Sek. M.E.Z. ab., Austr. d. II. Trab. 7- ., 6 „ 17 „ 14 „ „ „ „ „ I. „ '°- .1 9 11 33 ,1 12 ,, ,, ,, „ ,, 11. ,, 14. „ 8 „ 12 „ 46 ,, ,, ,, ,, ,, 1. ,, Sternbedeckungen: Am 13. werden i'/, und tf'., Tauri 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 5 vom Monde bedeckt. Die Eintritte erfolgen für Berlin um 6 Uhr 33,4 Min. und 6 Uhr 32,8 Min. ab., die .Austritte um 7 Uhr 51,8 Min. bzw. 7 Uhr 53,0 Min. — Am 21. wird ?; Virginis um II Uhr 9,1 Min. bedeckt und tritt um II Uhr 59,5 Min. wieder hervor. Algol -Minima: Am 5. um 10 Uhr 8 Min. ab., am 8. um 6 Uhr 57 Min. ab. und am 28. um 8 Uhr 40 Min. ab. Das Zodiakallicht ist in diesem Monat abends leicht am Westhimmel zu beobachten. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Ernst Abbe t. Am 14. Januar starb der um die Ent- wicklung der theoretischen Optik hochverdiente und zugleich durch seine eminenten Leistungen auf sozialem Gebiete ein- stimmig bewunderte Professor Abbe in Jena. Wir hoffen, in einer der nächsten Nummern ein ausführlicheres Lebensbild dieses genialen Forschers und Menschenfreundes aus berufener Feder bringen zu können. Bücherbesprechungen. Dr. W. Pfeffer, o. ö. Prof. an der Universität Leip- zig, Pflanzenphysiologie. Ein Handbuch der Lehre vom Stoftvvechsel in der Pflanze. 2. völlig umgearbeitete Auflage. IL Bd. Kraftwechsel. 2. Hälfte (Bogen 23 — 62 mit 60 Abb.) Wilhelm Engelmann in Leipzig. 1904. — Preis 19 Mk. Die vollständigste Zusammenstellung und Ver- arbeitung dessen , was wir über die Physiologie der Pflanzen wissen, liegt nunmehr in zweiter, vollständig veränderter Auflage abgeschlossen vor uns: ein fun- damentales Werk, das seinesgleichen sucht. Niemand, der auf dem Gebiet arbeitet oder der sonst eine kritische Darstellung über irgend einen Gegenstand der genannten Disziplin gebraucht, kann es entbehren. Verf hat mit der größtmöglichen Gewissenhaftigkeit die äußerst umfangreiche Literatur ausgenutzt und der Te.\t , den er bietet , ist so verläßlich wie ihn auch der kritischste Gelehrte nicht besser zu liefern vermag. Wie sehr unterscheidet sich doch das Pfeffer'sche Werk von gewissen anderen Kompendien, denen man anmerkt, daß den Autoren die Arbeit nicht schnell genug vorwärts ging und die daher un- geduldig oberflächliche Angaben machen und so ihre Arbeit, die sonst so zweckdienlich gewesen wäre, jedem e.xakten Forscher verleiden. Wie verschieden davon ist das, was Pfeffer bietet ! Jeder Satz gründet sich auf genaueste eigene Kenntnis des Autors und auf eindringendes Studium der Literatur. Solche Kompendien sind wahrhaft fördernd, eine Freude für die Benutzer und daher den aufrichtigen Dank heraus- fordernde Leistungen. Der vorliegende Teil bringt die Kapitel XI — XVI, in denen zunächst Allgemeines über Bewegungen, so- dann die Krümmungsbewegungen, die lokomotorischen Bewegungen und Plasmabewegungen und die Erzeugung von Wärme, Licht und Elektrizität behandelt werden. Das letzte Kapitel bietet einen Ausblick auf die in der Pflanze angewandten energetischen Mittel. — Die Register umfassen die Seiten 896 - 986 also nicht weniger als 90 Seiten ; es sind deren 2, näm- lich ein Autorenregister und ein Sachregister, die — trefflich zusammengestellt — die Benutzbarkeit des W'erkes wesentlich erhöhen. N. S. Shaler, S. D., Professor der Paläontologie an der Haward-Universität in Cambridge-Mass. Elementarbuch der Geologie für An- fänger. Autorisierte Übersetzung von C. von Karczewska. — Mit Abbildungen. Dresden (Hans Schultze) 1903. — Preis 3,60 Mk. Wiederholte Anfragen aus dem Leserkreise nach einem Buch , das nur die allerersten Elemente der Geologie vorbringt und zwar das in wirklich allgemein- verständlicher Form, beantworten wir durch die An- zeige des vorliegenden Buches. Es ist nicht in Lehrbuchform abgefaßt , sondern bringt zunächst das Jedem zunächst Liegende, sodann erst das weiter ab Gelegene. Es ist also pädagogisch und zwar recht geschickt abgefaßt. Als Beispiel sei erwähnt , daß Verf. mit der Betrachtung des alltäglich zu Beobach- tenden beginnt : mit einer Auseinandersetzung über Flußgerölle, während die astronomischen Daten, die zum Verständnis der ursprünglichen Entstehung der Erde notwendig sind und in systematischen Lehrbüchern an den Anfang gestellt werden, erst im 12. (letzten) Abschnitt Erläuterung finden. Ein Anhang ist über- schrieben „Kristallinische Felsen". In dem vom Geh. Bergrat Prof. Dr. Wahnschaffe verfaßten Vorwort zur deutschen Übersetzung sagt dieser u. a.: Shaler's Elementarbuch der Geologie zeichnet sich bei größter Zusammendrängung des umfangreichen Stoftes durch eine große Einfachheit und Klarheit der Darstellung aus, in welcher die wichtigsten Ergebnisse der allgemeinen und histo- rischen Geologie dem Publikum geboten werden. Um die Bildung der die feste Erdenrinde zusammen- setzenden Schichten seinen Lesern klar zu machen, knüpft der Verfasser überall an die einfachsten , fast von jedem zu beobachtenden Vorgänge in der uns umgebenden Natur an, um dadurch zugleich zu selb- ständiger Beobachtung der geologischen Erscheinungen anzuregen. Als ein eifriger Vertreter der Darwin- schen Entwicklungslehre sucht er die Richtigkeit derselben durch die Stufenleiter der in den ver- schiedenen Zeitaltern der Erde auftretenden, als Fossilien in den Erdschichten uns erhalten gebliebenen Lebewesen nachzuweisen. Dr. Emil Deckert, Nordamerika. 2. Auflage. Mit 150 Abb., 12 Karten und 21 Tafeln in Holz- schnitt, Ätzung und Farbendruck. (Allgemeine Länderkunde , herausgeg. von Prof. Dr. Wilhelm Sievers.) Bibliographisches Institut in Leipzig und Wien 1904. — Preis geb. 16 Mk. Deckert ist unser über Nordamerika kundigster Geograph, der in ständiger Fühlung mit dem Lande seiner Studien bleibt und wissenschaftlich alles ver- folgt, was dieses große interessante Land angeht, das der Genannte vielfach bereist hat. Wir haben daher in dem vorliegenden Bande eine treffliche, zuver- lässige Monographie vor uns, die sorgfältig bearbeitet wurde. Die Neuauflage ist gegenüber der ersten wesent- lich verändert worden, indem der Verfasser die vielen seitherigen Veröffentlichungen, die das Geographische betreffen oder streifen oder damit irgendwie in Zu- N. F. IV. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. sammenhang stehen , gewissenhaft berücksichtigt hat. Es sei daran erinnert, daß sich z. B. über Alaska — um mit Deckert zu reden — .,eine wahre Flut von neuem Licht ergoß unter dem Einflüsse der Gold- entdeckungen am Klondike und am Kap Nome". Dann aber hat der Verfasser in der Zeit zwischen der I. und 2. Auflage noch manche Teile Nord- amerikas persönlich studieren können, die ihm vordem fremd geblieben waren. So ist denn der vorliegende Band durchgreifend umgestaltet und auf das Doppelte seines ursprünglichen Umfanges angewachsen und damit auch das Ilhistrations- und Kartenmaterial ganz wesentlich vermehrt worden. Das allgemeine Interesse , das dem immer noch in gewaltigen Dimensionen, ,, amerikanisch", aufstreben- den, jetzt so mächtigen Lande entgegengebracht wird und von allen , die über ihren engeren Wohnbezirk hinaussehen, bei den Einwirkungen Nordamerikas auf alle .Staaten der Erde entgegengebracht werden muß, macht das vorliegende schöne Werk für Alle zu einem ausgezeichneten Führer, der hoftentlich in den weitesten Kreisen Eingang findet. i) Prof. Irving Fisher, Kurze Einleitung in die Differential- und Integralrechnung. Übersetzt von N. Pinkus. 72 Seiten mit 11 Fig. Leipzig 1904, B. G. Teubner. — Preis geb. 1,80 Mk. 2) Dr. O. Schlömilch, Übungsbuch zum Stu- dium der höheren Analysis. I. Aufgaben aus der Differentialrechnung. 5. Aufl., bearb. von Prof. Dr. E. Naetsch. 372 Seiten mit 85 Fig. Leipzig 1904, B. G. Teubner. — Preis geb. 8 Mk. i) Das von einem amerikanischen Professor der Nationalökonomie verfaßte Büchlein ist in erster Linie da- zu bestimmt, Studierenden der Nationalökonomie es zu ermöglichen, ihre mathematischen Schulkenntnisse mit geringer Mühe so weit zu ergänzen, daß sie befähigt werden, die Werke von Nationalökonomen der mathe- matischen Schule zu verstehen. Zugleich wird das Büchlein gewiß gute Dienste leisten , wenn im Sinne einer von Tag zu Tage mehr Anhänger gewinnenden Strömung an höheren Lehranstalten bereits der Ver- such einer Einführung in die Infinitesimalrechnung gewagt werden soll. Die Übersetzung ist nach der dritten Auflage des englischen Originals verfaßt, so daß diese ,, populäre" Darstellung der höheren Analysis bereits als in der Praxis bewährt angesehen werden kann. Der Inhalt beschränkt sich nach allgemeinen Auseinandersetzungen und Sätzen über Differentiation auf die Differentiation elementarer Funktionen , die Theorie der Maxima und Minima, den Taylor'schen Satz und die einfachsten Integrationen. Im Anhang werden noch die Funktionen mehrerer Variablen kurz behandelt. 2) Das Schlöniilch'sche Übungsbuch erfreut sich bereits seit 36 Jahren allgemeiner Beliebtheit bei der studierenden Jugend. Es ist daher überflüssig, ein empfehlendes Wort hinzuzufügen, vielmehr genüge die Mitteilung , daß der nach des Verfassers Tode be- rufene Herausgeber trotz 1 7 jähriger Zwischenzeit seit dem Erscheinen der letzten Auflage keinen Anlaß hatte, dem Werke durch wesentlichere Veränderungen seine Eigenart zu nehmen. Bei den vorgenommenen Einschaltungen sind einerseits gewisse allgemeine Prinzipien, auf welche sich ganze Gruppen von Auf- gaben zurückführen lassen , hervorgehoben und als Quellen neuer Beispiele verwertet worden, andererseits wurde durch eine Anzahl neugebildeter Aufgaben auf die darstellende Geometrie Bezug genommen. F. Kbr. Ing. Fr. Dessauer, Röntgenologisches Hilfs- buch. 136 Seiten mit 33 Abb. Würzburg, A. Stuber. 1905. — Preis 3,50 Mk., geb. 4,20 Mk. Nicht sowohl ein systematisches und nach wissenschaft- licher Vollständigkeit strebendes Lehrbuch stellt dieses Werk dar, sondern es besteht \-ielmehr aus einer Samm- lung von Aufsätzen über die Röntgentechnik, aus der Feder eines auf diesem Gebiete verdienten Ingenieurs. Danach kann es nicht aut'fallen , daß z. B. die ioni- sierende Wirkung der Röntgenstrahlen nirgends er- wähnt wird, während wohl ziemlich alles, was für die ärztliche Ausübung von Röntgenuntersuchungen von Wichtigkeit ist, zur Bespre^ hung kommt. Die Röntgen- röhre, die Stromquellen, Induktorien und Unterbrecher, die Drosselröhren und Funkenventile sind eingehend behandelt und mit besonderer Ausführlichkeit wird das vom Verf. in Gemeinschaft mit VViesner ausge- bildete Blendenverfahren zur Unschädlichmachung der sogen. Sekundärstrahlen auseinandergesetzt. Ein An- hang „über Radioaktivität und Naturanschauung" be- lehrt kurz über den neuesten Standpunkt der Gelehrten gegenüber den lange so rätselhaften Becquerelstrahlen. F. Kbr. W. Ostwald, o. Professor der Chemie an der Uni- versität Leipzig , Die Schule der Chemie. Erste Einführung in die Chemie für jedermann. II. Teil : Die Chemie der wichtigsten Ele- mente und Verbindungen. Mit 32 Abbil- dungen, gr. 8. Braunschweig, Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn. — Preis 7,20 Mk. Ostwald's „Schule der Chemie'' wendet sich an die weitesten Kreise und will allen denen behilflich sein, welche sich eine angemessene und der heutigen Wissenschaft entsprechende Vorstellung von der Chemie zu erwerben wünschen. Es sind deshalb die Voraus- setzungen hinsichtlich der Vorbildung tunlichst niedrig gestellt worden. Der Name des Verfassers ist eine Bürgschaft dafür, daß diese allgemeine Zugänglichkeit nicht durch Verzicht auf wissenschaftliche Genauigkeit erkauft ist, daß vielmehr ein Standpunkt festgehalten worden ist, der dem Leser die Grundlagen der Wissen- schaft von heute vermittelt. Schon bei der Anzeige des I. Teiles erwähnten wir, daß der Text nach Frage (des „Schülers") und Antwort (des „Lehrers") disponiert ist, das ist auch in dem vorliegenden Teil der Fall. Um elementar in die Grundlagen der heutigen Chemie eingeführt zu werden, kann man nichts Besseres zur Hand nehmen als O.'s Schule der Chemie. Naturwissenschaftliche Wochenschrifl. N. F. IV. Nr. 5 Literatur. Abraham, Dr. M : Theorie der Elektrizität, i. Bd. Einfüh- rung in die Maxwell'sche Theorie der Elektrizität. Mit e. einleit. .Abschnitte üb. das Rechnen m. Vektorgröfien in der Physik. Von Dr. A. Föppl. 2., vollständig umgearbeitete Aufl., hrsg. V. Dr. M. Abraham. (XVIII, 443 S. m. 1 1 Kig.) gr. 8". Leipzig '04, B. G. Teubner. — Geb. in Leinw. 12 Mk. Bucherer, Priv.-Doz. Dr. A. II.: Mathematische Einführung in die Elektronentheorie. (IV', 148 S. m. 14 Fig.) gr. 8". Leipzig 04, B. G. Teubner. — Geb. in Leinw. 3,20 Mk. Drygalski, Erich v. : Zum Kontinent des eisigen Südens. Deutsche Südpolar-E.xpedition. Fahrten u. Forschgn. des „Gaufi" 1901 — 1903. Mit 400 Abbildgn. im Text u. 21 Taf. u. Karten. (XV, 668 S.) Lex. S". Berlin '04, G. Reimer. — 18 Mk. ; geb. in Leinw. 20 Mk. Engler, Prof. Dir. Dr. Adf. : Syllabus der Pflanzenfamilien. Eine Übersicht üb. das gesamte Pflanzensystem m. Berück- sicht. der Medizinal- u. Nutzpflanzen nebst e. Übersicht üb. die Florenreiche u. Florengebiete der Erde, zum Gebrauch bei Vorlesgn. u. Studien üb. spezielle u medizinisch -phar- mazeut. Botanik. 4., umgearb. .\ufl. (XXIX, 237 S.l gr. S". Berlin '04, Gebr. Borntraeger. — Kart. 4 Mk. Briefkasten. Herrn G. S. in Rostock. — Eine Zusammenstellung der durch Röntgenstrahlen zum Leuchten gebrachten Mineralien nach Keilhack finden Sie im 14. Band dieser Zeitschrift Seite 34 (Nummer vom 22. Januar 1899I. Daselbst ist Willemit nicht aufgeführt und ein von mir kürzlich auf Grund Ihrer Mitteilung beschafftes Stück aus San Jose zeigte keine Spur von Leuchtvermögen. Gleichwohl kann ein von einem anderen Fundort stammendes Stück stark leuchtfähig sein, denn auch Keilhack weist darauf hin , daß Fundort und Farbe starke Dift'crenzen in dem Verhalten gegen Röntgenstrahlen bedingen. Dasselbe konnte ich gleichfalls konstatieren, indem nach Keil- hack Kieselzink von Altenberg eine nur schwache Leucht- fähigkeit zeigen soll, während ich ein zufällig in meinem Be- sitz befindliches Stück, das vermutlich aus Tarnowitz stammt, zu meiner großen Überraschung unter dem Einfluß sowohl der Röntgenstrahlen wie auch der Radiumstrahlen ungefähr ebenso stark leuchtend fand wie Baryumplatincyanür. Koerber. Herrn J. S. in Marienbad. — 1) Mitteiluügen über Kristallnetze zum Selbstanfertigen von Modellen finden Sie in Nr. 42 des XIX. Bandes dieser Zeitschrift. 2) Die im Glimmer häufig beobachteten ,, Zeichnungen" sind keine Dendriten, sondern entstehen durch gesetzmäßig angeordnete Einschlüsse von fremden Kriställchen (meist Eisenglanz oder Magneteisen). — [Über die Natur und Entstehung der Dendriten finden Sie eine ausführliche Arbeit von W. PfalT im XIV. Jahrgange der Geognoslischen Jahreshefte von Bayern.] E. Harbort. Herrn C. B. in Hann. -Münden. — Strasburger etC-, Lehrb. d. Botanik, Hertwig, Lehrb. d. Zoologie (beide bei Gustav Fischer in Jena. Preis von Strasburger 7,50 Mk., geb. 8,50 Mk., Von Hertwig 11,50 Mk. , geb. 13,50 Mk. Neue Auflagen von beiden Werken erscheinen im März dieses Jahres). Ostwald, Schule der Chemie (Fried. Vieweg & Sohn in Braunschweig, s. die nebenstehende Besprechung). Herrn Realschuldirektor G. in Z. — Die übersandten Gebilde sind Brutknöllchen von der Feigwurz (Ranunculus ficaria), die von dieser Pflanze oft in Menge in den Blatt- achseln produziert werden und nach dem Absterben der ober- irdischen Organe auf dem Boden liegend zurückbleiben , wo sie nicht selten durch ihre helle Färbung eine auffällige Er- scheinung sind. Die Pflanze vermehrt sich meist durch die Knöllchen und bildet nur sehr selten Früchte; man kann aber Fruchtbildung veranlassen, wenn man die Brutknöspchen in noch sehr jugendlichem Zustande ausschneidet. (Vgl. Hennings, Über Fruchtbildung bei Ficaria (Verhandl. d. Botan. Ver. der Provinz Brandenburg. 37. Jahrgang. Berlin 1896, p. XXIII— XXV). Herrn G. F. in X. — Für jeden, der Mathematik auf einer Universität oder technischen Hochschule studieren will, ist das Reifezeugnis einer höheren Lehranstalt erforderlich. Studienpläne werden den Studierenden meist eingehändigt oder können nach Rücksprache mit einem Professor auf Grund des Vorlesungsverzeichnisses entworfen werden. Als Lebensstellung kommt für Mathematiker in erster Linie der Oberlehrerberuf in Frage, doch kann man auch Stellungen bei Versicherungs-- gesellschaflen , statistischen .\mtern und einigen anderen Be- hörden erstreben. Für Privatsludium der Mathematik wäre zunächst ein gutes Lehrbuch, z. B. Schlöinilch's Handbuch der Mathematik (Leipzig, J. A. Barth) nötig, doch würde solches Privatstudium nicht zur Erlangung einer Lebensstellung be- fähigen. Herrn F. R. in Breslau. — Die grundlegenden Arbeiten über den Parasitismus nichtchlorophyllgrüner, phanerogamer Pflanzen sind : Graf Solms-Laubach, Über den Bau und die Entwicklung der Ernährungsorgane parasitischer Phanerogamen , in : Jahrb. f. wiss. Bot. VI. Bd. 1868. L. Koch, Die Klee- und hlachsseide, Heidelberg 1880. Ders. , Die Entwicklungsgeschichte der Orobanchcn , Heidel- berg 1887. Heinrich er. Anatomischer Bau und Leistung der Saug- organe der Schuppenwurzarten , in : Cohn, Beiträge zur Biolog. d. Pfl. Bd. VII, 1896. Über die Systematik und auch Biologie der Rafflesiacaeen orientiert man sich am besten in Engler- Prantl , Natürliche Pflanzenfamilien. W. Magnus. Herrn Oberlehrer B. in Cöln. — Ein Buch, nach welchem alle oder die meisten Zierpflanzen bestimmt werden könnten, gibt es nicht; das würde, namentlich wenn man all die vielen fremden Gehölze berücksichtigt, die in unseren Parkanlagen gebaut werden , zu umfangreich werden. Wohl aber sind in Po t onie's Illustr. Flora von Deutschland, Berlin i Julius Springer) und neuerdings inAschcrson u. Graebner, Flora des nord- ostdeutschen Flachlandes, Berlin 1896/99, sowie in dem .Auszuge aus diesem Werk „K.Beyer, Nordostdeutsche Schulflora" die wichtigsten Zierpflanzen, z. B. Petunia, Paulownia etc., auch einige Gehölze enthalten. Am meisten sind aber in W ü n s c h e 's Schulrtora von Deutschland zu finden. Vilmorins Blumen- gärtnerei, herausgegeben von Voß, Verlag von Paul Parey, ist trotz seines hohen Pieises sehr zu empfehlen, auch für Bo- taniker. Es gibt sehr gute Schlüssel zum Bestimmen sämt- licher Blumen im Freien und im Gewächshaus. Für Gehölze empfehle ich Koehne, Deutsche Dendrologie, ein ausgezeich- netes Buch, mit guten Schlüsseln, ferner sind zu nennen: Dippel, Handb. d. Laubholzkunde, das aber 3 Bände um- faßt und für Ihren Zweck wohl zu ausführlich ist. Ganz neu und im Erscheinen begrift'en ist: Camillo Schncider's treffliches Handb. d. Laubholzkunde (Jena 1904 IT.). L. Wittmack. Herrn W. in B. — Ihre Anfrage , betreffend Ta.'vodiuin, wird in einer der nächsten Nummern durch einen Sonder- Artikel des Herrn Prof. Dr. E. Koehne Beantwortung finden. Inhalt: Josef von Plcyel: Die Zoologie der .-Mten. — Kleinere Mitteilungen: Prof. Ehrlich: Ein Serum gegen Er- müdung- — Annie H. l'ritchett: Wirkung von Schutztarben der Insekten auf Eidechsen. — Dr. K. S c h r e b er : Kralt, Gewicht, Masse. — Ilimmelserscheinungen im Februar 1905. — Aus dem wissenschaftlichen Leben: Prof. Ernst Abbe f. — Bücherbesprechungen: Dr. W. Pfeffer: Pflanzenphysiologie. — X. S. Shaler: Elementarbuch der Geologie für Anlanger. — Ur. Emil Deck er t: Nordamerika. — 1) Prof. Irving Fish er: Kurze Einleitung in die Differential- und Integralrechnung. 2) Dr. O. Schlömilch: Übungsbuch zum Studium der höheren .Analysis. — Ing. Fr. Dessauer: Röntgenologisches Hilfsbuch. — W. Ostwald: Die Schule der Chemie. — Literatur: Liste. — Briefkasten. Verautwortlicher Redakt( Prof. Dr. H. Potooie, Grofs I.iclil ■t V? Co. (G. Päti'srhe Buchdr.), Nnui rfclile-Wcst b. Berli. .bürg a. S. Einschliefslich der Zeitschrift „DlC NatUf" (Halle a. S.) seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potoni6 und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Grofs-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neae Folge IV. Band; der ganzen Reihe XX. Band- Sonntag, den 5. Februar 1905. Nr. 6. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Halbjahrspreis ist M. 4. — . Bringegeld hei der l'nst 15 Pfg. extra. Inserate: Die zweigespaltene Petitzeile 50 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Über- einkunft. Inseratenannahme durch Max Gelsdorf, Leipzig- Gohlis, Blumenstraße 46, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Die anorganischen Kolloide. Ein Sammelreferat von Werner Mecklenburg. Bringen wir auf den Boden eines hohen Glas- zylinders eine Lösung des gewöhnhchen Koch- salzes und schichten wir dann vorsichtig, um jede mechanische Mischung zu vermeiden, reines Wasser darüber, so werden wir, nachdem wir einige Tage gewartet haben, finden, daß das Kochsalz aus seiner Lösung in das reine Wasser hineingewandert oder „diffundiert" ist, und zwar geht dieser Vor- gang, die „Diffusion", solange weiter, bis die Kon- zentration des Salzes überall in dem Zylinder die- selbe ist. Wie die Kochsalzlösung zum Wasser, so verhalten sich alle Lösungen zum reinen Lösungs- mittel; stets wandert die gelöste Substanz aus der Lösung in das reine Lösungsmittel oder, noch all- gemeiner, aus den Gebieten stärkerer in diejenigen schwächerer Konzentration, aber die Schnelligkeit, mit der dies geschieht, die „Diffusionsgeschwindig- keit" ist, wie Graham im Jahre 1861 zeigte, bei den verschiedenen Substanzen selir verschieden. Setzt man z. B. die Diffusionsdauer von Salzsäure in reines Wasser gleich i, so ist die- jenige von Chlornatrium gleich 2,33, die von Rohrzucker und schwefelsaurer Magnesia gleich 7, die von Eiweiß gleich 49 und die von Caramel gleich 98. Die langsam diffundierenden Substanzen, also das Eiweiß oder das Caramel, nannte Graham, da der Leim, colla, als ihr Typus erscheint, ,, Kollo- ide", während er die schneller diffundierenden, zu denen besonders die kristallisierenden Körper ge- hören, als „Kristalloide" bezeichnete. Außer durch die Diffusionsgeschwindigkeit unter- scheiden sich Kolloide und Kristalloide auch da- durch, daß ein Kolloid der Diffusion eines anderen Kolloids sehr großen Widerstand entgegensetzt, ein Kristalloid aber ohne weiteres passieren läßt. Bringt man also zwischen einer gleichzeitig Kri- stalloide und Kolloide enthaltenden Lösung und dem reinen Lösungsmittel eine aus fester, kollo- idaler Materie bestehende Scheidewand, eine so- genannte „semipermeable" oder „halbdurchlässige" Membran, so wird das Kristalloid durch die Mem- bran hindurch in das reine Lösungsmittel diffun- dieren, während das Kolloid zurückgehalten wird. Die Wanderung des Kristalloids durch die kollo- idale Scheidewand heißt „Osmose", ,,Diosmose" oder „Dialyse", das von der Membran auf seinem Wege aufgehaltene gelöste Kolloid übt auf diese — das sei im Vorbeigehen kurz bemerkt — einen 8: Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IV. Nr. 6 Drucl<, den „osmotischen Druck" ') aus, und der kleine Apparat, den Graham für seine dialytischen Versuche konstruiert hat, führt den Namen „Dialy- sator". Das Prinzip des Dialysators ist leicht zu verstehen ; Ein kleines Gefäß, dessen Boden aus einer halbdurchlässigen Membran besteht — als solche können tierische und pflanzliche Membranen, Hausenblase, Pergamentpapier usw. dienen -') — , wird in ein größeres Gefäß gesetzt. Wird in das kleine Gefäß die zu dialysierende Lösung, in das große Ge- fäß das reine Lösungsmittel getan, so diffundieren die Kristalloide in das große Gefäß, bis ihre Kon- zentration diesseits und jenseits der Membran die- selbe ist, und erneuert man von Zeit zu Zeit das reine Lösungsmittel, so wird schließlich beinahe die Gesamtmenge des Kristalloids aus der Lösung heraus- gezogen, während das gelöste Kolloid, weil es die Scheidewand nicht zu passieren vermag, in dem inneren Gefäße verbleibt. Man kann also auf diesem Wege eine praktisch vollständige Trennung des gelösten Kristalloids von dem gelösten Kolloid bewirken. Ehe wir nun zu unserem eigentlichen Thema, der Betrachtung der anorganischen Kolloide, über- gehen, wollen wir uns noch die wichtigsten ter- mini technici, die neben den bereits angeführten im folgenden immer wiederkehren werden, an- eignen. Wir unterscheiden die „kolloidalen" von den „echten" oder ,,kristalloidalen" Lösungen. Eine kolloidal gelöste Substanz wird als „Sol" bezeichnet (von solvere ^ lösen), und zwar je nach dem Lösungsmittel als „Hydrosol", wenn das Lösungs- mittel Wasser, als „Alkosol'', wenn es Alkohol, als „Glyzerosol", wenn es Glyzerin, als „Organo- sol", wenn es überhaupt eine organische Flüssig- keit ist, usw. Wenn man ein Kolloid aus seiner Lösung fällt, so geht es je nach den umständen aus dem Zustande des ,, flüssigen Sols" entweder in den des ,, festen Sols" oder in den des ,,Gels" (von gelare = gefrieren) über, es ,, gerinnt". Kann man den Niederschlag, nachdem man ihn abfiltriert hat, durch Behandlung mit dem reinen Lösungs- mittel leicht wieder in Lösung bringen, so hat (las „flüssige Sol" durch die Fällung seine eigen- tümliche I'"ähigkeit, eine kolloidale Lösung zu bilden, oft'enbar nicht verloren, es ist nur aus dem flüssigen in den festen Zustand übergegangen, aus dem „flüssigen Sol" zum ,, festen Sol" geworden. Von einem „Sol" spricht man also nicht nur, wenn das Kolloid bereits eine Lösung bildet, sondern auch, wenn es sich ohne weiteres kollo- idal zu lösen vermag. Kann man jedoch den ge- bildeten Niederschlag durch t^bergießen mit dem reinen Lösungsmittel nicht wieder in Lösung bringen, hat also das Kolloid durch die Fällung seine P'ähig- keit, eine kolloidale Lösung zu bilden verloren, so ') Über den osmotischen Druck und seine Bedeutung lindet man Näheres in unserem Aufsätze über ,,die verdünnten Lösungen", diese Zeitschrift, N. F. vol. II, p. 15 ff. -) Hinsichtlich der Darstellung einer Kerrocyankupfor- membran, vgl. unseren .\ufsatz ,,ül)cr die verdünnten Lösungen", diese Zeitschrift, N. V. vol. 11, p. 158'. ist es aus dem Zustande des „Sols" in den des „Gels" übergegangen. Das Sol existiert also in zwei Formen, in flüssiger und in fester, das Gel nur in einer P"orm, der festen. Da ferner das Gel stets einen Teil des Lösungsmittels durch Adsorptionswirkung festhält, so spricht man je nach dem Lösungsmittel, aus dem es gefällt ist, von „Hydrogel", „Aikogel", Glyzerogel", „Organo- gel" u. s. f. Nach diesen einleitenden Bemerkungen wollen wir zuerst die wichtigsten Darstellungsmethoden und das V^erhalten und daim die Theorie der an- organischen Kolloide an uns vorüberziehen lassen. Eine der bekanntesten Methoden der Darstellung kolloidaler Lösungen dürfte wohl diejenige von Graham selbst sein. Dieser Forscher hat sie auf eine ganze Reihe von Substanzen angewendet; wir wollen sie hier am Beispiele der Kieselsäure kennen lernen. Eine verdünnte Lösung von Wasserglas (Natriumsilikat) wird mit verdünnter Salzsäure be- handelt. Bekanntlich entsteht dann nach der Gleichung? SiO.Na., + 2HCI = 2NaCl + SiO.R, Kieselsäure (SiOaH^), aber diese fallt nicht als unlöslicher Niederschlag aus, sondern bleibt wie das bei dem Vorgange ebenfalls entstandene Chlor- natrium in dem Wasser gelöst, verhält sich also scheinbar wie dieses; aber auch nur scheinbar! Denn wenn wir die Lösung in einen Dialysator bringen, erkennen wir sofort den LInterschied zwischen dem Chlornatrium, welches mit dem Wasser eine echte, und der Kieselsäure, welche mit ihm nur eine kolloidale Lösung bildet: Das Salz wandert als kristalloid durch die Membran hindurch, während die Kieselsäure als Kolloid von ihr zurückgehalten wird. Durch mehrmalige Er- neuerung des reinen Wassers im Dialysator können wir das gesamte Chlornatrium aus der Lösung ent- fernen, so daß wir schließlich eine ziemlich reine kolloidale Lösung von Kieselsäure in Wasser, d. h. ein Kieselsäurehydrosol bekominen. In ähnlicher Weise hat Graham auch viele andere Sols gewonnen: Als er die Lösungen von Eisenhydroxyd in P^rrichlorid, von Aluminium- hydrox)-din Aluminiumchlorid, von Ferrocj'ankupfer in oxalsaureiTi Ammoniak, von Berliner Blau in Oxalsäure oder eine mit Salzsäure versetzte Lösung von Natriumstannat der Dialyse unterwarf blieben in dem inneren Gefäß des Dialj'sators die kollo- idalen Lösungen von Eisen- oder .Muminium- hydrat, von Ferrocj'ankupfer, Berliner Rlau oder Zinnsäure zurück. .Auch in den Händen anderer Forscher hat sich das dialytische Verfahren recht gut bewährt. So stellte Winssinger eine große Anzahl kolloidaler Sulfide, z. B. die des Wolframs, Mangans, Silbers, Goldes, Platins usw. her, indem er sie in sehr verdünnten Lösungen durch che- mische Umsetzungen, etwa durch Zerlegung von Sulfosalzen durch Säuren, erzeugte und die bei dem Vorgange entstandenen Salze durch Dialyse entfernte. Von besonderem Interesse aber ist das N. F. IV. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. dialytische Verfahren durch Graham's Darstellung einiger Organosole geworden. Gießt man nämlich ein von verunreinigenden Salzen bereits befreites Kieselsäurehydrosol in ein von Alkohol umgebenes Dialysatorgefäß, so wandert das Wasser, gerade wie vorhin das Chlornatrium, durch die Membran nach außen und der Alkohol ebenso nach innen, und schließlich verdrängt der Alkohol, nachdem er oft genug erneuert worden ist, das Wasser fast vollständig; es entsteht das Alkosol der Kiesel- säure. Hat man einmal das flüssige Sol eines Kolloids gewonnen, so erhält man das Gel ohne jede Mi^ihe, indem man zu der Lösung Salze, Säuren oder Basen gibt. Es ist nämlich eine Eigentümlichkeit der kolloidalen Lösungen, durch die sie sich scharf von den kristalloidalen Lösungen unterscheiden, daß sich das Kolloid bei Zusatz eines Elektrolyten abscheidet, ein Verhalten, das bei der chemischen Analyse vielfache Anwendung findet. Will man z. B. Aluminium als Hydroxyd oder Kupfer als Sulfid aus seiner Lösung (Quantitativ ausfällen, so muß man, um die Bildung der betreftenden Sole /.u verhindern, für die Anwesenheit geeigneter Ionen erzeugender Salze oder Säuren sorgen. Ionen und flüssige Sole sind unverträglich mitein- ander; die Sole werden durch Ionen in die ent- sprechenden Gele übergeführt. Bei der Überführung in die Gele muß aber, da das feste Sol unbe- ständiger als das Gel ist, nach dem Ostwald'schen Gesetze der Reaktionsstufen '-) das feste Sol stets als Zwischenstufe auftreten : P"lüssiges Sol —■ ^ festes Sol — ^ Gel, es muß also, wenn auch die Umwandlung : festes Sol ■""■^ Gel in den meisten Fällen sehr schnell verläuft, möglich sein, durch richtige Wahl der Bedingungen das feste Sol zu erhalten. Ob es gelingt, hängt einerseits von der Natur der ein- zelnen Kolloide, der Beständigkeit der Sole usw. ab, und andererseits von der VVirksamkeit der an- gewendeten Elektrolyte. Die F"ällungsenergie der verschiedenen Elektro- lyte ist wohl zuerst von Hans Schulze näher studiert worden. Dieser Forscher hatte in neutrale Lösungen von Arsen- oder Antimonoxyd Schwefel- wasserstoff eingeleitet : AsoOa -f- :; H.,S = As.,S., + ^ H.,0 Sb,0, + 3 H.,S =- SblSa -j- 2 H^O und auf diese Weise vollkommen ionenfreie Lö- sungen der beiden Sulfide bekommen. Nun er- mittelte er, wie große Mengen der verschiedenen Elektrolyte notwendig wären, um die Ausflockung des Sols gerade herbeizuführen, und fand, i. daß ') Das Gesetz der"^ Reaktionsstufen besagt, daß „bei allen Vorgängen nicht gleich der beständigste Zustand erreicht wird, sondern der nächst- liegende oder der unter den möglichen Zuständen wenigst beständige. Von diesem aus wurden stufen- weise die beständigeren Zustände erreicht, und die Lhiiwandlung macht erst Halt, wenn schließlich ein Zustand eingetreten ist, der sich nicht weiter umwandeln kann und daher der be- ständigste ist." die starken, d. h. die elektrolytisch stärker dis- soziierten Säuren leichter als die schwächeren, ja manche der verhältnismäßig sehr schwachen or- ganischen Säuren die Koagulation überhaupt nicht bewirken und 2. daß die gelbildende Kraft bei den Salzen proportional der Wertigkeit der in ihnen enthaltenen Base ist. Weiter stellte Grimaux fest, daß die Beständigkeit der Sole mit steigender Temperatur und wachsender Konzentration ab- nimmt. Zu entsprechenden Resultaten wurden, wie die umstehende Tabelle zeigt, auch Lotter- moser und E. von Meyer bei ihren Untersuchungen mit kolloidalem Silber geführt. Indessen sind, das sei hier ausdrücklich be- merkt, die angeführten Gesetzmäßigkeiten nicht ausnahmelos und für alle Sole gültig. Erstens ist schon die Beständigkeit der verschiedenen Sole sehr verschieden. Die einen, z. B. das Quecksilber- oder Zirkonhydroxydhydrosol, sind für sich allein überhaupt nicht existenztähig, andere, wie das Zinnsäurehydrosol, werden von den kleinsten Mengen zugesetzter Elektrolyte sofort gefällt. Kühn konnte das von ihm dargestellte Hydrosol der Kiesel- säure bis zu einem Gehalte von 6 "n, einkochen, und von dem ungemein beständigen Wolfram- säurehydrosol endlich sagt Lottermoser: ,, Dasselbe wird von keinem Salze und keiner Säure in das Hydrosol übergeführt, ja es kann sogar zur Trockene verdampft und auf 200" erhitzt werden, ohne die Fähigkeit, mit Wasser eine Pseudolösung zu bilden, einzubüßen. Erst beim Erhitzen desselben bis zur Rotglut tritt diese Umwandlung ein. Es ist daher auch Graham möglich gewesen, mit dem trockenen Hydrosol flüssige Hydrosole von sehr verschie- denem Gehalte zu gewinnen. So hat er Hydro- sole von 5, 20, 50, 66,5, 79,8% Wolframsäure dargestellt, welche die spezifischen Gewichte (19"): 1,0475, 1,2168, 1,8001 , 2,396 und 3,243 besitzen." An diesem letzten Beispiele sehen wir auch, wie hochprozentige Lösungen unter besonders günstigen Bedingungen erhalten werden können. Gewöhn- lich aber tritt bei den Versuchen, ein Sol zu kon- zentrieren, spontane Gerinnung des Gels ein. Das Hydrosol der Titansäure gerinnt bei einem Gehalte von I %, und Zsigmondi's Goldhydrosol läßt sich nur bis zu einem Gehalte von 0,1 "/„ oder, wenn es vorher durch Dialyse gereinigt ist, bis zu 0,1 2"/,) einkochen; indes setzt die 0,12 prozentige Lösung nach und nach einen Teil ihres Goldes spontan ab. Zweitens ist zu bemerken, daß die Empfind- lichkeit der kolloidalen Lösungen gegen Elektro- lyte unter Umständen auch andere Regeln, als wir sie oben angegeben haben, befolgt. Graham's Kieselsäurehydrat ist z. B. gegen Salze und Säuren, ja sogar gegen Salzsäure ziemlich beständig, ge- rinnt aber sofort bei Anwesenheit der schwachen Kohlensäure oder von Karbonaten. Grimaux' Kieselsäurehydrosol hingegen, erhalten durch V^er- seifung von wenig Kieselsäuremethylester mit viel Wasser und Abdestillieren des gebildeten Methyl- alkohols, welches im übrigen dem Graham'schen 84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. V. IV. Nr. 6 recht ähnhch ist, i.st gegen Kohlensäure sogar in der Hitze vollkommen beständig. Das letzte Bei- spiel zeigt uns auch, daß ein und dasselbe Kolloid, hier die Kieselsäure, mehrere Sole bilden kann, die sich voneinander scharf unterscheiden. S i n d e r und Picton konnten nicht weniger als vier ver- schiedene Sole vom Schwefelarsen darstellen, die weder in ihrem Aussehen, noch in ihrem Ver- halten übereinstimmen. Auf die vier Modifika- tionen des Arsensulfids werden wir später noch genauer zurückkommen, hier sollen sie nur zeigen, daß Ausdrücke wie „Hydrosol des Arsensulfids", nach dem Abfiltrieren mit dem reinen Lösungs- mittel, hier also dem Wasser, wieder das flüssige Sol ergab; hingegen bildeten die Salze der mchr- w^ertigen Schwermetalle sofort das nicht wieder sich lösende Gel. Eine genaue \'orschrift zur Darstellung eines festen Quecksilberhydrosols gibt Lottermoser an: ,,15 g Quecksilberoxydulnitral werden mit wenig Salpetersäure zu 250 ccm ge- löst. P'erner werden 22 g, also mehr als das Doppelte der berechneten Menge, Zinnchlorid in 100 ccm (Wasser) durch Erhitzen mit 15 g in 150 ccm (Wasser) in das Oxydul verwandelt. Hydrosol des Silbers 5 ccm Angewandte Säure : mit 0,025 S -'^gi verdünnt mit : Mengen der zugesetzten Säure : Zeit, nach welcher Um- wandlung eingetreten ist: '/,„ norniiil ScliwcfelsUurc 20 ccm \A' asser 3 ccm 2,8 ccm 2,6 ccm 2,4 ccm 30 Sekunden (45 „ 45 ,. 145 l53 >. 160 (70 \65 '/,o normal Scliwefelsäure 10 ccm Wasser 1,8 ccm 1,7 ccm 1,6 ccm f30 Sekunden \35 /40 „ Us „ /5S \6o '/s normal Schwefelsäure 20 ccm Wasser 1,5 ccm 1,4 ccm 1,3 ccm 1,2 ccm /30 Sekunden \3o /4S „ <4o I40 (50 „ \ss |75 „ \7o '/ü normal Scliwrlclsaurc 10 ccm Wasser 1,0 ccm 0,9 ccm 0,8 ccm (20 Sekunden \20 „ *30 \30 „ 50 ','.. normal Scliwelclsäurc 20 ccm Wasser 0,6 ccm 0,5 ccm /'35 Sekunden \35 |SO -. 55 „ I55 Kicsclsäurehydrosol usw., nicht immer eindeutig sind, sondern, da fast jedes Sol in mehreren For- men bekannt ist, eine nähere Angabe (Entdecker, Darstellungsverfahren u. s. f.) erfordern. Aus dem Vorstehenden ergibt sich nun, daß die Einwirkung auf die flüssigen Sole, obwohl sie meistens gleich bis zur Bildung der Gele führt, doch unter Umständen bei dem gewöhnlich ziem- lich wenig beständigen, festen Sol Halt machen kann. Ließ Carey l.ea auf sein Silberhydrosol Alkali- oder Ammoniumsulfat oder -nitrat einwirken, so schied sich das feste Silberhydrosol ab, welches Dieses wird nach sorgfältigem Auswaschen mit heißem Wasser in verdünnter Salpetersäure und zwar der gerade hinreichenden Menge (17,5 g konzentrierte Säure, verdünnt mit 25 ccm Wasser) gelöst und die Lösung auf 125 ccm gebracht. Dann wird die Quecksilbersalzlösung in die des Zinnoxydulnitrates unter Umrühren eingegossen und die braune Flüssigkeit sofort mit einer Lösung von zitronensaurem Ammon versetzt, welche ge- wonnen ist durch Neutralisation einer Lösung von 173 g Zitronen.säure in demselben Gewicht Wasser mit Ammoniak und Verdünnen der Lösung auf N. F. IV. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 8: 450 ccm. Zur Neutralisation wird eine 10 "„ige Ammoniaklösung angewendet. Nachdem sich der gebildete Niederschlag zu Boden gesetzt hat, was ungefähr ',.1 bis ''4 Stunde in Anspruch nimmt, entfernt man die überstehende Flüssigkeit durch Abhebern und saugt . . . die letzten Reste der Flüssigkeit mit einem porösen Tonfilter ab, worauf das Präparat im Vakuum über Schwefelsäure ge- trocknet wird. Es besteht dann aus grauschwarzen, auf ihrer Oberfläche metallisch bleiartig glänzen- den Stücken, welche mit Wasser ein tiefbraunes flüssiges Hydrosol geben. Dasselbe ist, wie nach seiner Entstehung nicht verwunderlich sein wird, zinnhaltig, wovon man sich beim Behandeln des- selben mit konzentrierter Salpetersäure, leicht über- zeugen kann." Daß die festen Sole ziemlich unbeständig sind und leicht in die Gele übergehen, ist bereits mehr- fach betont worden. Es ist daher von großem Interesse, daß man den Gelbildungsprozeß auch umzukehren, d. h. aus dem Gel das feste und flüssige Sol zu machen vermag. Nach Graham wird dieser Vorgang, der nicht ohne Bedeutung ist, da mehrere Methoden zur Darstellung kollo- idaler Lösungen darauf beruhen, als ,,Peptisierung" bezeichnet. Trost fällte aus einer ammoniakalischen Lösung von Kadmiumsulfat das Sulfid dieses Me- talles, wusch es, schlämmte es in reinem Wasser auf, in dem es sich nicht löste, also als Gel vor- handen war, und leitete dann Schwefelwasserstoff in die Suspension, bis sich das Sulfid löste, also in das Sol überging. Ein anderes Beispiel, welches wir E. A. Schneider verdanken, ist die Peptisierung des Goldes : Behandelt man eine Legierung von Gold, Silber und Zinn mit starker Salpetersäure, so entsteht ein schwarzes Pulver, welches sich nach dem Auswaschen in Ammoniak mit rubin- roter Farbe auflöst. Wie im ersten F"alle der Schwefelwasserstoft', so hat im zweiten das Ammo- niak peptisierend gewirkt. Das letzte Beispiel leitet uns zu der Darstellung der Hydrosole der freien Metalle über. Unter ihnen spielt besonders das Kolloid des Goldes, welches zusammen mit dem der Zinnsäure den schon Jahrhunderte lang bekannten ,,Cassius'schen Goldpurpur" bildet, und das des Silbers, welches zu medizinischen Zwecken praktische Verwendung findet, eine bedeutende Rolle. Die Hydrosole beider Metalle werden im Prinzip nach denselben beiden \^erfahren hergestellt, nämlich i. durch elektrische Zerstäubung der Metallkathoden unter Wasser (Bredig) und 2. durch Reduktion geeigneter Salze durch verschiedene Reduktionsmittel (Fara- day, Zsigmondi, Carey Lea, Lottermoser u. a.). Am interessantesten dürfte wohl das an erster Stelle genannte Verfahren sein. Erzeugt man näm- lich nach Bredig zwischen zwei unter destilliertem Wasser befindlichen Metalldrähten durch einen Strom von etwa 35 Volt und 6 bis 10 Ampere einen Lichtbogen, so wird das Metall der Kathode ähn- lich wie in den Kathodenröhren zerstäubt und bildet dann eine kolloidale Lösung. Das zweite Prinzip, die Reduktion der Metallsalze in ver- dünnten Lösungen läßt natürlich je nach der Wahl des Reduktionsmittels eine große Menge von Varia- tionen zu. So wendete Faraday gelben Phosphor, Zsigmondi Formaldehyd in schwach alkalischer Lösung, Carey Lea Ferronatriumzitrat usw. an. Jedesmal entstehen mehr oder minder beständige Hydrosole der betreffenden Edelmetalle (Gold, Silber, Platin). Zur Gewinnung kolloidalen Goldes gibt Zsigmondi folgende (nach Lottermoser zitierte) Vorschrift an: „25 ccm einer Lösung von 0,6 g Goldchloridwasserstofif im Liter werden mit lOO bis 150 ccm Wasser verdünnt, hierauf mit 2 bis 4 ccm einer 0,2 normalen Lösung von Kalium- karbonat oder Kaliumbikarbonat versetzt und zum Sieden erhitzt. Unmittelbar nach dem Aufkochen entfernt man die Flamme und fügt partieweise, aber ziemlich schnell 4 ccm einer Lösung von I Teil frisch destilliertem Formaldehyd in 100 Teilen Wasser unter lebhaftem Umrühren zu." Mischt man das so dargestellte Goldhydrosol mit Zinnsäurehydrosol, so erhält man das Sol des ,,Cassius'schen Goldpurpurs". Dieser unterscheidet sich von der kolloidalen Lösung des reinen Goldes durch seine größere Beständigkeit. So wird z. B. durch Elektrolyte aus der Lösung des reinen Goldes ein ganz unlösliches Gel, aus der des Goldpurpurs ein leicht durch Ammoniak peptisierbares Gel gefällt. Dies ist eine allgemeine Erscheinung. Häufig sind die Gemische mehrerer Kolloide be- ständiger als die einzelnen Kolloide für sich. So wird das zur intravenösen Injektion benutzte Kollar- gol (kolloidale Silber) mit gewissen sehr beständigen organischen Kolloiden (Eiweiß, Gelatine, Gummi und dgl.) versetzt, um es haltbarer zu machen. Ferner ist die Reindarstellung des Ouecksilber- hydrosols bisher nicht gelungen, indem sich stets, mochte man nun Bredig's oder das Reduktions- verfahren anwenden, das gewöhnliche graue Queck- silber abschied, wohl aber konnte Lottermoser, wie wir sahen, durch Reduktion von Quecksilberoxydul nitrat mit Zinnoxydulnitrat ein Analogon des Gold- purpurs, d. h. ein Gemisch von Zinnsäure- und Queck- silberhydrosol gewinnen. Unter diesen Umständen begreift man, warum sich bei dem Reduktions- verfahren gerade die Zinnoxydulsalze so gut als Reduktionsmittel bewährt haben. Der Grund liegt nur darin, daß die entstandene Zinnsäure mit den Metallhydrosolen Doppelhydrosole bildet, welche sich durch ihre Beständigkeit auszeichnen. Der bereits mehrfach erwähnte Goldpurpur, welcher sich von dem gewöhnlichen Golde che- misch dadurch unterscheidet, daß er mit Queck- silber kein Amalgam bildet, wird bekanntlich als feuerfeste rote F'arbe,') z. B. bei der Glasmalerei, gebraucht. Durch Veränderung der Mengenver- ') Schon vor mehreren Jahren hat Max Müller andere Sorten von Goldpurpur hergestellt. Reduziert man nämlich Goldchlorid in Lösungen, welche feine Niederschläge von Magnesiumchlorid, Baryumsulfat usw. aufgeschlämmt enthielten, so schlug sich das Gel des Goldes auf diesen nieder und färbte sie wundervoll rot. 86 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F.'IV/Nr. 6 hältnisse kann man, wie Zsigmondi zeigte, gold- reichere und goldärmere Verbindungen darstellen, welche sich durch ihre Farbe (dunkelrot bis rosai unterscheiden. Verwendet man an Stelle des roten das unter gewissen Bedingungen, wegen deren wir auf die Originalliteratur verweisen, entstehende blaue Goldhydrosol, so kann man durch Mischung mit Zinnsäurehydrosol auch blauen Goldpurpur gewinnen. Das Gold bildet auch nicht das ein- zige farbige Sol, im Gegenteil, viele andere kollo- idale Lösungen sind ebenfalls durch lebhafte Fär- bung charakterisiert. Wenn man Kupfersulfid aus neutraler Lösung fällt und filtrieren will, so wird es vom Filter nicht zurückgehalten, sondern „läuft durch", und zwar je nach der Konzentration mit brauner bis schwarzer Farbe. Die von Winssinger dargestellten kolloidalen Lösungen von kolloidalem Quecksilber-, Wolfram-, Molybdän-, Platin-, Gold-, Silber-, Thallium-, Blei-, Palladium- und Wismuth- sulfid sind rötlichbraun, die von Kupfer-, Eisen-, Nickel- und Kobaltsulfid grünlichbraun , die des Schwefelindiums gelb, die des Zinksulfids farblos bis orange mit bläulicher Fluoreszenz. Das H)'dro- sol der Kieselsäure ist ebenso wie das der Zinn- säure farblos, das des Eisenhydroxyds tiefbraun, das des Platins und das des Wismuths schwarz- braun, und das des Silber braunrot bis kaffeebraun. Das Alkosol des zuletzt genannten Elementes ist in durchfallendem Lichte tief chlorophyllgrün mit einem Stich ins Blaue, im auffallenden Lichte braunviolett; auch ein weinrotes Organosol des Silbers ist bekannt. Ferner fand Carey Lea, und von Prange wurde diese Beobachtung bestätigt, daß die Farbe des Silberspiegels, den man erhält, wenn man das flüssige Sol auf Glasplatten ein- trocknen läßt, derjenigen des flüssigen Sols kom- plementär ist. War dieses braun, so wurde der Spiegel blauweiß, war es grün, so wurde er gold- gelb. Eine allen Ansprüchen genügende und jede Schwierigkeit behebende Theorie der kolloidalen Vorgänge aufzustellen, ist bisher nicht gelungen, jedoch scheint nach den bisherigen Untersuchungen die Ansicht, daß zwischen den koUodialen Lö- sungen und den Suspensionen kleiner, unlöslicher Partikelchen enge Beziehungen bestehen, der Wahr- heit recht nahe zu kommen. Schon manche Dar- stellungsmethoden, so die von Bredig angewendete elektrische Zerstäubung einer Elektrode unter Was- ser, ein Vorgang, der, wie bereits bemerkt, ein Ana- logen zu der elektrischen Zerstäubung der Kathode in einer Hittorf sehen Röhre darstellt, oder die Ge- winnung der Sole in stark verdünnten Lösungen, welche offenbar gerade durch ihre Verdünnung das Zusammensetzen der eben gebildeten Teilchen verhindern soll, weisen auf diese Anschauung hin. Andererseits kann man auch Suspensionen sehr feiner Teilchen herstellen, deren Verhalten dem der kolloidalen Lösungen vollkommen parallel geht. Ebell hat Ultramarin in so feiner Verteilung in Wasser aufgeschlämmt, daß es sich sogar durch Tonzellen filtrieren ließ, und daß viele fein ver- teilte Niederschläge, z. B. der von kaltgefälltem Baryumsulfat oder der sogenannten Schwefelmilch durch die Filter laufen, ist eine dem analytischen Chemiker wohl bekannte Tatsache. Suspensionen sind als inhomogene Gebilde an- zusehen. Denn wenn man sie auch, falls die j Partikelchen klein genug sind, durch Papier-, ja ■ unter Umständen sogar durch Tonfilter filtrieren 1 kann, und wenn sie auch manchmal keine sicht- bare Trübung erkennen lassen, so zeigt doch das Mikroskop bei hinreichender, z. B. bei Ebell's Ultramarin bei 1 20ofacher Vergrößerung, die ein- zelnen Teilchen. Picton aber konnte schon bei looofacher Vergrößerung die Partikeln der kollo- idalen Quecksilbersulfidlösung deutlich sehen. Bei anderen kolloidalen Lösungen hingegen war aut diese Weise, d. h. durch das gewöhnliche mikro- skopische Verfahren keine Inhomogenität nachzu- weisen. So widerstand Bredig's Goldhydrosol und ebenso Zsigmondi's kolloidale Goldlösung selbst einer 2250 fachen Vergrößerung. Indes gibt es andere Mittel, um auch in solchen F'ällen optische Inhomogenität zu bemerken. Tyndall fand nämlich, daß, wenn man durch eine Lösung, in der feste Teilchen suspensiert sind, einen Lichtkegel sendet, das Licht teilweise polarisiert wird. Enthalten also die kolloidalen Lösungen suspendierte Par- tikeln, sind sie also inhomogen, so muß der Licht- kegel ebenfalls polarisiert werden. Das Experiment entschied zugunsten der Suspensionen, indem z. B. Picton für das Antimontrisulfid, in welchem das Mikroskop distinkte Partikelchen nicht entdeckt hatte, Polarisation nachwies. Jedoch kann, worauf be- sonders Spring die Aufmerksamkeit der Forscher lenkte, das Tyndall'sche Kriterium nicht als un- bedingt zuverlässig angesehen werden, da schon ganz geringe Mengen von Verunreinigungen die op- tische Leere unterbrechen. Darum ist es um so wichtiger, daß Siedentopf und Zsigmondi') im Goldhydrosol und im Goldrubinglas, welches eben- falls eine kolloidale Lösung, sozusagen ein ,,Vitro- sol" (von vitrum = Glas) darstellt und dasselbe Ab- sorptionsspektrum wie das Hj'drosol besitzt, durch ihr ultramikroskopisches Verfahren die kolloidalen Teilchen wahrnehmen konnten: „Die Untersuchung ergab nun, daß fein verteiltes Gold den Rubin- gläsern oder Flüssigkeiten keine bei gewöhnlichem Tageslichte bemerkbare Trübung erteilt , sobald die Goldteilchen kleiner sind als etwa 20,««; daß in Rubingläsern zwar Teilchen von verschiedener Größe vorhanden sind, in einem bestimmten Prä- parate sich aber vorwiegend solche von annähernd gleicher Größe befinden ; ähnliches , wenn auch weniger ausgesprochen, gilt auch von kolloidalen Goldlösungen; die Teilchen in kolloidalen Gold- lösungen weisen — im Gegensatz zu den größeren, suspendierten Goldteilchen — eine lebhafte trans- latorische und oszillatorische Bewegung auf, die im allgemeinen um so lebhafter ist, je kleiner die ') Vgl. hierzu diese Zeitschrift, N. F. vol. II, p. 515. N. F. IV. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 87 Teilchen sind; es existieren kolloidale Goldlösungen und Goldrubingläser, deren Teilchen kleiner sind, als die kleinsten einzeln sichtbar zu machenden Goldteilchen, aber auch diese weisen einen schwachen, polarisierten Lichtkegel auf. . . ." Weitere Analogien zwischen kolloidalen Lö- sungen und Suspensionen sind die Fällung durch Elektrolyte und das Verhalten gegen den elek- trischen Strom. Genau wie wir es bereits von den Solen wissen, setzen sich auch die Suspensionen bei Zugabe von Elektrolyten zusammen. Ebell's bereits mehrfach erwähnte IHtramarinsuspension hielt sich in reinem Wasser monatelang, setzte sich aber bei Beifügung kleiner Salzmengen ziem- lich rasch ab; dasselbe Resultat erhielt Bodlaender mit Aufschlämmungen feiner Kaolinteilchen, und Barus und Schneider konstatierten unter anderem, daß auch bei Suspensionen die Fällungsgeschwindig- keit mit steigender Temperatur und wachsender Konzentration zunimmt. Was die Einwirkung des elektrischen Stromes anbelangt, so verhalten sich sowohl Suspensionen wie Sole ihm gegenüber als Isolatoren ; trotzdem findet eine gewisse Leitung der Elektrizität, die ,,konvektive Leitung", statt, indem sich die suspendierten Teilchen in ihrem Medium bewegen. G. VViedemann und Quincke fanden, daß in Wasser suspendierte Stärke- körner teils mit, teils gegen den Strom wandern. Ähnlich verhalten sich, wie folgende kleine Tabelle zeigt, auch die Sole, indem sich ausscheiden : An der Anode An der Kathode Die Metallhydrosole und deren \'erbindungen z. B. Jodsilber Kieselsäure Zinnsäure Ferrihydroxyd Aluminiumhydroxyd Chromhydroxyd Titansäure Thoriumhydroxyd. Zeigen die kolloidalen Lösungen und die Sus- pensionen auch viele Übereinstimmungen, so sind doch andererseits Tatsachen vorhanden, welche die kolloidalen zu den kristalloidalen Lösungen in Beziehung setzen. Hier ist in erster Linie der osmotische Druck zu nennen. Da die Kolloide wie die Kristalloide diffundieren — wir haben dies ja in der Einleitung gesehen — , so müssen sie auch einen osmotischen Druck ausüben.^) Dieser Druck ist in der Tat konstatiert worden und hat sogar zur Bestimmung des Molekulargewichtes gedient. Für einige anorganische Kolloide haben wir die erhaltenen Zahlen hier zusammeneestellt : Kolloid Wolframsäure Molybdänsäure Eisenoxydhydrat Kieselsäure Molekulargewicht 677—995 620 60CO mindestens 49000 Jedoch sind diese Ergebnisse von vielen For- schern bestritten worden : die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung soll nur für die kristalloidalen Lösungen gelten. Lottermoser z. B. konnte an dem nach Zsigmondi's Vorschrift her- gestellten Zinnsäurehydrosol keine Siedepunkts- erhöhung konstatieren, und Linder und Picton haben die negativen Resultate am Quecksilber- sulfidh_\-drosol bestätigt. In der Tat kann es nicht als ausgeschlossen bezeichnet werden, daß der von anderen Forschern beobachtete osmotische Druck kolloidaler Lösungen nicht auf die Kolloide selbst, sondern auf ihre kristalloidalen Verun- reinigungen, die sich nur sehr schwer vollständig entfernen lassen, zurückzuführen ist. Als wahr- scheinlicher muß es aber doch hingestellt werden, daß bei manchen .Solen die Größe des Moleküls wirklich so groß ist, daß in der Lösung eine merkliche Siedepunkterhöhung nicht mehr hervor- gerufen wird. Bemerkt sei jedenfalls, daß Sabane- jeff auf die Größe des Molekulargewichts eine Einteilung der Kolloide zu gründen versucht hat, indem er die „höheren" oder „typischen" Kolloide mit einem Molekulargewicht von 30000 und mehr (z. B. die Kieselsäure) von den „niederen" Kollo- iden mit kleinerem Molekulargewicht unterschied.^) Ein zweiter, sehr wesentlicher Unterschied zwischen Suspensionen und Lösungen besteht darin, daß die Herstellung dieser mit Energie- änderungen verbunden ist. Sind also die Kolloide wirklich Suspensionen, so darf bei ihrer Bildung Energie weder entwickelt noch absorbiert werden. Darauf bezügliche Untersuchungen sind von Prange am Silberhydrosol angestellt worden, und dieser Forscher stellte fest, daß die Ausfällung des Sols mit Wärmeentwicklung verbunden ist, und ebenso wird beim Übergänge des Gels in das gewöhn- liche Silber Wärme frei. Lassen wir die dargelegten Einzelheiten noch einmal an uns vorüberziehen, so werden wir zu dem Schlüsse kommen, daß die kolloidalen Lö- sungen weder als